Der Graf von Sainte-Hermine
- Автор: Дюма Александр
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet Verlag
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Graf von Sainte-Hermine». Краткое содержание книги:
Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel »Le Chevalier de Sainte-Hermine« bei Éditions Phébus, Paris.
Seine Armee, die nach vier Friedensjahren der Tatenlosigkeit überdrüssig war, die es nach nichts sehnlicher verlangte als nach Gefechten, die zehn Jahre Krieg und drei Jahre Feldlager geformt hatten, war für die anstrengendsten Märsche ebenso bereit wie für die gefahrvollsten Unternehmungen.
Doch diese Armee, die so vortrefflich vorbereitet war, dass man mit Fug und Recht behaupten kann, ihresgleichen habe es zu keiner anderen Zeit in Frankreich gegeben, diese Armee musste in Windeseile zur Mitte des Kontinents gebracht werden.
Das war das Problem.
90
Der Hafen von Cadiz
Am 17. Oktober 1805, als der Kaiser bereits zwei Kanonen und acht Fahnen nach Paris hatte schicken lassen, die bei der Schlacht von Günzburg erobert worden waren, als er München betreten, Ulm belagert und die Schlacht von Elchingen geschlagen hatte, die Marschall Ney seinen Herzogstitel bescheren sollte – am Tag ebendieser Schlacht und am Vortag der Schlacht, nach der er dem Senat vierzig Fahnen schicken sollte, fuhr eine Slup unter amerikanischer Flagge in den Hafen von Cadiz ein, in dem die ganze Flotte Admiral Villeneuves lag.
Sobald sich die Slup im Hafen befand, erkundigte man sich danach, wo die Redoutable ankerte, und als man erfuhr, dass diese unterhalb der Festung vor Anker lag, wohin die Slup nicht gelangen konnte, ließ man ihre beste Jolle zu Wasser und setzte ihren Kapitän in die Jolle, der sich zur Redoutable rudern ließ.
Als er sich dem Kriegsschiff näherte, forderte der wachhabende Offizier ihn auf, sich zu erkennen zu geben. Er erwiderte, sein Schiff sei die Runner of New York und der Kapitän überbringe Kapitän Lucas Neuigkeiten aus Indien und Briefe des Gouverneurs der Île de France.
Sogleich wurde Kapitän Lucas benachrichtigt, trat an Deck und bedeutete dem Offizier in der Jolle, er möge an Bord kommen.
Dieser Offizier war niemand anders als René.
Unverzüglich kletterte er die Leiter hinauf und war an Deck.
Kapitän Lucas empfing ihn höflich, doch mit jener überlegenen Autorität, die insbesondere in der Marine Grundbestandteil der Etikette ist. Er fragte den Besucher, ob dieser unter vier Augen mit ihm zu sprechen wünsche, und als René bejahte, forderte er ihn auf, ihn in seinen Salon zu begleiten.
Kaum hatten die zwei Männer den Raum betreten und die Tür geschlossen, reichte René dem Kapitän das Schreiben des Gouverneurs.
Lucas überflog das Schreiben nur kurz.
»Mein Freund General Decaen«, sagte er zu René, »empfiehlt Sie mir in so warmen Worten, dass mir nichts anderes zu tun bleibt, als Sie zu fragen, welchen Gefallen ich Ihnen erweisen kann.«
»Kommandant, Sie werden in wenigen Tagen an einem großen Seegefecht teilnehmen; ich habe bisher nur kleine Gefechte miterlebt, und ich muss gestehen, dass ich nur zu gerne in einer großen europäischen Auseinandersetzung mitkämpfen würde, in der ich mir ein wenig Ruhm erwerben könnte, denn mein Name ist nur im Indischen Ozean bekannt.«
»Ja«, sagte Lucas, »das ist wahr, wir werden eine große Schlacht schlagen, und jeder Teilnehmer kann darauf vertrauen, sich dabei auszuzeichnen, ob er in ihr umkommt oder sie überlebt. Darf ich – nicht in offizieller Funktion, sondern im Rahmen einer freundschaftlichen Plauderei – einige Einzelheiten aus Ihrer Vergangenheit auf See erfahren?«
»Wie Sie sehen, Kommandant, ist meine Vergangenheit auf See keine zwei Jahre alt. Ich habe bei Surcouf gedient. Ich habe an dem berühmten Kampf teilgenommen, in dem er mit hundert Mann Besatzung und sechzehn Kanonen die Standard gekapert hat, die achtundvierzig Kanonen und vierhundertfünfzig Mann an Bord hatte; danach war ich Kapitän dieser kleinen Slup und habe eine Fahrt nach Birma unternommen; als ich zur Île de France zurückkam, hatte ich das Glück, Surcouf gegen zwei englische Schiffe zu Hilfe zu kommen und eines dieser beiden Schiffe einzunehmen, das mit sechzehn Kanonen und sechzig Mann Besatzung ausgestattet war, obwohl ich nur über achtzehn Leute verfügte.«
»Surcouf kenne ich gut«, sagte Lucas, »er ist einer unserer kühnsten Korsaren.«
»Hier habe ich ein Schreiben von ihm für den Fall, Ihnen zu begegnen.«
Und René reichte dem Kapitän der Redoutable den Brief, den Surcouf ihm mitgegeben hatte.
Lucas las jede Zeile mit größter Aufmerksamkeit.
»Monsieur«, sagte er zu René, »Sie müssen ein außergewöhnlicher Mensch sein, denn sonst würde Surcouf Sie nicht in den höchsten Tönen loben; er schreibt mir, Sie hätten von ihrem Prisenanteil von fünfhunderttausend Francs vierhunderttausend Francs Ihren Matrosen überlassen und hunderttausend den Armen der Île de France, was bedeutet, dass Sie von Haus aus sehr wohlhabend und für die Marine geboren sein müssen, da Sie, wie man mir mitteilt, Ihre Laufbahn als einfacher Korsar begonnen haben, um sich schneller hochzudienen als in der kaiserlichen Marine. Leider kann ich Ihnen an Bord der Redoutable nur die Stelle eines dritten Leutnants anbieten.«
»Das ist weit mehr, als ich zu hoffen gewagt hätte, Kommandant, und ich nehme dankbar an. Wann kann ich meinen Dienst antreten?«
»Sobald Sie wollen!«
»Sobald wie möglich, Kommandant: Es riecht verteufelt nach Pulver, und ich bin mir sicher, dass ich in spätestens drei bis vier Tagen die große Schlacht erleben werde, derentwegen ich aus der anderen Hemisphäre hergekommen bin. Mein Schiff ist zu klein, um Ihnen von Nutzen zu sein; ich kehre an Bord zurück, schicke das Schiff nach Frankreich und komme wieder.«
Lucas erhob sich und sagte mit einem wohlwollenden Lächeln: »Ich erwarte Sie, Leutnant.«
René schüttelte ihm voller Wärme beide Hände, sprang die Leiter hinunter und kehrte an Bord seiner Slup zurück.
Dort rief er François in seine Kajüte.
»François«, sagte er zu ihm, »ich bleibe hier; ich vertraue dir meine Slup an, die du nach Saint-Malo zurückbringen sollst. Ich gebe dir ein Portefeuille mit, das mein Testament enthält; wenn ich falle, wirst du in diesem Testament bedacht sein. Außerdem nimm diesen Beutel mit Edelsteinen mit; wenn ich falle, wirst du diesen Beutel Mademoiselle Claire de Sourdis überbringen; sie wohnt bei ihrer Mutter, der Gräfin von Sourdis, im Hôtel de Sourdis, das an den Quai und an die Rue de Beaune angrenzt.
In dem Beutel ist ein Brief, der die Herkunft der Edelsteine erklärt; aber öffne das Testament und überbringe den Beutel nur, wenn mein Tod dir stichhaltig bewiesen werden kann. In den Schiffspapieren habe ich deinen Namen als den des gegenwärtigen Besitzers eintragen lassen. Wache ein Jahr lang über das Schiff; in der Schublade meines Sekretärs wirst du zwölf Rollen Goldstücke zu jeweils tausend Francs finden, und drei davon sollen dir helfen, dieses Jahr zu überstehen. Falls die Engländer dich festhalten sollten, wirst du die amerikanische Nationalität deines Schiffs ins Feld führen, und wenn man dich fragen sollte, was aus mir geworden ist, wirst du antworten, ich sei unterwegs auf Nelsons Flotte gestoßen und auf einem seiner Schiffe an Bord gegangen. Adieu, mein lieber François, lass dich umarmen, lass mir meine Waffen holen und versuche, ohne Schiffbruch nach Saint-Malo zu gelangen. Sobald du dort ankommst, wirst du Madame Surcouf und der Familie Nachricht von Robert geben.«
»Das heißt«, sagte François, der sich mit seiner Pratze von Hand und mit dem Jackenzipfel die Augen wischte, »das heißt, dass Sie mich nicht gern genug haben, um mich mitzunehmen, obwohl ich Ihnen bis an das Ende der Welt und noch weiter gefolgt wäre. Oh, Himmelsapperlott! Es bricht mir das Herz, Sie zu verlassen!«
Und der Wackere begann zu schluchzen.
»Ich verlasse dich«, fuhr René unbeirrt fort, »weil ich dich für meinen einzigen Freund halte, weil du der einzige Mensch bist, auf den ich mich verlassen kann, weil dieses Portefeuille eine halbe Million enthält und der Beutel Edelsteine im Wert von mehr als dreihunderttausend Francs und weil ich in dem Wissen, dass diese Gegenstände dir anvertraut sind, so unbesorgt sein kann, als wären sie in meinen Händen. Lass uns einander die Hand drücken, wie es wackeren Leuten geziemt. Lass uns einander lieben, wie es wackeren Herzen geziemt. Laß uns einander umarmen als gute Freunde!... Du wirst mich an Bord der Redoutable bringen, und du wirst der Letzte sein, von dem ich Abschied nehme.«