Die Dämonen
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Die Dämonen». Краткое содержание книги:
»Hier ist (werde nicht böse, Marja; ich bitte dich!), hier ist Kalbfleisch; auch Tee kann ich hier ganz in der Nähe bekommen ... Du hast vorhin so wenig genossen ...«
Sie winkte ihm mißmutig und ärgerlich ab. Schatow biß sich in seiner Verzweiflung auf die Zunge.
»Hören Sie, ich beabsichtige, hier eine Buchbinderei zu eröffnen, nach vernünftigen genossenschaftlichen Prinzipien. Da Sie hier wohnen, wie denken Sie darüber? Wird es gelingen oder nicht?«
»Ach, Marja, bei uns liest man keine Bücher, und es gibt hier auch gar keine. Wie wird er denn da Bücher binden lassen?«
»Wer ist der Er?«
»Der hiesige Leser und überhaupt der hiesige Einwohner, Marja.«
»Na, dann reden Sie doch deutlicher; aber ›er‹ sagen Sie, und wer ›er‹ ist, das weiß man nicht. Sie können keine Grammatik.«
»Aber man redet doch so, Marja; das liegt im Geiste der Sprache,« murmelte Schatow.
»Ach, gehen Sie mir mit Ihrem Geiste; das ist mir langweilig. Warum wird der hiesige Einwohner oder Leser nicht binden lassen?«
»Weil ein Buch lesen und ein Buch binden lassen zwei verschiedene, langdauernde Entwicklungsperioden sind. Zuerst lernt der Mensch allmählich ein Buch lesen, natürlich im Laufe von Jahrhunderten; aber er behandelt das Buch schlecht und läßt es umherliegen, weil er es nicht für einen ernst zu nehmenden Besitzgegenstand ansieht. Ein Buch binden zu lassen, das bedeutet schon einen gewissen Respekt vor dem Buche; es bedeutet, daß man Bücher nicht nur gern liest, sondern sie auch als etwas Ernstes, Wichtiges ansieht. Bis zu dieser Periode ist ganz Rußland noch nicht gelangt. In Westeuropa läßt man schon lange binden.«
»Das ist zwar pedantisch, aber wenigstens nicht dumm gesagt und erinnert mich an die Zeit vor drei Jahren; Sie waren vor drei Jahren manchmal ganz geistreich.«
»Marja, Marja,« wandte sich Schatow gerührt zu ihr, »o Marja! Wenn du wüßtest, was alles in diesen drei Jahren geschehen und vergangen ist! Ich habe nachher gehört, daß du mich wegen des Wechsels meiner Anschauungen verachtetest. Aber was sind denn das für Menschen, von denen ich mich abgewandt habe? Feinde des lebendigen Lebens, abgelebte Liberale, die vor ihrer eigenen Unabhängigkeit einen Schreck bekommen haben, Lakaien des Gedankens, Feinde der Persönlichkeit und der Freiheit, altersschwache Prediger der Fäulnis und Verwesung! Was ist denn auf ihrer Seite zu finden: Greisenhaftigkeit, goldene Mittelstraße, die spießbürgerlichste, gemeinste Talentlosigkeit, eine neidische Gleichheit, eine Gleichheit ohne eigenes Verdienst, eine Gleichheit, wie ein Lakai sie billigt, oder wie sie die Franzosen von 1793 billigten ... Und, was die Hauptsache ist: überall Schurken, Schurken und Schurken!«
»Ja, Schurken gibt es viele,« sagte sie kurz; ihrem Tone war anzuhören, daß sie Schmerzen hatte.
Sie lag ausgestreckt da, regungslos, und als fürchte sie sich vor jeder Bewegung; den Kopf hatte sie auf das Kissen zurücksinken lassen, ein wenig seitwärts; sie blickte mit einem müden, aber heißen Blicke zur Decke hinauf. Ihr Gesicht war blaß, die Lippen waren vertrocknet und brannten.
»Du stimmst mir bei, Marja, du stimmst mir bei!« rief Schatow.
Sie wollte eine verneinende Kopfbewegung machen; aber plötzlich wiederholte sich bei ihr der frühere Krampf. Wieder verbarg sie den Kopf in das Kissen, und wieder drückte sie aus aller Kraft eine ganze Minute lang dem herbeilaufenden und vor Schreck sinnlosen Schatow die Hand so stark, daß es diesen schmerzte.
»Marja, Marja! Aber das ist vielleicht etwas sehr Ernstes, Marja!«
»Schweigen Sie! ... Ich will nicht, ich will nicht, ich will nicht,« rief sie beinah wütend und drehte sich wieder mit dem Gesichte nach oben. »Sehen Sie mich nicht mit Ihrem mitleidigen Blicke an! Gehen Sie im Zimmer umher, reden Sie etwas, reden Sie ...«
Ganz fassungslos begann Schatow von neuem etwas zu murmeln.
»Womit beschäftigen Sie sich hier?« fragte sie, ihn mit mißmutiger Ungeduld unterbrechend.
»Ich gehe zu einem Kaufmann ins Kontor. Wenn ich es besonders darauf anlegte, könnte ich hier ein gutes Stück Geld verdienen, Marja.«
»Um so besser für Sie ...«
»Ach, denke nur nicht etwas dabei, Marja! Ich habe es ohne Absicht gesagt ...«
»Und was tun Sie sonst noch? Was predigen Sie? Denn ohne zu predigen können Sie ja nicht leben; das liegt nun einmal in Ihrem Charakter!«
»Ich predige Gott, Marja.«
»An den Sie selbst nicht glauben. Diese Idee habe ich nie begreifen können.«
»Lassen wir das jetzt, Marja. Wir können ein andermal darüber reden.«
»Was war denn diese Marja Timofejewna hier für eine?«
»Auch das wollen wir für später lassen, Marja.«
»Solche Bemerkungen verbitte ich mir! Ist es wahr, daß ihr Tod auf ein Verbrechen ... dieser Leute zurückzuführen ist?«
»Ja, es ist zweifellos so,« erwiderte Schatow zähneknirschend.
Marja hob plötzlich den Kopf in die Höhe und rief aufgeregt:
»Erlauben Sie sich nie wieder, zu mir davon zu sprechen, niemals, niemals!«
Sie sank in einem Anfalle desselben krampfhaften Schmerzes auf das Bett zurück; das war schon zum dritten Male; aber diesmal wurde das Stöhnen lauter und verwandelte sich in ein Schreien.
»Oh, Sie unerträglicher Mensch! Oh, Sie unausstehlicher Mensch!« rief sie, sich jetzt wild umherwerfend, und stieß den sich über sie beugenden Schatow zurück.
»Marja, ist will tun, was du willst ... ich will umhergehen ... ich will etwas reden ...«
»Sehen Sie denn wirklich nicht, daß es angefangen hat?«
»Was hat angefangen, Marja?«
»Wie soll ich das wissen! Als ob ich etwas davon verstände ... O ich Verfluchte! Oh, möge alles im voraus verflucht sein!«
»Marja, willst du nicht sagen, was anfängt? ... Sonst kann ich ja ... Wie soll ich es denn verstehen, wenn du so sprichst?«
»Sie abstrakter, unnützer Schwätzer! Oh, möge alles in der Welt verflucht sein!«
»Marja, Marja!«
Er fürchtete in allem Ernste, daß sie anfinge, irrsinnig zu werden.
»Aber sehen Sie denn noch immer nicht, daß ich von Geburtswehen befallen bin?« rief sie, indem sie sich aufrichtete und ihn mit einer furchtbaren, krankhaften Wut anblickte, bei der sich ihr ganzes Gesicht verzerrte. »Möge es im voraus verflucht sein, dieses Kind!«
»Marja,« rief Schatow, nachdem er nun endlich begriffen hatte, um was es sich handelte. »Marja ... Aber warum hast du das nicht früher gesagt?« Er sammelte schnell seine Gedanken und griff mit energischer Entschlossenheit nach seiner Mütze.
»Aber woher sollte ich es denn wissen, als ich herkam? Wäre ich dann etwa zu Ihnen gekommen? Es war mir gesagt worden: erst in zehn Tagen! Wo wollen Sie denn hin? Wo wollen Sie denn hin?«
»Ich will eine Hebamme holen! Ich will den Revolver verkaufen: vor allen Dingen brauchen wir jetzt Geld!«
»Unterstehen Sie sich nicht, eine Hebamme zu rufen! Nur eine einfache Frau, eine alte Frau will ich haben; in meinem Portemonnaie sind noch achtzig Kopeken ... Die Bauerfrauen gebären ja auch ohne Hebammen ... Und wenn ich krepiere, um so besser ...«
»Auch eine alte Frau wird zu haben sein. Aber wie kann ich dich allein lassen, Marja?«
Er überlegte jedoch, daß es besser sei, sie jetzt allein zu lassen, trotz all ihrer Raserei, als sie nachher ohne Hilfe zu lassen; und so lief er denn, ohne auf ihr Stöhnen und auf ihre zornigen Ausrufe zu hören, so schnell er nur konnte, die Treppe hinab.
III.
Vor allen Dingen mußte er zu Kirillow. Es war schon gegen ein Uhr nachts. Kirillow stand mitten im Zimmer.
»Kirillow, meine Frau kommt nieder!«
»Was meinen Sie damit?«
»Sie kommt nieder, sie gebiert ein Kind!«
»Hören Sie ... irren Sie sich auch nicht?«
»Nein, nein, sie hat Wehen! ... Ich brauche eine Frau, eine alte Frau, unbedingt sofort ... Läßt sich jetzt eine beschaffen? Sie hatten ja doch viele alte Frauen hier ...«