Die Dämonen
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Die Dämonen». Краткое содержание книги:
»Ja, Marja, ja, und vielleicht begehe ich in diesem Augenblicke eine schreckliche Gemeinheit, wenn ich die Schufte nicht zur Bestrafung bringe ...« erwiderte er, stand plötzlich auf und ging im Zimmer auf und ab, wobei er wie außer sich die Arme in die Höhe hob.
Aber Marja verstand ihn nicht ganz. Sie hörte die Antworten nur zerstreut an; sie fragte, hörte aber nicht, was der andere erwiderte.
»Schöne Dinge passieren hier bei euch! Oh, wie gemein! Was für Schufte sind alle Menschen! So setzen Sie sich doch endlich hin, ich bitte Sie; Sie machen mich ja ganz nervös!«
Kraftlos ließ sie den Kopf auf das Kopfkissen sinken.
»Verzeih mir, Marja ... Wäre es nicht vielleicht gut, wenn du dich hinlegtest, Marja?«
Sie antwortete nicht und schloß ermattet die Augen. Ihr blasses Gesicht bekam die größte Ähnlichkeit mit dem einer Toten. Sie schlief fast augenblicklich ein. Schatow blickte sich rings um, brachte die Kerze in Ordnung, schaute noch einmal unruhig nach dem Gesichte der Schlafenden, preßte die Hände fest vor seiner Brust zusammen und ging auf den Zehen aus dem Zimmer auf den Flur. Oben an der Treppe drückte er sich mit dem Gesichte in eine Ecke und stand so wohl zehn Minuten stumm und regungslos. Er hätte noch länger so dagestanden; aber auf einmal ließen sich unten leise, vorsichtige Schritte hören. Es stieg jemand die Treppe hinauf. Schatow erinnerte sich, daß er vergessen hatte, das Pförtchen zuzuschließen.
»Wer ist da?« fragte er flüsternd.
Der unbekannte Besucher stieg, ohne sich zu beeilen und ohne zu antworten, weiter hinauf. Als er oben angelangt war, blieb er stehen; ihn zu erkennen war in der Dunkelheit unmöglich; auf einmal wurde von ihm die vorsichtige Frage vernehmbar:
»Iwan Schatow?«
Schatow gab sich zu erkennen, streckte aber sofort den Arm aus, um den Ankömmling zurückzuhalten; dieser jedoch griff selbst nach seinen Händen, – und Schatow zuckte zusammen, wie wenn er ein schreckliches Reptil berührt hätte.
»Bleiben Sie hier stehen!« flüsterte er schnell. »Gehen Sie nicht hinein; ich kann Sie jetzt nicht empfangen. Meine Frau ist zu mir zurückgekehrt. Ich werde die Kerze herausholen.«
Als er mit der Kerze zurückkehrte, stand ein junger Offizier da; den Namen desselben kannte er nicht; aber er hatte ihn schon irgendwo gesehen.
»Erkel,« stellte dieser sich vor. »Sie haben mich bei Wirginski gesehen.«
»Ich erinnere mich. Sie saßen da und schrieben. Hören Sie,« brauste Schatow auf einmal auf, indem er wütend auf ihn zutrat, aber wie vorher im Flüsterton sprach; »Sie haben mir soeben ein Zeichen mit der Hand gemacht, als Sie meine Hand ergriffen. Wissen Sie aber, ich schere mich den Teufel um all diese Zeichen! Ich erkenne keine Verpflichtungen an ... ich will nicht ... Ich kann Sie sofort die Treppe hinunterwerfen; wissen Sie das wohl? ...«
»Nein, das weiß ich nicht, und ich weiß überhaupt nicht, warum Sie so aufgebracht sind,« antwortete der Besucher sanft und beinah gutmütig. »Ich habe nur eine Bestellung an Sie auszurichten und bin noch so spät hergekommen, weil ich keine Zeit zu verlieren wünschte. Sie haben eine Druckerpresse in Händen, die Ihnen nicht gehört, und über die Sie Rechenschaft zu geben verpflichtet sind, wie Sie selbst wissen. Es ist mir befohlen, von Ihnen zu verlangen, daß Sie sie gleich morgen, pünktlich um sieben Uhr abends, an Liputin übergeben. Außerdem ist mir befohlen, Ihnen mitzuteilen, daß weitere Anforderungen niemals an Sie werden gestellt werden.«
»Gar keine?«
»Absolut keine. Man wird Ihre Bitte erfüllen und Sie für immer ausscheiden lassen. Es ist mir ausdrücklich befohlen worden, Ihnen dies mitzuteilen.«
»Wer hat das befohlen?«
»Diejenigen, die mir das Zeichen mitgeteilt haben.«
»Sie kommen vom Auslande?«
»Das ... das, glaube ich, ist für Sie unerheblich.«
»Zum Teufel! Aber warum sind Sie nicht früher gekommen, wenn Sie einen solchen Befehl hatten?«
»Ich befolgte gewisse Instruktionen und war nicht allein.«
»Ich verstehe, ich verstehe, daß Sie nicht allein waren. Hol's der Teufel! Aber warum ist Liputin nicht selbst gekommen?«
»Ich werde Sie also morgen pünktlich um sechs Uhr abends abholen, und wir werden dann zusammen zu Fuß dorthin gehen. Außer uns dreien wird niemand zugegen sein.«
»Wird Werchowenski dabei sein?«
»Nein, er wird nicht dabei sein. Werchowenski reist morgen vormittag um elf Uhr von hier weg.«
»Hab ich es mir doch gedacht!« flüsterte Schatow wütend und schlug sich mit der Faust auf den Schenkel. »Er hat sich aus dem Staube gemacht, die Kanaille!«
Er überlegte etwas in starker Aufregung. Erkel sah ihn aufmerksam an, schwieg und wartete.
»Wie werden Sie sie denn fortschaffen? Die kann man ja nicht so ohne weiteres in die Hände nehmen und wegtragen.«
»Das wird auch nicht nötig sein. Sie sollen uns nur den Ort zeigen, und wir wollen uns nur vergewissern, daß sie wirklich da vergraben ist. Wir wissen ja nur, wo die Gegend ist; den Ort selbst kennen wir nicht. Haben Sie sonst schon jemandem die Stelle gezeigt?«
Schatow sah ihn musternd an.
»Auch Sie, auch Sie, ein solches Bürschchen, – ein so törichtes Bürschchen, – auch Sie haben Ihren Kopf wie ein Hammel da hineingesteckt? Ja, ja solche frischen jungen Menschen brauchen sie gerade! Na, dann gehen Sie! Ja, ja, dieser Schuft hat Sie alle hinters Licht geführt und sich nun aus dem Staube gemacht.«
Erkel sah ihn mit hellem, ruhigem Blicke, aber anscheinend verständnislos an.
»Werchowenski hat sich aus dem Staube gemacht, Werchowenski!« knirschte Schatow wütend mit den Zähnen.
»Aber er ist ja noch hier; er ist ja noch gar nicht abgereist. Er wird erst morgen abreisen,« bemerkte Erkel in sanftem, beschwichtigendem Tone. »Ich habe ihn besonders eingeladen, als Zeuge mit zugegen zu sein; an ihn wies mich meine ganze Instruktion« (er wurde als junger, unerfahrener Mensch offenherzig). »Aber er ging zu meinem Bedauern nicht darauf ein und führte seine Abreise als Grund an; und er scheint es auch wirklich eilig zu haben.«
Schatow ließ seine Augen noch einmal bedauernd über den naiven jungen Menschen hingleiten, machte aber plötzlich eine wegwerfende Handbewegung, wie wenn er dächte: »Er verdient kein Mitleid.«
»Gut, ich werde kommen,« brach er plötzlich ab. »Jetzt aber scheren Sie sich weg; marsch!«
»Ich werde mich also pünktlich um sechs Uhr einstellen,« sagte Erkel, empfahl sich mit einer höflichen Verbeugung und stieg ohne Eile die Treppe hinab.
»Dummkopf!« konnte sich Schatow nicht enthalten ihm vom oberen Ende der Treppe nachzurufen.
»Wie beliebt?« fragte der von unten.
»Nichts. Gehen Sie nur!«
»Ich glaubte, Sie sagten etwas.«
II.
Erkel war ein Dummkopf von einer bestimmten Sorte: es mangelte ihm nur der eigentliche Hauptverstand, der im Kopfe seinen Herrschersitz hat; aber die geringeren, untergeordneten Verstandeskräfte waren bei ihm in hinreichendem Maße vorhanden; selbst an Schlauheit fehlte es ihm nicht. Fanatisch und mit jugendlichem Eifer der gemeinsamen Sache und hauptsächlich der Person Peter Werchowenskis ergeben, handelte er nach der Instruktion, die dieser ihm erteilt hatte, als bei der Sitzung der »Unsrigen« die Rollen für den folgenden Tag festgesetzt und verteilt wurden. Peter Stepanowitsch wies ihm die Rolle des Abgesandten zu und fand Zeit, mit ihm etwa zehn Minuten lang abseits zu sprechen. Die Ausübung einer ausführenden Tätigkeit, das war ein Bedürfnis dieser klein angelegten, wenig überlegenden Natur, die immer nur danach verlangte, sich einem fremden Willen unterzuordnen, – oh, natürlich nur um der »gemeinsamen Sache«, der »großen Sache« willen. Aber auch diese Klausel war ganz bedeutungslos, da geistig beschränkte Fanatiker wie Erkel das »einer Idee Dienen« nicht anders begreifen können, als indem sie diese Idee mit der Person selbst vermischen, in der nach ihrer Vorstellung die Idee zum Ausdruck kommt. Der gefühlvolle, freundliche, gutherzige Erkel war vielleicht der gefühlloseste der Mörder, die über Schatow herfallen wollten, und war imstande, ohne allen persönlichen Haß, ohne mit den Wimpern zu zucken, an dessen Ermordung teilzunehmen. Es war ihm zum Beispiel befohlen worden, bei Ausführung seines Auftrages unter anderm Schatows gesamte Verhältnisse genau ins Auge zu fassen, und als Schatow ihn oben an der Treppe empfing und in der Erregung, wahrscheinlich ohne es zu bemerken, sich die Mitteilung entschlüpfen ließ, daß seine Frau zu ihm zurückgekehrt sei, da wurde Erkel durch seine instinktive Schlauheit sofort davon zurückgehalten, auch nur die geringste weitere Neugier zu bekunden, obwohl in seinem Kopfe der Gedanke aufblitzte, daß diese Tatsache, die Rückkehr von Schatows Frau, für das Gelingen ihres Unternehmens die größte Bedeutung habe ...