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Der Medicus von Saragossa

Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:

Titel der Originalausgabe: The Last Jew
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
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Die Burg, die nun vor ihnen auftauchte, war groß und abweisend. Das Gatter des großen Tors zum Bergfried war heruntergelassen. Helkias und Jona sahen hoch zum Wachhäuschen oben auf der hohen Mauer.

»He da, Wache!« rief Helkias, und sofort erschien ein behelmter Kopf.

»Ich bin Helkias Toledano, der Silberschmied. Ich möchte mit Seiner Exzellenz dem Grafen Vasca sprechen.«

Der Kopf verschwand und erschien kurz darauf wieder.

»Seine Exzellenz der Graf ist nicht hier. Ihr müßt wieder gehen.«

Jona unterdrückte ein Stöhnen, aber sein Vater blieb hartnäckig. »Ich komme in einer wichtigen geschäftlichen Angelegenheit. Wenn der Graf nicht hier ist, muß ich mit seinem Verwalter sprechen.«

Wieder verschwand der Wachposten. Jona und sein Vater saßen auf ihren Pferden und warteten.

Schließlich wurde, mit einem Quietschen und dann einem Knarren, das Gatter hochgezogen, und sie ritten in den Burghof.

Der Verwalter war ein schlanker Mann, der einen Falken in einem Käfig mit Fleischstreifen fütterte. Katzenfleisch. Jona sah den Schwanz, der noch ganz war.

Der Mann würdigte ihn kaum eines Blickes. »Er ist im Norden auf der Jagd«, sagte er ungehalten.

»Ich bitte um die Bezahlung von Stücken, die ich auf seine Bestellung hin angefertigt und ihm geliefert habe«, sagte Helkias, und nun sah der Verwalter ihn an.

»Ich bezahle nur, wenn er es befiehlt.«

»Wann kommt er zurück?«

»Wann es ihm beliebt.« Der Mann wurde etwas zugänglicher, vielleicht um sie loszuwerden. »An Eurer Stelle würde ich in sechs Tagen wiederkommen.«

Auf dem Rückweg nach Toledo blieb Helkias stumm und hing seinen sorgenschweren Gedanken nach. Jona versuchte, ein wenig von der Hochstimmung des Hinritts zu retten.

»Oh, der Wolf wird zu Gast sein bei dem Lamme...«, stimmte er an, aber sein Vater achtete nicht auf ihn, und so ritten sie größtenteils schweigend den Rest des Wegs.

Sechs Tage später ritt Helkias noch einmal zur Burg, und diesmal sagte ihm der Verwalter, daß der Graf erst in vierzehn Tagen, am sechsundzwanzigsten Tag des Monats, zurückkehren werde.

»Das ist zu spät«, entgegnete Aaron verzweifelt, als Helkias es ihm sagte.

»Ja, das ist zu spät«, sagte Helkias.

Aber tags darauf verbreitete sich die Kunde, daß die Monarchen in ihrer Gnade den Juden einen zusätzlichen Tag für die Abreise aus Spanien gewährt hätten, so daß sich das letztmögliche Datum vom ersten auf den zweiten August verschob.

»Glaubst du...?« fragte Aaron.

»Ja, wir können es schaffen! Ich werde vor der Burg auf ihn warten, wenn er ankommt. Gleich nachdem er mich bezahlt hat, können wir aufbrechen«, sagte Helkias.

»Aber dann müssen wir die Reise nach Valencia in sieben Tagen schaffen!«

»Wir haben keine andere Wahl, Aaron«, entgegnete Helkias. »Ohne Geld sind wir verloren.«

Als Aaron seufzte, legte Helkias ihm die Hand auf den Arm. »Wir schaffen das schon. Wir treiben uns und die Tiere bis zum Äußersten, und den Weg werden wir schon finden.«

Doch noch während er das sagte, dachte er mit Unbehagen daran, daß der zweite August der neunte Tag des jüdischen Monats Aw war, ein berüchtigtes Datum und vielleicht ein schlechtes Omen, denn der neunte Aw war das Datum der Zerstörung des Tempels in Jerusalem, der Beginn der erzwungenen Wanderschaft vieler Juden durch die Welt.

4. KAPITEL

DER FISCHER

Nun brauchten Jona und Eleasar kein Silber mehr zu polieren. Da Helkias wußte, daß er seine Stücke nicht mehr zu einem angemessenen Preis würde verkaufen können, überließ er Benito Martin für einen geringen Betrag seinen ganzen Bestand. Am Mittelfinger der rechten Hand trug Jona ein breites Silberband, das sein Vater ihm geschenkt hatte, als er zum ersten Mal zur Tora gerufen wurde. Helkias hatte auch für seinen Erstgeborenen einen solchen Ring angefertigt, doch als man ihm Meirs Leiche brachte, fehlte dieses Silberband.

»Zieh deinen Ring vom Finger«, befahl Helkias nun Jona, und der Junge gehorchte widerstrebend. Sein Vater fädelte den Ring auf eine dünne, aber starke Schnur, die er Jona um den Hals band, damit der Ring unter seinem Hemd verborgen war.

»Falls es einmal soweit kommt, daß wir den Ring verkaufen müssen, verspreche ich, dir so bald wie möglich einen neuen zu machen. Aber wenn Gott will, wirst du diesen Ring an einem anderen Ort wieder tragen können«, sagte er.

Helkias ging mit seinen beiden Söhnen auf den jüdischen Friedhof vor den Toren der Stadt. Es war ein herzzerreißender Moment, denn auch andere Familien, die Spanien verließen, besuchten die Gräber ihrer Lieben, um sich zu verabschieden, und ihr Klagen und Schluchzen ängstigten Eleasar so sehr, daß auch er zu weinen anfing, obwohl er sich an seine Mutter gar nicht und an Meir kaum noch erinnern konnte.

Helkias hatte jahrelang um seine Frau und seinen Erstgeborenen getrauert. Obwohl seine Augen feucht waren, gab er keinen Laut von sich, sondern drückte seine beiden Söhne an sich, trocknete ihre Tränen und küßte sie, bevor er ihnen auftrug, die Gräber herzurichten und kleine Steine zu suchen, die sie als Zeichen ihres letzten Besuchs darauflegten.

»Es ist schrecklich, ihre Gräber zurückzulassen«, sagte Helkias später zu Benito. Martin hatte einen Schlauch mit Wein mitgebracht, und die beiden Freunde saßen zusammen und redeten, wie sie es früher so oft getan hatten. »Aber am schlimmsten ist es, das Grab meines Sohnes zu verlassen, ohne zu wissen, wer ihn auf dem Gewissen hat.«

»Wenn es möglich wäre, das Reliquiar ausfindig zu machen, könnte uns der Fundort eine Menge verraten.«

Helkias' Mund zuckte. »Es war aber nicht möglich. Inzwischen haben die Diebe, die mit solchen Dingen handeln, es bestimmt schon verkauft. Vielleicht ist es in einer Kirche irgendwo weit weg von hier«, sagte er und trank einen großen Schluck Wein.

»Trotzdem... vielleicht auch nicht«, sagte Benito. »Wenn ich mit den Priestern der Kirchen aus der Umgebung reden würde, könnte ich vielleicht etwas erfahren.«

»Das wollte ich auch schon tun«, gab Helkias zu, »aber... ich bin Jude. Ich hatte zu große Angst vor Kirchen und Priestern, um es zu tun.«

»Dann laß mich es jetzt für dich tun«, sagte Martin, und Hel-kias nickte dankbar. Er ging zu seinem Zeichentisch, nahm die Skizzen des Ziboriums und gab sie Martin, damit der sie den Priestern zeigen konnte.

Martin hatte noch etwas auf dem Herzen. »Helkias, die Stimmung in der Stadt ist gegen dich. Es geht das Gerücht, daß du dich weigerst, Toledo zu verlassen, und auch nicht konvertieren willst. Dieses Haus auf dem Hochufer ist sehr ungeschützt. Um Zuflucht in der Menge hinter den Mauern des jüdischen Viertels zu suchen, ist es zu spät, weil die anderen Juden es bereits verlassen haben. Vielleicht solltest du also mit deinen Söhnen zu mir kommen, in die Sicherheit eines christlichen Hauses.«

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