Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
»Warum nicht?« erwiderte Natascha, ohne ihre Lage zu verändern.
»Weil er zu jung ist, weil er arm ist, weil er mit dir verwandt ist … weil du selbst ihn gar nicht einmal wahrhaft liebst.«
»Aber warum meinen Sie das?«
»Ich weiß es. Das führt zu nichts Gutem, mein Kind.«
»Aber wenn ich will …«, begann Natascha.
»Rede nicht solche Torheiten«, sagte die Gräfin.
»Aber wenn ich will …«
»Natascha, ich bitte dich in allem Ernst …«
Natascha ließ sie nicht zu Ende sprechen; sie zog die große Hand der Gräfin zu sich heran und küßte sie auf die Oberseite, dann in die Handfläche, dann drehte sie sie wieder herum und küßte sie auf den Knöchel des obersten Gelenkes eines Fingers, dann in die daneben befindliche Vertiefung, dann auf den folgenden Knöchel und so weiter, wobei sie flüsterte: »Januar, Februar, März, April, Mai.« – »Reden Sie doch, Mama; warum schweigen Sie denn? Reden Sie doch«, bat sie und sah ihre Mutter an, die mit zärtlichem Blick ihre Tochter betrachtete und, in diese Betrachtung versenkt, alles vergessen zu haben schien, was sie hatte sagen wollen.
»Das führt zu nichts Gutem, liebes Kind. Nicht alle Leute werden für euer kindliches Freundschaftsverhältnis Verständnis haben; und wenn man sieht, daß er so viel mit dir verkehrt, so kann dir das in den Augen der anderen jungen Männer, die zu uns kommen, schaden, und was die Hauptsache ist: es ist für ihn eine zwecklose Pein. Er hatte vielleicht schon eine für ihn passende reiche Partie gefunden, und nun kommt er hier um seinen Verstand.«
»Er kommt um seinen Verstand?« fragte Natascha.
»Ich will dir etwas von mir selbst erzählen. Ich hatte einen Vetter …«
»Ich weiß: Kirill Matwjejewitsch; aber der ist ja doch ein alter Mann?«
»Er ist nicht immer ein alter Mann gewesen. Aber weißt du was, Natascha? Ich werde mit Boris reden. Er soll nicht so oft herkommen …«
»Warum soll er nicht, wenn er es doch gern tut?«
»Weil ich weiß, daß doch nichts daraus wird.«
»Woher wissen Sie das? Nein, Mama, reden Sie nicht mit ihm. Was sind das für Dummheiten!« rief Natascha im Ton eines Menschen, dem jemand sein Eigentum wegnehmen will. »Nun, wenn ich ihn auch nicht heirate, darum kann er doch herkommen, wenn es ihm und mir Vergnügen macht.« Natascha blickte die Mutter lächelnd an.
»Wenn ich ihn auch nicht heirate; aber bloß so«, sagte sie noch einmal.
»Was meinst du damit, mein Kind?«
»Nun, bloß so. Ich brauche ihn ja nicht zu heiraten, aber … bloß so.«
»Bloß so, bloß so!« sprach ihr die Gräfin nach und brach plötzlich nach Art alter Frauen in ein gutmütiges Gelächter aus, so daß ihr ganzer Leib schütterte.
»Lachen Sie doch nicht so; hören Sie auf!« rief Natascha. »Das ganze Bett wackelt ja davon. Sie haben furchtbare Ähnlichkeit mit mir; Sie sind gerade so ein lachlustiges Ding wie ich … Warten Sie mal …« Sie ergriff beide Hände der Gräfin und küßte an der einen die Vertiefung beim kleinen Finger und den Knöchel desselben, wobei sie sagte: »Juni, Juli«, und küßte dann an der anderen Hand weiter: »August.« – »Mama, ist er sehr in mich verliebt? Wie urteilen Sie darüber? Sind die jungen Männer in Sie auch so verliebt gewesen? Er ist sehr nett, sehr, sehr nett! Nur nicht ganz nach meinem Geschmack: er ist so schmal wie eine Standuhr … Verstehen Sie mich nicht …? Schmal, wissen Sie, grau, hellgrau …«
»Was redest du für Unsinn!« sagte die Gräfin.
Natascha fuhr fort:
»Verstehen Sie mich wirklich nicht? Nikolai würde mich gleich verstehen … Besuchow, das ist so ein Blauer, dunkelblau mit Rot, dabei aber viereckig.«
»Mit dem kokettierst du auch«, sagte die Gräfin lachend.
»Nein, er ist ein Freimaurer, wie ich erfahren habe. Er ist ein braver Mensch, dunkelblau mit Rot … Wie soll ich es Ihnen nur deutlich machen …«
»Liebe Gräfin«, hörten sie den Grafen vor der Tür sagen. »Schläfst du noch nicht?« Natascha sprang auf, nahm ihre Pantoffeln in die Hand und lief barfuß nach ihrem Zimmer.
Sie konnte lange Zeit nicht einschlafen. Sie dachte immerzu daran, daß niemand all das verstand, was ihr selbst doch so verständlich war: ihre eigenen Empfindungen.
»Ob Sonja?« dachte sie, während sie das schlafende, zusammengerollte Kätzchen mit der dicken, langen Haarflechte betrachtete. »Nein, wie sollte sie das können! Sie ist zu tugendhaft. Sie hat sich in Nikolai verliebt und will nun von nichts weiter wissen. Auch Mama versteht mich nicht. Es ist erstaunlich, wie klug ich bin, und wie … nett sie ist«, fuhr sie fort, indem sie von sich selbst in der dritten Person sprach und sich vorstellte, daß das irgendein sehr kluger Mann, der allerklügste und allerbeste, von ihr sage. »Sie besitzt alle erdenklichen Vorzüge«, fuhr dieser Mann fort, »sie ist klug, außerordentlich nett, ferner schön, außerordentlich schön, und gewandt: sie schwimmt und reitet vorzüglich; und nun erst die Stimme! Man kann sagen: eine bewundernswerte Stimme!«
Sie sang ihre Lieblingsmelodie aus einer Cherubinischen Oper, lachte vor Freude bei dem Gedanken, daß sie nun gleich einschlafen werde, und rief Dunjascha, damit sie die Kerze auslösche; und wirklich war Dunjascha noch nicht aus dem Zimmer, als Natascha bereits in eine andere, noch glücklichere Welt, die Welt der Träume, übergegangen war, wo alles ebenso schön und wohlig war wie in der Wirklichkeit, aber insofern noch besser, als es andersartig war.
Am andern Tag ließ die Gräfin Boris auf ihr Zimmer bitten und redete mit ihm, und von diesem Tag an stellte er seine Besuche bei Rostows ein.
XIV
Am 31. Dezember, dem Silvesterabend vor Beginn des Jahres 1810, fand bei einem der Großen aus der Zeit der Kaiserin Katharina ein Ball statt. Zu diesem Ball war auch das ganze diplomatische Korps eingeladen, und auch der Kaiser hatte sein Erscheinen zugesagt.
Auf dem Englischen Kai erstrahlte das berühmte Haus des Großwürdenträgers vom Schein unzähliger Lichter. An dem hellerleuchteten Portal war der Fußboden mit rotem Tuch belegt. Dort an der Auffahrt stand Polizei, nicht nur gewöhnliche Gendarmen, sondern der Polizeimeister selbst und ein Dutzend Polizeioffiziere.
Sowie eine Equipage wegfuhr, folgte auch schon wieder eine neue, mit Lakaien in roten Livreen und Federhüten. Aus den Equipagen stiegen Männer in Uniformen, mit Ordenssternen und Ordensbändern; Damen in Atlas und Hermelin stiegen vorsichtig über die geräuschvoll herabgeschlagenen Wagentritte hinab und schritten eilig und lautlos über das Tuch in das Portal hinein.
Fast jedesmal, wenn eine neue Equipage vorfuhr, lief ein Flüstern durch die Menge, und alle nahmen die Mützen ab.
»Der Kaiser …? Nein, ein Minister … ein Prinz … ein Gesandter … Siehst du wohl den Federbusch?« hieß es im Schwarm der Zuschauer.
Einer aus der Menge, der besser gekleidet war als die andern, schien alle Anfahrenden zu kennen und nannte den übrigen die Namen der vornehmsten Großen jener Zeit.
Schon hatte sich der dritte Teil der Gäste zu diesem Ball eingefunden; aber bei Rostows, die ebenfalls eingeladen waren und den Ball besuchen wollten, waren die Damen noch in größter Eile dabei, sich anzukleiden.
Um dieses Balles willen hatten in der Familie Rostow viele Erörterungen stattgefunden, und viele Vorbereitungen waren getroffen worden, und viele Befürchtungen hatten Unruhe erregt: würden sie auch eine Einladung erhalten, und würden die Kleider rechtzeitig fertig werden, und würde an diesen auch alles nach Wunsch ausgefallen sein?
Mit Rostows zusammen sollte Marja Ignatjewna Peronskaja auf den Ball fahren, eine Freundin und Verwandte der Gräfin, eine hagere, gelbliche Hofdame des alten Hofes, die den Provinzlern Rostow in den höchsten Petersburger Gesellschaftskreisen als Führerin und Ratgeberin diente.
Um zehn Uhr abends sollten Rostows die Hofdame vom Taurischen Garten abholen; aber jetzt waren es schon fünf Minuten vor zehn, und die jungen Mädchen waren noch nicht angekleidet.