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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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»Nun, erkennst du deine frühere kleine Freundin, die wilde Hummel, wieder?« fragte die Gräfin.

Boris küßte Natascha die Hand und erwiderte, er sei erstaunt über die Veränderung, die mit ihr vorgegangen sei. »Wie schön Sie geworden sind!« schloß er.

»Das möchte ich meinen!« antworteten Nataschas lachende Augen.

»Finden Sie, daß Papa älter geworden ist?« fragte sie. Dann setzte sie sich, und ohne sich an dem Gespräch zwischen Boris und der Mutter zu beteiligen, musterte sie schweigend ihren Bräutigam aus der Kinderzeit bis auf die kleinsten Einzelheiten. Er glaubte eine Art von Druck zu fühlen, als dieser freundliche Blick so beharrlich auf seiner Person ruhte, und blickte ab und zu nach ihr hin.

Uniform, Sporen, Halsbinde und Haartracht, alles war bei Boris hübsch modern und comme il faut. Das hatte Natascha sofort bemerkt. Er saß ein wenig zur Seite gewandt auf einem Sessel neben der Gräfin, brachte mit der rechten Hand den schneeweißen Glacéhandschuh an der linken in Ordnung, sprach mit einer besonders feinen Art, die Lippen einzuziehen, über die Vergnügungen der höchsten Petersburger Gesellschaftskreise und gedachte mit einem Anflug freundlichen Spottes der früheren Moskauer Zeiten und der Moskauer Bekannten. Nicht ohne Absicht (Natascha merkte das sehr wohl) erwähnte er, als er von der höchsten Aristokratie sprach, den Ball beim französischen Gesandten, auf dem er gewesen sei, und die Einladungen bei N.N. und S.S.

Natascha saß die ganze Zeit über schweigend da und blickte ihn, den Kopf etwas neigend, von unten her an. Dieser Blick machte Boris immer unruhiger und setzte ihn in Verwirrung. Er sah häufiger zu Natascha hin und stockte in seinen Erzählungen. Er blieb nur zehn Minuten sitzen; dann stand er auf und empfahl sich. Immer noch schauten ihn dieselben neugierigen, herausfordernden und ein wenig spöttischen Augen an.

Nach diesem seinem ersten Besuch sagte sich Boris, daß Natascha auf ihn noch genau dieselbe Anziehungskraft ausübe wie früher, daß er sich aber diesem Gefühl nicht überlassen dürfe, weil eine Heirat mit ihr, einem fast vermögenslosen Mädchen, für seine Karriere verhängnisvoll werden müßte, eine Erneuerung der früheren Beziehungen aber ohne die Absicht einer Heirat eine unehrenhafte Handlungsweise sein würde. Boris faßte daher bei sich den Entschluß, fernere Begegnungen mit Natascha zu vermeiden; aber trotz dieses Entschlusses kam er nach einigen Tagen wieder und begann nun sich häufiger einzustellen und ganze Tage bei Rostows zu verleben. Er war der Ansicht, daß er sich notwendig mit Natascha aussprechen und ihr sagen müsse, sie müßten beide alles Vergangene der Vergessenheit übergeben; sie könne trotz allem nicht seine Frau werden; er habe kein Vermögen, und daher würden ihre Eltern sie ihm nie zur Frau geben. Aber es bot sich ihm nie eine rechte Gelegenheit zu einer Aussprache, und es war ihm auch gar zu peinlich, ihr diese Mitteilung zu machen. Mit jedem Tag fühlte er sich mehr gefesselt. Natascha ihrerseits schien, soweit es die Mutter und Sonja beobachten konnten, in Boris noch ebenso verliebt zu sein wie ehemals. Sie sang ihm seine Lieblingslieder, zeigte ihm ihr Album und veranlaßte ihn, ihr etwas hineinzuschreiben; aber sie ließ nicht zu, daß er von alten Zeiten redete, sondern gab ihm zu verstehen, wie schön die Gegenwart sei. Und täglich, wenn er wegging, war es ihm wie ein Nebel vor den Augen, und er hatte das nicht gesagt, was zu sagen er doch beabsichtigt hatte, und wußte selbst nicht, was er tat, und zu welchem Zweck er kam, und wie das alles enden sollte. Er hörte auf, bei Helene zu verkehren; er erhielt zwar von ihr alle Tage vorwurfsvolle Billetts, verlebte aber trotzdem ganze Tage bei Rostows.

XIII

Eines Abends, als die alte Gräfin unter vielem Seufzen und starkem Räuspern, in Nachthaube und Nachtjacke, ohne ihre falschen Locken, nur mit ihren eigenen armseligen Haarsträhnen, die unter der weißen baumwollenen Nachthaube hervorkamen, auf dem Teppich vor dem Bett kniend unter tiefen Verbeugungen ihr Abendgebet sprach, da knarrte die Tür, und mit Pantoffeln an den bloßen Füßen, ebenfalls in der Nachtjacke und mit Papilloten, kam Natascha hereingelaufen. Die Gräfin sah sich um und runzelte die Stirn. Sie sprach ihr letztes Gebet zu Ende: »Wird vielleicht dieses Lager heute mein Totenbett werden?«, aber ihre Gebetsstimmung war dahin. Natascha, deren Gesicht von lebhafter Erregung gerötet war, blieb, als sie sah, daß die Mutter betete, plötzlich mitten im Lauf stehen, kauerte sich nieder und streckte unwillkürlich die Zunge heraus, wie um sich selbst zu bedrohen. Als sie merkte, daß die Mutter weiterbetete, lief sie auf den Zehen, mit einem Fuß schnell gegen den andern schlitternd, zum Bett hin, warf die Pantoffeln ab und hüpfte auf eben das Lager, von dem die Gräfin gefürchtet hatte, daß es heute ihr Totenbett werden würde. Dieses Lager war ein hohes Federbett mit fünf immer kleiner werdenden Kopfkissen. Natascha sprang hinein, versank ganz darin, rückte nach der Wand hin und begann nun unter der Bettdecke allerlei Mutwillen zu treiben: einmal streckte sie sich lang aus, dann zog sie die gebogenen Knie bis ans Kinn, dann strampelte sie mit den Beinen und lachte fast unhörbar, wobei sie bald den Kopf unter der Decke versteckte, bald nach der Mutter hinblickte. Sobald die Gräfin ihr Gebet beendet hatte, näherte sie sich dem Bett mit strenger Miene; aber als sie sah, daß Natascha mit dem Kopf unter die Decke gekrochen war, lächelte sie in ihrer gutmütigen, nachsichtigen Art.

»Aber, aber!« sagte die Mutter.

»Mama, kann ich ein bißchen mit Ihnen plaudern? Ja?« fragte Natascha. »Nun also, einen Kuß auf das Halsgrübchen, und noch einen, und dann genug!« Sie schlang ihre Arme um den Hals der Mutter und küßte sie unter das Kinn. Im Verkehr mit der Mutter zeigte Natascha zwar äußerlich eine gewisse Derbheit der Manieren; aber sie benahm sich dabei doch taktvoll und geschickt und wußte, wie sie auch die Mutter mit den Händen anfassen mochte, es doch immer so zu tun, daß es der Mutter weder weh tat noch unangenehm oder hinderlich war.

»Nun, worüber willst du denn heute reden?« fragte die Mutter, nachdem sie sich auf den Kissen zurechtgelegt und gewartet hatte, bis Natascha sich zweimal um sich selbst gedreht, die Arme auf die Bettdecke gelegt, eine ernste Miene angenommen hatte und nun still neben ihr unter der Decke lag.

Diese nächtlichen Besuche Nataschas, die vor der Heimkehr des Grafen aus dem Klub stattzufinden pflegten, waren ein ganz besonderes Vergnügen für Mutter und Tochter.

»Worüber willst du denn heute reden? Ich muß dir sagen …«

Natascha hielt der Mutter mit der Hand den Mund zu.

»Sie wollen von Boris reden … Ich weiß«, sagte sie ernsthaft. »Eben deswegen bin ich ja auch gekommen. Reden Sie nicht; ich weiß alles. Aber nein, sagen Sie« (sie nahm die Hand weg), »sagen Sie, Mama: ist er nicht ein netter Mensch?«

»Natascha, du bist sechzehn Jahre alt; in deinem Alter war ich schon verheiratet. Du sagst, daß Boris nett ist. Er ist sehr nett, und ich habe ihn lieb wie einen Sohn; aber was hast du denn vor? Was denkst du eigentlich? Du hast ihm ganz den Kopf verdreht, das sehe ich wohl …«

Bei diesen Worten blickte die Gräfin zu ihrer Tochter hin. Natascha lag ruhig da und hielt die Augen unverwandt gerade vor sich hin auf eine der Sphinxe gerichtet, die, aus Mahagoniholz geschnitzt, an den Ecken der Bettstelle angebracht waren, so daß die Gräfin nur das Profil ihrer Tochter sah. Nataschas Gesicht überraschte die Gräfin durch seinen auffallend ernsten, nachdenklichen Ausdruck.

Natascha hörte zu und überlegte.

»Nun, und was ist dabei?« fragte sie.

»Du hast ihm ganz den Kopf verdreht«, sagte die Gräfin noch einmal. »Wozu das? Was willst du von ihm? Du weißt, daß du ihn nicht heiraten kannst.«

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