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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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Berg errötete und lächelte.

»Ich liebe sie gleichfalls, weil sie einen vortrefflichen Verstand und einen sehr guten Charakter besitzt. Sehen Sie, da ist die andere Schwester … aus derselben Familie, aber ein ganz anderes Wesen, ein unangenehmer Charakter, auch nicht verständig genug; und sie hat so etwas … wissen Sie, mir sagt sie nicht zu … Aber meine Braut … Nun, kommen Sie nur später zu uns …«, fuhr Berg fort; er wollte sagen: »zum Mittagessen«, besann sich aber noch eines andern und sagte: »zum Tee«; und dann ließ er schnell einen runden, kleinen Rauchring, den er durch Hindurchstoßen der Zunge bildete, aus dem Mund aufsteigen, wie wenn er seine Glücksträumereien dadurch verkörpern wollte.

Nach dem ersten Erstaunen, das Bergs Antrag bei den Eltern hervorgerufen hatte, geriet die Familie in die in solchen Fällen gewöhnliche festliche, freudige Stimmung; aber diese Freude war keine aufrichtige, sondern eine mehr äußerliche. Aus dem Verhalten der Verwandten hinsichtlich dieser Heirat konnte man eine gewisse Verlegenheit, eine Art Schamgefühl herausmerken. Sie schienen sich gleichsam jetzt zu schämen, daß sie Wjera so wenig liebten und sie so leichten Herzens hingaben. Am verlegensten von allen war der alte Graf. Er wäre wahrscheinlich nicht imstande gewesen, die eigentliche Ursache seiner Verlegenheit deutlich zu bezeichnen; aber diese Ursache war seine pekuniäre Lage. Er wußte schlechterdings nicht, wieviel er noch besaß, wieviel Schulden er hatte, und wieviel er seiner Tochter Wjera würde mitgeben können. Als die Töchter geboren wurden, hatte er einer jeden von ihnen dreihundert Seelen als Mitgift bestimmt; aber das eine dieser Dörfer war bereits verkauft und das andere verpfändet, und da der Zahlungstermin nicht innegehalten war, so mußte auch dieses verkauft werden; ein Gut konnte also Wjera nicht mitgegeben werden. Bares Geld war auch nicht vorhanden.

Berg und Wjera waren schon über einen Monat verlobt, und es war nur noch eine Woche bis zur Hochzeit; aber der Graf war über die Frage der Mitgift mit sich immer noch nicht ins reine gekommen, hatte auch mit seiner Frau noch nicht darüber gesprochen. Bald wollte er Wjera einen Teil des Rjasanschen Gutes geben, bald einen Wald verkaufen, bald Geld auf Wechsel aufnehmen. Einige Tage vor der Hochzeit suchte Berg einmal frühmorgens den Graf in dessen Zimmer auf und bat mit einem liebenswürdigen Lächeln respektvoll seinen künftigen Schwiegervater, ihm mitzuteilen, welche Mitgift Komtesse Wjera erhalten werde. Obwohl der Graf diese Frage schon lange vorhergesehen hatte, setzte sie ihn doch so in Verwirrung, daß er ohne zu überlegen das erste beste antwortete, was ihm in den Mund kam.

»Das gefällt mir, daß du auch an dein Budget denkst, das gefällt mir; nun, du wirst zufrieden sein …«

Er klopfte Berg auf die Schulter und stand auf, mit dem Wunsch, dieses Gespräch damit abzubrechen. Aber Berg erklärte mit liebenswürdigem Lächeln, wenn er nicht zuverlässig erführe, wieviel Wjera mitbekomme, und nicht wenigstens einen Teil des ihr Zugedachten im voraus erhielte, so sähe er sich genötigt zurückzutreten.

»Denn das werden Sie zugeben, Graf: wenn ich mich jetzt erdreistete zu heiraten, ohne die sicheren Mittel zum Unterhalt meiner Frau zu haben, so wäre das meinerseits nicht ehrenhaft gehandelt …«

Das Gespräch endete damit, daß der Graf, in dem Wunsch, sich großherzig zu zeigen und mit weiteren Forderungen verschont zu werden, einen Wechsel über achtzigtausend Rubel als Mitgift zu geben versprach. Berg lächelte freundlich, küßte den Grafen auf die Schulter und sagte, er sei sehr dankbar, könne aber für das bevorstehende neue Leben nicht die nötigen Einrichtungen treffen, wenn er nicht dreißigtausend Rubel bar erhalte.

»Oder wenigstens zwanzigtausend, Graf«, fügte er hinzu. »Und dann einen Wechsel nur über sechzigtausend.«

»Ja, ja, schön!« erwiderte der Graf hastig. »Aber wenn’s dir recht ist, lieber Freund, so will ich dir die zwanzigtausend geben und außerdem einen Wechsel über achtzigtausend. Also abgemacht! Gib mir einen Kuß!«

XII

Natascha war nun sechzehn Jahre alt, und man schrieb jetzt das Jahr 1809, eben das Jahr, bis zu welchem sie vier Jahre vorher bei dem Zusammensein mit Boris an den Fingern gezählt hatte, nachdem sie ihn geküßt hatte. Sie hatte ihn seitdem kein einziges Mal mehr gesehen. Wenn im Gespräch mit Sonja oder der Mutter die Rede auf Boris kam, pflegte Natascha, wie wenn die Sache völlig abgetan wäre, frei heraus zu sagen, daß alles, was früher stattgefunden hätte, nur eine Kinderei gewesen sei, von der es gar nicht der Mühe wert sei zu reden, und die längst vergessen sei. Aber in der geheimsten Tiefe ihres Herzens quälte sie sich mit der Frage, ob die Verabredung mit Boris nur ein Scherz gewesen sei oder ein ernstes, bindendes Versprechen.

In der ganzen Zeit, seit Boris im Jahr 1805 von Moskau zur Armee gereist war, hatte er Rostows nicht besucht. Er war mehrere Male in Moskau gewesen, war auch mitunter nicht weit von Otradnoje vorbeigekommen, hatte sich aber nie bei Rostows blicken lassen.

Natascha kam mitunter auf den Gedanken, Boris vermeide absichtlich ein Wiedersehen mit ihr, und in dieser Vermutung fühlte sie sich bestärkt durch den trüben Ton, in welchem die Eltern von ihm zu sprechen pflegten.

»Heutzutage ist es nicht mehr Sitte, sich an alte Freunde zu erinnern«, sagte die Gräfin einmal, als Boris erwähnt worden war.

Auch Anna Michailowna, die in der letzten Zeit weniger im Rostowschen Haus verkehrte, beobachtete eine eigentümlich würdevolle Haltung und sprach jedesmal mit enthusiastischen Lobeserhebungen von den vortrefflichen Eigenschaften ihres Sohnes und von der glänzenden Laufbahn, in der er begriffen sei. Als Rostows nach Petersburg gezogen waren, machte ihnen Boris einen Besuch.

Während er zu ihnen hinfuhr, befand er sich in ziemlicher Aufregung. Die Erinnerung an Natascha war die poetischste, die ihm seine ganze Vergangenheit darbot. Aber trotzdem fuhr er mit der festen Absicht hin, ihr und den Ihrigen deutlich zu verstehen zu geben, daß die Beziehungen zwischen ihm und Natascha aus der Kinderzeit weder für sie noch für ihn bindend sein könnten. Er hatte dank dem näheren Umgang mit der Gräfin Besuchowa eine glänzende Position in der Gesellschaft, und ebenso dank der Protektion einer hochgestellten Persönlichkeit, deren volles Vertrauen er besaß, eine glänzende Position in dienstlicher Hinsicht, und im stillen keimte bei ihm der Plan, eines der reichsten jungen Mädchen Petersburgs zu heiraten, ein Plan, dessen Verwirklichung sehr wohl im Bereich der Möglichkeiten lag.

Als Boris im Rostowschen Haus in den Salon trat, war Natascha auf ihrem Zimmer. Sobald sie von seiner Ankunft gehört hatte, kam sie errötend in den Salon beinah hereingelaufen; auf ihrem Gesicht strahlte ein mehr als freundliches Lächeln.

Boris hatte noch jene Natascha im Gedächtnis, die er vor vier Jahren gekannt hatte: mit dem kurzen Kleid, den glänzenden Augen unter dem lockigen Haar und dem ausgelassenen, kindlichen Lachen, und daher geriet er, als nun eine ganz andere Natascha ins Zimmer trat, in Verwirrung, und auf seinem Gesicht malte sich staunende Bewunderung. Über diesen Ausdruck seines Gesichts empfand Natascha eine nicht geringe Freude.

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