Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Fürst Andrei tanzte überhaupt gern, und in dem Wunsch, recht schnell von den klugen, politischen Gesprächen loszukommen, mit denen sich alle an ihn wandten, und ferner in dem Wunsch, recht schnell jenen ihm widerwärtigen Bann der Verlegenheit zu brechen, in welchen die Gegenwart des Kaisers alles schlug, hatte er sich entschlossen zu tanzen und hatte Natascha gewählt, weil gerade auf diese Pierre ihn hingewiesen hatte, und weil sie das erste schöne weibliche Wesen war, das ihm in die Augen gefallen war; aber sobald er diesen schlanken, geschmeidigen Körper umfaßte und sie sich so nahe an ihm zu bewegen begann und ihn aus solcher Nähe anlächelte, da fühlte er sich von ihrem Reiz wie von einem starken Wein benommen; er kam sich neu belebt und verjüngt vor, als er sie losgelassen hatte, Atem schöpfte und nun dastand und dem Tanz zuschaute.
XVII
Nach dem Fürsten Andrei trat Boris zu Natascha heran, um sie zum Tanz aufzufordern; es kam auch jener Adjutant, der als Vortänzer den Ball eröffnet hatte, und noch viele andere junge Leute, und Natascha, die ihre überzähligen Kavaliere an Sonja abgab, hörte, glückselig und mit gerötetem Gesicht, den ganzen Abend über nicht auf zu tanzen. Sie merkte und sah nichts von dem, was alle auf diesem Ball interessierte. Sie bemerkte nicht, daß der Kaiser lange mit dem französischen Gesandten sprach, daß er sich besonders gnädig mit einer bestimmten Dame unterhielt, daß dieser und jener Prinz dies und das sagte und tat, daß Helene einen großen Erfolg hatte und von irgendeiner hohen Persönlichkeit besonderer Beachtung gewürdigt wurde; sie sah den Kaiser überhaupt nicht und merkte, daß er sich entfernt hatte, erst daran, daß nach seinem Weggang der Ball einen munteren Charakter annahm. Einen der lustigen Kotillons vor dem Souper tanzte Fürst Andrei wieder mit Natascha. Er erinnerte sie an ihr erstes Zusammentreffen in der Allee von Otradnoje und erzählte, wie er in der mondhellen Nacht nicht habe einschlafen können und unfreiwillig ihr Gespräch mitangehört habe. Natascha errötete bei dieser Erinnerung und suchte sich zu rechtfertigen, als ob in diesem Gefühl, bei welchem Fürst Andrei sie, ohne es zu wollen, belauscht hatte, etwas läge, dessen sie sich zu schämen habe.
Wie alle Leute, die in den höheren Kreisen groß geworden sind, freute Fürst Andrei sich jedesmal, wenn er in diesen Kreisen auf etwas traf, was von dem allgemeinen Typus dieser Gesellschaftsschicht abwich. Und von der Art war Natascha, mit ihrer naiven Verwunderung, ihrer harmlosen Freude, ihrer kindlichen Schüchternheit und sogar mit ihren Fehlern im Französischsprechen. Er legte in der Art, wie er sie behandelte und mit ihr redete, eine besondere Zartheit und Behutsamkeit an den Tag. Während er neben ihr saß und mit ihr von den gewöhnlichsten, unbedeutendsten Dingen plauderte, betrachtete er mit innigem Vergnügen das freudige Leuchten ihrer Augen und ihr heiteres Lächeln, ein Ausdruck, der nicht durch die Gegenstände des Gesprächs, sondern durch die innere Glückseligkeit des jungen Mädchens hervorgerufen wurde. Und wenn Natascha aufgefordert wurde, sich lächelnd erhob und tanzend durch den Saal schwebte, so bewunderte Fürst Andrei ganz besonders ihre schüchterne, liebliche Anmut. Mitten im Kotillon kehrte Natascha nach Beendigung einer Figur, noch schweratmend, zu ihrem Platz zurück; da wurde sie schon wieder von einem neuen Kavalier aufgefordert. Sie war müde und glühte und dachte offenbar einen Augenblick daran, abzulehnen; aber gleich darauf legte sie doch wieder mit fröhlichem Gesicht ihre Hand auf die Schulter des Kavaliers und lächelte dem Fürsten Andrei zu.
»Ich würde mich freuen, wenn ich mich erholen und neben Ihnen sitzenbleiben dürfte; aber Sie sehen, wie ich fortwährend aufgefordert werde, und ich freue mich darüber, und es macht mich glücklich, und ich liebe alle Menschen, und Sie haben mit mir Verständnis für das alles«, dies und noch vieles, vieles andere sagte dieses Lächeln. Als der Kavalier sie losließ, hatte Natascha die Aufgabe, durch den Saal zu eilen, um zwei Damen zu der Figur heranzuholen.
»Wenn sie zuerst zu ihrer Kusine geht und dann erst zu einer andern Dame, so soll sie meine Frau werden«, sagte Fürst Andrei, nach ihr hinblickend, bei sich und war selbst von diesem Gedanken ganz überrascht. Sie ging zuerst zu ihrer Kusine.
»Was für ein Unsinn einem doch manchmal durch den Kopf geht!« dachte Fürst Andrei. »Aber soviel ist sicher: dieses junge Mädchen ist so liebenswürdig und so eigenartig, daß sie hier in Petersburg nicht einen Monat tanzen wird, dann ist sie verheiratet. So ein Mädchen ist hier eine Seltenheit«, dachte er, als Natascha zurückkam, eine Rose, die sich von ihrem Mieder loslöste, in Ordnung brachte und sich wieder neben ihn setzte.
Gegen Ende des Kotillons kam der alte Graf in seinem blauen Frack zu dem tanzenden Paar. Er lud den Fürsten Andrei zu einem Besuch bei sich zu Hause ein und fragte seine Tochter, ob sie sich gut amüsiere. Natascha antwortete ihm zunächst nicht, sondern lächelte ihm nur in einer Weise zu, als ob sie vorwurfsvoll sagte: »Wie kann man nur so fragen?«
»So gut wie noch nie in meinem Leben!« antwortete sie dann, und Fürst Andrei bemerkte, wie sich ihre mageren Arme schnell heben wollten, um den Vater zu umarmen, aber sofort wieder herabsanken. Natascha fühlte sich wirklich so glücklich wie noch nie in ihrem Leben. Sie befand sich auf jener höchsten Stufe des Glückes, wo der Mensch vollkommen gut und edel wird und nicht an die Möglichkeit glaubt, daß es in der Welt auch Schlimmes und Unglück und Kummer gebe.
Pierre empfand auf diesem Ball zum erstenmal die Stellung, welche seine Frau in den höheren Gesellschaftskreisen einnahm, als eine Beleidigung für sich selbst. Er war ingrimmig und zerstreut. Quer über seine Stirn zog sich eine breite Falte; am Fenster stehend, blickte er durch seine Brille, ohne überhaupt jemand zu sehen.
Natascha kam, als sie sich zum Souper begab, bei ihm vorbei.
Pierres finsteres, unglückliches Gesicht fiel ihr auf. Sie blieb vor ihm stehen. Sie hätte ihm gern geholfen, ihm gern von dem Übermaß ihres Glückes etwas abgegeben.
»Wie lustig es hier zugeht, Graf«, sagte sie, »nicht wahr?«
Pierre lächelte zerstreut; er hatte offenbar gar nicht verstanden, was sie gesagt hatte.
»Ja, ich freue mich sehr«, erwiderte er.
»Wie kann nur jemand mit etwas unzufrieden sein«, dachte Natascha. »Namentlich ein so guter Mensch wie dieser Besuchow.«
In Nataschas Augen waren alle auf dem Ball Anwesenden insgesamt gute, liebenswürdige, prächtige Menschen und liebten einander von Herzen. Niemand war imstande, einen anderen zu kränken, und somit mußten sie alle glücklich sein.
XVIII
Am andern Tag erinnerte sich Fürst Andrei zwar an den gestrigen Ball; aber er verweilte mit seinen Gedanken nicht lange dabei. »Ja, es war ein recht glänzender Ball. Und es war doch noch etwas … ja, richtig, Fräulein Rostowa ist allerliebst. Sie besitzt so eine eigene Frische, wie man sie sonst in Petersburg nicht findet; dadurch zeichnet sie sich aus.« Das war alles, was er über den gestrigen Ball dachte; und dann trank er Tee und setzte sich an die Arbeit.
Aber da er infolge der schlaflos verbrachten Nacht matt und müde war, ging an diesem Tag die Arbeit nicht recht vonstatten, und Fürst Andrei war außerstande etwas Ordentliches zu schaffen; fortwährend verwarf er (wie er das übrigens nicht selten tat) sofort selbst wieder, was er gemacht hatte, und war froh, als er jemand kommen hörte.
Der Besucher war ein Herr Bizki, der in verschiedenen Kommissionen mitarbeitete und in allen gesellschaftlichen Kreisen Petersburgs verkehrte, ein leidenschaftlicher Anhänger der neuen Ideen und persönlicher Verehrer Speranskis, der eifrigste Neuigkeitsjäger von ganz Petersburg, einer von den Menschen, die sich ihre politische Meinung gerade wie einen Anzug nach der Mode aussuchen, die aber eben darum sich als die eifrigsten Parteigänger ihrer jedesmaligen Richtung gebärden. Geschäftig kam er, nachdem er sich kaum Zeit gelassen hatte, den Hut abzulegen, zum Fürsten Andrei ins Zimmer gelaufen und begann sogleich zu reden. Er hatte soeben Einzelheiten über die am Vormittag dieses Tages stattgefundene Sitzung des Reichsrates gehört, die der Kaiser selbst eröffnet hatte, und erzählte davon in enthusiastischen Ausdrücken. Die Rede des Kaisers war von ganz ungewöhnlicher Art gewesen. Es war eine Rede gewesen, wie sie eigentlich nur konstitutionelle Monarchen halten. »Der Kaiser hat geradezu gesagt, der Reichsrat und der Senat seien staatliche Körperschaften; er hat gesagt, die Regierung dürfe nicht nach Willkür verfahren, sondern müsse ihrem Handeln feste Prinzipien zugrunde legen. Der Kaiser hat gesagt, das Finanzwesen müsse reorganisiert werden, und es solle ein Rechenschaftsbericht publiziert werden«, berichtete Bizki, wobei er einzelne Worte stark betonte und in bedeutsamer Weise die Augen weit öffnete.