Die Dämonen
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Die Dämonen». Краткое содержание книги:
Indem ich mich hinter einem neugierigen Haufen herdrängte, gelangte ich ohne zu fragen zu dem wichtigsten, gefährdetsten Punkte, wo ich endlich Lembke erblickte, den ich in Julija Michailownas eigenem Auftrage suchte. Seine Situation war wunderlich und ungewöhnlich. Er stand auf den Trümmern eines Zaunes; links von ihm, in einer Entfernung von etwa dreißig Schritten, ragte das schwarze Skelett eines schon fast ganz verbrannten zweistöckigen Holzhauses in die Höhe, mit Löchern statt der Fenster in beiden Etagen, mit dem eingestürzten Dache und mit Flämmchen, die immer noch hier und da an den verkohlten Balken herumzüngelten. Hinten auf dem Hofe, ungefähr zwanzig Schritte von dem verbrannten Hause entfernt, begann ein ebenfalls zweistöckiges Nebengebäude zu brennen, und um dieses bemühte sich die Feuerwehr aus allen Kräften. Rechts suchten Feuerwehrleute und Zivilisten ein ziemlich großes hölzernes Gebäude zu schützen, das noch nicht brannte, aber schon mehrmals zu brennen angefangen hatte und dem Schicksal des Abbrennens nicht entgehen zu können schien. Lembke wandte das Gesicht dem Nebengebäude zu, schrie und gestikulierte und gab Befehle, die niemand ausführte. Ich hatte den Eindruck, daß man ihn einfach unbeachtet ließ und sich gar nicht um ihn kümmerte. Denn der dichte und sehr buntscheckige Menschenhaufe, der ihn umgab, und in welchem mit allerlei Volk zusammen sich auch Herren befanden und sogar der Dompfarrer, hörte zwar neugierig und verwundert an, was er sagte; aber niemand von ihnen redete mit ihm, und niemand versuchte, ihn fortzuführen. Blaß und mit funkelnden Augen sprach Lembke das wunderlichste Zeug; obendrein war er barhäuptig, da er seinen Hut schon lange verloren hatte.
»Immer Brandstiftung! Das ist der Nihilismus! Wenn etwas brennt, so ist es der Nihilismus!« hörte ich ihn sagen und erschrak darüber; denn wenn ich mich bei ihm auch über nichts mehr wundern konnte, so hat die nackte Wirklichkeit doch immer etwas Erschütterndes.
»Exzellenz,« sagte ein Reviervorsteher, der zu ihm trat, »wenn Sie doch belieben wollten, sich zu Hause Ruhe zu vergönnen ... Hier zu stehen ist für Euer Exzellenz sogar gefährlich.«
Dieser Reviervorsteher war, wie ich nachher erfuhr, von dem Polizeimeister ausdrücklich zu Andrei Antonowitsch abkommandiert worden, um ihn zu beobachten und mit allen Mitteln zu versuchen, ihn nach Hause zu schaffen, und im Falle von Gefahr sogar unter Anwendung von Gewalt, ein Auftrag, der augenscheinlich über die Kräfte des Beauftragten hinausging.
»Die Tränen der Abgebrannten werden getrocknet werden, aber die Stadt wird abbrennen. Das sind immer die vier Schurken, vier bis fünf. Man arretiere den Schurken! Er drängt sich in die Ehre der Familien ein. Zum Anzünden der Häuser haben sie sich der Gouvernanten bedient. Das ist gemein, gemein! Oho, was macht der da?« rief er, da er auf dem Dache des brennenden Nebengebäudes einen Feuerwehrmann bemerkte, unter dem das Dach schon brannte, und um den herum das Feuer aufloderte. »Zieht ihn weg, zieht ihn weg; er wird herunterfallen; er wird verbrennen; löscht ihn! ... Was tut er da?«
»Er löscht, Exzellenz.«
»Das ist unwahrscheinlich. Die Feuersbrunst ist in den Köpfen der Menschen, nicht auf den Dächern der Häuser. Zieht ihn herunter und laßt alles stehen und liegen! Das ist das Beste, alles stehen und liegen zu lassen! Mag es selbst sehen, wie es zurechtkommt! Oho wer weint da? Eine alte Frau! Da schreit eine alte Frau; warum hat man die alte Frau vergessen?«
In der Tat schrie in dem unteren Stockwerke des brennenden Nebengebäudes eine alte Frau, eine achtzigjährige Verwandte des Kaufmanns, dem das brennende Haus gehörte. Aber man hatte sie nicht vergessen, sondern sie war selbst, als es noch möglich war, in das brennende Haus zurückgekehrt, in der sinnlosen Absicht, aus ihrer noch unversehrten Kammer ihr Federbett herauszuholen. Nur mühsam in dem Rauche atmend und in der Gluthitze schreiend, da auch die Kammer nun zu brennen angefangen hatte, versuchte sie dennoch aus aller Kraft mit ihren schwachen Armen ihr Bett durch den Fensterrahmen, aus dem die Scheiben herausgeschlagen waren, hindurchzuschieben. Lembke stürzte zu ihr hin, um ihr zu helfen. Alle sahen, wie er zum Fenster hinlief, einen Zipfel des Bettes ergriff und es mit aller Kraft aus dem Fenster zu ziehen suchte. Unglücklicherweise fiel von dem Dache gerade in diesem Augenblicke ein losgebrochenes Brett herunter und traf den Ärmsten; das Brett erschlug ihn nicht, da es ihn im Falle nur mit einem Ende am Halse streifte; aber Andrei Antonowitschs Laufbahn war damit, wenigstens bei uns, beendet; der Schlag warf ihn zu Boden, und er fiel besinnungslos hin.
Endlich dämmerte trübe und verdrossen der Morgen herauf. Die Feuersbrunst wurde schwächer; der Wind hatte sich auf einmal gelegt, und die Luft war still geworden, und darauf begann ein leiser, langsamer Regen wie durch ein Sieb herabzurieseln. Ich war schon in einer anderen Gegend dieses jenseitigen Stadtteiles, weit entfernt von der Stelle, wo Lembke hingefallen war, und hier hörte ich in der Volksmenge sehr seltsame Gespräche. Eine sonderbare Tatsache war zutage gekommen: ganz am Rande des Stadtviertels stand auf einem freien Platze, hinter Gemüsegärten, nicht weniger als fünfzig Schritte von anderen Gebäuden entfernt, ein soeben erst erbautes kleines Holzhaus, und dieses einsame Haus war fast zu allererst in Brand geraten, gleich zu Anfang der Feuersbrunst. Wenn es auch in Flammen aufgegangen wäre, so hätte es bei dem Abstande doch das Feuer keinem andern Bauwerke der Stadt mitteilen können; und umgekehrt, wenn auch der ganze jenseitige Stadtteil gebrannt hätte, so hätte doch dieses Haus allein unversehrt bleiben können, von welcher Richtung auch der Wind kommen mochte. Es ergab sich daraus, daß es für sich und selbständig zu brennen angefangen hatte und folglich eine besondere Absicht vorgelegen haben mußte. Aber die Hauptsache war, daß es nicht zum Abbrennen des Häuschens gekommen war und in seinem Innern um die Morgendämmerung erstaunliche Dinge entdeckt worden waren. Der Besitzer dieses neuen Hauses, ein Kleinbürger, der in der nächsten Vorstadt wohnte, hatte kaum das Feuer in seinem neuen Hause gesehen, als er auch schon hineilte und es mit Erfolg schützte, indem er mit Hilfe der Nachbarn das an einer Seitenwand aufgeschichtete Holz, welches brannte, auseinanderwarf. Aber in dem Hause wohnten Mieter, ein in der Stadt bekannter Hauptmann mit seiner Schwester und bei ihnen eine bejahrte Magd; und siehe da, diese Mieter, der Hauptmann, seine Schwester und die Magd, waren alle drei in dieser Nacht ermordet und offenbar beraubt worden. (Hierher hatte sich auch der Polizeimeister von der Feuersbrunst zu der Zeit begeben gehabt, als Lembke das Bett zu retten suchte.) Gegen Morgen verbreitete sich diese Nachricht, und eine gewaltige Menge von Menschen aller Art, darunter sogar viele Abgebrannte, strömten nach dem freien Platze zu dem neuen Hause hin. Es war schwer hindurchzukommen, so groß war das Gedränge. Man erzählte mir sofort, der Hauptmann sei mit durchschnittener Kehle gefunden worden, auf einer Bank liegend, angekleidet; er sei wahrscheinlich in sinnlos betrunkenem Zustande ermordet worden, so daß er den Mörder nicht gehört habe, und habe geblutet »wie ein Ochse«; seine Schwester Marja Timofejewna sei von Messerstichen ganz durchlöchert und habe auf dem Fußboden an der Tür gelegen, so daß mit Sicherheit anzunehmen sei, sie sei wach gewesen und habe sich gewehrt und mit dem Mörder gerungen. Der Magd, die sicherlich ebenfalls aufgewacht sei, sei der Schädel vollständig zerschmettert. Nach den Erzählungen des Hauswirtes war der Hauptmann noch am Vormittage des vorhergehenden Tages betrunken zu ihm gekommen, hatte geprahlt und viel Geld gezeigt, gegen zweihundert Rubel. Die alte, abgescheuerte grüne Brieftasche des Hauptmanns war leer auf dem Fußboden gefunden worden; aber Marja Timofejewnas Kasten war unangerührt gewesen, desgleichen der silberne Rahmen des Heiligenbildes; auch die Garderobe des Hauptmanns stellte sich als unversehrt heraus. Es war offenbar, daß der Dieb es eilig gehabt, die Verhältnisse des Hauptmanns genau gekannt hatte, nur um des Geldes willen gekommen war und gewußt hatte, wo er es finden konnte. Wäre der Hauswirt nicht so bald herbeigekommen, so würde das brennende Holz sicherlich das Haus in Brand gesetzt haben, und, sagten die Leute, an den verbrannten Leichnamen wäre es dann schwer gewesen, die Wahrheit zu erkennen.