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Die Dämonen
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»Ach, wieder wie am Vormittag!«

Und plötzlich schlug in dieses schon beginnende Gedränge wieder eine Bombe ein, gerade »wieder wie am Vormittag.«

»Feuer! Die ganze jenseitige Stadt brennt!«

Ich erinnere mich nur nicht, wo dieser schreckliche Ruf zuerst erscholclass="underline" ob in den Sälen, oder ob jemand, wie es scheint, mit diesem Rufe von der Treppe und aus dem Vorzimmer hereingelaufen kam; aber unmittelbar darauf trat ein solcher Wirrwarr ein, daß ich es nicht unternehme, ihn zu schildern. Mehr als die Hälfte des auf dem Balle anwesenden Publikums war aus dem jenseitigen Stadtteile und besaß dort Holzhäuser oder wohnte in solchen zur Miete. Sie stürzten zu den Fenstern; im Nu waren die Gardinen auseinandergezogen, die Rouleaus zerrissen. Der jenseitige Stadtteil brannte. Allerdings war die Feuersbrunst erst im Entstehen; aber es brannte an drei ganz verschiedenen Stellen; gerade das war es, was Schrecken erregte.

»Brandstiftung! Die Schpigulinschen!« wurde in der Menge gerufen.

Ich erinnere mich an einige sehr charakteristische Ausrufe.

»Das habe ich doch geahnt, daß sie Feuer anlegen werden; all diese Tage her habe ich es geahnt!«

»Die Schpigulinschen die Schpigulinschen; kein anderer!«

»Man hat uns hier absichtlich versammelt, um dort Feuer anzulegen!«

Dieser letzte, wunderlichste, unwillkürliche Ausruf rührte von einer Frau her, die ihr Haus ebenfalls gefährdet wußte. Alles strömte dem Ausgange zu. Ich versuche nicht zu schildern, welches Gedränge im Vorzimmer beim Suchen nach den Pelzen, Tüchern und Pelerinen herrschte, wie erschrockene Frauen kreischten und junge Mädchen weinten. Diebstähle sind wohl kaum vorgekommen; aber es ist kein Wunder, daß bei solcher Unordnung manche Leute ohne ihre warmen Überkleider wegfuhren, da sie das Ihrige nicht hatten finden können; darüber kursierten nachher in der Stadt viele Erzählungen mit legendenhaften Ausschmückungen. Lembke und Julija Michailowna wurden von der Menge in der Tür beinahe erdrückt.

»Alle zurückhalten! Niemanden hinauslassen!« schrie Lembke und streckte den Drängenden drohend die Hand entgegen. »Alle sollen Mann für Mann aufs strengste visitiert werden, sofort!«

Aus dem Saale antwortete ein Hagel kräftiger Schimpfworte.

»Andrei Antonowitsch! Andrei Antonowitsch!« rief Julija Michailowna in heller Verzweiflung.

»Die soll zuerst verhaftet werden!« schrie dieser und wies drohend mit dem Finger auf sie. »Die soll zuerst visitiert werden. Der Ball ist zum Zwecke der Brandstiftung arrangiert worden ...«

Sie schrie auf und fiel in Ohnmacht (oh, natürlich in eine wirkliche Ohnmacht). Ich, der Fürst und der General stürzten zu ihr hin, um ihr zu helfen; es fanden sich auch andere, die uns in diesem schweren Augenblicke beistanden, sogar einige Damen. Wir trugen die Unglückliche aus dieser Hölle hinaus und setzten sie in ihren Wagen; aber erst als wir bei ihrem Hause vorfuhren, kam sie zur Besinnung, und ihr erster Schrei betraf wieder Andrei Antonowitsch. Nach der Zerstörung all ihrer Phantasiegebilde stand nur noch Andrei Antonowitschs Gestalt vor ihrem geistigen Blicke. Wir schickten zu einem Arzte. Ich wartete bei ihr eine ganze Stunde lang, desgleichen der Fürst; der General wollte in einem Anfall hochherziger Gesinnung (obwohl er selbst einen großen Schreck bekommen hatte) die ganze Nacht nicht »von dem Bette der Unglücklichen« weggehen; aber nach zehn Minuten schlief er, noch ehe der Arzt gekommen war, im Saale auf einem Lehnstuhle sitzend ein; da ließen wir ihn denn auch.

Dem Polizeimeister, der sofort den Ball verließ, um zum Feuer zu eilen, gelang es, Andrei Antonowitsch hinter uns her hinauszuführen, und er wollte ihn veranlassen, zu Julija Michailowna in die Kutsche zu steigen, indem er Seiner Exzellenz aus aller Kraft zuredete, sich doch zu beruhigen. Aber ich begreife nicht, warum er nicht auf diesem Verlangen bestand. Allerdings wollte Andrei Antonowitsch nichts von Ruhe hören, sondern wollte mit Gewalt zum Feuer; aber das hätte kein Grund sein dürfen. Schließlich nahm ihn der Polizeimeister in seinem eigenen Wägelchen mit zum Feuer. Später erzählte er, Lembke habe während der ganzen Fahrt gestikuliert und schreiend ganz absonderliche, unausführbare Ideen vorgebracht. In der Folge lautete denn auch die amtliche Darstellung, Seine Exzellenz habe zu jener Zeit »infolge des plötzlichen Schrecks« bereits ein Nervenfieber gehabt.

Ich brauche nicht erst zu erzählen, wie der Ball endete. Ein paar Dutzend Strolche und mit ihnen sogar einige Damen waren in den Sälen zurückgeblieben. Polizei war keine mehr da. Die Musik ließ man nicht weg; die Musikanten, die fortgehen wollten, wurden geprügelt. Bis zum Morgen wurden dem Koche Prochorytsch seine sämtlichen Vorräte weggenommen; man trank bis zur Bewußtlosigkeit, tanzte den Kamarinski ohne Zensur, besudelte die Zimmer, und erst bei Tagesgrauen eilte ein Teil dieser Bande völlig betrunken zur Brandstätte, um dort neuen Unfug zu treiben. Die andere Hälfte übernachtete in den Sälen, in sinnlos betrunkenem Zustande mit allen Folgen desselben, auf den Samtsofas und auf dem Fußboden. Am Morgen, so bald es irgend möglich war, zog man sie an den Beinen auf die Straße hinaus. So endete das Fest zum Besten der Gouvernanten unseres Gouvernements.

IV.

Die Feuersbrunst rief bei unserer jenseits des Flusses wohnenden Einwohnerschaft namentlich deswegen einen so großen Schrecken hervor, weil die Brandstiftung zweifellos war. Es ist bemerkenswert, daß bei dem ersten Schrei: »Es brennt!« sogleich auch gerufen wurde: »Die Schpigulinschen legen Feuer an!« Jetzt ist bereits hinreichend festgestellt, daß sich in der Tat drei Schpigulinsche Arbeiter an der Brandstiftung beteiligt haben, aber auch nicht mehr; alle übrigen Arbeiter dieser Fabrik sind sowohl von der öffentlichen Meinung als auch amtlich völlig freigesprochen worden. Außer diesen drei Taugenichtsen (von denen einer ergriffen wurde und geständig war, während die beiden andern noch bis jetzt flüchtig sind) war an der Brandstiftung zweifellos auch der Sträfling Fedka beteiligt. Das ist alles, was vorläufig über die Entstehung der Feuersbrunst mit Sicherheit bekannt ist; etwas anderes ist es mit den Mutmaßungen. Wodurch sind diese drei Taugenichtse zu der Tat veranlaßt worden? Hat sie jemand dazu angestiftet? Auf diese Fragen ist es sehr schwer eine Antwort zu geben, selbst jetzt.

Infolge des starken Windes, infolge der fast durchweg hölzernen Bauart des jenseits des Flusses gelegenen Stadtteiles und endlich infolge der Brandstiftung an drei verschiedenen Stellen breitete sich das Feuer schnell aus und ergriff mit unglaublicher Gewalt eine ganze Menge von Häusern (übrigens darf man eigentlich nur Brandstiftung an zwei Stellen rechnen; eine dritte wurde fast in demselben Augenblicke, wo es aufbrannte, bemerkt und gelöscht; hierauf komme ich noch weiter unten zu sprechen). Aber in den Korrespondenzen der hauptstädtischen Zeitungen wurde das Unglück, das uns betroffen hatte, übertrieben: abgebrannt ist nicht mehr als ein Viertel (vielleicht sogar noch weniger) des ganzen jenseits gelegenen Stadtteiles, schätzungsweise gesagt. Unsere Feuerwehr, die allerdings im Verhältnis zu der Ausdehnung und Einwohnerzahl unserer Stadt nur schwach ist, arbeitete doch sehr prompt und aufopfernd. Aber sie hätte nicht viel ausgerichtet, auch trotz der freundlichen Mithilfe der Einwohner nicht, wenn nicht gegen Morgen eine Änderung im Winde eingetreten wäre, der sich auf einmal kurz vor Tagesanbruch legte. Als ich nur eine Stunde nach meiner Flucht vom Balle nach dem jenseitigen Stadtteile gelangte, war das Feuer auf seiner vollen Höhe. Die ganze mit dem Flusse parallel laufende Straße brannte. Es war so hell wie am Tage. Ich will das Bild, das die Feuersbrunst darbot, nicht eingehend schildern: wer kennt es in Rußland nicht? In den der brennenden Straße zunächst liegenden Gassen war ein maßloses Gehaste und Gedränge. Hier wurde das Feuer mit Bestimmtheit erwartet, und die Bewohner schleppten ihre Habe heraus, entfernten sich aber immer noch nicht von ihren Wohnungen, sondern saßen wartend auf ihren herausgeschleppten Kasten und Betten, jeder vor seinen Fenstern. Ein Teil der männlichen Bevölkerung war mit schwerer Arbeit beschäftigt: sie schlugen schonungslos Zäune nieder und trugen sogar ganze Hütten ab, die dem Feuer zu nahe waren und unter dem Winde lagen. Die soeben aus dem Schlafe gerissenen Kinder weinten; die Weiber, die bereits ihren Kram herausgeschleppt hatten, heulten und jammerten; diejenigen, die noch nicht damit fertig waren, verrichteten die Arbeit des Heraustragens schweigend und mit aller Energie. Funken und brennende Holzstücke flogen weithin; man löschte sie nach Möglichkeit. An der Brandstätte selbst drängten sich die Zuschauer, die von allen Enden der Stadt zusammengelaufen waren. Manche halfen löschen; andere sahen nur schaulustig zu. Ein großes nächtliches Feuer hat immer die Wirkung, die Nerven zu reizen und ein Gefühl des Vergnügens hervorzurufen; darauf beruhen die Feuerwerke; aber da wird das Feuer nach schönen, regelmäßigen Entwürfen arrangiert und bringt bei seiner völligen Gefahrlosigkeit eine muntere, lustige Stimmung hervor, ähnlich wie ein Glas Champagner. Etwas anderes ist eine wirkliche Feuersbrunst: hier haben der Schrecken und eine Art von Gefühl, als ob man selbst gefährdet sei, neben dem vergnüglichen Eindrucke des nächtlichen Feuers, bei dem Zuschauer (natürlich nicht bei dem Bewohner, welcher abbrennt) eine gewisse Erschütterung des Gehirnes zur Folge und erwecken seinen eigenen Zerstörungstrieb, der leider in eines jeden Seele verborgen liegt, sogar in der Seele des friedlichsten Familienvaters und Titularrates ... Diese düstere Empfindung hat fast immer etwas Berauschendes. »Ich weiß wirklich nicht, ob man eine Feuersbrunst ohne ein gewisses Vergnügen mit ansehen kann,« sagte Wort für Wort Stepan Trofimowitsch einmal zu mir, als er von einer nächtlichen Feuersbrunst zurückkehrte, zu der er zufällig gekommen war, noch unter dem ersten Eindrucke dieses Schauspieles. Natürlich wird derselbe Liebhaber eines nächtlichen Feuers sich auch selbst ins Feuer stürzen, um ein von den Flammen bedrohtes Kind oder eine alte Frau zu retten; aber das steht auf einem andern Blatte.

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