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Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)

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Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)
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»Ja«, sagte ich, und bei der Nennung des Namens flackerte sofort Alarm in mir auf. »Ich habe Petronella Mueller vor drei Wochen entbunden.«

»Ah.« Grey leckte sich die trockenen Lippen und sah zu Boden; er wollte es mir nicht sagen. »Das – das Kind ist tot, fürchte ich. Und die Mutter auch.«

»Oh, nein.« Ich sank auf die Bank neben der Tür, und absolute Hilflosigkeit überschwemmte mich. »Nein. Das kann nicht sein.«

Grey rieb sich mit der Hand über den Mund und nickte, während der Pastor weitersprach und dabei aufgeregt seine kleinen, fetten Hände schwenkte.

»Er sagt, es waren die Masern.«

Er fuhr auf Deutsch an den Pastor gewandt fort und deutete auf die Reste des Ausschlags, die immer noch in seinem Gesicht zu sehen waren.

Der Pastor nickte nachdrücklich und wiederholte Lord Johns Worte, wobei er sich auf die eigenen Wangen klopfte.

»Aber wozu braucht er Jamie?«, fragte ich, und Verwunderung mischte sich unter meine Besorgnis.

»Offensichtlich glaubt er, dass Jamie in der Lage sein könnte, den Mann zur Vernunft zu bringen – Herrn Mueller. Sind die beiden befreundet?«

»Nicht direkt, nein. Jamie hat Gerhard Mueller letztes Frühjahr vor der Mühle ins Gesicht geboxt und ihn niedergeschlagen.«

In Lord Johns von Krusten überzogener Wange zuckte ein Muskel.

»Ich verstehe. Dann benutzt er also den Begriff ›zur Vernunft bringen‹ im weitesten Sinne, ja?«

»Mueller kann man nur mit Methoden zur Vernunft bringen, die nicht komplexer sind als ein Axtstiel«, sagte ich. »Aber inwiefern ist er denn unvernünftig?«

Grey zögerte, wandte sich dann erneut an den kleinen Priester, fragte ihn noch etwas und lauschte gebannt dem darauffolgenden deutschen Sturzbach.

Stück für Stück, unter ständigen Unterbrechungen und häufigem Gestikulieren, kam die Übersetzung der Geschichte heraus.

Wie Lord John uns schon berichtet hatte, gab es eine Masernepidemie in Cross Creek. Diese hatte offensichtlich auf das Hinterland übergegriffen; mehrere Haushalte in Salem waren betroffen, doch die Muellers hatten dank ihrer Isolation bis vor kurzem keine Ansteckung erlitten.

Doch am Tag, bevor sich die ersten Masernsymptome zeigten, hatte eine kleine Gruppe Indianer auf dem Muellerhof haltgemacht und hatte um etwas zu essen und zu trinken gebeten. Mueller, mit dessen Ansichten über Indianer ich bestens vertraut war, hatte sie unter einem Schwall von Beschimpfungen verjagt. Die beleidigten Indianer hatten – so Mueller – mysteriöse Zeichen in Richtung des Hauses gemacht, als sie fortritten.

Als am nächsten Tag die Masern in der Familie ausbrachen, stand für Mueller fest, dass ihnen die Krankheit angehext worden war, dass die Indianer, die er vor den Kopf gestoßen hatte, sie über sein Haus gebracht hatten. Er hatte sogleich Symbole gegen den Zauber auf die Wände gemalt und den Pastor aus Salem herbeigerufen, damit er einen Exorzismus durchführte … »Ich glaube, das hat er gesagt«, fügte Lord John zweifelnd hinzu. »Aber ich bin mir nicht sicher, ob er damit meint …«

»Egal«, sagte ich ungeduldig. »Weiter!«

Keine dieser Vorsichtsmaßnahmen hatte Mueller etwas genützt, und als Petronella und das Neugeborene der Krankheit erlagen, hatte der alte Mann den Rest seines Verstandes verloren. Unter Racheschwüren gegen die Wilden, die diese Katastrophe über seinen Haushalt gebracht hatten, hatte er seine Söhne und Schwiegersöhne gezwungen, ihn zu begleiten, und war in die Wälder davongeritten.

Vor drei Tagen waren sie von dieser Expedition zurückgekehrt, die Söhne bleich und schweigsam, der alte Mann fiebernd vor kalter Genugtuung.

Gottfried sprach weiter, und die Erinnerung trieb ihm den Schweiß ins Gesicht. Ich war dort, hatte er gesagt. Ich habe ihn gesehen.

Von einer hysterischen Botschaft der Frauen herbeigerufen, war der Pastor in den Stallhof geritten und hatte zwei lange, schwarze Haarzöpfe vorgefunden, die vom Scheunentor herabhingen und sich sanft über einer grob gemalten deutschen Aufschrift im Wind wiegten.

»Das heißt ›Rache‹«, übersetzte Lord John für mich.

»Ich weiß«, sagte ich, und mein Mund war so ausgetrocknet, dass ich kaum sprechen konnte. »Ich habe Sherlock Holmes gelesen. Ihr meint, er …«

»Ganz offensichtlich.«

Der Pastor redete immer noch; er ergriff meinen Arm und schüttelte ihn, um mir die Dringlichkeit seiner Botschaft klarzumachen. Greys Blick verschärfte sich als Reaktion auf die folgenden Worte des Priesters, und er unterbrach ihn mit einer abrupten Frage, die mit wildem Kopfnicken beantwortet wurde.

»Er ist auf dem Weg hierher. Mueller.« Grey schwang mit alarmiertem Gesicht zu mir herum.

Der Pastor, der über die Skalpe fürchterlich erschrocken war, hatte sich auf die Suche nach Herrn Mueller gemacht und musste feststellen, dass der Patriarch seine grausigen Trophäen an die Scheune genagelt und dann den Hof verlassen hatte, in Richtung Fraser’s Ridge – hatte er gesagt –, um mich aufzusuchen.

Wenn ich nicht schon gesessen hätte, wäre ich bei dieser Nachricht vielleicht zusammengebrochen. Ich fühlte, wie mir das Blut aus den Wangen wich, und ich war mir sicher, dass ich mindestens so bleich war wie Pastor Gottfried.

»Warum?«, sagte ich. »Ist er – er kann doch nicht! Er kann doch nicht glauben, dass ich Petronella oder dem Baby etwas angetan habe. Oder?« Ich wandte mich flehend an den Pastor, der sich mit seiner aufgedunsenen, zitternden Hand durch sein graumeliertes Haar fuhr und die sorgsam eingefetteten Strähnen durcheinanderbrachte.

»Der Kirchenmann weiß nicht, was in Mueller vorgeht oder in welcher Absicht er kommt«, sagte Lord John. Er ließ den Blick interessiert über die wenig einnehmende Gestalt des Pastors gleiten. »Zu seiner großen Ehre ist er Mueller ganz allein wie der Teufel hinterhergeritten und hat ihn zwei Stunden später gefunden – bewusstlos am Straßenrand.«

Der hünenhafte, alte Bauer hatte offenbar auf seiner Jagd nach Rache tagelang nichts gegessen. Maßlosigkeit war keine Schwäche, die man bei den Lutheranern fand. Doch so müde und aufgewühlt, wie er war, hatte Mueller nach seiner Rückkehr reichlich getrunken, und die enormen Biermassen, die er konsumiert hatte, waren zu viel für ihn gewesen. Vom Alkohol überwältigt, hatte er es noch geschafft, sein Maultier anzubinden, hatte sich dann aber in seinen Rock gehüllt und war unter der Kriechenden Heide am Straßenrand eingeschlafen.

Der Pastor hatte keinen Versuch unternommen, Mueller zu wecken, denn er kannte das Temperament des Mannes gut und hatte nicht das Gefühl, dass Alkohol es verbessern würde. Stattdessen war Gottfried seinerseits aufs Pferd gestiegen und war losgeritten, so schnell er konnte, im Vertrauen darauf, dass ihn die Vorsehung schon rechtzeitig hier eintreffen lassen würde, um uns zu warnen.

Er hatte keinen Zweifel gehabt, dass mein Mann in der Lage sein würde, unabhängig von Muellers Geisteszustand oder Absicht mit diesem fertigzuwerden, aber da er nicht da war …

Pastor Gottfried blickte hilflos von mir zu Lord John und wieder zurück.

Auf Deutsch legte er uns nahe wegzugehen, und verdeutlichte uns, was er meinte, indem er mit einem Ruck seines Kopfes auf die Koppel wies.

»Ich kann nicht fort«, sagte ich. Ich deutete auf das Haus und erklärte ihm in gebrochenem Deutsch, dass mein Neffe krank sei.

Lord John verbesserte meine Bemühungen ungeduldig und stellte dem Pastor eine weitere Frage.

Dieser schüttelte den Kopf, und seine Sorge verwandelte sich in Erschrecken.

»Er hat die Masern noch nicht gehabt«, sagte Lord John an mich gewandt. »Er darf also nicht hierbleiben, sonst läuft er Gefahr, sich anzustecken, nicht wahr?«

»Ja.« Der Schock begann nachzulassen, und ich fing an, mich zusammenzureißen. »Ja, er sollte sofort gehen. Eure Nähe ist nicht gefährlich für ihn, Ihr seid nicht mehr ansteckend. Ian dagegen schon.« Ich unternahm einen vergeblichen Versuch, mein Haar zu glätten, das mir zu Berge stand – kein Wunder, dachte ich. Dann fielen mir die Skalpe an Muellers Scheunentor ein, und mir standen wirklich die Haare zu Berge. Über meine eigene Kopfhaut lief vor Schreck eine Gänsehaut.

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