Der Erbe des Radscha
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #3
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Erbe des Radscha». Краткое содержание книги:
8
Marina führte jetzt sozusagen den Haushalt der beiden Männer Michel und Ojo. Der christliche Sklave Horuk hatte zwar keinerlei außerdienstliche Beziehungen zu den dreien, war aber dennoch froh, Michels Sklave zu sein. Er brauchte sich um nichts weiter zu kümmern als um die Versorgung der Pferde.
Die drei hielten auch vor ihm vorerst noch geheim, wer sie waren. Man wollte sich niemandem gegenüber auch nur die geringste Blöße geben.
»Wir haben noch sieben Tage Zeit, um den Tod unse rer Freunde zu verhindern«, sagte Marina, als es nodi ebenso viele Tage bis zum Kurban-Bairam waren, dem Fest der fallenden Opfer, das man am zehnten Tag des Dsulhiddsche[5] feierte.
Sie waren allein. Horuk beschäftigte sich mit den Pferden im Stall.
»Es wird Zeit, daß wir an die Arbeit gehen«, sagte Michel.
»Ich habe mir schon meine Gedanken gemacht, wie wir vorgehen können.«
»Wollen wir nicht Horuk ins Vertrauen ziehen?« fragte Ojo, dem es lästig wurde, sich auch in Gegenwart des Sklaven dauernd Zwang aufzuerlegen.
Michel wiegte zunächst bedenklich den Kopf.
»Ich weiß nicht, ob der Bursche den Anforderungen an seinen Mut gewachsen ist. Andererseits stört uns die Anwesenheit eines Uneingeweihten in unseren Unternehmungen.« Dann sagte er plötzlich:
»Ruf ihn herein, Diaz! Ihr, Senorita, geht bitte so lange hinaus. Er braucht noch nicht zu wissen, wie wir miteinander stehen.«
Marina nickte und verließ das Zimmer.
Ojo ging hinaus und rüttelte Horuk wach, der sich verschlafen aus dem Heu im Stall wühlte. Mit vielen Gesten machte ihm der »Stumme« klar, daß er zu seinem Herrn kommen sollte. Horuk nickte und stand wenige Minuten später vor dem Pfeifer.
»Ich muß etwas mit dir besprechen, Horuk«, begann Michel. »Setz dich dort auf das Polster.« Horuk blieb verlegen stehen. Er hatte genügend üble Erfahrungen bei seinem vorigen Herrn gesammelt. Wenn dieser aus irgendeinem Grund leutselig geworden war, hatte er das später durch die doppelte Tracht Prügel wieder wettgemacht.
Nun, Horuk hatte hier noch nie Schläge erhalten. Aber die Aufforderung des Herrn, sich in seiner Gegenwart, noch dazu im Selamlik2, hinzusetzen, war denn doch etwas ungewöhnlich. Nur widerstrebend gehorchte er.
Ojo beobachtete ihn amüsiert. Er haßte nichts mehr als Unterwürfigkeit.
»Sagtest du nicht einmal, daß du französisch sprichst?« ; fragte Michel.
;»Ja, Herr«, beeilte sich Horuk mit der Antwort. »Ich spreche noch mehr Sprachen. Ich beherrsche auch klassisches Griechisch und das Latein Ciceros.«
»Hm«, machte Michel. »Sicherlich warst du ein Munschi[6]?« »Ja, Herr, ich habe in Sofia studiert, Sprachen und Philosophie.« »Hm. Sprichst du auch spanisch?« »Ja, Herr.«
»Nun gut, unterhalten wir uns in dieser Sprache.«
Mit dem Wechsel der Sprachen fiel auch das Sklave-Herr-Verhältnis von den beiden ab. Ganz unbewußt gebrauchte Michel das höfliche »Ihr« an Stelle des vertraulichen »Du«, mit dem er Diaz stets anredete.
»Ich spreche spanisch allerdings nicht so gut wie französisch.«
»Das macht nichts«, meinte Michel, »ich habe meine Gründe, mit Euch spanisch zu reden. Bitte versucht, Euch so deutlich wie möglich auszudrücken.« »Si, maestro.«
»Nennt mich nicht maestro. Sagt einfach Senor. Ich möchte Euch einige Fragen stellen. Was
habt Ihr noch in Euerm Leben getan außer Sprachen zu studieren?«
»Eigentlich nicht viel.«
»Versteht Ihr Euch auf praktische Dinge?«
»Das ist schwer zu beantworten, wenn man nicht weiß, worum es sich handelt. Daß ich als Stallbursche nicht ungeschickt war, habe ich Euch bewiesen, Senor.«
»Ja. Und schnelles Laden beim Schießen habe ich Euch beigebracht. Die Frage ist nun, ob Ihr über genügend Mut verfügt und unter Umständen große Strapazen aus halten könnt.« »Oh, ich bin genug strapaziert worden als Sklave«, sagte Horuk bitter. »Ich bin dem Sklavenhändler dreimal davongelaufen. Aber sie haben mich immer wieder eingefangen. Glaubt mir, Senor, es gibt nichts Furchtbareres für mich als die Unfreiheit. Meine Männlichkeit haben sie mir genommen und in ihrer Brutalität meine Seele geknickt. Ihr, maestro, wart eine Ausnahme, wie man sie im ganzen Orient nicht mehr finden wird.«
»Laßt den maestro weg, Horuk. Seid Ihr bereit, noch einmal etwas für Eure Freiheit zu wagen und eventuell den Tod zu erleiden, wenn man Euch doch wieder ergreifen sollte?« »Ihr wollt mich jetzt freigeben, Senor?«
»Nein«, sagte Michel, »das wäre doch zwecklos hier. Man würde Euch in spätestens einer Woche wieder Eurer Freiheit beraubt haben. Ich möchte Euch mitnehmen bei dem, was ich vorhabe, wenn ich Euch vertrauen kann. Allein auf das Vertrauen kommt es an. Unser Weg soll uns dorthin führen, wo es keine Sklaverei gibt.«
»Ich gehe mit Euch in die Hölle, Senor. Ihr könnt Euch voll und ganz auf mich verlassen. Nur gestattet mir noch eine Frage.«
»Bitte.«
Horuk zögerte etwas. Doch dann meinte er:
»Ich habe Euch schon einmal für einen Christen gehalten. Seid mir nicht böse, wenn ich diese Frage wiederhole. Euer Verhalten gegen einen Sklaven ist aber für einen Moslem unmöglich.« Michel lächelte. Dann wandte er sich an Ojo. »Sag du es ihm, taubstummer Diaz.«
Diaz Ojo lachte breit. Er war heilfroh, daß er sich von nun ab auch vor dem Reitknecht keinen Zwang mehr aufzuerlegen brauchte.»Si, Horuk, du hast nicht ganz unrecht. Wir sind beide aus Frankistan. Und der Senor Doktor ist so wenig ein Mohammedaner wie du. Was wir hier gespielt haben, war alles Theater. Aber es hatte seinen Zweck. Und vorläufig müssen wir noch eine Weile weiterspielen.«
Horuk fiel aus allen Wolken, als er des vermeintlichen Stummen mächtige Stimme vernahm, die wie das Grollen des Donners durch den Raum klang.
»Großer Gott, ich danke dir«, sagte er inbrünstig. »Welch eine Fügung, daß mich Achmed Serdar gerade Euch schenkte.«
Tränen standen in seinen Augen. Seine Hände zitterten vor Glück. »Vater unser, der du bist im Himmel...«, murmelten seine Lippen.
Marina hatte nebenan Ojos Baß gehört. Man hatte dem Sklaven also Vertrauen geschenkt. Bueno, da brauchte auch sie sich nicht mehr zurückzuhalten. Sie öffnete die Tür und meinte: »Ist nun alles in Ordnung, Miguel?« Michel nickte schweigend und deutete auf Horuk.
5
10. Monat des islamischen Mondjahres
6
Lehrer