Der Erbe des Radscha
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #3
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Erbe des Radscha». Краткое содержание книги:
»Byron.«
»Dieser Byron also hat Spanier, stolze Spanier, in der Klemme steckenlassen?« »Spanische Seeräuber«, verbesserte Michel.
»Trotzdem. Wie kann man Menschen der gleichen Art diesen Barbaren überlassen!« Michel zuckte die Schultern.
»Ich kann mir nicht gut vorstellen, daß Kapitän Byron sie zu seiner Art rechnet.«
Marina blickte ihn lange an.
»Und Ihr, Miguel, wie steht es mit Euch?«
»Für mich sind alle Menschen gleich wertvoll und wichtig. Ich mache keine Unterschiede zwischen Gut und Böse, wenn es um ihre Rettung geht. Aber Piraten sind sie nun einmal. Daran ändert sich auch nichts, wenn sie nicht am Galgen enden.«
»Es wird sich manches ändern«, sagte Marina und war auf einmal wieder ganz die alte.
7
Die heisere Stimme des Muezzin rief die Gläubigen zum Abendgebet auf. Der singende Tonfall drang vom Minareh der Mahmud-Pascha-Moschee bis in die Zellen des Hafengefängnisses. »Demonio«, sagte der kleine Alfonso Jardin, »jedesmal, wenn der Muezzin anfängt zu krähen, muß ich daran denken, daß die Tage, die wir noch zu leben haben, immer weniger werden.« »Hört mit der verdammten Winselei auf«, antwortete wütend Escamillo de Fuentes. »Ihr seid eine Jammergestalt ohnegleichen. Wenn das Leben zu Ende geht, muß man sich damit abfinden. Ändern kann man doch nichts daran.« Die Mitgefangenen knurrten böse. Einer wandte sich an Don Escamillo und meinte:
»Tut nicht so heldenhaft, Senor. Ich für mein Teil habe nicht die geringste Lust, mich mit dem Gehängtwerden so einfach abzufinden. Es ist doch ein verdammt komisches Gefühl, sich vorzustellen, wie einem der Strick langsam die Luft abdrückt.«
Don Escamillo de Fuentes, der erste Offizier der »Trueno«, lachte etwas gezwungen.
»Ob du dir das nun in allen Farben ausmalst oder nicht, entgehen kannst du deinem Schicksal nicht. Wir haben als Piraten gelebt und werden als Piraten sterben.«
»Das ist nicht ganz richtig«, mischte sich der weißhaarige und weißbärtige Kapitän Porquez ein. »Wir haben die kürzeste Zeit unseres Daseins als Piraten gelebt. Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man mit einem Kaperbrief des Königs segelt oder ohne. Ich hätte mich euer aller Willen nicht beugen sollen, als ich vor der Wahl stand, die »Trueno« zu einem Kauf fahrer zu machen oder ohne Brief auf Kaperfahrt zu gehen. Aber ihr wart stärker. Die verdammte Capitana Marina hat euch verdorben.«
»Mich nicht«, antwortete Escamillo stolz. »Ich habe mich nie ihrem Willen unterworfen. Und schließlich bin ich auch derjenige gewesen, der Euch, Capitan, Euer Schiff wieder in die Hände gespielt hat.«
Porquez nickte bedächtig. Er wollte etwas sagen. Aber da ergriff der Pirat, der vorhin schon gesprochen hatte, wieder das Wort.
»Wir haben es Euerm Verrat an unserer Senorita Capitan zu verdanken, daß wir in diese Lage geraten sind. Dieser Meinung jedenfalls sind die meisten meiner companeros. Vergeßt das nicht, wenn Euch der Strick an der Kehle kitzelt.«
Don Escamillo war trotz des gemeinsamen Gefängnisses immer noch nicht bereit, sich mit dem »Pöbel« — das war in diesem Fall die Mannschaft — auf eine Stufe zu stellen. Vertraulichkeit seiner ehemaligen Untergebenen behagte ihm auch heute noch nicht. Er wäre für sein Leben gern an einem gesonderten Galgen gehenkt worden. Er hätte etwas darum gegeben, wenn er die letzten Stunden nicht in Gesellschaft seiner Piraten hätte verbringen müssen. Er war jetzt in der Stimmung, Cervantes zu lesen und gebildete Gespräche zu führen. Eine Unmutsfalte zeichnete sich auf seiner Stirn ab.
»Du bist gar nicht kompetent«, gab er dem Piraten zur Antwort, »über den Begriff Verrat zu sprechen. Deine und deiner companeros Meinung interessiert mich nicht im geringsten.« Der Pirat tippte sich mit dem Zeigefinger gegen die Stirn und sagte zu seinen Kameraden: »Der spinnt noch immer. Schade, daß wir kein Galakleid mehr haben, sonst könnten wir es ihm geben, wenn es zum Baumeln geht.«
Der kleine Jardin stimmte dem Matrosen zu. Schon tausendmal hatte er die Stunde verflucht, in der ihn der Wunsch, wieder Planken unter die Füße zu bekommen, zum Verräter an der Gräfin de Andalusia und — was viel schwerer wog — am Silbador hatte werden lassen. Er betrachtete das nun in Kürze zu erwartende Ende als Strafe für seine Untreue. Sein Haß gegen Escamillo aber war seit jenem Tage ins Unermeßliche gewachsen.
»Ich bin jedenfalls überzeugt«, sagte er, »daß wir längst frisch und fröhlich wieder im Atlantik segeln würden, wenn Marina unser Capitan geblieben wäre. Sie hat oft genug bewiesen, daß sie es verstand, Herr jeder Situation zu werden. Sie hätte uns auch durch die Straße von Gibraltar geschleust.«
»Ihr redet irre, Senor Jardin«, sagte Fuentes mit Würde. »Er hat recht«, riefen die Piraten.
»Ich hätte gedacht, daß Ihr mehr Anhänglichkeit für Euern alten Capitan besitzt, Senor Jardin«, sagte Porquez resigniert.
»Ich verehre Euch nach wie vor, Capitan. Ihr habt in den Steinbrüchen von El Mengub bewiesen, daß Ihr trotz Eures Alters über einen Mut verfügt, wie ihn nur wenige Junge aufzubringen vermögen. Und vor allem kann ich auch verstehen, daß Ihr die Gräfin nicht gerade liebt. Dennoch wißt Ihr, daß es nicht zuletzt darauf ankommt, wie die Mannschaft zu ihrem Capitan steht. Nun, die Mannschaft war immer mit Euch zufrieden. Das ist viel. Aber die Senorita wurde von ihr abgöttisch geliebt. Und das ist noch mehr, wie Ihr zugeben müßt.« »Bravo — bravissimo!« erklang es im Kreise. Und wie zur Unterstreichung des Gesagten erhoben sich ein paar Piraten von ihren fauligen Strohmatten. »Das Weib hat euch alle behext«, sagte Porquez.
»Ich bitte mich auszunehmen, Senor Capitan«, näselte Fuentes in herablassendem Ton. »Keine Regel ohne Ausnahme«, antwortete der Kapitän. »Fuentes ist tatsächlich übergeschnappt«, bemerkte der Matrose.
»Senores«, schaltete sich Virgen mit ruhiger Stimme ein. »Lohnt es sich, angesichts des Todes in einen Streit auszubrechen, wer der bessere Kapitän eines Schiffes war, das jetzt unter türkischer Flagge segelt? Nehmt euch ein Beispiel an unseren arabischen Freunden. Sie sagen kein Wort. Und sind doch gefaßter als wir alle.«
»Bueno«, lachte einer, »welch ein Wunder! Bekommen sie doch im siebenten Himmel ihres Allah siebenhundert Huri in die Betten gelegt. Und sie sind zu zweit. Das macht vierzehnhundert. Wenn sie die austauschen, so — na, ihr könnt euch das ja selbst ausmalen, nicht wahr?«
Seine Kameraden lachten hysterisch. Es tat gut zu lachen. Man vergaß dabei hin und wieder für Sekunden wenigstens den drohenden Strick.
Die Araber verzogen keine Miene. Sie hatten sich mittlerweile an die Ungezogenheiten der neuen Gefährten gewöhnt.
Der ehemalige Kapitän der »Medina« verstand jetzt genügend Spanisch, so daß er sich solche Reden von seinem Steuermann Ibn Kuteiba nicht mehr übersetzen zu lassen brauchte.