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Taran und der Zauberkessel

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Taran und der Zauberkessel
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Trotzdem blieb er bei seinem Entschluß. Er erhob sich und schickte sich an, die Pferde zu satteln. Eilonwy wurde darüber wach, auch Gurgi rieb sich die Augen. „Erhebt euch!“ drängte der Junge. „Wir müssen weg von hier, ehe die Häscher Arawns uns aufstöbern!“ „Das wird kaum zu vermeiden sein“, meinte Eilonwy.

„Ich bin überzeugt davon, daß sie die Wege nach Caer Cadarn längst besetzt haben.“

„Aber nicht die, die nach Morva führen!“ erwiderte Taran.

„Was denn!“ rief Eilonwy. „Denkst du noch immer an die verfluchten Sümpfe? Selbst wenn wir den Schwarzen Kessel fänden, könnten wir ihn zu dritt nicht wegschleppen. Schade, daß Ellidyr nicht mehr da ist! Mit seiner Hilfe hätten wir es zur Not geschafft. Und alles bloß wegen seines albernen Pferdes!“

„Mir tut’s leid um ihn“, meinte Taran achselzuckend. „Adaon hat mir von einem Untier erzählt, das er im Traum auf Ellidyrs Schultern hocken sah. Allmählich verstehe ich, was der Traum zu bedeuten hat.“ Er schwang sich auf Melynlas, Gurgi und Eilonwy bestiegen Lluagor. Dann ritten sie schnell von der Lichtung weg, in südlicher Richtung nun.

Taran hoffte, die Marschen von Morva innerhalb eines Tages erreichen zu können, obzwar er den Weg nicht kannte. Es war windstill und kühl, auf den Zweigen der Sträucher lag Reif. Während sie durch den Wald ritten, fiel dem Jungen das große, glitzernde Netz einer Spinne auf, die eifrig damit beschäftigt war, es noch weiter auszuspannen. Allenthalben gewahrte er emsiges Leben und Wirken. Eichhörnchen sammelten Wintervorräte, Ameisen bauten fleißig an ihrer Stadt. Er gewahrte sie alle, nicht so sehr mit den Augen als mit dem Herzen. Das fand er merkwürdig.

Die Luft schmeckte klar und prickelnd wie kalter Wein. Ohne zu überlegen, wußte der Junge, daß Nordwind aufkam. Und noch etwas spürte er – etwas, das ihn veranlaßte, von der bisherigen Richtung abzuweichen. „Dort drüben muß Wasser sein“, sagte er, „Trinkwasser. Laßt uns die leeren Flaschen füllen!“ Er unterbrach sich verdutzt, um dann fortzufahren: „Ja, es besteht kein Zweifel – dort drüben fließt Wasser.“

Sie gelangten nach einer Weile an einen munter sprudelnden Bach, dessen Ufer von Ebereschen gesäumt waren. Taran konnte sich nicht erklären, wie es gekommen war, daß er davon gewußt halte. Plötzlich verhielt er sein Pferd und faßte sich an den Kopf. Auf einem Felsblock inmitten des Baches saß Fflewddur und kühlte die nackten Füße im Wasser.

Der Barde sprang auf und watete freudig zu ihnen herüber. Er wirkte zwar reichlich mitgenommen, doch schien er unverwundet.

„Welch ein Glück, daß ihr mich gefunden habt!“ rief er den Freunden zu. „Ich schäme mich zwar, es einzugestehen, aber ich habe mich schlicht und einfach verlaufen. Doli war plötzlich weg, und die Häscher Arawns waren auch weg. Da hielt ich es für das beste, wenn ich zu euch zurückkehrte. Doch ich habe die Richtung verfehlt und mich ständig im Kreis bewegt. Was macht Adaon? Ich bin froh, daß ihr es geschafft habt!“ Der Barde verstummte in seiner Rede; er hatte es Taran angemerkt, was geschehen war. Nun senkte er traurig den Kopf und meinte: „Schade um Adaon! Es gibt wenige seines Schlages auf dieser Welt. Ich mache mir übrigens auch um den guten Doli Sorgen.“ Er seufzte auf und berichtete, was geschehen war. „Zunächst sind wir Arawns Häschern davongaloppiert. Doli ist wie ein Irrer geritten. Bald sichtbar, bald unsichtbar, lockte er diese gräßlichen Burschen hinter sich her, immer weiter weg von mir. Dann stürzte mein Roß, und …“ Ein Blick auf die Harfe zeigte ihm, daß die Saiten sich wieder einmal bedenklich gespannt hatten. „Nein, nicht das Roß stürzte!“ rief er geschwind. „Ich selbst war es, glaube ich, der heruntergefallen ist – und bevor ich mich wieder aufrappeln konnte, war Doli mit seinen Verfolgern längst über alle Berge – soweit man in dieser Gegend von Bergen sprechen kann.“ „Und dein Pferd?“ fragte Taran.

„Das auch“, gab der Barde kleinlaut zur Antwort. Er band sich die Schuhriemen fest und war froh, daß er nicht mehr zu Fuß gehen mußte. Taran nahm Eilonwy wieder zu sich auf Melynlas, während Fflewddur bei Gurgi aufsaß.

Taran war Dolis wegen in großer Sorge, er fürchtete auch für ihn das Schlimmste. Selbst wenn er am Leben war, hatten sie wenig Aussicht, ihn wiederzufinden. Fflewddur warnte den Jungen davor, die bisherige Richtung beizubehalten, er sagte: „Wenn du zu weit nach Süden strebst, werden wir, statt in die Marschen von Morva zu kommen, aufs Meer stoßen. Halte dich lieber ein wenig nach links hinüber!“

Taran war unschlüssig, was zu tun sei. Zuletzt ließ er Melynlas einfach laufen, wohin er wollte. Der Wald wurde schütter, sie kamen auf eine weite wellige Wiese hinaus. Taran hob sich im Sattel und blickte erstaunt umher. Die Wiese mit ihrem hohen Gras kam ihm seltsam vertraut vor, er kannte sie, hatte sie früher schon einmal gesehen … Wie zufällig griff er nach Adaons Spange, da wurde ihm alles klar. Wie Schuppen fiel es ihm von den Augen. Er blickte zum Himmel empor und sah, daß ein mächtiger grauer Vogel dort seine Kreise zog. Nun breitete er die Fittiche aus und schwebte ein Stück herab, dann flog er mit kraftvollen Flügelschlägen davon und entschwand ihren Blicken.

„Ein Sumpfreiher!“ sagte Taran. „Laßt uns ihm folgen! Ich wette, er führt uns genau in die Marschen!“ „Recht hast du!“ rief der Barde. „Wie gut, daß du ihn entdeckt hast – ich hätte ihn ganz bestimmt nicht beachtet.“ „Nicht mein Verdienst“, sagte Taran betreten. Dann erzählte er Eilonwy von der Spange, die Adaon ihm vermacht hatte, und von den Träumen der letzten Nacht. „Ist es nicht merkwürdig?“ rief er. „Ich habe von Fflewddurs Harfe geträumt, und wir fanden den Barden selbst. Dann die Geschichte mit diesem Reiher! Ich habe auch ihn heute nacht im Traum gesehen, genau wie die große Wiese. Und schließlich hatte ich noch einen dritten Traum, einen schrecklichen: Ein Bär und zwei Wölfe verfolgten mich durch die Sümpfe. Ich fürchte, auch er erfüllt sich – ganz so, wie Adaons Träume sich stets erfüllt haben.“

Eilonwy zeigte wenig Lust, ihm zu glauben. „Du willst mir doch wohl nicht einreden, daß das alles mit dieser Spange zusammenhängt, diesem Eisending“, sagte sie. „Doch!“ widersprach ihr der Junge. „Seit ich sie trage, fühle ich mich – ich weiß nicht, wie ich es sagen soll – wie verwandelt, mit einem Wort. Freilich weiß ich noch längst nicht alles, was Adaon wußte. Und doch weiß ich plötzlich Dinge, von denen ich kurz zuvor keine Ahnung hatte. Merkwürdig ist das, glaub mir das; höchst befremdlich und schön zugleich.“

Eilonwy hatte ihm schweigend zugehört, nun meinte sie: „Du magst recht haben, Taran. Wenn man dir zuhört, ist es, als spräche Adaon. Seine Spange scheint in der Tat ein Geschenk zu sein, dessen Wert unschätzbar ist. Jedenfalls redest du plötzlich bedeutend klüger als je zuvor – und gar nicht mehr wie ein Hilfsschweinehirt.“

Die Marschen von Morva

Schnell und sicher führte Taran die Gefährten den schmalen Pfad entlang, der sich seit dem Verschwinden des Sumpfreihers deutlich in der Wiese abzeichnete. Lluagor vermochte Melynlas kaum zu folgen, so daß Fflewddur den Jungen schließlich um eine kurze Rast bat. Gurgi, der wie ein vom Wind zerzauster Heuschober aussah, ließ sich dankbar ins Gras plumpsen, Eilonwy seufzte erleichtert auf.

„Gurgi könnte etwas aus seinem Beutel herausrücken“, meinte der Barde; doch Taran erwiderte: „Laßt uns zunächst einen Unterschlupf vor dem Regen suchen!“ „Vor dem Regen?“ rief Fflewddur. „Der Himmel ist klar, und die Sonne scheint; wir haben das prächtigste Wetter!“

„Laßt uns trotzdem auf Taran hören!“ erwiderte Eilonwy. „Ihr wißt, daß ich nie viel auf seine Meinung gegeben habe, doch neuerdings denke ich anders darüber.“ Der Barde fand ihre Worte reichlich merkwürdig. Den noch folgte er Taran mit den anderen quer durch die Wiesen zu einer Schlucht. Dort fanden sie eine überhängende Steinplatte, wie geschaffen als Regenschutz. „Daheim hab’ ich einen alten Oheim, der spürt es in seinen Knochen, wenn sich das Wetter ändert“, sagte der Barde. „Dazu, Taran, erscheinst du mir fast noch ein wenig jung…“

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