Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #6
- Год: 2018
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
»Das kommt der Sache doch schon näher!«, sagte Mrs. Wilson ein wenig besänftigter, als er hastig den Korken aus der Flasche zog und sie unter ihrer Nase schwenkte, damit sie die Qualität prüfen konnte. »Und etwas zu essen habt Ihr auch mitgebracht?« Mrs. Bug hatte sich nach vorn durchgeschoben und trug unseren Korb vor sich her wie eine Ramme. »Hmpf! Ich hätte nicht geglaubt, dass ich den Tag erleben würde, an dem Papisten großzügiger sind als meine eigene Verwandtschaft!« Diese Worte waren an Hiram Crombie gerichtet, der bis jetzt nur den Mund öffnete und schloss, ohne dass ihm eine Erwiderung auf die Tiraden seiner Schwiegermutter einfiel.
»Wie … wie …«, stammelte er entrüstet, hin- und hergerissen zwischen Schock, offensichtlicher Wut und dem Bedürfnis, sich vor seinen Nachbarn zu rechtfertigen. »Großzügiger als deine Verwandtschaft! Wie, habe ich dir nicht die letzten zwanzig Jahre ein Dach über dem Kopf gegeben? Kost und Kleidung wie meiner eigenen Mutter? Jahrelang deine böse Zunge und deine Launen ertragen, ohne je –«
Jamie und Roger fielen ihm gleichzeitig ins Wort, um ihn zum Schweigen zu bringen, unterbrachen sich jedoch gegenseitig, und in der allgemeinen Verwirrung konnte Hiram ungehindert weiter seine Meinung sagen, was er auch tat – genau wie Mrs. Wilson, die ebenfalls nicht zimperlich war, wenn es um Beschimpfungen ging.
Der Pulsschlag in ihrem Bauch hämmerte unter meiner Hand, und ich hatte alle Hände voll damit zu tun, sie davon abzuhalten, vom Tisch zu springen und Hiram die Whiskyflasche über den Schädel zu ziehen. Die Nachbarn waren fassungslos.
Roger nahm die Dinge – und Mrs. Wilson – fest in die Hand und packte sie an den schmalen Schultern.
»Mrs. Wilson«, sagte er heiser, aber dennoch laut genug, um Hirams entrüstete Entgegnung auf ihre letzte Beschreibung seines Charakters zu übertönen. »Mrs. Wilson!«
»Hä?« Sie hielt inne, um Luft zu holen, und blinzelte ihn verwirrt an.
»Hört auf damit. Und Ihr auch!« Er funkelte Hiram an, der gerade erneut den Mund öffnete, ihn aber wieder schloss.
»Ich lasse das nicht zu«, sagte Roger und ließ die Bibel auf den Tisch sausen. »Es ist unangebracht, und ich dulde es nicht, hört Ihr mich?« Er blickte finster von einem der beiden Streithähne zum anderen, die schwarzen Augenbrauen dicht zusammengezogen.
Im Zimmer war es still bis auf Hirams heftiges Atmen, Mrs. Crombies leises Schluchzen und Mrs. Wilsons schwaches, asthmatisches Keuchen.
»Na also«, sagte Roger, der den Blick unverwandt durch die Runde schweifen ließ, um weiteren Unterbrechungen zuvorzukommen. Er legte seine Hand auf Mrs. Wilsons dünne, mit Altersflecken übersäte Hand.
»Mrs. Wilson – ist Euch nicht klar, dass Ihr in dieser Minute vor Gott steht?« Er warf mir einen raschen Blick zu, und ich nickte; ja, sie würde definitiv sterben. Ihr Hals konnte ihren Kopf kaum tragen, und das wütende Funkeln ihrer Augen verblasste, noch während er sprach.
»Gott ist uns nah«, sagte er und hob den Kopf, um sich an die ganze Gemeinde zu wenden. Er wiederholte die Worte auf Gälisch, und es folgte eine Art kollektives Seufzen. Er sah sie mit zusammengekniffenen Augen an.
»Wir werden diesen heiligen Moment nicht durch Wut oder Bitterkeit entweihen. Nun – Schwester.« Er drückte ihr sanft die Hand. »Macht Euch bereit. Gott wird –«
Doch Mrs. Wilson hörte ihm nicht länger zu. Ihr verwelkter Mund öffnete sich entsetzt.
»Der Sündentilger!«, rief sie und sah sich wild um. Sie packte das Tellerchen, das neben ihr stand, und verstreute dabei das Salz auf ihrem Leichentuch. »Wo ist der Sündentilger?«
Hiram erstarrte, als hätte man ihn mit einem glühend heißen Schüreisen angestoßen, dann fuhr er herum und bahnte sich den Weg zur Tür. Die Menge wich vor ihm zurück, und hinter ihm erhob sich spekulatives Gemurmel, verstummte aber abrupt, als draußen ein durchdringendes Heulen erklang, gefolgt von einer zweiten Stimme, als die erste leiser wurde.
Ein ehrfürchtiges »Oooh!« erhob sich in der Menge, und Mrs. Wilson machte ein zufriedenes Gesicht, als jetzt die bean-treim begannen, sich ihr Geld wirklich zu verdienen.
Dann wurde es an der Tür unruhig, und die Menge teilte sich wie das Rote Meer, um einen schmalen Durchgang zum Tisch freizugeben. Mrs. Wilson setzte sich kerzengerade hin, wurde totenblass und atmete kaum noch. Der Puls in ihrem Bauch zitterte und hüpfte unter meinen Fingern. Roger und Jamie hielten sie an den Armen fest, um sie zu stützen.
Völlige Stille hatte sich über das Zimmer gesenkt; die einzigen Geräusche waren das Heulen der bean-treim draußen – und langsame, schlurfende Schritte, zunächst leise auf dem Boden vor der Hütte, dann plötzlich lauter auf den Dielen im Inneren. Der Sündentilger war da.
Er war ein hochgewachsener Mann – oder war es zumindest einmal gewesen. Es war unmöglich zu sagen, wie alt er war; die Jahre oder eine Krankheit hatten an seinen Muskeln gezehrt, so dass seine breiten Schultern vornüberhingen und seine Wirbelsäule krumm war. Sein eingesunkener Kopf, der nur noch mit wenigen ergrauenden Haarsträhnen bewachsen war, ragte vor.
Ich blickte zu Jamie auf und zog die Augenbrauen hoch. Ich hatte den Mann noch nie gesehen. Er zuckte sacht mit den Achseln; er kannte ihn auch nicht. Als der Sündentilger näher kam, sah ich, dass sein ganzer Körper schief war; er schien an einer Seite ausgehöhlt zu sein, vielleicht, weil seine Rippen bei einem Unfall eingeschlagen worden waren.
Alle Augen waren auf den Mann gerichtet, doch er sah niemanden direkt an, sondern hielt den Blick auf den Boden gerichtet. Der Durchgang zum Tisch war schmal, doch die Leute wichen zurück, als er vorbeiging, damit er sie ja nicht berührte. Erst als er den Tisch erreichte, hob er den Kopf, und ich sah, dass ihm ein Auge fehlte. Dem Aussehen des vernarbten Gewebes nach hatte es ihm eine Bärenkralle ausgeschlagen.
Das andere Auge funktionierte; er fuhr überrascht auf, als er Mrs. Wilson sah, und sah sich um, weil er offensichtlich nicht sicher war, was er als Nächstes tun sollte.
Sie entwand Roger ihren Arm und schob ihm den Teller mit dem Brot und Salz hin.
»Nun macht schon«, sagte sie, und ihre Stimme klang schrill und ein wenig ängstlich.
»Aber Ihr seid doch gar nicht tot.« Es war eine sanfte, gebildete Stimme, die nur Verwunderung verriet, doch die Menge reagierte, als sei es das Zischen einer Schlange gewesen, und wich noch weiter zurück, soweit das möglich war.
»Und?« Die Aufregung ließ Mrs. Wilson noch stärker zittern; ich konnte ein konstantes Vibrieren spüren, das den Tisch durchlief. »Man hat Euch dafür bezahlt, meine Sünden zu essen – nun tut es auch!« Ihr kam ein Gedanke, und sie fuhr hoch und blinzelte ihren Schwiegersohn an. »Du hast ihn doch bezahlt, Hiram?«
Hirams Gesicht war noch von den vorausgegangenen Wortwechseln errötet, doch bei dieser Frage wurde er beinahe lila und hielt sich die Seite – um seine Geldbörse zu umklammern, dachte ich, nicht sein Herz.
»Nun, ich habe auch nicht vor, ihn zu bezahlen, bevor er seine Arbeit getan hat«, schnappte er. »Was für ein Benehmen ist denn das?«
Jamie, der sah, dass der nächste Aufruhr loszubrechen drohte, ließ Mrs. Wilson los, tastete hastig in seinem Sporran herum und brachte einen Silbershilling zum Vorschein, den er dem Sündentilger hinüberschob – ich sah, dass auch er darauf achtete, den Mann nicht zu berühren.
»Jetzt habt Ihr Eure Bezahlung«, sagte er schroff und nickte ihm zu. »Bitte geht Eurem Geschäft nach, Sir.«
Der Mann ließ den Blick langsam durch das Zimmer schweifen, und das Einatmen der Menge war sogar unter den »WEEEEEEEEEH dem Hause CROMMMMBIIIEEEEE«-Jammerlauten vor der Tür deutlich zu hören.
Er stand keinen halben Meter von mir entfernt; so dicht, dass ich seine süßsäuerliche Ausdünstung riechen konnte, nach altem Schweiß und dem Schmutz auf seinen Lumpen und noch etwas, eine schwache Note, die auf eiternde, offene Wunden schließen ließ. Er wandte den Kopf und sah mich direkt an. Es war ein sanftes, braunes Auge, dessen Bernsteinfarbe verblüffend an meine eigenen Augen erinnerte. Sein Blick verursachte mir ein seltsames Gefühl in der Magengrube, als sähe ich für einen Moment in einen Zerrspiegel, in dem dieses grausam entstellte Gesicht an Stelle des meinen trat.