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Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)

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Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)
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»Schenk uns das Wissen, dass Deine Kinder vor Deinem Auge kostbar sind …« Er hielt inne und musste sichtlich kämpfen; seine Halsmuskeln bewegten sich vergeblich, um die Verstopfung lautlos zu beseitigen, doch es nützte nichts.

»Err … HRRM!« Ein Geräusch, das verdächtig an Gelächter erinnerte, durchlief das Zimmer, und in Briannas Kehle grollte es wie ein Vulkan, der kurz davorstand, Lava zu speien.

»Oma!«

»Schh!«

»… kostbar sind. Dass sie … ewig bei Dir leben, und dass Deine Gnade –«

»Oma!«

Jemmy wand sich, als hätte sich eine ganze Ameisenkolonie in seiner Hose niedergelassen, und seine Miene war beinahe qualvoll drängend.

»Eine Sekunde«, zischte ich. »Ich gehe sofort mit dir nach drau–«

»Nein, Oma! Sieh doch!«

Ich folgte seinem ausgestreckten Finger und dachte im ersten Moment, er zeigte auf seinen Vater. Doch das tat er nicht.

Die alte Mrs. Wilson hatte die Augen geöffnet.

Es folgte ein Moment völliger Lautlosigkeit, und sämtliche Blicke richteten sich gleichzeitig auf Mrs. Wilson. Dann schnappte alles kollektiv nach Luft und trat instinktiv einen Schritt zurück, und es erhob sich das Gezeter derjenigen, denen auf die Zehen getreten oder die gegen die unnachgiebigen Baumstämme der Wände gedrängt wurden.

Jamie hob Jemmy gerade noch rechtzeitig auf, um zu verhindern, dass er zertrampelt wurde, holte tief Luft und brüllte aus tiefster Kehle »Sheas!«. Er war so laut, dass die Menge tatsächlich kurz erstarrte – immerhin so lange, bis er Jemmy an Brianna übergeben und sich zum Tisch durchgeboxt hatte.

Roger hatte die ehemalige Leiche zu fassen bekommen und half ihr zum Sitzen auf, während ihre Hand schwach nach der Bandage an ihrem Kinn schlug. Ich schob mich hinter Jamie her und schubste die Leute rücksichtslos aus dem Weg.

»Lasst sie doch bitte zu Atem kommen«, sagte ich laut. Das verblüffte Schweigen wich jetzt zunehmend aufgeregtem Gemurmel, das jedoch verstummte, als ich mich daranmachte, die Bandage zu entfernen. Das ganze Zimmer wartete bebend vor Erwartung, als die Leiche ihre steifen Kiefer bewegte.

»Wo bin ich?«, sagte sie mit bebender Stimme. Ihr Blick wanderte ungläubig durch das Zimmer und heftete sich schließlich auf das Gesicht ihrer Tochter.

»Mairi?«, sagte sie argwöhnisch, und Mrs. Crombie hastete an ihre Seite, fiel auf die Knie, brach in Tränen aus und nahm ihre Mutter an den Händen.

»A Màthair! A Màthair!«, rief sie aus. Die Alte legte ihrer Tochter zitternd die Hand auf das Haar und sah aus, als sei sie sich nicht ganz sicher, dass sie echt war.

Ich hatte mir unterdessen alle Mühe gegeben, die Verfassung der alten Dame zu überprüfen, die zwar nicht brillant, aber auch nicht schlecht war für jemanden, der gerade noch tot gewesen war. Ihre Atmung war flach und sehr angestrengt, ihre Gesichtsfarbe erinnerte an altes Hafermehl, ihre Haut war trotz der Hitze im Inneren des Zimmers kalt und klamm, und ich konnte keinerlei Pulsschlag finden, obwohl er doch eindeutig vorhanden sein musste. Oder etwa nicht?

»Wie fühlt Ihr Euch?«, fragte ich.

Sie legte ihre zitternde Hand auf ihren Bauch.

»Es geht mir etwas schlecht«, flüsterte sie.

Ich legte ihr ebenfalls die Hand auf den Bauch und spürte es sogleich, ein Puls, wo keiner sein sollte. Er war unregelmäßig und holperig – aber definitiv dort.

»Himmel, Arsch und Zwirn«, sagte ich. Ich sagte es nicht laut, aber Mrs. Crombie schnappte nach Luft, und ich sah ihre Schürze zucken, weil sie zweifellos das Zeichen des Horns darunter machte.

Ich hatte keine Zeit für eine Entschuldigung, sondern stand auf, packte Roger am Ärmel und zog ihn beiseite.

»Sie hat ein Aneurysma«, sagte ich kaum hörbar zu ihm. »Sie muss schon seit einiger Zeit innere Blutungen haben, so stark, dass sie das Bewusstsein verloren und sich kalt angefühlt hat. Die Aorta wird ziemlich bald platzen, und dann stirbt sie wirklich.«

Er schluckte hörbar, und sein Gesicht war sehr blass, doch er sagte nur: »Weißt du, wie lange noch?«

Ich sah Mrs. Wilson an; ihr Gesicht hatte die graue Farbe des schneebeladenen Himmels, und ihr Blick wurde abwechselnd scharf und unscharf wie das Flackern einer Kerze im Wind.

»Verstehe«, sagte Roger, obwohl ich nichts gesagt hatte. Er holte tief Luft und räusperte sich.

Die Menge, die zischend getuschelt hatte wie eine Schar aufgeregter Gänse, verstummte augenblicklich. Jedes Auge im Zimmer hing fasziniert an dem Tableau, das sich ihnen präsentierte.

»Unsere Schwester ist ins Leben zurückgekehrt, wie wir es mit Gottes Gnaden alle einmal werden«, sagte Roger leise. »Es ist uns ein Zeichen der Hoffnung und der Zuversicht. Sie wird bald wieder in die Arme der Engel zurückkehren, ist aber kurz zu uns gekommen, um uns der Liebe Gottes zu versichern.« Er hielt inne und suchte offensichtlich nach weiteren Worten. Er räusperte sich und beugte den Kopf über Mrs. Wilson.

»Möchtet Ihr … etwas sagen, Mutter?«, flüsterte er auf Gälisch.

»Aye, das möchte ich.« Mrs. Wilsons Kräfte schienen wieder zuzunehmen – und mit ihnen ihre Entrüstung. Ein Hauch von Röte erschien auf ihren wächsernen Wangen, und sie funkelte in die Menge.

»Was für eine Totenwache ist denn das, Hiram Crombie?«, wollte sie wissen und heftete den Blick kampflustig auf ihren Schwiegersohn. »Ich sehe nichts zu essen aufgetischt, nichts zu trinken – und was ist das?« Ihre Stimme erhob sich zu einem wütenden Quieken, nachdem ihr Blick auf das Tellerchen mit Brot und Salz gefallen war, das Roger hastig beiseitegestellt hatte, als er ihr aufhalf.

»Warum –« Sie sah sich wild unter den Anwesenden um, dann dämmerte ihr die Wahrheit. Ihre eingesunkenen Augen traten hervor. »Aber … du schamloser Geizkragen! Das ist gar keine Totenwache! Du wolltest mich mit einer Brotkruste und einem Tropfen Wein für den Sündentilger begraben, und es ist noch ein Wunder, dass du das übrig hattest! Am Ende reißt du mir noch das Leichentuch vom Leib, um Kleider für deine triefnäsigen Kinder daraus zu machen, und wo ist meine gute Brosche, mit der ich begraben werden wollte?« Ihre schmächtige Hand klammerte sich um eine zerknitterte Faust voll Leinen an ihrer zusammengesunkenen Brust.

»Mairi! Meine Brosche!«

»Hier ist sie, Mutter, hier ist sie!« Die arme Mrs. Crombie, die jetzt völlig aufgelöst war, fummelte schluchzend und keuchend in ihrer Tasche herum. »Ich habe sie sicher verwahrt – ich wollte sie dir anstecken, bevor – bevor …« Sie brachte einen hässlichen Granatklumpen zum Vorschein, den ihre Mutter ihr entriss, um ihn an ihre Brust zu drücken und sich dann argwöhnisch umzusehen. Es war klar, dass sie die Nachbarn im Verdacht hatte, nur auf die Gelegenheit zu warten, sie ihr zu stehlen; ich hörte, wie die Frau hinter mir beleidigt Luft holte, hatte aber keine Zeit, mich umzudrehen und nachzusehen, wer es war.

»Aber, aber«, sagte ich in meinem besten, tröstenden Krankenzimmerton. »Es wird bestimmt alles gut.« Abgesehen von der Tatsache, dass Ihr innerhalb der nächsten Minuten sterben werdet, heißt das, dachte ich und unterdrückte das hysterische Bedürfnis, völlig unangebracht loszulachen. Wenn ihr Blutdruck so weiterstieg, konnte es auch in den nächsten Sekunden passieren.

Ich hatte meine Finger auf dem kräftigen Puls in ihrem Bauch liegen, der die tödliche Schwächung ihrer Bauchschlagader verriet. Sie war bereits so stark ausgelaufen, dass Mrs. Wilson in todesähnliche Ohnmacht gefallen war. Irgendwann würde bei ihr einfach eine Dichtung platzen, und das war es dann.

Roger und Jamie mühten sich nach Kräften, sie zu beruhigen, indem sie auf Englisch und Gälisch auf sie einmurmelten und sie tröstend tätschelten. Sie schien auf diese Behandlung anzusprechen, obwohl sie immer noch atmete wie eine Dampfmaschine.

Dass Jamie dann die Whiskyflasche aus seiner Tasche zog, half um vieles weiter.

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