Der Graf von Sainte-Hermine
- Автор: Дюма Александр
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet Verlag
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Graf von Sainte-Hermine». Краткое содержание книги:
Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel »Le Chevalier de Sainte-Hermine« bei Éditions Phébus, Paris.
»Sir«, sagte der Amerikaner, »ich hatte meinen Abschiedsbrief an Frau und Kinder zu schreiben begonnen, doch in dem Wissen, wie entsetzlich es für sie wäre, aus meinem Mund zu erfahren, welch schändlichem Gewerbe ich aus Liebe zu ihnen nachgegangen bin, so dass der Bericht meines Todes und seiner Ursache ihr Leid nur gesteigert hätte, möchte ich Ihnen eine Bitte unterbreiten. In dem Schreibtisch meiner Kabine finden Sie einen Geldbetrag von vier- bis fünftausend Francs in Gold. Ich hatte gehofft, mit meinen achtzig Gefangenen und meiner Slup fünfundvierzigtausend oder fünfzigtausend Francs zu erwirtschaften, einen ausreichenden Betrag, um in Übersee einem ehrlichen Gewerbe nachzugehen, was mir erlaubt hätte, die schwarze Spur zu tilgen, mit der ich mein Leben befleckt habe. Gott hat es nicht so gewollt. Meine Slup und meine Gefangenen gehören Ihnen, aber die fünftausend Francs, die Sie in meiner Schublade finden werden, sind mein persönliches Eigentum. Ich bitte Sie inständig mit der letzten Bitte eines Seemanns, diese fünftausend Francs meiner Frau und meinen Kindern auszuhändigen, deren Anschrift Sie auf dem angefangenen Brief finden, und ihnen nur Folgendes mitzuteilen: ›Von Kapitän Harding, der beim Überqueren des Äquators den Tod gefunden hat.‹ Mein Tun, so tadelnswert es ist, kann bei mitfühlenden Herzen die Entschuldigung finden, dass es dem Zweck diente, eine vielköpfige Familie in schwierigen Umständen zu unterstützen. Nun werde ich wenigstens ihr Leid nicht mehr mit ansehen müssen. Ich hätte nie aus freien Stücken den Tod gesucht, doch da er mich nun ereilt, nehme ich ihn hin, nicht als Strafe, sondern als Wohltat.«
»Sind Sie bereit?«
»Ich bin bereit.«
Er erhob sich, schüttelte den Kopf, um die letzten Tränen aus seinen Wimpern zu entfernen, schrieb die Adresse seiner Frau nieder – Mrs. Harding, Charlestown – und überreichte Surcouf den Brief mit den Worten: »Ich bat Sie um Ihr Wort, Sir, wollen Sie es mir geben?«
»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, Monsieur«, erwiderte Surcouf, »was Sie wünschen, wird geschehen.«
Daraufhin machte Surcouf ein Zeichen, und ein Trommelwirbel ertönte. Die Stunde war gekommen; angesichts des nahen Todes gewann der Kapitän seine ganze Kaltblütigkeit zurück. Ohne die geringste Gemütsbewegung zu zeigen, nahm er seine Krawatte ab, öffnete den Hemdkragen und betrat festen Schritts den Teil des Schiffs, wo alles für die Hinrichtung vorbereitet war.
Tiefes Schweigen herrschte an Deck, denn solche Präliminarien des Todes gebieten allen Seeleuten Ehrfurcht, sogar den Korsaren.
Am Fockmast wartete ein Seil, das am einen Ende zu einer Schlinge geknüpft war und am anderen Ende von vier Männern gehalten wurde; nicht nur die Mannschaft der Revenant hatte sich an Deck versammelt, auch die zwei anderen Schiffe hatten beigedreht, und die Zuschauer drängten sich an Deck, auf der Poop und auf den Rahen.
Der amerikanische Kapitän steckte seinen Kopf in die Schlinge und wandte sich dann an Surcouf: »Ziehen Sie es nicht in die Länge, Sir«, sagte er. »Warten heißt leiden.«
Surcouf trat zu ihm und befreite seinen Kopf aus der Schlinge.
»Ihre Reue ist nicht geheuchelt, Monsieur«, sagte er zu ihm. »Nichts anderes wollte ich erreichen; es ist vorbei, Sie haben Ihre Strafe erlitten.«
Der amerikanische Kapitän legte Surcouf eine zitternde Hand auf die Schulter, warf verwirrte Blicke um sich, brach zusammen und fiel in Ohnmacht.
Ihm war widerfahren, was bisweilen den Tapfersten widerfährt: Stark im Angesicht von Schmerz und Leid, wurde er angesichts der Freude von Schwäche überwältigt.
58
Wie der amerikanische Kapitän anstelle der fünftausend Francs, die ihm zustanden, fünfundvierzigtausend Francs erhielt
Die Ohnmacht des amerikanischen Kapitäns währte nicht lange. Keine Sekunde lang hatte Surcouf ernsthaft in Betracht gezogen, das Todesurteil vollstrecken zu lassen. Nachdem er mit dem erfahrenen Blick des Kriegers erkannt hatte, aus welch vortrefflichem Holz dieser Mann geschnitzt war, war es ihm darum zu tun gewesen, in dessen Geist einen dauerhaften Eindruck zu hinterlassen, und das war ihm gelungen. Sein Entschluss hatte festgestanden: dem vormaligen Sklavenhändler nicht nur das Leben zu retten, sondern ihn obendrein nicht gänzlich zu ruinieren.
Surcouf ordnete daher an, Kurs auf Rio de Janeiro zu nehmen, das achtzig bis neunzig Meilen in südwestlicher Entfernung lag.
Rio de Janeiro war einer der profitabelsten Sklavenmärkte ganz Südamerikas, und es stand außer Frage, dass Kapitän Harding dort so manchen Sklavenhändler kannte. Sobald Surcouf in der Bucht Anker geworfen hatte, ließ er ihn an Bord der Revenant holen.
»Monsieur«, sagte er zu ihm, »als Sie im Begriff standen, Ihr Leben zu verlieren, hatten Sie nur eine Bitte: die, dass man Ihrer Witwe die fünftausend Francs aushändigen möge, die sich in Ihrer Schublade befinden; heute will ich Ihnen einen einträglicheren Handel vorschlagen. Sie befinden sich in einem Hafen, in dem Sie die achtzig Negersklaven, die Ihnen geblieben sind, mit größtem Vorteil veräußern können; ich ermächtige Sie, dies zu tun und den Erlös zu behalten.«
Harding machte eine überraschte Geste.
»Warten Sie, Monsieur«, fuhr Surcouf fort. »Ich habe auch eine Bitte an Sie. Einer meiner Männer, mein Sekretär – eigentlich eher mein Freund als mein Bediensteter -, hat Interesse an Ihrer kleinen Slup.«
»Sie können sie ihm geben, Sir«, sagte Harding. »Wie alles, was ich besaß, gehört sie Ihnen.«
»Gewiss, doch René ist so stolz, dass er sie weder von mir noch von Ihnen als Geschenk annehmen würde; er wird darauf bestehen, Ihr Schiff zu kaufen; es liegt ganz in Ihrer Hand, in Anbetracht dessen, was Sie soeben sagten – dass diese Brigg Ihnen nicht mehr gehöre -, dem Mann, der Ihnen das Schiff abkaufen will, das er beanspruchen könnte, ohne etwas dafür zu bezahlen, einen günstigen Kaufpreis anzubieten.«
»Sir«, erwiderte Harding, »Ihr Betragen in dieser Sache ist mir Richtschnur für das meine: Setzen Sie den Preis für meine Slup fest, und ich werde sie ihm für die Hälfte des Schätzpreises abtreten.«
»Ihre Slup, Monsieur, ist zwischen achtundzwanzigtausend und dreißigtausend Francs wert. René wird Ihnen fünfzehntausend Francs zahlen, und Sie werden ihm dafür die Schiffspapiere übereignen und das Recht, unter amerikanischer Flagge zu segeln.«
»Wird es nicht zu Schwierigkeiten kommen«, fragte Harding, »wenn man merkt, dass der Schiffseigner Franzose ist?«
»Wem soll es auffallen?«, fragte René, der in seiner Funktion als Dolmetscher an dem Gespräch teilgenommen hatte.
»Es ist nicht so einfach«, sagte Harding, »die englische Sprache so gut zu sprechen, dass niemand merkt, dass man kein Engländer ist, insbesondere für einen Franzosen. Dieser Herr ist der erste Franzose«, fuhr er fort und deutete auf René, »dem ich begegnet bin, der sich ohne Weiteres als Engländer ausgeben könnte.«
»Nun, Monsieur, da ich es bin, der Ihr Schiff zu erwerben wünscht«, sagte René, »sind keine Schwierigkeiten dieser Art zu gewärtigen. Lassen Sie den Konsul Ihres Landes den Kaufvertrag vorbereiten, und bringen Sie Ihr Geld und Ihre übrige Habe an Land. Hier haben Sie einen Wechsel auf fünfzehntausend Francs, einzulösen bei dem Bankhaus David &Söhne in New York. Geben Sie mir eine Quittung.«
»Aber den Wechsel«, sagte Harding, »können Sie mir geben, wenn ich den Vertrag bringe.«
»Sie müssen sich vorher vergewissern können, dass er auch gedeckt ist, denn Monsieur Surcouf und ich wollen heute Abend oder spätestens morgen früh in See stechen.«
»Wie lautet der Name des Käufers?«, fragte Harding.
»Ganz wie Sie wollen«, erwiderte René lachend. »Fielding aus Kentucky, wenn Sie nichts dagegen haben.«