Der Graf von Sainte-Hermine
- Автор: Дюма Александр
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet Verlag
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Graf von Sainte-Hermine». Краткое содержание книги:
Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel »Le Chevalier de Sainte-Hermine« bei Éditions Phébus, Paris.
Harding erhob sich und fragte, wann es René recht sei, den Vertrag zu unterzeichnen.
»Sagen Sie mir, wann Sie sich bei Ihrem Konsul einfinden wollen, und ich werde dort sein.«
Surcouf wurde befragt und sagte, er gedenke erst am nächsten Morgen abzulegen. René und Kapitän Harding verabredeten sich daraufhin für vier Uhr nachmittags. Um fünf Uhr war die Runner of New York John Fielding aus Kentucky übereignet. Um sechs Uhr hatte Kapitän Harding seine fünfzehntausend Francs erhalten, und um sieben Uhr waren zweihundert Matrosen beziehungsweise Soldaten der englischen Marine, die in Rio de Janeiro bleiben wollten, dem britischen Konsul anvertraut worden, um gegen eine gleich große Anzahl französischer Gefangener ausgetauscht zu werden. Und am nächsten Tag waren alle drei Schiffe bei Tagesanbruch bereit, in See zu stechen, und segelten gemeinsam dem Kap der Guten Hoffnung entgegen.
Wie von Surcouf beschlossen, verließen die jungen Mädchen die Revenant und kamen auf die Standard, wo René über sie wachen konnte. Beide hatten ihn voller Freude begrüßt, denn allein und hilflos hätten sie nie und nimmer die Reise nach Rangun bewältigen können. Keine der beiden war je zuvor in Indien gewesen; Hélène, die ältere der Schwestern, hatte in London einen Offizier der indischen Armee kennengelernt, der in Kalkutta stationiert war, und die Familien hatten vor der Abreise der jungen Mädchen und ihres Vaters vereinbart, dass Hélène de Sainte-Hermine und Sir James Asplay in Indien das Band der Ehe knüpfen sollten. Jane, die jüngere, sollte mit ihrem Vater den Besitz weiterführen, bis auch sie verheiratet wäre; je nachdem, ob das junge Ehepaar mit dem Vater zusammenwohnen oder ob dieser abwechselnd bei der einen und der anderen Tochter wohnen wollte, würde man Rangoon House behalten oder verkaufen.
All diese Pläne hatte der Tod des Vicomte de Sainte-Hermine zunichtegemacht. Ein neuer Plan war vonnöten; und in ihrer Trübsal über die Heimsuchung, die sie ereilt hatte, waren seine Töchter außerstande, ihre Zukunft zu planen. Nichts Besseres konnte ihnen also geschehen, als zu dem Zeitpunkt, da ein Vater ihnen fehlte, auf einen jungen Mann zu treffen, der ihnen mit brüderlicher Zuneigung begegnete. Und dank des guten Wetters, das Surcouf von Rio de Janeiro bis zum Kap der Guten Hoffnung die Treue hielt, gestalteten sich die Überquerung des Ozeans und das Überwechseln von einer Welt in eine andere wie ein harmloser Spaziergang. Nach und nach stellte sich zwischen den drei jungen Leuten eine behutsame Vertraulichkeit ein, die in Hélène zu ihrer großen Freude die Hoffnung weckte, in dem bezaubernden René den Mann gefunden zu haben, der Jane bald genug nach ihrer eigenen Hochzeit zu seiner Gattin machen würde.
Die beiden Schwestern waren musikalisch, doch seit dem Tod ihres Vaters hatte keine von ihnen das Klavier angerührt. Oft lauschten sie ein wenig wehmütig den Seemannsliedern, während das Schiff auf den Flügeln der Passatwinde wie von allein seinem Ziel entgegenzueilen schien.
Während einer dieser schönen Nächte, die nichts mit Dunkelheit oder Finsternis zu tun haben, sondern nur des Tageslichts ermangeln, wie Chateaubriand bemerkte, erklang von der Schanze eine jugendliche Stimme, die ein kummervolles bretonisches Lied sang. Bei den ersten Tönen legte Hélène René die Hand auf den Arm, um ihn um Schweigen zu bitten; es war die Geschichte eines jungen Mädchens, das unter der Schreckensherrschaft den Edelmann seines Dorfes rettet und an Bord eines englischen Schiffs bringt, von der Gewehrkugel einer Wache tödlich getroffen wird, weil es auf deren »Wer da?« nicht antwortet, und in den Armen des Geliebten stirbt. Als die klagenden Töne verstummten, baten die jungen Mädchen mit Tränen in den Augen René, den Sänger um das Lied zu bitten. René erwiderte, dies sei nicht nötig, er glaube sich der Worte zu entsinnen, und um die Melodie zu rekonstruieren, benötige er nur ein Klavier, liniertes Papier und eine Schreibfeder. Sie begaben sich in Hélènes Kabine. René senkte den Kopf in die Hände, besann sich einen Moment lang und begann dann zu schreiben; ohne innezuhalten schrieb er das Lied von Anfang bis Ende nieder, stellte das Geschriebene an den Notenständer des Klaviers und begann mit sanfter und ausdrucksvoller Stimme das bezaubernde Duett zu singen.
Bei der Reprise des letzten Couplets hatte René die Worte: »Ich liebe ihn! Ich liebe ihn! Ich liebe ihn dennoch!« so inbrünstig gesungen, dass man hätte meinen können, diese naiven Worte drückten seine eigene Geschichte aus und seine gewöhnliche Melancholie sei dem Tod seiner Geliebten oder deren Verlust für immer geschuldet; der schmerzliche Klang seiner Stimme vibrierte in den Herzen der beiden Mädchen, berührte ihre zartesten und wehmütigsten Fibern und verband sie mit seinem Herzen.
Die Uhr an Bord zeigte die zweite Stunde nach Mitternacht, als René in seine Kabine zurückging.
59
Die Île de France
Wenige Stunden später, um fünf Uhr morgens, rief der Matrose im Ausguck: »Land in Sicht!« Der Tafelberg war in Sichtweite.
Der Wind war günstig, und die Schiffe passierten im Verlauf des Tages das Kap der Guten Hoffnung. Am Kap Agulhas erfasste lebhafter Wind die kleine Flotte und beförderte sie im Handumdrehen ostwärts und außer Sichtweite festen Landes. Man nahm wieder Kurs auf die Île de France, und vor Ende des Tages erblickte man den Piton des Neiges auf der Insel Réunion.
Im Jahr 1505 beschloß Dom Emmanuel, König von Portugal, an der indischen Küste einen Vizekönig oder Gouverneur zu etablieren. Den Posten erhielt Dom Francesco de Almeida, der fünf Jahre später nahe dem Kap der Guten Hoffnung von den Hottentotten dahingemetzelt wurde, als er sich anschickte, nach Europa zu fahren.
Doch seit dem ersten Jahr der Regentschaft de Almeidas, in dem Dom Pedro Mascarenhas die Île de France und die Île de Bourbon entdeckte, kamen die Portugiesen niemals auf den Gedanken, sich auf einer dieser beiden Inseln dauerhaft niederzulassen, solange sie Herrscher in diesen Breiten waren, anders gesagt: das ganze siebzehnte Jahrhundert hindurch, und der einzige Vorteil, den die Inselbewohner von dem Besuch der Fremden hatten, waren ein paar Ziegenherden, Affen und Schweine, die von den Portugiesen auf den Inseln ausgesetzt wurden; im Jahr 1598 überließen sie die Inseln den Holländern.
Als Portugal unter die Herrschaft Philipps II. geraten war, wanderten die Portugiesen in Scharen nach Indien aus. Da sie sich ihres Vaterlandes beraubt wähnten, erklärten die einen sich für unabhängig, die anderen wurden Piraten, die nicht mehr im Dienst der Herrscher ihres Landes standen.
Im Jahr 1595 legte Cornelius de Houtman den Grundstein zu der Macht, welche die Holländer auf diesen Inseln entfalten sollten. Nach und nach bemächtigten sie sich aller Eroberungen der Portugiesen und Spanier im Indischen Ozean, darunter der »Ilha do Cirne« und der Maskarenen. Admiral van Neck war der Erste, der die Ilha do Cirne 1598 betrat, die damals unbewohnt war.
Die holländische Flotte war am 1. Mai 1600 von Texel aus unter dem Kommando des Jacob Cornelius van Neck in See gestochen; die Namen der einzelnen Schiffe sind uns erhalten; und der Admiral taufte die Ilha do Cirne oder Cerné-Insel auf den Namen Mauritius zu Ehren ihres Statthalters, des Grafen Moritz von Nassau. Die Holländer, die diese Insel nie zuvor betreten hatten, ließen zwei Schaluppen zu Wasser, um die Insel zu erkunden und ihre Häfen zu begutachten, damit man wusste, ob sie sich für größere Schiffe eigneten; eine der Schaluppen gelangte bis in den großen Hafen, und man stellte fest, dass sein Becken tief genug war und an die fünfzig Schiffe aufnehmen konnte; am Abend brachten die Matrosen bei ihrer Rückkehr zum Schiff des Admirals mehrere große und eine Vielzahl kleine Vögel mit, die sich mit der Hand hatten einfangen lassen; außerdem hatten sie einen Süßwasserfluss entdeckt, der aus den Bergen kam und Wasserreichtum versprach.