Die Dämonen
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Die Dämonen». Краткое содержание книги:
»Ich Sie ebenfalls,« erwiderte Tichon halblaut.
Stawrogin verstummte und verfiel auf einmal wieder in die vorige Versunkenheit. Das geschah wie infolge eines Anfalles nun schon zum drittenmal. Auch daß er zu Tichon gesagt hatte: »Ich liebe Sie,« war beinahe in einem Anfalle geschehen, wenigstens war er selbst dadurch überrascht worden, daß er es gesagt hatte. Es verging mehr als eine Minute.
»Seien Sie nicht zornig!« flüsterte Tichon und berührte Stawrogin leise und anscheinend schüchtern mit den Fingern am Ellenbogen.
Der fuhr zusammen und runzelte ärgerlich die Stirn.
»Woher haben Sie gewußt, daß ich zornig geworden war?« fragte er schnell. Tichon wollte etwas erwidern; aber der andere unterbrach ihn plötzlich in unverständlicher Erregung.
»Warum haben Sie denn eigentlich angenommen, daß ich sicher zornig sein müsse? Ja, ich war zornig, Sie haben recht, und gerade deswegen, weil ich zu Ihnen gesagt hatte: ›Ich liebe Sie.‹ Sie haben recht; aber Sie sind ein grober Zyniker; Sie denken niedrig von der menschlichen Natur. Es war auch möglich, daß kein Zorn da war, wenn nur ein anderer Mensch da saß und nicht ich ... Indessen handelt es sich nicht um die Menschen überhaupt, sondern um mich. Aber Sie sind ein wunderlicher Kauz und ein religiöser Irrer ...«
Er geriet immer mehr in eine gereizte Stimmung hinein und legte sich seltsamerweise in der Wahl seiner Ausdrücke keinen Zwang auf:
»Hören Sie mal, ich kann Spione und Psychologen nicht leiden, wenigstens nicht solche, die sich in meine Seele einschleichen. Ich fordere niemand auf, in meine Seele einzudringen; ich habe niemand nötig; ich verstehe es, allein mit mir fertig zu werden. Sie glauben, ich fürchte mich vor Ihnen,« fuhr er mit lauterer Stimme fort und hob herausfordernd das Gesicht in die Höhe; »Sie sind völlig davon überzeugt, daß ich hergekommen bin, um Ihnen ein ›furchtbares‹ Geheimnis zu enthüllen, und warten auf dieses mit aller mönchischen Neugier, deren Sie fähig sind. Na, so mögen Sie denn wissen, daß ich Ihnen nichts enthüllen werde, kein Geheimnis, weil ich auch ohne Ihre Hilfe mit mir vollständig fertig zu werden imstande bin ...«
Tichon blickte ihn fest an:
»Es hat auf Sie Eindruck gemacht, daß das Lamm eher den Kalten liebt als den nur Lauen,« sagte er; »Sie wollen nicht ein nur Lauer sein. Ich ahne, daß Sie eine Absicht von besonderer Art hegen, vielleicht eine schreckliche Absicht. Ich beschwöre Sie, quälen Sie sich nicht lange, und sagen Sie alles!«
»Und Sie haben zuverlässig gewußt, daß ich mit irgendwelcher Absicht hergekommen bin?«
»Ich ... habe es erraten,« flüsterte Tichon mit niedergeschlagenen Augen.
Nikolai Wsewolodowitsch war etwas blaß, und seine Hände zitterten ein wenig. Einige Sekunden lang blickte er regungslos und schweigend vor sich hin, als ob er einen endgültigen Entschluß fassen wolle. Endlich zog er aus der Seitentasche seines Rockes einige bedruckte Bogen Papier heraus und legte sie auf den Tisch.
»Hier sind ein paar Bogen, die zur Veröffentlichung bestimmt sind,« sagte er mit stockender Stimme. »Wenn sie auch nur ein einziger Mensch gelesen haben wird, so mögen Sie wissen, daß ich sie nicht mehr verbergen werde, sondern alle sie lesen werden. So habe ich beschlossen. Ihres Rates bedarf ich gar nicht, denn mein Entschluß ist unerschütterlich. Aber lesen Sie sie! ... Sagen Sie während des Lesens nichts; aber wenn Sie werden gelesen haben, dann ersuche ich Sie, alles zu sagen« ...
»Ich soll sie lesen?« fragte Tichon unentschlossen.
»Lesen Sie sie; ich bin ganz ruhig.«
»Nein, ohne Brille kann ich es nicht lesen; es ist kleiner, ausländischer Druck.«
»Da ist Ihre Brille,« sagte Stawrogin, indem er sie vom Tische nahm und ihm hinreichte; dann lehnte er sich an die Sofalehne zurück. Tichon sah ihn nicht an und versenkte sich in die Lektüre.
Fußnoten
1 Anmerkung des Übersetzers: Als Dostojewskis Roman »Die Teufel« in den Jahrgängen 1871 und 1872 des »Russischen Boten« erschien, veranlaßte der Redakteur dieser Zeitschrift, Katkow, den Verfasser, drei Abschnitte wegzulassen; ein Passus, welchen Dostojewski im zweiten Teile gegen Ende des ersten Kapitels angebracht hatte, um auf diese drei Abschnitte vorzubereiten, wurde allerdings dadurch zwecklos. Der erste dieser Abschnitte ist dann aus einem von der Hand der Gattin Dostojewskis herrührenden Manuskripte im achten Bande der im Jahre 1906 in Petersburg veranstalteten Jubiläumsausgabe in der Abteilung »Materialien zum Roman ›Die Teufel‹« ohne seinen Anfang, aber unter Hinzunahme des Anfanges des zweiten abgedruckt worden; die beiden anderen sind, nebst dem bereits veröffentlichten, nach den erhaltenen Korrekturfahnen im Frühjahr 1922 in Moskau in einem Sonderhefte zum ersten Male publiziert.
II.
Es war tatsächlich ausländischer Druck: drei bedruckte, zusammengeheftete Bogen gewöhnlichen Briefpapieres kleinen Formates. Sie mochten im geheimen in irgendeiner ausländischen russischen Druckerei gedruckt sein und hatten auf den ersten Blick sehr viel Ähnlichkeit mit einer Proklamation. Am Kopfe stand: »Von Stawrogin.«
Ich nehme dieses Schriftstück buchstäblich in meine Chronik auf. Ich habe mir erlaubt, die orthographischen Fehler zu verbessern, die ziemlich zahlreich waren und mich sogar einigermaßen in Erstaunen versetzten, da der Verfasser doch ein gebildeter und (natürlich nur verhältnismäßig) belesener Mann war. Im Stil dagegen habe ich keinerlei Änderungen vorgenommen, trotz der darin begegnenden Inkorrektheiten. Jedenfalls ist klar, daß das Schriftstück nicht von einem Literaten herrührt.
Ich erlaube mir noch eine Bemerkung, obwohl ich damit vorgreife. Dieses Schriftstück ist meines Erachtens etwas Krankhaftes, ein Werk des Teufels, der von diesem Herrn Besitz genommen hatte. Der Hergang ist ähnlich, wie wenn ein Mensch, der von einem heftigen Schmerze gequält wird, sich in seinem Bette herumwirft, um eine andere Lage zu finden und sich wenigstens für einen Augenblick Erleichterung zu verschaffen. Ja, nicht einmal Erleichterung möchte er sich verschaffen, sondern nur, wenn auch bloß für einen Augenblick, das frühere Leid mit einem andern vertauschen. Bei diesem Bestreben kommt es ihm selbstverständlich nicht darauf an, daß seine neue Lage schön oder verständig sei. Der Grundgedanke dieses Schriftstücks ist das furchtbare, ungeheuchelte Bedürfnis nach Strafe, das Bedürfnis nach dem Kreuze, nach einer öffentlichen Hinrichtung. Aber dabei ist dieses Bedürfnis nach dem Kreuze in einem Menschen lebendig, der nicht an das Kreuz glaubt, und schon dies allein stellt eine »Idee« dar, wie sich Stepan Trofimowitsch einmal, jedoch in einem andern Falle, ausgedrückt hat. Andrerseits ist das ganze Schriftstück gleichzeitig ein Ausbruch von Tollheit und Jähzorn, wiewohl es anscheinend in anderer Absicht verfaßt ist. Der Verfasser erklärt, er habe nicht umhin gekonnt, es zu schreiben, er habe sich dazu »gezwungen« gefühlt, und das ist ziemlich wahrscheinlich: er wäre froh gewesen, diesen Kelch an sich vorübergehen zu lassen, wenn er das gekonnt hätte; aber er konnte es, wie es scheint, tatsächlich nicht, und so griff er denn lediglich nach einer passenden Gelegenheit zu einer neuen Tollheit. Ja, der Kranke wirft sich auf seinem Bette herum und will ein Leid mit dem andern vertauschen, und da erscheint ihm der Kampf mit der Gesellschaft als diejenige Lage, die ihm noch am ehesten Erleichterung gewähren könne, und so wirft er denn der Gesellschaft den Fehdehandschuh zu.
Und wirklich kann man schon aus der bloßen Tatsache der Abfassung eines solchen Schriftstücks im voraus vermuten, daß es sich um eine neue, überraschende und unverzeihliche Herausforderung der Gesellschaft handelt. Der Verfasser möchte nur so bald als möglich einem neuen Feinde begegnen.
Und wer weiß: vielleicht ist alles dies, das heißt die Bogen mitsamt der beabsichtigten Veröffentlichung, wieder nichts anderes als jener Biß in das Ohr des Gouverneurs, nur in anderer Form. Warum mir das sogar jetzt in den Sinn kommt, nachdem sich schon so vieles geklärt hat, das verstehe ich nicht. Ich suche auch nicht zu beweisen und behaupte gar nicht, daß das Schriftstück gefälscht, das heißt vollständig ersonnen und erdichtet sei. Das Wahrscheinlichste ist, daß man die Wahrheit irgendwo in der Mitte zu suchen hat. Indessen habe ich schon zu weit vorgegriffen; es wird richtiger sein, zu dem Schriftstück selbst zurückzukehren. Tichon las also folgendes: