Die Dämonen
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Die Dämonen». Краткое содержание книги:
Am Abend hatte ich wieder ein Angstgefühl, das aber schon unvergleichlich viel stärker war. Allerdings konnte ich leugnen; aber man konnte mich überführen, und es schwante mir etwas vom Zuchthause. Ich habe sonst nie Angst gehabt und habe mich, von diesem Falle abgesehen, nie vor etwas gefürchtet, weder vorher noch nachher. Namentlich auch nicht vor Sibirien, obwohl ich mehr als einmal hätte dorthin verschickt werden können. Diesmal aber war ich doch in Furcht und empfand, ich weiß nicht warum, zum erstenmal in meinem Leben tatsächlich Angst, eine recht qualvolle Empfindung. Außerdem begann ich am Abend, als ich in meinem Quartier in der Pension war, Matroscha dermaßen zu hassen, daß ich den Entschluß faßte, sie zu töten. Am ärgsten wurde mein Haß bei der Erinnerung an ihr Lächeln. Eine Verachtung, die sich mit maßlosem Ekel paarte, wuchs in mir heran, hervorgerufen durch die Art, wie sie, nachdem alles geschehen, in die Ecke gestürzt war und das Gesicht mit den Händen bedeckt hatte; es ergriff mich eine unsagbare Wut; darauf folgte ein Frostschauer, und als sich gegen Morgen Fieberhitze einstellte, bemächtigte sich meiner wieder die Angst, aber nun eine so starke Angst, daß ich nie eine größere Qual kennen gelernt habe. Aber hassen tat ich das Mädchen nun nicht mehr, wenigstens nicht bis zu dem sinnlos hohen Grade wie am Abend. Ich habe die Beobachtung gemacht, daß eine starke Angst den Haß und die Rachsucht vollständig vertreibt.
Ich erwachte gegen Mittag, fühlte mich gesund und wunderte mich sogar über die Stärke meiner gestrigen Empfindungen. Indessen war ich übler Laune; ich hielt es für notwendig, wieder nach der Gorochowaja-Straße zu gehen, trotz all meines Widerwillens. Ich erinnere mich, daß ich damals die größte Lust hatte, unterwegs mit irgend jemand Streit zu bekommen, aber nur einen ernsthaften Streit. Als ich aber nach der Gorochowaja-Straße kam, fand ich zu meiner Überraschung in meinem Zimmer Nina Saweljewna, jene Kammerjungfer, vor, die schon etwa eine Stunde lang auf mich gewartet hatte. Dieses Mädchen liebte ich gar nicht, so daß sie selbst ein bißchen Angst hatte, ich könnte wegen ihres unverlangten Besuches auf sie böse werden. Aber ich freute mich vielmehr plötzlich, sie zu sehen. Sie war ein hübsches Mädchen, aber sehr bescheiden und hatte Manieren, wie sie bei Leuten des kleinbürgerlichen Standes Wohlgefallen erregen, so daß meine Wirtin sich mir gegenüber schon früher oft lobend über dieses Mädchen ausgesprochen hatte. Ich traf die beiden beim Kaffeetrinken und sah, daß meine Wirtin über die angenehme Unterhaltung, die sie gehabt hatte, sehr vergnügt war. In einer Ecke des Stübchens der Wirtsleute bemerkte ich Matroscha. Sie stand da, ohne sich zu rühren, und sah ihre Mutter und die Besucherin starr an. Bei meinem Eintritt versteckte sie sich nicht wie das vorige Mal und lief nicht weg. Es schien mir nur, daß sie sehr abgemagert sei, und daß sie Fieberhitze habe. Ich behandelte Nina freundlich und machte die Verbindungstür zu, was ich lange nicht getan hatte, so daß Nina beim Weggehen sehr erfreut war. Ich begleitete sie selbst hinaus und kehrte nun zwei Tage lang nicht mehr nach der Gorochowaja-Straße zurück. Ich war der Sache schon überdrüssig geworden. Ich beschloß, mit allem ein Ende zu machen, die Wohnung zu kündigen und von Petersburg wegzuziehen.
Aber als ich hinkam, um die Wohnung zu kündigen, fand ich die Wirtin in großer Aufregung und Betrübnis: Matroscha war schon seit zwei Tagen krank; jede Nacht fieberte und phantasierte sie. Selbstverständlich fragte ich, wovon sie denn phantasiere (wir sprachen miteinander flüsternd in meinem Zimmer); die Wirtin flüsterte mir zu, sie phantasiere von »graulichen Dingen«; sie sage, sie habe »Gott getötet«. Ich bot ihr an, auf meine Kosten einen Arzt kommen zu lassen; aber das wollte sie nicht: »So Gott will, wird es auch so vorübergehen; sie liegt ja auch nicht immer zu Bett; bei Tage geht sie aus; sie ist eben erst nach dem Laden hinuntergelaufen.« Ich beschloß, es so einzurichten, daß ich Matroscha allein träfe, und da die Wirtin zufällig geäußert hatte, sie müsse um fünf Uhr nach der Peterburgskaja gehen, so nahm ich mir vor, am Abend wiederzukommen.
Ich aß in einem Restaurant zu Mittag. Pünktlich um ein Viertel auf sechs kehrte ich zurück. Ich schloß die Wohnung immer mit einem eigenen Schlüssel auf. Es war niemand außer Matroscha da. Sie lag in dem Stübchen der Wirtsleute hinter einem Wandschirm auf dem Bette ihrer Mutter, und ich sah, wie sie von dort hervorblickte; aber ich tat, als ob ich es nicht merkte. Alle Fenster waren geöffnet. Die Luft war warm, sogar heiß. Ich ging in meinem Zimmer eine Weile auf und ab und setzte mich dann auf das Sofa. Ich erinnere mich an alles, was sich bis zum letzten Augenblicke zutrug. Es machte mir entschieden Vergnügen, kein Gespräch mit Matroscha anzufangen, sondern sie zu quälen, ich weiß nicht warum. Ich wartete eine ganze Stunde, und auf einmal sprang sie selbst hinter dem Wandschirm hervor. Ich hörte, wie ihre beiden Füße auf den Fußboden aufstießen, als sie aus dem Bette sprang; dann hörte ich ziemlich schnelle Schritte, und sie stand auf der Schwelle meines Zimmers. Sie stand da und sah mich schweigend an. Ich bekenne meine Gemeinheit: mein Herz zitterte vor Freude darüber, daß ich meine Rolle durchgeführt und gewartet hatte, bis sie selbst den ersten Schritt tun würde. In diesen Tagen, in denen ich sie seit jener Zeit kein einziges Mal aus der Nähe gesehen hatte, war sie tatsächlich furchtbar mager geworden. Ihr Gesicht sah wie vertrocknet aus, und der Kopf war ihr sicherlich glühend heiß.
Die Augen waren groß geworden und blickten mich starr an, mit einer stumpfen Neugier, wie es mir anfangs vorkam. Ich saß da, sah sie an und rührte mich nicht. Und da empfand ich auf einmal wieder einen Haß gegen sie. Aber sehr bald merkte ich, daß sie sich gar nicht vor mir fürchtete, sondern vielleicht eher in einem Fieberwahn befangen war. Aber auch das letztere war nicht der Fall. Sie fing auf einmal an, mir wiederholt mit dem Kopfe zuzunicken, in der Weise, wie naive, manierlose Menschen zu nicken pflegen, wenn sie jemandem starke Vorwürfe machen; und auf einmal hob sie ihre kleine Faust gegen mich in die Höhe und begann von dem Platze aus, wo sie stand, mir zu drohen. Im ersten Augenblick kam mir diese Bewegung komisch vor; aber lange konnte ich es nicht ertragen. Auf ihrem Gesichte prägte sich eine solche Verzweiflung aus, wie man sie auf dem Gesichte eines Kindes nicht hätte für möglich halten sollen. Sie schwang immer noch drohend ihre kleine Faust gegen mich und nickte immer noch vorwurfsvoll. Ich stand auf, näherte mich ihr voller Angst und redete sie vorsichtig mit leiser, freundlicher Stimme an; aber ich merkte, daß sie mich nicht verstand. Dann bedeckte sie plötzlich hastig ihr Gesicht mit beiden Händen, gerade wie damals, ging von mir weg und stellte sich, mir den Rücken zuwendend, ans Fenster. Ich verstehe schlechterdings nicht, warum ich damals nicht wegging, sondern dablieb, als ob ich auf etwas wartete. Bald darauf hörte ich wieder ihre eiligen Schritte; sie trat durch die Tür auf eine hölzerne Galerie hinaus, von der man auch auf einer Treppe nach unten gelangen konnte; ich lief sogleich zu meiner Tür, öffnete sie ein wenig und sah noch, wie Matroscha in eine winzige, einem Hühnerstalle ähnliche Rumpelkammer ging, die neben einem gewissen anderen Orte gelegen war. Ein sehr interessanter Gedanke blitzte in meinem Kopfe auf. Ich begreife bis auf den heutigen Tag nicht, warum er das erste war, das mir plötzlich in den Sinn kam: »Also darauf«, sagte ich mir, »ist die Sache hinausgelaufen.« Ich machte die Tür zu und setzte mich wieder ans Fenster. Natürlich konnte ich dem Gedanken, der mir durch den Kopf gegangen war, noch nicht völlig Glauben schenken; »aber doch ...« (Ich erinnere mich an alles; das Herz klopfte mir heftig.)