Die Dämonen
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Die Dämonen». Краткое содержание книги:
Von Stawrogin.
Ich, Nikolai Stawrogin, Offizier außer Dienst, lebte im Jahre 186* in Petersburg und gab mich geschlechtlicher Ausschweifung hin, ohne daß ich an ihr Vergnügen gefunden hätte. Ich hatte damals eine Zeitlang drei Wohnungen. In der einen wohnte ich selbst, in einem Pensionate mit Beköstigung und Bedienung; dort befand sich damals auch Marja Lebjadkina, die jetzt meine rechtmäßige Gattin ist. Die anderen Wohnungen aber mietete ich damals immer auf einen Monat zum Zwecke meiner Liebschaften: in der einen empfing ich eine vornehme Dame, die mich liebte, in der anderen ihre Kammerjungfer, und eine Zeitlang trug ich mich stark mit der Absicht, die beiden so zusammenzubringen, daß sich die gnädige Frau und das Dienstmädchen bei mir träfen. Da ich die beiden Charaktere kannte, so versprach ich mir von diesem Scherze ein großes Vergnügen.
Während ich dieses Zusammentreffen von langer Hand vorbereitete, mußte ich häufiger die eine dieser beiden Wohnungen, in einem großen Hause in der Gorochowaja-Straße, besuchen; denn dahin pflegte jene Kammerjungfer zu kommen. Hier hatte ich nur ein einziges Zimmer im vierten Stock, das ich einer russischen kleinbürgerlichen Familie abgemietet hatte. Die Leute selbst hausten nebenan in einem anderen Zimmer, wo sie es sehr eng hatten, so eng, daß die Verbindungstür immer offenstand, was ich auch wollte. Der Mann arbeitete irgendwo in einem Kontor, ging am Morgen weg und kam erst spät abends wieder nach Hause. Die Frau, die ungefähr vierzig Jahre alt sein mochte, pflegte alte Kleidungsstücke aufzutrennen und zu neuen umzuarbeiten und ging ebenfalls nicht selten aus dem Hause, um die fertige Arbeit wegzutragen. Ich blieb dann allein mit der Tochter der beiden, die noch ganz wie ein Kind aussah. Sie hieß Matroscha. Die Mutter liebte sie, schlug sie aber oft und schrie sie nach Art solcher Weiber heftig an. Dieses Mädchen hatte bei mir die Bedienung zu besorgen und räumte in meinem Zimmer hinter dem Wandschirm auf. Ich erkläre, daß ich die Nummer des Hauses vergessen habe. Jetzt weiß ich auf Grund eingezogener Erkundigungen, daß das alte Haus abgebrochen ist und an Stelle zweier oder dreier früherer Häuser ein neues sehr großes steht. Ebenso habe ich den Familiennamen meiner kleinbürgerlichen Wirtsleute vergessen (vielleicht habe ich ihn auch damals gar nicht gewußt). Ich erinnere mich nur, daß die Wirtin Stepanida und weiter (wie ich glaube) Michailowna hieß. Auf den Namen des Mannes kann ich mich nicht besinnen. Ich nehme an, daß, wenn man eifrig suchen und nach Möglichkeit Nachforschungen bei der Petersburger Polizei anstellen wollte, sich die Spuren der Leute noch würden finden lassen. Die Wohnung lag auf dem Hofe, in einer Ecke. Alles, was ich hier berichte, begab sich im Juni. Das Haus war von hellblauer Farbe.
Eines Tages verschwand von meinem Nachttische ein Federmesser, das ich überhaupt nicht notwendig gebrauchte, und das nur so herumgelegen hatte. Ich sagte es der Wirtin, ohne irgendwie daran zu denken, daß sie die Tochter dafür durchhauen werde. Aber die hatte kurz vorher Matroscha wegen eines abhanden gekommenen Läppchens angefahren, weil sie sie im Verdacht hatte, es entwendet zu haben, und hatte sie sogar an den Haaren gerissen. Als aber dieses selbe Läppchen sich unter dem Tischtuche gefunden hatte, da hatte das Mädchen kein Wort des Vorwurfs gegen die Mutter gesagt und schweigend vor sich hingeblickt. Ich hatte das bemerkt und damals zum ersten Male das Gesicht des Mädchens genauer betrachtet; bis dahin hatte ich es immer nur flüchtig gesehen. Matroscha war hellblond und sommersprossig; ihr Gesicht war von gewöhnlichem Schnitt, hatte aber sehr viel Kindliches und Stilles, außerordentlich Stilles. Der Mutter hatte es mißfallen, daß die Tochter ihr wegen der unverdienten Bestrafung keine Vorwürfe machte, und sie hatte mit der Faust gegen sie ausgeholt, aber nicht zugeschlagen. Und nun kam gerade der Vorfall mit meinem Federmesser hinzu. In der Tat war außer uns dreien niemand dagewesen, und zu mir hinter den Wandschirm kam überhaupt nur das Mädchen. Die Frau wurde wütend, weil sie das Kind das erstemal ungerechterweise gestraft hatte, stürzte zum Besen hin, riß aus ihm ein paar Ruten heraus und peitschte damit das Mädchen vor meinen Augen blutig, obwohl sie schon fast zwölf Jahre alt war. Matroscha schrie während der Züchtigung nicht, wahrscheinlich, weil ich zugegen war; aber sie schluchzte bei jedem Schlage in einer seltsamen Weise. Auch nachher schluchzte sie eine ganze Stunde lang heftig.
Aber vorher hatte sich folgendes zugetragen. Gerade in dem Augenblicke, als die Wirtin zu dem Besen hinstürzte, um ein paar Ruten herauszureißen, fand ich das Federmesser auf meinem Bette, wohin es durch irgendwelchen Zufall vom Nachttische gefallen war. Es schoß mir sofort der Gedanke durch den Kopf, nichts davon zu sagen, damit Matroscha die ihr zugedachten Hiebe erhielte. Mein Entschluß war in einem Augenblick gefaßt; in solcher Situation stockt mir immer der Atem. Aber ich beabsichtige, alles in bestimmteren Ausdrücken zu erzählen, damit nichts mehr verborgen bleibt.
Jede besonders schmachvolle, maßlos demütigende, gemeine und vor allem lächerliche Lage, in die ich in meinem Leben geraten bin, hat bei mir immer nicht nur einen maßlosen Zorn erregt, sondern mir auch einen unglaublichen Genuß bereitet. Ganz dasselbe war der Fall in Augenblicken, wo ich ein Verbrechen beging, und in Augenblicken, wo ich mich in Lebensgefahr befand. Wenn ich etwas gestohlen hätte, so würde ich bei der Ausführung des Diebstahls eine Art von Berauschtheit infolge des Bewußtseins einer schändlichen Gemeinheit empfunden haben. Was ich liebte, war nicht die Gemeinheit (meine Urteilskraft blieb dabei vollkommen heil und gesund), sondern es gefiel mir die Berauschtheit, die durch das qualvolle Bewußtsein meiner Verworfenheit hervorgerufen wurde. Ganz ebenso hatte ich jedesmal, wenn ich an der Barriere stand und auf den Schuß des Gegners wartete, dieselbe schmähliche, wahnsinnige Empfindung, und in einem Falle war sie ganz besonders stark. Ich gestehe, daß ich diese Empfindung oft selbst suchte, weil sie für mich stärker war als alle andern in ihrem Genre. Wenn ich eine Ohrfeige bekam (und das ist mir zweimal in meinem Leben widerfahren), so hatte ich auch dann diese Empfindung, trotz des furchtbaren Zornes. Aber wenn ich dabei den Zorn unterdrückte, so überstieg der Genuß alles, was man sich nur vorstellen kann. Noch nie habe ich zu jemandem darüber gesprochen, auch nicht andeutungsweise, sondern es immer wie etwas Schmähliches, Schändliches geheimgehalten. Aber als ich einmal in einer Petersburger Schenke furchtbar geprügelt und an den Haaren gerissen wurde, da hatte ich diese Empfindung nicht, sondern es packte mich nur, da ich nicht betrunken war, ein gewaltiger Zorn, und ich prügelte mich mit meinen Widersachern herum. Wenn aber im Auslande jener französische Vicomte, der mich auf die Backe schlug, und dem ich dafür den Unterkiefer zerschoß, mich in die Haare gefaßt und niedergedrückt hätte, so würde ich eine Berauschtheit und vielleicht gar keinen Zorn empfunden haben. So schien es mir damals.
Das alles setze ich deshalb auseinander, damit ein jeder wisse, daß dieses Gefühl mich nie vollständig unterjochte, sondern ich immer bei vollstem Bewußtsein blieb (und auf dem Bewußtsein beruhte ja auch alles). Und obgleich dieses Gefühl sich meiner bis zur Unvernunft bemächtigte oder sozusagen bis zum Starrsinn, so doch nie bis zur Selbstvergessenheit. Auch wenn es bei mir vollständig Feuer und Flamme geworden war, war ich dennoch gleichzeitig imstande, es ganz und gar zu bezwingen, ja es auf seinem Gipfelpunkte anzuhalten, nur daß ich es eben niemals anhalten wollte. Ich bin überzeugt, daß ich mein ganzes Leben wie ein Mönch verbringen könnte, trotz der bestialischen Sinnlichkeit, mit der ich begabt bin, und die ich immer selbst aufgereizt habe. Ich bin immer Herr meiner selbst, sobald ich es nur will. So möge man denn wissen, daß ich weder durch Berufung auf das Milieu noch durch Vorschützung von Krankheiten mich von der Verantwortung für mein Verbrechen frei zu machen suche.