Die Dämonen
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Die Dämonen». Краткое содержание книги:
Die Züchtigung war zu Ende; ich steckte das Federmesser in die Westentasche, verließ das Haus, ohne ein Wort zu sagen, und warf es, als ich mich sehr weit entfernt hatte, auf die Straße, damit nie jemand etwas davon erführe. Dann wartete ich zwei Tage. Das Mädchen war, nachdem es eine Weile geweint hatte, noch schweigsamer geworden; gegen mich aber hegte sie (davon bin ich überzeugt) kein Gefühl des Grolles. Übrigens schämte sie sich gewiß etwas darüber, daß sie in dieser Weise vor meinen Augen bestraft worden war. Aber auch was dieses Schamgefühl anlangt, maß sie in Kinderart gewiß nur sich allein die Schuld daran bei.
Damals nun, in diesen zwei Tagen, legte ich mir auch einmal die Frage vor, ob ich wohl imstande sei, eine gefaßte Absicht aufzugeben und von ihr wieder abzugehen, und ich fühlte sofort, daß ich das könne, daß ich es jederzeit und auch in diesem Augenblicke könne. Um jene Zeit wollte ich mir das Leben nehmen, weil mir alles in krankhafter Weise gleichgültig war; übrigens weiß ich eigentlich nicht warum. In denselben zwei oder drei Tagen (denn ich mußte unbedingt warten, bis das Mädchen alles vergessen haben würde) beging ich in meiner Pension einen Diebstahl, wahrscheinlich, um mich von den steten Grübeleien abzulenken, oder auch nur zum Spaß. Es war der einzige Diebstahl in meinem Leben.
In dieser Pension nisteten viele Menschen. Unter anderen wohnte dort auch in zwei möblierten Zimmerchen ein Beamter mit seiner Familie; er war etwa vierzig Jahre alt, kein dummer Mensch, hatte ein anständiges Aussehen, war aber arm. Ich war ihm nicht nähergetreten, und vor der Gesellschaft, die mich dort umgab, hatte er Furcht. Er hatte soeben erst sein Gehalt bekommen, im Betrage von fünfunddreißig Rubeln. Mein Hauptbeweggrund war, daß ich tatsächlich in jenem Augenblicke Geld brauchte (allerdings erhielt ich vier Tage darauf welches mit der Post), so daß ich gewissermaßen aus Not und nicht bloß so zum Scherz stahl. Ich ging dabei frech und offen zu Werke: ich trat einfach in seine Wohnung, während seine Frau, seine Kinder und er selbst in dem zweiten Stübchen beim Mittagessen saßen. Dort lag auf einem Stuhle dicht an der Tür, sauber zusammengelegt, sein Uniformrock. Dieser Gedanke war in mir schon, als ich noch auf dem Korridor war, aufgeblitzt. Ich steckte die Hand in die Tasche dieses Rockes und zog das Portemonnaie heraus. Aber der Beamte hatte das Geräusch gehört und schaute aus der Nebenstube heraus. Er hatte meine Handlung, wie ich glaube, sogar gesehen, wenigstens etwas davon; aber da er nicht alles gesehen hatte, so traute er natürlich seinen Augen nicht. Ich sagte, ich sei auf dem Korridor vorbeigekommen und hereingetreten, um auf seiner Wanduhr zu sehen, wie spät es wäre. »Sie steht,« antwortete er, und ich ging hinaus.
Ich hatte mich damals stark dem Trinken ergeben und hatte in der Pension eine ganze Bande um mich, darunter auch Lebjadkin. Das Portemonnaie nebst dem kleinen Gelde warf ich weg, die Banknoten aber behielt ich. Es waren zweiunddreißig Rubel, drei rote und zwei gelbe Scheine. Ich wechselte sogleich einen roten Schein und ließ Champagner holen; nachher machte ich es mit dem zweiten und darauf mit dem dritten roten Scheine ebenso. Nach ungefähr vier Stunden (es war schon Abend) redete mich der Beamte auf dem Korridor, wo er auf mich gewartet hatte, an.
»Haben Sie, Nikolai Wsewolodowitsch, als Sie vorhin zu mir hereinkamen, nicht zufällig meinen Uniformrock vom Stuhle gestoßen ... er lag bei der Tür?«
»Nein, ich erinnere mich nicht; lag denn bei Ihnen ein Uniformrock?«
»Ja, er lag da.«
»Auf dem Fußboden?«
»Zuerst auf dem Stuhle, nachher auf dem Fußboden.«
»Na, haben Sie ihn denn aufgehoben?«
»Ja.«
»Na also, was wollen Sie dann noch?«
»Wenn es so ist, dann ist nichts ...«
Er wagte nicht auszusprechen, was er dachte, wagte auch nicht, es in der Pension jemandem zu erzählen – so schüchtern sind diese Leute. Übrigens hatten in der Pension alle eine schreckliche Furcht und einen gewaltigen Respekt vor mir. Ich liebte es nachher, ihm gerade in die Augen zu sehen, und tat das ein paarmal auf dem Korridor. Aber bald wurde es mir langweilig.
Nach drei Tagen kehrte ich nach der Gorochowaja-Straße zurück. Die Mutter schickte sich eben an, mit einem Bündel fortzugehen; der Mann war selbstverständlich nicht da; so blieb ich denn mit Matroscha allein. Die Fenster waren geöffnet. In diesem Hause wohnten lauter Handwerker, und den ganzen Tag über hörte man aus allen Stockwerken das Klopfen der Hämmer oder die Lieder der Arbeitenden. Wir waren schon etwa eine Stunde lang in der Wohnung zusammen gewesen. Matroscha saß in ihrem Stübchen auf einem Schemel, mir den Rücken zuwendend, und war mit einer Nadelarbeit beschäftigt. Zuletzt fing sie auf einmal leise an zu singen, sehr leise; das machte sie manchmal so. Ich zog die Uhr heraus und sah nach, wie spät es war; es war zwei. Das Herz begann mir heftig zu klopfen. Ich stand auf und schlich zu ihr hin. Sie hatten auf den Fensterbrettern viele Töpfe mit Geranium stehen, und die Sonne schien sehr grell. Ich setzte mich leise neben ihr auf den Fußboden. Sie fuhr zusammen, bekam zuerst einen furchtbaren Schreck und sprang auf. Ich ergriff ihre Hand und küßte sie leise, zog sie wieder auf den Schemel zurück und begann ihr in die Augen zu sehen. Der Umstand, daß ich ihr die Hand geküßt hatte, brachte sie wie ein Kind auf einmal zum Lachen, aber nur eine Sekunde lang; dann sprang sie hastig zum zweiten Male auf, und nun in solcher Angst, daß ihr ein Krampf über das Gesicht lief. Sie sah mich mit erschreckend starren Augen an, und ihre Lippen begannen zu zucken, wie wenn sie in Tränen ausbrechen wollte; aber doch schrie sie nicht auf. Ich küßte ihr wieder die Hand und nahm sie auf meinen Schoß. Da bog sie sich auf einmal mit dem ganzen Leibe von mir weg und lächelte wie verschämt in einer sonderbar gezwungenen Art. Ihr ganzes Gesicht glühte vor Scham. Ich flüsterte ihr wie ein Betrunkener fortwährend etwas zu. Zuletzt begab sich plötzlich etwas ganz Seltsames, was ich nie vergessen werde, und was mich in das größte Erstaunen versetzte: das Mädchen schlang die Arme um meinen Hals und begann auf einmal selbst mich leidenschaftlich zu küssen. Ihr Gesicht drückte das höchste Entzücken aus. Ich wollte schon aufstehen und weggehen, so unangenehm war mir dieses Benehmen des kleinen Geschöpfes: ich fühlte plötzlich mit ihr Mitleid.
Als alles zu Ende war, befand sie sich in großer Aufregung. Ich versuchte nicht, sie zu beruhigen, und liebkoste sie nicht mehr. Sie sah mich, schüchtern lächelnd, an. Ihr Gesicht kam mir auf einmal dumm vor. Ihre Aufregung steigerte sich schnelclass="underline" sie wurde von einem Augenblicke zum andern stärker. Schließlich bedeckte sie das Gesicht mit den Händen, trat in eine Ecke und blieb dort regungslos stehen, mit dem Gesichte nach der Wand zu. Ich fürchtete, daß sie wieder Angst habe wie vorhin, und verließ schweigend die Wohnung und das Haus.
Ich nehme an, daß alles Vorgefallene ihr schließlich als eine grenzenlose Unanständigkeit erschien, über die sie eine Todesangst empfand. Trotz der russischen Schimpfworte und sonderbaren Gespräche, die sie von frühester Kindheit an gehört haben mußte, bin ich vollkommen davon überzeugt, daß sie vom Geschlechtsverkehr noch nichts verstanden hatte. Gewiß hatte sie jetzt zuletzt die Vorstellung, daß sie ein unerhörtes, todeswürdiges Verbrechen begangen, daß sie »Gott getötet« habe.
In der nächsten Nacht hatte ich in einer Schenke jene Prügelei, die ich schon kurz erwähnt habe. Aber ich erwachte am Morgen in meinem Quartier in der Pension; Lebjadkin hatte mich hingebracht. Mein erster Gedanke nach dem Aufwachen war: ob sie wohl etwas davon gesagt hat? Das war ein Augenblick wirklicher Angst, wiewohl sie noch nicht sehr groß war. Ich war an diesem Morgen sehr vergnügt und gegen alle außerordentlich freundlich, und die ganze Bande war mit mir sehr zufrieden. Aber ich machte mich von ihnen allen los und ging nach der Gorochowaja-Straße. Ich traf Matroscha schon unten im Hausflur. Sie kam von einem Laden, wohin sie geschickt worden war, um Zichorie zu holen. Sobald sie mich erblickte, lief sie in furchtbarer Angst, so schnell sie nur konnte, die Treppe hinauf. Als ich oben ankam, hatte die Mutter ihr schon eine Ohrfeige dafür gegeben, daß sie so »Hals über Kopf« in die Wohnung hereingestürzt war, und dies diente nun dazu, die wahre Ursache ihres Schreckens zu verdecken. So war denn vorläufig alles ruhig. Sie hatte sich irgendwo versteckt und kam die ganze Zeit über, während ich da war, nicht hervor. Ich blieb ungefähr eine Stunde lang da und ging dann wieder weg.