Die Dämonen
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Die Dämonen». Краткое содержание книги:
Stawrogin stand da und blickte ihm unverwandt in die irrsinnigen Augen.
»Hören Sie, wir werden zuerst einen Aufruhr erregen,« sagte Werchowenski mit größter Schnelligkeit und faßte dabei alle Augenblicke Stawrogin an den linken Ärmel. »Ich habe Ihnen schon gesagt: wir werden tief in die Volksmassen eindringen. Wissen Sie wohl, daß wir schon jetzt außerordentlich stark sind? Zu uns gehören nicht nur diejenigen, die da Mord und Brandstiftung begehen, Aufsehen erregende Schüsse abfeuern oder jemand in die Schulter beißen. Solche Leute sind uns nur hinderlich. Ohne Disziplin kann ich mir keinen Erfolg denken. Ich bin ja ein Schurke, aber kein Sozialist, ha-ha! Hören Sie, ich habe sie mir alle zusammengerechnet: der Lehrer, der sich mit den Kindern über ihren Gott und ihre Wiege lustig macht, der ist schon unser. Der Advokat, der einen gebildeten Mörder damit verteidigt, daß dieser geistig höher entwickelt sei als seine Opfer und, um Geld zu erlangen, notwendig habe morden müssen, ist schon unser. Die Schüler, die einen Bauer totschlagen, um das Gefühl, das man dabei empfindet, kennen zu lernen, sind unser. Die Geschworenen, die alle Verbrecher ohne Ausnahme freisprechen, sind unser. Der Staatsanwalt, der sich bei Gericht ängstigt, er erscheine vielleicht nicht liberal genug, ist unser, unser. Von den Verwaltungsbeamten und von den Männern der Feder, oh, da sind viele unser, sehr viele, und sie wissen es selbst nicht einmal. Auf der anderen Seite hat der Gehorsam der Schüler und der Dummköpfe den höchsten Grad erreicht; den Lehrern aber ist die Gallenblase geplatzt, und sie lehren dementsprechend; überall maßlose Hoffart, unerhörte, viehische Begierde ... Wissen Sie, wissen Sie, wie viele wir schon allein durch unsere gebrauchsfertigen Ideen für uns gewinnen? Als ich abreiste, grassierte die Littrésche These, das Verbrechen sei Wahnsinn; jetzt, wo ich wiederkomme, ist das Verbrechen nicht mehr Wahnsinn, sondern geradezu ein gesunder Gedanke, beinah eine Pflicht, wenigstens ein edler Protest. ›Na, warum soll denn ein geistig hochentwickelter Mörder nicht morden, wenn er Geld braucht!‹ Aber das sind nur kleine, unbedeutende Beispiele. Der russische Gott retiriert sich schon vor dem Fusel. Das Volk ist betrunken, die Mütter sind betrunken, die Kinder sind betrunken, die Kirchen sind leer, und in den Gerichten heißt es: ›Zweihundert Rutenhiebe, oder schleppe einen Eimer Schnaps herbei!‹ Oh, lassen Sie nur diese Generation heranwachsen! Nur schade, daß wir keine Zeit haben zu warten; sonst könnten wir die Trunksucht noch mehr um sich greifen lassen! Ach, wie schade, daß es keine Proletarier gibt! Aber es wird welche geben, es wird welche geben; es wird dazu kommen ...«
»Schade auch, daß wir dumm geworden sind,« murmelte Stawrogin und setzte seinen Weg fort.
»Hören Sie, ich habe selbst ein sechsjähriges Kind gesehen, das seiner betrunkenen Mutter als Führer nach Hause diente, und die schimpfte auf das Kind mit unflätigen Ausdrücken. Sie können sich denken, daß ich mich darüber gefreut habe! Wenn das Kind in unsere Hände fällt, werden wir es vielleicht kurieren ... erforderlichenfalls treiben wir es auf vierzig Jahre in die Wüste ... Aber eine oder zwei Generationen der Demoralisation sind jetzt notwendig, einer unerhörten, grundgemeinen Demoralisation, wobei sich der Mensch in ein garstiges, feiges, grausames, selbstisches Scheusal verwandelt – das ist es, was wir nötig haben! Und dann noch etwas ›frisches Blut‹, damit er sich daran gewöhnt. Warum lachen Sie? Ich widerspreche mir nicht. Ich widerspreche nur den Philanthropen und dem Schigalewismus, aber nicht mir selbst! Ich bin ein Schurke und kein Sozialist. Ha-ha-ha! Nur schade, daß wir so wenig Zeit haben. Ich habe zu Karmasinow gesagt, wir würden im Mai anfangen und zu Mariä Fürbitte fertig sein. Ist das schnell? Ha-ha! Wissen Sie, was ich Ihnen sagen will, Stawrogin: im russischen Volke hat es bisher keine Schamlosigkeit gegeben, obwohl es mit schmutzigen Ausdrücken geschimpft hat. Wissen Sie wohl, daß dieser leibeigene Knecht seine Würde besser gewahrt hat als Karmasinow die seinige? Man hat ihn geprügelt; aber er hat seine Götter verteidigt, während Karmasinow das nicht getan hat.«
»Nun, Werchowenski, ich höre Sie zum erstenmal so reden und höre Sie mit Erstaunen,« sagte Nikolai Wsewolodowitsch. »Sie sind also geradezu kein Sozialist, sondern verfolgen ehrgeizige politische Pläne?«
»Ein Schurke bin ich, ein Schurke. Machen Sie sich Gedanken darüber, was ich für ein Mensch bin? Ich werde Ihnen sogleich sagen, was für einer ich bin; darauf steuere ich ja hin. Nicht ohne besonderen Grund habe ich Ihnen die Hand geküßt. Aber notwendigerweise muß auch das Volk die Überzeugung haben, daß wir wissen, was wir wollen, und daß die Gegner nur ›die Knittel schwingen und die Ihren treffen‹. Ach, hätten wir nur mehr Zeit! Das einzige Unglück ist, daß wir keine Zeit haben. Wir werden die Zerstörung proklamieren ... denn das ist wieder so eine bezaubernde Idee! Aber wir müssen die Gelenke geschmeidig machen. Wir werden Brandstiftungen veranlassen ... Wir werden Legenden in Umlauf setzen ... Dabei wird eine jede dieser räudigen ›Gruppen‹ von Nutzen sein können. Ich werde Ihnen in diesen selben Gruppen Jäger ausfindig machen, die jeden verlangten Schuß abzugeben bereit und obendrein noch für die Ehre dankbar sind. Na, und dann wird der Aufruhr beginnen! Ein Wackeln und Schwanken wird sich begeben, wie es die Welt noch nie gesehen hat ... Ein dunkler Nebel wird sich über Rußland breiten; das Land wird sich mit Tränen nach seinen alten Göttern zurücksehnen ... Na, und dann lassen wir ihn auftreten ... wen?«
»Nun wen denn?«
»Iwan, den Zarensohn.«
»We-en?«
»Iwan, den Zarensohn; Sie, Sie!«
Stawrogin dachte ein Weilchen nach.
»Einen Usurpator?« fragte er plötzlich, indem er den fanatischen Menschen in tiefem Staunen anblickte. »Ah, sieh da, endlich bekomme ich Ihren Plan zu hören!«
»Wir werden sagen, daß er ›sich verbirgt‹,« sagte Werchowenski leise, wie wenn ein Verliebter flüsterte; er machte tatsächlich den Eindruck eines Betrunkenen. »Wissen Sie wohl, was der Ausdruck: ›er verbirgt sich‹ besagt? Aber er wird erscheinen, er wird erscheinen. Wir werden eine Legende in Umlauf setzen, eine bessere als die der Skopzen.1 Er ist da; aber niemand hat ihn gesehen. Oh, was für eine prächtige Legende kann man da fabrizieren! Und die Hauptsache ist: eine neue Kraft kommt. Und eben die ist nötig; nach der sehnt man sich. Das ist ja für den Sozialismus charakteristisch: er hat immer nur die alten Kräfte zerstört, aber keine neuen hervorgebracht. Aber hier ist eine Kraft, und dazu was für eine Kraft, eine noch nie dagewesene Kraft! Wir brauchen nur ein einziges Mal den Hebel anzusetzen, um die Erde aus ihrem Lager zu heben. Alles wird in Bewegung kommen!«
»Also haben Sie im Ernst auf mich gerechnet?« fragte Stawrogin boshaft lächelnd.
»Warum lachen Sie, und noch dazu so boshaft? Jagen Sie mir keinen Schreck ein! Ich bin jetzt wie ein kleines Kind; durch ein bloßes derartiges Lächeln kann man mich in den Tod erschrecken. Hören Sie, ich werde Sie niemandem zeigen, niemandem: es muß so sein. Er ist da; aber niemand hat ihn gesehen; er verbirgt sich. Aber wissen Sie, man kann Sie auch zeigen, zum Beispiel einem unter hunderttausend. Dann wird sich die Kunde im ganzen Lande verbreiten: ›er ist gesehen worden, er ist gesehen worden!‹ Auch Iwan Filippowitsch, der Gott Zebaoth, ist gesehen worden; ›mit eigenen Augen‹ haben ihn die Menschen gesehen, wie er in einem Wagen gen Himmel fuhr. Und Sie sind nicht ein Iwan Filippowitsch; Sie sind ein schöner Mann, stolz wie ein Gott; Sie suchen keinen eigenen Gewinn; Sie haben den Glorienschein der Selbstaufopferung; Sie sind der, der ›sich verbirgt‹. Die Hauptsache ist die Legende! Sie werden die Menschen gewinnen; Sie werden sie ansehen und gewinnen. Er bringt eine neue Wahrheit und ›verbirgt sich‹. Und dann werden wir zwei oder drei salomonische Aussprüche in Umlauf setzen. Die Gruppen, die Fünferkomitees werden das Ihre tun; Zeitungen brauchen wir nicht. Wenn von zehntausend Bitten nur eine erfüllt wird, so werden alle mit Bitten kommen. In jeder Gemeinde wird jeder Bauer wissen, daß da irgendwo ein Baumloch ist, in das Bittschriften hineingelegt werden sollen. Und die Erde wird freudig aufstöhnen: ›Ein neues, gerechtes Gesetz kommt!‹ und das Meer wird wogen, und die Komödiantenbude wird zusammenstürzen, und dann werden wir überlegen, wie wir dafür einen steinernen Bau errichten können. Zum ersten Male! Wir werden ihn errichten, wir, nur wir.«