Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #6
- Год: 2018
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
In gewisser Weise hatte ich das Gefühl, dass ich ihm dankbar sein sollte. Nur die Geburt eines Zwerges war in der Lage, die Aufmerksamkeit der Bewohner von Fraser’s Ridge von mir und den Ereignissen der vergangenen Monate abzulenken. Nun starrten die Leute mir nicht mehr in das verheilende Gesicht oder suchten holpernd nach etwas, was sie zu mir sagen konnten. Sie hatten jede Menge zu sagen – zu mir, zueinander – und nicht selten zu Marsali, wenn weder Brianna noch ich rechtzeitig da waren, um sie aufzuhalten.
Wahrscheinlich sagten sie dieselben Dinge auch zu Fergus – falls sie ihn zu Gesicht bekamen. Er war drei Tage nach der Geburt des Babys zurückgekehrt, schweigend und mit finsterer Miene. Er war lange genug geblieben, um Marsalis Namenswahl zuzustimmen und sich kurz unter vier Augen mit ihr zu unterhalten. Dann war er wieder gegangen.
Falls sie wusste, wo er war, sagte sie es nicht. Vorerst wohnte sie mit den Kindern bei uns im Haus. Sie lächelte die anderen Kinder an und hörte ihnen zu, weil eine Mutter das muss, doch sie schien stets auf irgendetwas zu lauschen, das nicht da war. Fergus’ Schritte?, fragte ich mich.
Doch eines war gut; sie hielt Henri-Christian stets dicht bei sich und trug ihn in einer Schlinge am Körper oder hatte ihn zu ihren Füßen in seinem Binsenkörbchen stehen. Ich hatte schon öfter Eltern gesehen, die ein behindertes Kind bekommen hatten; oft reagierten sie darauf, indem sie sich zurückzogen, weil sie mit der Situation nicht umgehen konnten. Marsali ging genau entgegengesetzt damit um und beschützte ihn mit Leib und Seele.
Ständig kamen Besucher, angeblich, um irgendetwas mit Jamie zu besprechen oder mich um ein Tonikum oder eine Salbe zu bitten – doch in Wirklichkeit hofften sie, einen Blick auf Henri-Christian werfen zu können. Daher war es nicht überraschend, dass sich Marsali anspannte und Henri-Christian an ihre Brust klammerte, sobald sich die Hintertür öffnete und ein Schatten die Schwelle verdunkelte.
Diesmal jedoch entspannte sie sich ein wenig, als sie sah, dass Ian der Besucher war.
»Hallo, Cousinchen«, sagte er und lächelte sie an. »Geht es dir gut, und dem Kleinen auch?«
»Bestens«, sagte sie bestimmt. »Möchtest du deinem neuen Neffen einen Besuch abstatten?« Ich konnte sehen, dass sie ihn genau beobachtete.
»Ganz genau, und ich habe ein kleines Geschenk für ihn.« Er hob seine kräftige Hand und fasste sich an sein Hemd, unter dem sich etwas als Beule abzeichnete. »Dir geht es ebenfalls gut, hoffe ich, Tante Claire?«
»Hallo, Ian«, sagte ich. Ich stand auf und legte das Hemd beiseite, dessen Saum ich gerade nähte. »Ja, alles bestens. Möchtest du ein Glas Bier?« Ich war dankbar, ihn zu sehen; ich hatte Marsali beim Nähen Gesellschaft geleistet – oder vielmehr bei ihr Wache gestanden, um weniger willkommene Besucher zu vertreiben, solange sich Mrs. Bug um die Hühner kümmerte. Doch ich hatte einen Brennnesselabsud im Sprechzimmer aufgesetzt und musste danach sehen. Ich konnte mich darauf verlassen, dass Ian sich um sie kümmern würde.
Nachdem ich sie mit Erfrischungen versorgt hatte, flüchtete ich in mein Sprechzimmer und verbrachte eine angenehme Viertelstunde mit meinen Kräutern. Ich füllte Infusionen ab und trennte einen Berg Rosmarinzweige voneinander, um sie zu trocknen, umgeben vom durchdringenden Duft und dem Frieden der Pflanzen. Solche Momente des Alleinseins waren in diesen Tagen selten, da überall Kinder aus dem Boden schossen wie die Pilze. Ich wusste, dass Marsali es nicht abwarten konnte, nach Hause zurückzukehren – aber ich ließ sie nur ungern gehen, solange Fergus nicht da war, um ihr zumindest irgendwie zur Hand zu gehen.
»Dieser verflixte Kerl«, murmelte ich. »So ein kleiner Egoist.«
Offenbar war ich nicht die Einzige, die so dachte. Als ich in einer Duftwolke aus Rosmarin und Ginsengwurzel wieder durch den Flur kam, hörte ich, wie Marsali Ian gegenüber eine ähnliche Meinung zum Ausdruck brachte.
»Aye, ich weiß, dass er sich überrumpelt fühlt, wer würde das nicht?«, sagte sie gerade mit sehr verletzter Stimme. »Aber warum muss er denn weglaufen und uns allein lassen? Hast du mit ihm gesprochen, Ian? Hat er irgendetwas gesagt?«
Das war es also. Ian war auf einer seiner rätselhaften Wanderungen gewesen; er musste Fergus irgendwo begegnet sein und es Marsali erzählt haben.
»Aye«, sagte er nach kurzem Zögern. »Ein paar Worte.« Ich hielt mich im Hintergrund, weil ich sie nicht unterbrechen wollte, doch ich konnte sein Gesicht sehen, und das Mitgefühl, das seinen Blick verschleierte, strafte seine wilden Tätowierungen Lügen. Er beugte sich über den Tisch und streckte die Arme aus. »Kann ich ihn in den Arm nehmen, Cousinchen? Bitte?«
Marsali richtete sich überrascht auf, reichte ihm aber das Baby, das ein wenig in seinem Deckchen strampelte, sich aber schnell an Ians Schulter kuschelte und kleine Schmatzlaute von sich gab. Ian senkte lächelnd den Kopf und strich mit den Lippen über Henri-Christians großen runden Kopf.
Er sagte leise etwas zu dem Baby, und ich glaubte, dass es auf Mohawk war.
»Was hast du da gesagt?«, fragte Marsali neugierig.
»Man könnte es wohl einen Segen nennen.« Ganz sanft tätschelte er Henri-Christian den Rücken. »Man ruft den Wind an, ihn willkommen zu heißen, den Himmel, ihm Schutz zu gewähren, und Wasser und Erde, ihn satt zu machen.«
»Oh.« Marsalis Stimme war leise. »Wie wunderschön, Ian.« Doch dann setzte sie sich gerade hin und ließ sich nicht länger ablenken. »Du sagst, du hast mit Fergus gesprochen?«
Ian nickte mit geschlossenen Augen. Seine Wange ruhte leicht auf dem Kopf des Babys. Im ersten Moment sagte er nichts, doch ich sah, wie sich seine Kehle bewegte und sein Adamsapfel beim Schlucken auf und ab hüpfte.
»Ich habe auch ein Kind gehabt, Cousinchen«, flüsterte er so leise, dass ich ihn kaum hörte.
Marsali hörte ihn. Sie erstarrte, und die Nadel, nach der sie gerade gegriffen hatte, glitzerte in ihrer Hand. Dann legte sie sie ganz langsam wieder hin.
»Ist das so?«, sagte sie genauso leise. Dann stand sie auf, umrundete mit sanft raschelnden Röcken den Tisch, um sich neben ihm auf die Bank zu setzen, so dicht, dass er sie dort spüren konnte, und legte ihm ihre kleine Hand auf den Ellbogen.
Ohne die Augen zu öffnen, holte er tief Luft und fing an zu reden, das Baby an sein Herz geschmiegt, seine Stimme kaum lauter als das Knistern des Feuers.
Er erwachte in dem sicheren Bewusstsein, dass etwas nicht stimmte. Er rollte sich zum hinteren Teil der Plattform, wo seine Waffen bereitlagen, doch bevor er zu Messer oder Speer greifen konnte, hörte er erneut das Geräusch, das ihn geweckt haben musste. Es war hinter ihm, war nicht mehr als ein leises Atemanhalten, doch er hörte Schmerz und Angst darin.
Das Feuer war schon weit heruntergebrannt; er sah nicht mehr als die Oberseite von Wako’teqehsnonhsas Kopf als Umriss vor der roten Glut und die Rundungen ihrer Schultern und Hüften unter den Pelzen. Sie regte sich nicht und gab auch keinen Ton von sich, doch irgendetwas an ihrer reglosen, dunklen Silhouette traf ihn mitten ins Herz wie ein Tomahawkhieb.
Er packte sie fest an der Schulter und beschwor sie, gesund zu sein. Ihre Knochen zeichneten sich klein und hart unter ihrer Haut ab. Er konnte die richtigen Worte nicht finden, die Sprache der Kahnyen’kehaka war aus seinem Kopf entflohen, und so sagte er das Erste, das ihm in den Sinn kam.
»Mein Herz – Liebste – geht es dir nicht gut? Heiliger Michael, steh uns bei, was hast du?«
Sie wusste, dass er da war. Etwas – eine kleine Welle, wie wenn man einen Stein ins Wasser wirft – durchlief sie, und ihr stockte erneut der Atem, ein leises, trockenes Geräusch.
Er wartete nicht weiter, sondern kroch nackt aus den Pelzen und rief um Hilfe. Menschen kamen in den Dämmerschein des Langhauses gestolpert, unförmige Schatten, die in einem Nebel aus Fragen auf ihn zueilten. Er konnte nicht sprechen; brauchte es auch nicht. Innerhalb von Sekunden war Tewaktenyonh da, ihr krafterfülltes, altes Gesicht in grimmiger Ruhe erstarrt, und die Frauen des Langhauses hasteten an ihm vorbei und stießen ihn beiseite, als sie Emily in ein Rehfell gehüllt davontrugen.