Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #6
- Год: 2018
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Doch sobald ich die Tür aufdrückte, sah ich, dass Mr. Wemyss keine Schuld traf. Zu meinen Füßen raschelte es heftig im Stroh, und etwas Großes bewegte sich im Dunklen.
Ich stieß einen abrupten Schreckensruf aus, und diesmal ließ ich die Schüssel los, so dass sie scheppernd zu Boden fiel und die Ziege weckte, die sich die Kehle aus dem Hals meckerte.
»Pardon, Milady!«
Meine Hand fuhr an mein hämmerndes Herz, und ich trat aus der Tür, so dass das Licht auf Fergus fiel, der am Boden hockte. Strohhalme ragten ihm aus dem Haar wie der Verrückten von Chaillot.
»Oh, da bist du ja«, sagte ich frostig.
Er blinzelte, schluckte und rieb sich mit der Hand über das Gesicht, das von sprießenden Bartstoppeln verdunkelt wurde.
»Ich – ja«, sagte er. Dem schien er nichts hinzuzufügen zu haben. Ich blieb ein paar Sekunden stehen und sah funkelnd zu ihm hinunter, dann schüttelte ich den Kopf und bückte mich, um die Kartoffelschalen und anderen Essensreste wieder einzusammeln, die aus der Schüssel gefallen waren. Er setzte sich in Bewegung, als wollte er mir helfen, doch ich gebot ihm mit einer Geste Einhalt.
Er saß still da und beobachtete mich, die Hände um die Knie geschlungen. Es war dämmerig im Inneren des Stalls, und es tropfte unablässig aus den Pflanzen, die oberhalb der Stalltür auf dem Hügel wuchsen, so dass vor der Tür ein Vorhang aus fallenden Wassertropfen hing.
Die Ziege hatte aufgehört zu lärmen, weil sie mich erkannt hatte, doch jetzt reckte sie den Hals durch die Umzäunung ihres Pferchs und streckte ihre blaubeerfarbige Zunge aus wie ein Ameisenbär, um einen Apfelrest zu erhaschen, der vor den Pferch gerollt war. Ich hob ihn auf und gab ihn ihr, während ich überlegte, wo ich anfangen und was ich dann sagen sollte.
»Henri-Christian geht es gut«, sagte ich, weil mir nichts Besseres einfiel. »Er hat zugenommen …«
Hier brach ich ab und beugte mich über die Einfriedung, um Mais und Küchenabfälle in den hölzernen Futtertrog zu schütten.
Totenstille. Ich wartete einen Moment, dann drehte ich mich um, eine Hand auf meiner Hüfte.
»Er ist ein lieber kleiner Junge«, sagte ich.
Ich konnte ihn atmen hören, doch er schwieg. Ich schnaubte verächtlich, trat zur Tür und schob auch die untere Hälfte weit auf, so dass das Licht von draußen hereinströmte und auf Fergus fiel. Er saß auf dem Boden, das Gesicht hartnäckig abgewandt. Ich konnte ihn von dort, wo ich stand, riechen; er stank nach bitterem Schweiß und Hunger.
Ich seufzte.
»Zwerge dieser Art besitzen eine völlig normale Intelligenz. Ich habe ihn gründlich untersucht, und er zeigt alle Reflexe und Reaktionen, die er haben sollte. Es gibt keinen Grund, warum er nicht die Schule besuchen und – irgendeine Arbeit verrichten sollte.«
»Irgendeine«, wiederholte Fergus, und es lagen Verzweiflung und Verachtung in diesem Wort. »Irgendeine.« Endlich wandte er mir das Gesicht zu, und ich sah, wie leer sein Blick war. »Bei allem Respekt, Milady – Ihr habt noch nie gesehen, wie ein Zwerg lebt.«
»Du denn?«, fragte ich weniger, um ihn herauszufordern, als aus Neugier.
Er schloss die Augen, um sie vor dem Morgenlicht zu schützen, und nickte.
»Ja«, flüsterte er und schluckte. »In Paris.«
Das Bordell in Paris, in dem er aufgewachsen war, war groß gewesen und hatte eine vielseitige Kundschaft gehabt; es war berühmt dafür gewesen, für fast jeden Geschmack etwas im Angebot zu haben.
»Das Haus selbst hatte les filles, naturellement, und les enfants. Das ist natürlich das Hauptgeschäft des Etablissements. Doch es gibt stets Menschen, die es nach … dem Exotischen verlangt und die dafür bezahlen. Also ließ die Dame des Hauses dann und wann jemanden kommen, der sich auf so etwas verstand. La Maîtresse des Scorpions – avec les flagellants, vous comprenez? Ou le Maître des Champignons.«
»Den Herrn der Pilze?«, entfuhr es mir.
»Oui. Den Zwergenmeister.«
Seine Augen waren halb geschlossen, sein Blick war nach innen gekehrt und sein Gesicht eingefallen. In seiner Erinnerung sah er Anblicke und Menschen, die seinen Gedanken jahrelang ferngeblieben waren – und es war keine schöne Erinnerung.
»Les chanterelles haben wir sie genannt«, sagte er leise. »Die Frauen. Die Männer, sie waren les morilles.« Exotische Pilze, als Rarität geschätzt aufgrund ihrer verkrümmten Gestalt, des seltsamen Aromas ihrer Körper.
»Man hat sie nicht schlecht behandelt, les champignons«, sagte er geistesabwesend. »Sie waren wertvoll, versteht Ihr. Le Maître hat solche Kinder von ihren Eltern gekauft – einmal wurde im Bordell eins geboren, und die Dame des Hauses war entzückt über ihr Glück – oder sie von der Straße geholt.«
Er sah auf seine Hand hinunter, deren lange, zerbrechliche Finger sich unablässig bewegten und den Stoff seiner Hose kneteten.
»Von der Straße«, wiederholte er. »Diejenigen, die den Bordellen entkamen, wurden Bettler. Einen von ihnen habe ich sehr gut gekannt – Luc hieß er. Manchmal haben wir uns gegenseitig geholfen –« Der Schatten eines Lächelns umspielte seinen Mund, und er schwenkte seine heile Hand mit der geschickten Geste eines Taschendiebs.
»Aber er war allein«, fuhr er sachlich fort. »Er hatte keinen Beschützer. Eines Tages habe ich ihn mit durchgeschnittener Kehle in der Gosse gefunden. Ich habe es der Dame des Hauses erzählt, und sie hat sofort den Türsteher losgeschickt, um die Leiche zu holen, die sie an einen Arzt im nächsten Arrondissement verkauft hat.«
Ich fragte nicht, was der Arzt mit Lucs Leiche gewollt hatte. Ich hatte gesehen, wie die breiten Hände von Zwergen getrocknet als Mittel für Weissagungen oder als Schutzzauber verkauft wurden. Andere Körperteile ebenfalls.
Vor meinem inneren Auge stand plötzlich Dr. Fentiman, der eine Glasflasche mit Formalin füllte und Henri-Christian gierig beäugte. Mir kam die Galle hoch, und mich überspülte eine Kälte, die nichts mit der Kühle des Stalls zu tun hatte.
»Ich beginne zu verstehen, warum ein Bordell als vergleichsweise sicherer Ort erscheinen könnte«, sagte ich und schluckte heftig. »Aber dennoch …«
Fergus hatte den Kopf auf die Hand gestützt und starrte ins Stroh. Bei diesen Worten blickte er zu mir auf.
»Ich habe meinen Hintern für Geld hingehalten, Milady«, sagte er schlicht. »Und mir nichts dabei gedacht, nur gehofft, dass es nicht zu sehr schmerzen würde. Aber dann bin ich Milord begegnet und habe eine Welt jenseits des Bordells und der Straßen gefunden. Dass mein Sohn an solche Orte zurückkehren könnte …« Er hielt abrupt inne, unfähig zu sprechen. Er schloss erneut die Augen und schüttelte langsam den Kopf.
»Fergus. Lieber Fergus. Du kannst doch nicht glauben, dass Jamie – dass wir – so etwas jemals zulassen würden«, sagte ich über die Maßen bestürzt.
Zitternd holte er tief Luft und strich die Tränen fort, die an seinen Wimpern hingen. Er öffnete die Augen und lächelte mich unendlich traurig an.
»Nein, natürlich nicht, Milady. Aber Ihr werdet nicht ewig leben und Milord auch nicht. Und ich auch nicht. Aber das Kind wird ewig ein Zwerg bleiben. Und les petits, sie können sich doch kaum selbst verteidigen. Sie werden von jenen aufgelesen, die nach ihnen suchen, werden aufgesammelt und verzehrt.« Er wischte sich die Nase an seinem Ärmel ab und setzte sich etwas gerader hin.
»Falls sie so viel Glück haben«, fügte er hinzu, und seine Stimme wurde härter. »Außerhalb der Städte schätzt sie niemand sehr. Die Bauern, sie glauben, dass die Geburt eines solchen Kindes bestenfalls ein Urteil für die Sünden seiner Eltern ist.« Ein tiefer Schatten huschte über sein Gesicht, und seine Lippen spannten sich an. »Vielleicht ist es ja so. Meine Sünden –« Doch er verstummte abrupt und wandte sich ab.