Aller guten Dinge sind nicht immer drei. Das Netz schimmerte, und wieder wurde es stockfinster um uns herum. Das Dröhnen war verschwunden, doch es roch immer noch stark nach Rauch. Außerdem war es mindestens zwanzig Grad kälter. Ich löste einen Arm von Verity und fühlte vorsichtig seitwärts. Meine Hand traf auf Stein.
»Beweg dich nicht«, sagte ich. »Ich weiß, wo wir sind. Hier war ich schon mal. Es ist der Glockenturm der Kathedrale. Im Jahre 1395.«
»Blödsinn«, sagte Verity und schickte sich an, die Stufen hochzusteigen. »Es ist der Weinkeller von Merings.«
Sie öffnete die Tür, die zwei Stufen höher lag, einen Spalt, und Licht fiel herein, enthüllte eine hölzerne Treppe und Regale, gefüllt mit von Spinnweben bedeckten Flaschen.
»Es ist Tag«, flüsterte Verity. Sie öffnete die Tür etwas weiter und streckte den Kopf durch den Spalt, nach beiden Seiten Ausschau haltend. »Dieser Gang führt zur Küche. Hoffen wir mal, daß es immer noch der sechzehnte ist.«
»Hoffen wir mal, daß es immer noch 1888 ist«, sagte ich.
Sie spähte noch einmal hinaus. »Was sollen wir deiner Meinung nach tun? Zum Pavillon gehen, wo das Netz ist?«
Ich schüttelte den Kopf. »Keiner kann wissen, wo wir dann enden. Oder ob wir überhaupt von hier wegkommen.« Ich betrachtete ihr zerrissenes, rußgestreiftes Kleid. »Du mußt aus diesen Klamotten raus. Besonders aus dem Regenmantel aus dem Jahr 2057. Gib ihn mir.«
Sie wand sich heraus.
»Meinst du, du kannst dein Zimmer erreichen, ohne daß dich jemand sieht?«
Sie nickte. »Ich benutze die Hintertreppe.«
»Ich versuche, herauszufinden, welches Datum wir haben. Wir treffen uns in einer Viertelstunde in der Bibliothek, dann machen wir gemeinsam weiter.«
Verity gab mir den Regenmantel. »Und wenn wir bereits eine Woche fort waren? Oder einen Monat? Oder fünf Jahre?«
»Dann behaupten wir, wir seien auf der Anderen Seite gewesen«, sagte ich, aber sie lachte nicht, sondern fragte beklommen: »Und wenn Tossie und Terence bereits verheiratet sind?«
»Kommt Zeit, kommt Rat«, sagte ich. »Hoffe ich jedenfalls.«
Sie lächelte mich an, eines jener herzbewegenden Lächeln, gegen die mich auch noch so viel Erholung nicht immun machen würde. »Danke, daß du mich gefunden hast«, sagte sie.
»Stets zu Diensten, Miss«, erwiderte ich. »Geh und zieh dir was Sauberes an.«
Sie nickte. »Warte hier nur ein paar Minuten, damit wir nicht zusammen gesehen werden.«
Sie öffnete die Tür und schlüpfte schnell hinaus, und mir fiel plötzlich ein, was ich ihr unbedingt hatte sagen wollen und weshalb ich den ganzen Weg ins vierzehnte Jahrhundert und zurück hinter mich gebracht hatte.
»Ich weiß jetzt übrigens, warum Tossies Tagebuch…«
Aber sie war bereits im Korridor verschwunden und dabei, die Treppe hinaufzusteigen.
Ich zog den Overall aus, der mein Jackett und meine Hosen ziemlich gut geschützt hatte, aber meine Hände — und wahrscheinlich auch mein Gesicht — waren verdreckt von Ruß und Staub. Ich wischte sie am Overall ab. Schade, daß es in Weinkellern keine Spiegel gab! Dann rollte ich den Overall mitsamt dem Regenmantel zusammen und stopfte das Bündel hinter ein Rotweinregal, bevor ich vorsichtig aus der Tür schaute und auf den Gang hinaustrat. Von den fünf Türen, die ich sah, führte eine ins Freie, aber welche? Die letzte Tür war grün gefriest, führte also in den Wohnbereich des Hauses. Ich öffnete die erste Tür.
Es war die Spülküche. Stapel schmutziger Teller, Berge von Töpfen, eine Reihe ungeputzter Schuhe, wie bei Aschenputtel. Daß die Schuhe dort standen, mußte eigentlich bedeuten, daß ich mich zeitlich irgendwo zwischen Schlafengehen und der Stunde, wo die Familie aufstand, befinden mußte, was insofern günstig war, als daß Verity auf ihrem Weg nach oben nicht zufällig mit jemand zusammentreffen würde, aber bei näherer Überlegung ergab der Gedanke keinen Sinn. In jener ersten Nacht im Hause der Merings, als ich Cyril heimlich in den Stall zurückbrachte, war ich beinahe auf Baine geprallt, der die polierten Schuhe vor die Türen gestellt hatte, und damals war es draußen noch dunkel gewesen. Und er hatte sie nicht eingesammelt, bevor nicht jedermann zu Bett gegangen war. Aber jetzt war es Morgen. Helles Sonnenlicht fiel durchs Fenster auf die Töpfe und Pfannen.
Nirgends sah ich eine Zeitung oder etwas, das mir Auskunft über das Datum hätte geben können. Einer der Töpfe hatte einen spiegelblanken Kupferboden, und ich betrachtete mich darin. Meine Wange zierte ein großer Fleck Ruß, ebenso meinen Schnurrbart. Ich zog mein Taschentuch heraus, spuckte drauf und rieb damit mein Gesicht ab, glättete mein Haar und ging auf den Korridor zurück. Wenn das die Spülküche ist, überlegte ich, muß die nächste Tür zur Küche führen und die Tür danach ins Freie.
Falsch. Es war die Küche, und Jane und die Köchin, die miteinander flüsternd in der Ecke standen, fuhren schuldbewußt auseinander. Die Köchin ging zu einem schwarzen Ungetüm von Ofen, wo sie heftig zu rühren begann, und Jane spießte eine Scheibe Brot auf die Toastgabel und hielt sie übers Feuer.
»Wo ist Baine?« fragte ich.
Jane machte einen Satz. Das Brot fiel von der Gabel und ins Feuer, wo es knisternd aufloderte.
»Was?« Sie hielt die Toastgabel wie ein Rapier hoch.
»Baine«, wiederholte ich. »Ich muß ihn sprechen. Ist er im Frühstückszimmer?«
»Nein«, entgegnete sie ängstlich. »Ich schwör’s bei der Heiligen Jungfrau, Sorrr, ich weiß nicht, wo er steckt. Er hat uns nichts gesagt. Die Herrin wird uns doch nicht entlassen, oder was meinen Sie?«