Die Farben der Zeit [To Say Nothing of the Dog - de]
- Автор: Уиллис Конни
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- Переводчик: Christian Lautenschlag
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Die Farben der Zeit [To Say Nothing of the Dog - de]». Краткое содержание книги:
»Ich wußte, daß du kommen würdest, sobald du herausgefunden hast, wo ich stecke«, sagte sie ganz sachlich.
»Aber…« Ich entschied, ihr nicht zu sagen, daß wir vorher zwei Wochen lang versucht hatten, hierher zu gelangen und nicht einmal annähernd unser Ziel erreicht hatten.
»… und als ich in die Kirche zurückkam, stand das Allerheiligste in Flammen. Und das Netz öffnet sich nicht auf einem Feuer.«
»Stimmt«, sagte ich. »Aber das braucht es auch nicht. Ich landete im Turm, der nur ein bißchen angesengt ist. Wir müssen aber durch das Kirchenschiff, wenn wir zum Turm wollen, also beeilen wir uns besser.«
»Eine Sekunde noch«, sagte sie. Sie zog den Regenmantel an, nahm den Gürtel ab und verwendete ihn dazu, ihren zerrissenen schleifenden Rock in Kniehöhe zu raffen. »Geh ich so für 1940 durch?« fragte sie und knöpfte den Mantel zu.
»Du siehst wunderbar aus.«
Wir gingen die Stufen hoch, zurück zur Kathedrale. Der Ostteil des Daches brannte. Und die Feuerwehr war endlich eingetroffen. Einer ihrer Löschwagen parkte an der Ecke, und wir mußten über ein Gewirr von Schläuchen und orangefarbenen Pfützen steigen, um zum Südportal zu gelangen.
»Wo sind die Feuerwehrleute?« fragte Verity, als wir das Menschenknäuel am Südportal erreichten.
»Es gibt kein Wasser«, erklärte ein etwa zehnjähriger Junge, der einen dünnen Pullover trug. »Die Jerries haben die Hauptwasserleitung getroffen.«
»Sie sind rüber zur Priory Row, um einen anderen Hydranten zu finden.«
»Kein Wasser«, murmelte Verity.
Wir schauten die Kathedrale hoch. Ein großer Teil des Daches brannte jetzt lichterloh. Das Feuer schoß funkensprühend am Dachende und nahe der Apsis hoch, und aus den durch den Luftdruck zerstörten Fenstern schlugen ebenfalls Flammen.
»Unsere schöne, schöne Kathedrale«, sagte ein Mann hinter uns.
Der Junge zupfte mich am Arm. »Sie schafft’s nicht, stimmt’s?«
Nein, sie schaffte es nicht. Um halb elf, wenn sie endlich einen funktionierenden Hydranten finden würden, würde das ganze Dach lichterloh brennen. Die Feuerwehrleute würden versuchen, einen Wasserstrahl auf das Allerheiligste und die Marienkapelle zu richten, aber das Wasser würde kurz darauf versiegen, und danach würde es, während das Dach brannte, nur noch eine Frage der Zeit sein, bis die Stahlträger, die J. O. Scott hatte einbauen lassen, um den Druck auf die Bögen zu vermindern, sich zu biegen und in der Hitze zu schmelzen anfingen, wodurch die Bögen aus dem fünfzehnten Jahrhundert und das Dach herabstürzen und den Altar, die geschnitzten Misererien, Händels Orgel und das Holzkreuz mit dem knienden Kind am Fuß unter sich begraben würden.
Unsere schöne, schöne Kathedrale. Ich hatte sie immer mit des Bischofs Vogeltränke auf eine Stufe gestellt — eine ärgerliche Antiquität —, und sicher gab es prächtigere Kathedralen. Aber als ich jetzt hier stand und zuschauen mußte, wie sie brannte, da verstand ich, was es Probst Howard bedeutet hatte, sie neu zu bauen, egal, wie modernistisch häßlich. Was es Lizzie Bittner bedeutet hatte, sie nicht einfach für ein Butterbrot verscherbeln zu lassen. Und ich begriff, warum Lady Schrapnell bereit war, sich mit der Kirche von England, der Historischen Fakultät von Oxford, dem Magistrat von Coventry und dem Rest der Welt anzulegen, nur um sie wiederaufzubauen.
Ich schaute auf Verity hinab. Tränen liefen ihr übers Gesicht, sie weinte lautlos. Ich legte den Arm um sie. »Können wir denn gar nichts tun?« fragte sie verzweifelt.
»Wir werden sie wiederaufbauen. Sie wird wie neu sein.«
Aber bis dahin mußten wir in die Kirche und in den Turm zurück. Doch wie? Die Menge würde uns nie und nimmer in die brennende Kirche laufen lassen, egal, was ich als Grund angeben mochte, und das Westportal wurde von einem Drachen bewacht. Und je länger wir warteten, desto gefährlicher würde es werden, durchs Kirchenschiff zur Turmtür zu gelangen.
Durch das Flakfeuer war ein neues Geräusch zu hören. »Noch ein Feuerwehrwagen!« rief jemand, und ungeachtet der Tatsache, daß es kein Wasser gab, rannte jeder, sogar die Laternensteher, zum Westende der Kirche.
»Das ist unsere Chance«, sagte ich. »Wir können nicht länger warten. Bereit?«
Sie nickte.
»Moment noch«, sagte ich, bückte mich und riß zwei lange Streifen aus ihrem sowieso schon zerrissenen Rocksaum. Ich kniete mich hin und tauchte sie in die Wasserpfützen bei einem der Schläuche. Das Wasser war eisig kalt. Ich wrang den Stoff aus. »Binde das über Mund und Nase«, sagte ich und gab ihr einen. »Wenn wir hineingehen, möchte ich, daß du schnurstracks in den hinteren Teil des Kirchenschiffs läufst und dann die Wand entlang. Und falls wir uns verlieren — die Turmtür ist innerhalb des Westportals, zu deiner Linken.«
»Verlieren?« Sie band sich den Stoff um.
»Bind dieses Stück um die rechte Hand«, riet ich ihr. »Die Türknaufe sind möglicherweise heiß. Der Absetzort liegt achtundfünfzig Stufen aufwärts, den Boden des Turms nicht mitgezählt.«
Ich wickelte die letzte Binde um meine Hand. »Was immer auch passiert, lauf weiter. Bereit?«
Sie nickte, die grünbraunen Augen über der Maske geweitet.
»Komm hinter mich«, sagte ich und öffnete vorsichtig den rechten Portalflügel einen Spalt breit. Keine Flammen röhrten heraus, nur ein Schwall bronzefarbenen Qualms drang nach außen. Ich wich davor zurück und schaute dann ins Innere der Kirche.
Es war nicht so schlimm, wie ich befürchtet hatte. Das östliche Ende der Kirche war voll Rauch und Flammen, aber wo wir standen, konnte man noch etwas durch den Rauch erkennen, und es sah aus, als wäre dieser Teil des Daches noch intakt. Die Fenster waren, außer einem in der Smithschen Kapelle, herausgedrückt worden, und der Boden war mit roten und blauen Scherben übersät.
»Gibt acht, da liegt Glas.« Ich schob Verity vor mir her. »Tief Luft holen und dann los! Ich bin direkt hinter dir.« Ich öffnete die Tür ganz.
Sie rannte los, mit mir im Nacken, vor der Hitze zurückschreckend. Als sie die Tür erreicht hatte, riß sie sie auf.
»Die Tür zum Turm ist links von dir!« rief ich, obwohl sie mich durch das wütende Röhren der Flammen unmöglich hören konnte.
Sie hielt inne, die Tür geöffnet.
»Geh hinauf!« schrie ich. »Warte nicht auf mich!« und schickte mich an, die letzten Meter zu rennen. »Hinauf mit dir!«
Es rumpelte. Ich drehte mich um und schaute zum Allerheiligsten, in der Erwartung, daß eine der Lichtgaden zusammengebrochen sei. Ein ohrenbetäubendes Krachen erfolgte, und das Fenster in der Smithschen Kapelle zersprang in einem Schauer funkelnder Fragmente.
Ich duckte mich, schützte mein Gesicht mit dem Arm und dachte, bevor mich der Druck in die Knie zwang: »Eine Sprengbombe. Aber das ist unmöglich! Die Kathedrale ist nicht direkt getroffen worden.«
Es fühlte sich aber so an. Der Treffer erschütterte die Kathedrale in ihren Grundfesten und erhellte sie einen Moment lang mit blendendweißem Licht.
Ich taumelte von den Knien hoch und hielt dann inne, den Blick quer übers Kirchenschiff gerichtet. Die Druckwelle des Einschlags hatte die Kathedrale für einen Moment vom Rauch befreit, und im grellweißen Nachglühen konnte ich alles erkennen: die Statue über der Kanzel, die brannte, ihre Hände erhoben wie die eines Ertrinkenden, die Bänke in der Kinderkapelle, ihre unersetzbaren Misererien von einem Feuer von seltsam gelbem Licht verzehrt; den Altar in der Capperschen Kapelle. Und die Chorschranke vor der Smithschen Kapelle.