Unendlichkeit [Revelation Space - de]
- Автор: Рейнольдс Аластер
- Серия: Revelation Space (de) #1
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne Verlag
- ISBN: 3-453-18787-3
- Переводчик: Irene Holicki
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Unendlichkeit [Revelation Space - de]». Краткое содержание книги:
Sonnendieb war das Bindeglied zwischen den beiden. Das Schiff hatte Resurgam nie zuvor angeflogen; nie zuvor war jemand an Bord gewesen, von dem man wusste, dass er in irgendeiner Weise mit den Amarantin zu tun gehabt hätte — und doch war Sonnendieb seit vielen subjektiven Jahren und mehreren Jahrzehnten Planetenzeit ein fester Bestandteil von Volyovas Leben. Die Lösung des Rätsels war natürlich Sylveste — aber Volyova konnte nach wie vor keinen logischen Zusammenhang erkennen.
Während Pascale weitererzählte, eilte ihr Volyova in Gedanken voraus und versuchte, das Geschehen in irgendeine Ordnung zu bringen. Pascale sprach von der vergrabenen Stadt, einer riesigen Amarantin-Stätte, die während Sylvestes Gefangenschaft entdeckt worden war, und von ihrem Wahrzeichen, einem riesigen Turm. An der Spitze dieses Turms thronte ein Wesen, das kein richtiger Amarantin war, sondern eher der Vorstellung der Amarantin von einem Engel entsprach — nur dass der Schöpfer dieses Engels peinlich genau darauf geachtet hatte, die anatomischen Grenzen zu respektieren. Dieser Engel sah fast so aus, als könne er wirklich fliegen.
»Und das war Sonnendieb?«, fragte Khouri ehrfürchtig.
»Ich weiß es nicht«, sagte Pascale. »Der ursprüngliche Sonnendieb war nur ein gewöhnlicher Amarantin, der eine Schar von Abtrünnigen um sich sammelte — und mit ihnen einen eigenen Stamm gründete, wenn man so will. Wir halten diese Renegaten für Forscher, die das Wesen der Welt zu ergründen suchten und die Mythen in Frage stellten. Dan vertritt die Theorie, dass Sonnendieb sich für Optik interessierte und Spiegel und Linsen herstellte, um damit im wahrsten Sinne des Wortes die Sonne zu stehlen. Vielleicht hat er auch Flugversuche gemacht; mit einfachen Flugmaschinen und Gleitern. Was immer es war, es war Ketzerei.«
»Und was hat es mit der Statue auf sich?«
Pascale erzählte weiter, wie aus den Abtrünnigen die ›Verbannten‹ wurden, die Jahrtausende lang vollkommen von der Bildfläche der amarantinischen Geschichte verschwunden waren.
»Darf ich an dieser Stelle eine Vermutung wagen?«, fragte Volyova. »Könnte es sein, dass sich diese Verbannten in eine stille Ecke des Planeten zurückzogen und eine neue Technologie erfanden?«
»Dan hielt das für wahrscheinlich. Er dachte, sie hätten nicht Halt gemacht, bis sie so weit waren, Resurgam ganz verlassen zu können. Als sie dann eines Tages — nicht lange vor dem Ereignis — endlich zurückkehrten, hatten sie die Zurückgebliebenen so weit überholt, dass sie ihnen wie Götter erschienen. Und das sollte die Statue sein — ein Monument zu Ehren der neuen Götter.«
»Und wie wurden die Götter zu Engeln?«, fragte Khouri.
»Durch Gentechnik«, erklärte Pascale im Brustton der Überzeugung. »Sie konnten niemals wirklich fliegen, auch nicht mit den Flügeln, die sie sich wachsen ließen, aber sie hatten die Schwerkraft auf andere Weise bereits überwunden; sie waren ins All aufgebrochen.«
»Was geschah dann?«
»Viel später — Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende danach — kehrte Sonnendiebs Volk nach Resurgam zurück. Das war kurz vor dem Ende. Wir können die archäologischen Funde zeitlich nicht differenzieren, die Spanne war zu kurz. Aber es ist fast, als hätten sie es mitgebracht.«
»Was?«, fragte Khouri.
»Das Ereignis. Was immer es war, es löschte alles Leben auf Resurgam aus.«
Als sie durch die Abwässer stapften, die knöcheltief im Korridor standen, fragte Khouri: »Gibt es eine Möglichkeit zu verhindern, dass deine Waffe Cerberus erreicht? Ich meine, du hast sie doch noch unter Kontrolle, nicht wahr?«
»Still!«, zischte Volyova. »Jedes Wort, das hier gesprochen wird…« Sie deutete stumm auf die Wände, in denen sie verborgene Abhöreinrichtungen aller Art vermutete; Teile des Überwachungsnetzes, das Sajaki kontrollierte.
»Könnte vom Rest des Triumvirats abgehört werden. — Na und?« Khouri sprach leise — wozu ein unnötiges Risiko eingehen? —, aber sie ließ sich den Mund nicht verbieten. »Wie die Dinge liegen, müssen wir früher oder später offen Widerstand leisten. Im Übrigen glaube ich nicht, dass Sajakis Überwachung so umfassend ist, wie du denkst — Sudjic hatte etwas dergleichen erwähnt. Und selbst wenn, ist er im Moment wohl ohnehin mit anderen Dingen beschäftigt.«
»Gefährlich, sehr gefährlich.« Aber vielleicht erkannte Volyova, dass Khouris Einstellung vernünftig war — dass aus den Heimlichkeiten schon sehr bald offene Rebellion werden mochte. Jedenfalls schob sie den Ärmel ihrer Jacke zurück und schaute auf das Armband mit den leuchtenden Schaltplänen und den sich langsam aktualisierenden Zahlenkolonnen. »Ich kann damit fast alles kontrollieren. Aber was nützt mir das? Wenn Sajaki Verdacht schöpft, dass ich die Operation zu sabotieren suche, wird er mich töten — und er weiß Bescheid, sobald die Waffe vom geplanten Kurs abweicht. Außerdem sollten wir nicht vergessen, dass wir alle Sylvestes Geiseln sind — und wie er darauf reagieren würde, weiß ich nicht.«
»Nicht gut, fürchte ich — aber das ändert nichts.«
Pascale hatte sich zu Wort gemeldet. »Er wird seine Drohung nicht wahr machen. In seinen Augen ist nichts, er hat es mir gesagt. Aber Sajaki hatte keine Gewissheit — es war immerhin möglich — und deshalb war Dan überzeugt, dass sein Bluff funktionieren würde.«
»Und du bist völlig sicher, dass er dich nicht belogen hat?«
»Was ist das für eine Frage?«
»Unter diesen Umständen eine völlig berechtigte. Ich fürchte Sajaki, aber bei ihm kann ich notfalls Gewalt anwenden. Bei deinem Mann ist das anders.«
»Es ist nie dazu gekommen«, sagte Pascale. »Ihr könnt mir vertrauen.«
»Was bleibt uns denn anderes übrig?«, fragte Khouri. Sie hatten einen Fahrstuhl erreicht; die Tür ging auf, aber die Kabine stand etwas zu hoch, sie mussten einen Schritt nach oben machen. Khouri schüttelte sich den Schiffsschleim von den Stiefeln, schlug mit der Faust gegen die Wand und sagte: »Ilia, du musst das Ding stoppen. Wenn es Cerberus trifft, sind wir alle tot. Die Mademoiselle hat das die ganze Zeit gewusst; deshalb wollte sie Sylveste außer Gefecht setzen. Sie muss irgendwie geahnt haben, dass er alles tun würde, um hierher zu kommen. Mir ist bei weitem nicht alles klar, aber eines steht fest. Die Mademoiselle wusste, dass es für uns alle eine Katastrophe wäre, wenn er sein Ziel jemals erreichte. Und wenn ich Katastrophe sage, dann meine ich das wörtlich.«
Der Fahrstuhl setzte sich in Bewegung, obwohl Volyova noch kein Ziel angegeben hatte.
»Es ist, als triebe Sonnendieb ihn ständig an«, sagte Pascale. »Brächte ihn auf gefährliche Gedanken und lenkte sein Schicksal.«
»Von welchen Gedanken sprichst du?«, fragte Khouri.
»Was brachte ihn zum Beispiel darauf, hierher zu kommen — in dieses System?« Volyova hatte Feuer gefangen. »Khouri; erinnerst du dich an die Aufzeichnung von Sylvestes letztem Besuch, die wir aus dem Schiffsspeicher abriefen?« Khouri nickte. Sie wusste noch gut, wie sie dem Hologramm in die Augen gesehen und sich ausgemalt hatte, wie es sein würde, den echten Sylveste zu töten. »Weißt du noch, wie er andeutete, dass er die Resurgam-Expedition bereits plante? Und wie uns das störte, weil er eigentlich noch gar nichts von den Amarantin wissen konnte? Jetzt passt das alles genau zusammen. Pascale hat Recht. Sonnendieb befand sich schon damals in seinem Kopf und drängte ihn, hierher zu kommen. Wahrscheinlich wusste er selbst nicht, wie ihm geschah. Er wurde die ganze Zeit von Sonnendieb gesteuert.«
Khouri sagte: »Man hat fast den Eindruck, als führten Sonnendieb und die Mademoiselle mit unserer Hilfe einen Stellvertreterkrieg. Sonnendieb ist eine Software-Entität und die Mademoiselle sitzt auf Yellowstone in ihrem Palankin fest… deshalb führen sie uns wie Marionetten und hetzen uns aufeinander.«
»Ich glaube, du hast Recht«, sagte Volyova. »Sonnendieb beunruhigt mich. Sehr sogar. Wir haben seit der Explosion des Weltraumgeschützes nichts mehr von ihm gehört.«
Khouri schwieg. Sie wusste, dass Sonnendieb bei ihrem letzten Aufenthalt im Leitstand in ihren Kopf eingedrungen war. Später hatte ihr die Mademoiselle bei ihrem Besuch berichtet, Sonnendieb zehre sie auf und würde sie innerhalb von Stunden oder — allenfalls — Tagen unweigerlich überwältigen. Doch das war Wochen her. Ihrer eigenen Einschätzung nach müsste die Mademoiselle inzwischen längst tot und Sonnendieb Sieger sein. Aber nichts hatte sich geändert. In Khouris Kopf war es so ruhig wie noch nie, seit man sie im Orbit um Yellowstone reanimiert hatte. Keine Implantate der verdammten Schatten, die ihr die Nähe eines Opfers meldeten; keine mitternächtlichen Heimsuchungen durch die verdammte Mademoiselle. Fast als sei Sonnendieb im Augenblick seines Triumphes gestorben. Aber daran glaubte Khouri nicht, und deshalb fand sie diese völlige Funkstille umso belastender; sie steigerte nur die Spannung bis zu seinem nächsten Auftauchen — das nach ihrer festen Überzeugung unvermeidlich war. Zudem ahnte sie, dass er noch unangenehmer sein würde als ihre letzte Untermieterin.
»Warum sollte er sich zeigen?«, fragte Pascale. »Er hat doch ohnehin fast gesiegt.«
»Fast.« Volyova nickte. »Aber was wir jetzt vorhaben, könnte ihn zum Eingreifen bewegen. Ich denke, darauf sollten wir vorbereitet sein — vor allem du, Khouri. Du weißt, dass er einen Weg in Boris Nagornys Gehirn gefunden hat, und eins kann ich dir sagen: ich hätte gern darauf verzichtet, die beiden kennen zu lernen.«
»Vielleicht solltest du mich einsperren, bevor es zu spät ist.« Es war eine eher spontane Bemerkung gewesen, aber Khouri war es todernst damit. »Ganz ehrlich, Ilia, das wäre mir lieber, als wenn du mich später erschießen müsstest.«
»Ich hätte wirklich nichts dagegen«, antwortete ihre Mentorin. »Aber unsere Überlegenheit ist im Moment eher bescheiden — wir drei gegen Sajaki und Hegazi —, und für welche Seite sich Sylveste im Ernstfall entscheidet, weiß Gott allein.«
Pascale sagte nichts.
Die Waffenkammer war immer Volyovas Ziel gewesen, aber das behielt sie für sich, bis sie dort waren. Khouri hatte diesen Teil des Schiffs noch nie betreten, aber man brauchte ihr nicht zu sagen, wo sie war. Sie hatte schon so viele Waffenkammern besucht, dass sie sie am Geruch erkannte.
»Ziemlich dickes Ding, auf das wir uns da einlassen«, fragte sie. »Richtig?«
In einem großen ovalen Raum waren die Waffengalerie und die Ausgabestelle untergebracht. In den Gestellen standen an die tausend Waffen griffbereit. Mehrere Zehntausend weitere konnten kurzfristig hergestellt werden. Sie wurden nach holografischen Plänen montiert, die überall in der Schiffsmasse verteilt waren.
»Richtig«, bestätigte Volyova. Es klang fast schon genießerisch. »Und dafür brauchen wir ein paar Schießeisen, die wirklich hässliche Löcher reißen können. Also, Khouri, bring deine ganze Erfahrung ins Spiel und rüste uns aus, wie du es für richtig hältst. Aber mach schnell — sonst sperrt uns Sajaki aus, bevor wir haben, was wir brauchen.«
»Dir macht die ganze Sache einen Heidenspaß, nicht wahr?«
»Ja. Und weißt du auch warum? Weil wir endlich etwas tun, auch wenn es selbstmörderisch ist. Vielleicht gehen wir dabei zugrunde — vielleicht erreichen wir nichts —, aber wenigstens treten wir kämpfend ab.«
Khouri nickte. Volyova hatte aus ihrer Sicht genau den Punkt getroffen. Es war das Vorrecht des Soldaten, den Dingen nicht einfach ihren Lauf zu lassen. Er durfte eingreifen, auch wenn es vergeblich war. Volyova führte sie rasch in die einfacheren Funktionen der Waffenkammer ein — die zum Glück kinderleicht zu bedienen war —, dann fasste sie Pascale am Arm und wandte sich zum Gehen.
»Wo wollt ihr hin?«
»Auf die Brücke. Sajaki will sicher, dass ich dabei bin, wenn wir Cerberus sturmreif schießen.«