Die Farben der Zeit [To Say Nothing of the Dog - de]
- Автор: Уиллис Конни
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- Переводчик: Christian Lautenschlag
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Die Farben der Zeit [To Say Nothing of the Dog - de]». Краткое содержание книги:
Carruthers schüttelte den Kopf.
»Haben Sie irgendeine Vermutung, warum sich das Netz nicht öffnete?«
»Nein«, sagte Carruthers. »Ein Spätzünder ging etwa hundert Meter neben dem Absetzort hoch. Ich dachte, es hätte vielleicht damit zu tun.«
Ich ging zur Konsole. »Schon irgend etwas rausbekommen?«
»Nein«, sagte Miss Warder. »Und hängen Sie nicht über mir wie ein Geier. Ich muß mich konzentrieren.«
Ich kehrte zu Carruthers zurück, der sich vor T. J.’s Simulationscomputer gesetzt hatte und gerade seine Stiefel auszog.
»Etwas Gutes hatte die Sache jedenfalls«, meinte er und zog einen unglaublich schmutzigen Socken aus. »Ich kann Lady Schrapnell definitiv berichten, daß sich des Bischofs Vogeltränke nicht in den Trümmern befindet. Wir haben jeden Zentimeter der Kathedrale abgesucht und sie nicht gefunden. Aber sie war während des Angriffs dort. Die Vorsitzende des Blumenausschusses, so eine schreckliche alte Jungfer namens Sharpe — Sie wissen schon, graues Haar, lange Nase, hart wie Stahl — sah das Ding um fünf Uhr an jenem Nachmittag. Sie war auf dem Heimweg von einem Treffen des Adventsbasars zugunsten des Komitees ›Päckchen-für-unsere-Soldaten‹ und sie bemerkte, daß ein paar der Chrysanthemen welk geworden waren. Also blieb sie stehen und entfernte sie.«
Ich hörte nur mit halbem Ohr zu, damit beschäftigt, Miss Warder zu beobachten, die auf die Tastatur schlug, den Schirm anstarrte, sich nachdenklich zurücklehnte, wieder die Tastatur bearbeitete. Sie hat keine Ahnung, wo Verity sein könnte, dachte ich.
»Sie nehmen also an, daß die Vogeltränke den Flammen zum Opfer fiel?« fragte Dunworthy.
»Ich ja«, sagte Carruthers, »und jeder andere auch, ausgenommen Miss Sharpe, diese fürchterliche Harpyie. Sie behauptet felsenfest, sie sei gestohlen worden.«
»Während des Angriffs?« fragte Dunworthy.
»Nein. Sie sagt, sobald der Alarm losging, sei sie zurückgekommen, um Wache zu stehen, also muß das Ding nach fünf und vor acht Uhr entwendet worden sein und wer immer es auch genommen hat, muß gewußt haben, daß in jener Nacht ein Angriff erfolgen würde.«
Auf dem Schirm tauchten rasch hintereinander Zahlenkolonnen auf. Miss Warder beugte sich vor, ihre Finger huschten über die Tasten.
»Haben Sie die Fixierung?« fragte ich.
»Ich bin dabei«, sagte sie gereizt.
»Miss Sharpe war geradezu besessen von ihrem Verdacht«, fuhr Carruthers fort, streifte den zweiten Socken ab und stopfte ihn in den Stiefel. »Befragte jeden, der sich während des Angriffs in oder in der Nähe der Kathedrale aufgehalten hatte, beschuldigte den Schwager des Kirchendieners, schrieb sogar einen Brief an den Herausgeber der Örtlichen Zeitung. Sie machte jeden damit fix und fertig. Ich brauchte mich überhaupt nicht zu bemühen, sie erledigte alles für mich. Falls jemand des Bischofs Vogeltränke gestohlen haben sollte — Sie können sicher sein, Miss Sharpe hätte den Dieb gefunden.«
»Ich hab’s«, sagte Miss Warder. »Verity ist in Coventry.«
»Coventry?« fragte ich. »Wann?«
»Vierzehnter November 1940.«
»Wo?«
Sie tippte und die Koordinaten erschienen auf dem Bildschirm.
»Das ist die Kathedrale«, sagte ich. »Welche Uhrzeit?«
Wieder tippte sie. »Fünf Minuten nach acht Uhr abends.«
»Der Angriff.« Ich ging aufs Netz zu. »Schicken Sie mich durch.«
»Wenn das Netz nicht funktioniert…« sagte T. J.
»Schicken Sie ihn durch«, sagte Dunworthy.
»Das haben wir doch schon probiert, oder?« fragte Carruthers. »Niemand kam an diesen Ort heran, du auch nicht, Ned. Wieso denkst du, daß…«
»Gib mir deinen Overall und den Helm«, sagte ich.
Er schaute zu Dunworthy und machte sich daran, seine Sachen auszuziehen.
»Was hatte Verity an?« wollte Dunworthy wissen.
Carruthers reichte mir den Overall, und ich zog ihn über den Tweedanzug. »Ein langes hochgeschlossenes Kleid«, sagte ich und bemerkte im selben Moment, daß ich vorher einer irrigen Annahme erlegen war. Ihre Kleider würden inmitten eines Luftangriffs keine Inkonsequenz erzeugen. Keiner würde sie überhaupt bemerken. Und wenn ja, würde man denken, sie trüge ein Nachthemd.
»Hier, nehmen Sie das«, sagte T. J. und reichte mir einen Regenmantel.
»Ich brauche ein fünfminütiges Intermittent.« Ich nahm den Regenmantel und trat ins Netz. Miss Warder senkte die Schleier.
»Falls du auf dem Gemüsekürbisfeld landest«, rief Carruthers, »die Scheune liegt westlich.«
Das Netz begann zu schimmern.
»Achte auf die Hunde«, sagte Carruthers. »Und die Bauersfrau…«
Und ich fand mich genau dort wieder, wo ich hergekommen war. In der gleichen pechschwarzen Finsternis. Das hieß, ich war in der darauffolgenden Nacht gelandet oder in einer von Tausenden oder Hunderttausenden von Nächten, während die Kathedrale sich ihren Weg durchs Mittelalter bahnte. Und in der Zwischenzeit steckte Verity mitten in einem Luftangriff. Und alles, was ich tun konnte, war stehenzubleiben und darauf zu warten, daß sich das verdammte Netz wieder öffnete.
»Nein!« Ich schlug mit der Faust gegen den rauhen Stein. Und die Welt um mich herum explodierte.
Wamm! machte es, krachte laut, und im Osten ratterte Flakfeuer los. Die Dunkelheit flammte weißblau auf und dann in erlöschendem Rot, und ich roch beißenden Rauch.
»Verity!« schrie ich und hetzte die Stufen zum Glockenturm hinauf, wobei ich diesmal nicht vergaß zu zählen. Um mich herum war genügend orangefarbenes Licht, damit ich etwas sah. Auch hier hing Rauchgeruch in der Luft.
Ich erreichte die Plattform des Glockenturms. »Verity!« schrie ich die Treppe hoch. »Bist du dort oben?« Tauben, ohne Zweifel Nachfahren derjenigen, die ich vor sechshundert Jahren aufgestört hatte, flogen wild mit den Flügeln schlagend vom Turm herunter und mir ins Gesicht.
Sie war nicht dort oben. Rufend rannte ich die Stufen wieder hinab, bis ich die Stelle erreicht hatte, wo ich durchgekommen war. Einundzwanzig, zweiundzwanzig, zählte ich von dort ab. »Verity!« Meine Stimme versuchte, das Dröhnen der Flugzeuge und das Heulen der Luftschutzsirene, die verspätet und nutzlos eingesetzt hatte, zu übertönen.
Dreiundfünfzig, vierundfünfzig, zählte ich. »Verity! Wo bist du?«
Ich erreichte die letzte Stufe. Achtundfünfzig. Vergiß das bloß nicht, dachte ich und stieß die Turmtür auf. Ich befand mich in der westlichen Vorhalle. Hier roch es stärker nach Rauch, mit einem würzigen scharfen Beigeschmack wie Zigarrenqualm.
»Verity!« rief ich. Ich öffnete die schwere innere Tür des Turms. Und befand mich im Kirchenschiff.
Die Kirche war dunkel, bis auf das Ewige Licht beim Kruzifix und einen roten Schein hinter den Fenstern der Lichtgaden. Ich versuchte, die Zeit zu bestimmen. Ein Großteil der Explosionen schien drüben im Norden erfolgt zu sein, und von dort hörte man auch Sirenengeheul. Dichter Rauch stieg neben der Orgel auf, aber in der Girdlerschen Kapelle brannte es nicht, die doch frühzeitig getroffen worden war. Also konnte es nicht später als halb neun sein und Verity nicht länger hier als ein paar Minuten.
»Verity!« rief ich, und meine Stimme hallte in der dunklen Kirche wider.
Die Mercersche Kapelle war bei der ersten Serie Brandbomben getroffen worden. Ich ging den Mittelgang zum Chor hoch. Warum hatte ich bloß keine Taschenlampe mitgebracht?
Das Flakfeuer brach ab, nur um sofort wieder mit vermehrter Stärke einzusetzen, und das Brummen der Flugzeuge wurde lauter. Man hörte die dumpfen Einschläge der Bomben genau östlich, und greller Feuerschein erhellte die Fenster. Die Hälfte von ihnen, bei denen das Buntglas entfernt und in Sicherheit gebracht worden war, war mit Verdunklungspapier abgedeckt oder mit Brettern vernagelt, aber drei der Fenster im nördlichen Teil der Kirche waren noch in ihrem ursprünglichen Zustand, und der grünliche Schein, der durch sie fiel, erleuchtete für einen Moment die Kirche mit einem morbiden Rötlichblau. Verity war nirgends zu sehen. Wo mochte sie hingegangen sein? Ich hätte angenommen, daß sie dicht beim Netz bleiben würde, aber vielleicht hatte sie der Angriff so in Schrecken versetzt, daß sie irgendwo Schutz gesucht hatte. Doch wo?