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Die Dämonen
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Er hatte sich jetzt völlig ausgesprochen, war aber sehr gereizt. Werchowenski wandte sich mit vorzüglich erkünstelter Unruhe an die Gesellschaft.

»Meine Herren, ich halte es für meine Pflicht, Ihnen allen zu erklären, daß dieses alles nur dummes Zeug ist und unser Gespräch zu weit gegangen ist. Ich habe noch niemandem eine Vertrauensstellung übertragen, und niemand hat das Recht, von mir zu sagen, ich übertrüge Vertrauensstellungen; sondern wir haben einfach unsere Meinungen ausgetauscht. Nicht wahr? Aber wie dem auch sei,« wandte er sich wieder an den Lahmen, »Sie versetzen mich in große Unruhe; ich hätte nicht gedacht, daß es hier erforderlich wäre, über solche beinah unschuldigen Dinge unter vier Augen zu reden. Oder befürchten Sie eine Denunziation? Kann sich wirklich jetzt ein Denunziant unter uns befinden?«

Es entstand eine gewaltige Aufregung; alle fingen an zu reden.

»Meine Herren, wenn es so ist,« fuhr Werchowenski fort, »so bin ich derjenige, der sich am meisten von allen kompromittiert hat, und darum schlage ich Ihnen vor, auf meine Frage zu antworten, selbstverständlich nur, wenn Sie wollen. Sie haben vollständig Ihren freien Willen.«

»Was für eine Frage? Was für eine Frage?« lärmten alle los.

»Eine Frage von der Art, daß durch ihre Beantwortung klar werden wird, ob wir zusammenbleiben können, oder ob es angezeigt ist, daß wir schweigend unsere Mützen nehmen und auseinandergehen, ein jeder seines Weges.«

»Die Frage, die Frage!«

»Wenn ein jeder von uns von einem beabsichtigten politischen Morde wüßte, würde er dann, obgleich er alle Folgen seines Schrittes voraussieht, hingehen und denunzieren, oder würde er zu Hause bleiben und die Ereignisse abwarten? Darüber können die Ansichten verschieden sein. Die Antwort auf diese Frage wird deutlich besagen, ob wir auseinandergehen müssen oder zusammenbleiben können, und zwar nicht nur für diesen einen Abend. Gestatten Sie, daß ich mich zuerst an Sie wende!« wandte er sich an den Lahmen.

»Warum denn zuerst an mich?«

»Weil Sie die ganze Sache angefangen haben. Tun Sie mir den Gefallen und weichen Sie nicht aus! Geschicklichkeit hilft hier nichts. Aber natürlich, wie Sie wollen: Sie haben Ihren freien Willen.«

»Entschuldigen Sie, aber eine derartige Frage ist geradezu beleidigend.«

»Nein, antworten Sie recht präzise!«

»Ein Agent der Geheimpolizei bin ich nie gewesen,« erwiderte der, noch mehr bemüht, einer geraden Antwort zu entgehen.

»Tun Sie mir den Gefallen, präziser zu antworten; halten Sie mich nicht auf!«

Der Lahme war so wütend, daß er überhaupt nicht mehr antwortete. Schweigend sah er mit zornigem Blicke durch seine Brille seinen Peiniger starr an.

»Ja oder nein? Würden Sie denunzieren oder nicht?« rief Werchowenski.

»Selbstverständlich werde ich nicht denunzieren!« rief der Lahme noch viel lauter.

»Und keiner wird denunzieren, selbstverständlich nicht!« ließen sich viele Stimmen vernehmen.

»Erlauben Sie, daß ich mich an Sie wende, Herr Major! Würden Sie denunzieren oder nicht?« fuhr Werchowenski fort. »Und beachten Sie, bitte: ich wende mich absichtlich gerade an Sie.«

»Ich werde nicht denunzieren.«

»Nun, aber wenn Sie wüßten, daß jemand einen andern, gewöhnlichen Sterblichen ermorden und berauben will, dann würden Sie denunzieren und den Betreffenden warnen?«

»Gewiß, aber das ist ein Fall aus dem bürgerlichen Leben, und vorher handelte es sich um eine politische Denunziation. Ein Agent der Geheimpolizei bin ich nie gewesen.«

»Das ist hier niemand gewesen,« erschollen wieder mehrere Stimmen. »Die Frage war unnötig. Wir alle haben dafür dieselbe Antwort. Hier sind keine Denunzianten!«

»Warum steht dieser Herr auf?« rief die Studentin.

»Das ist Schatow. Warum sind Sie aufgestanden, Schatow?« rief die Wirtin.

Schatow war tatsächlich aufgestanden, er hielt seine Mütze in der Hand und blickte Werchowenski an. Er schien etwas sagen zu wollen, aber noch zu schwanken. Sein Gesicht war blaß und grimmig; aber er beherrschte sich, sagte kein Wort und ging schweigend zur Tür.

»Schatow, das ist für Sie nicht vorteilhaft!« rief ihm Werchowenski rätselhaft nach.

»Aber für dich ist es vorteilhaft, du Spion, du Schurke!« schrie ihm von der Tür aus Schatow zu und ging vollends hinaus.

Wieder wurde durcheinander geschrien und gerufen.

»Das war eine gute Probe!« rief jemand.

»Die hat sich bewährt!« rief ein anderer.

»Hat sie sich nicht zu spät bewährt?« bemerkte ein dritter.

»Wer hat ihn eingeladen? – Wer hat ihn aufgenommen? – Was ist das für einer? – Was für ein Mensch ist dieser Schatow? – Wird er denunzieren oder nicht?« so schwirrten nun die Fragen durcheinander.

»Wenn er ein Denunziant wäre, würde er sich verstellen; aber er hat die Sache einfach hingeworfen und ist hinausgegangen,« bemerkte jemand.

»Da steht auch Stawrogin auf; Stawrogin hat ebenfalls nicht auf die Frage geantwortet!« rief die Studentin.

Stawrogin war wirklich aufgestanden, und mit ihm zugleich hatte sich am andern Ende des Tisches auch Kirillow erhoben.

»Erlauben Sie, Herr Stawrogin,« wandte sich die Hausfrau an ihn in scharfem Tone; »wir alle haben hier auf die Frage geantwortet, und Sie gehen schweigend fort?«

»Ich sehe keine Notwendigkeit, auf eine Frage zu antworten, weil sie Sie interessiert,« murmelte Stawrogin.

»Aber wir haben uns kompromittiert, und Sie sich nicht!« schrien einige Stimmen.

»Was geht das mich an, daß Sie sich kompromittiert haben?« versetzte Stawrogin lachend; aber seine Augen funkelten.

»Wie meint er das: ›was geht es mich an?‹ Was will er damit sagen?« wurde von verschiedenen Seiten gerufen.

Viele sprangen von den Stühlen auf.

»Erlauben Sie, meine Herren, erlauben Sie,« rief der Lahme; »Herr Werchowenski hat ja die Frage ebenfalls nicht beantwortet, sondern sie nur gestellt.«

Diese Bemerkung brachte eine überraschende Wirkung hervor. Alle sahen sich wechselseitig an. Stawrogin lachte dem Lahmen laut ins Gesicht und ging hinaus; Kirillow folgte ihm. Werchowenski lief hinter ihnen her ins Vorzimmer.

»Was tun Sie mir da an?« murmelte er, indem er Stawrogin bei der Hand ergriff und sie aus aller Kraft in der seinigen zusammendrückte. Der riß schweigend seine Hand los.

»Gehen Sie gleich zu Kirillow,« fuhr Peter Stepanowitsch fort; »ich werde auch hinkommen ... Ich muß notwendig mit Ihnen reden, ganz notwendig!«

»Aber ich nicht mit Ihnen,« versetzte Stawrogin kurz.

»Stawrogin wird da sein,« erklärte Kirillow, das Gespräch abschließend. »Sie müssen, Stawrogin. Ich werde Ihnen dort etwas zeigen.«

Sie gingen hinaus.

Fußnoten

1 Literarischer Kritiker und realistischer Philosoph, 1811-1848.

Anmerkung des Übersetzers.

Achtes Kapitel.

Iwan, der Zarensohn.

Sie gingen hinaus. Peter Stepanowitsch hatte zunächst vor, in die »Sitzung« zurückzueilen, um das Chaos zu besänftigen; aber da er sich wahrscheinlich sagte, es lohne sich nicht, sich mit diesen Leuten lange abzumühen, so ließ er alles im Stich und lief zwei Minuten darauf schon auf der Straße hinter den Fortgegangenen her. Während des Laufens erinnerte er sich einer Seitengasse, durch die man näher zu dem Filippowschen Hause gelangen konnte; bis an die Knie im Schmutze versinkend durcheilte er sie und kam wirklich gerade in dem Augenblicke an, als Stawrogin und Kirillow sich dem Tore näherten.

»Sie sind schon hier?« bemerkte Kirillow. »Das ist gut. Treten Sie ein!«

»Sie haben mir aber doch gesagt, daß Sie ganz allein wohnen?« fragte Stawrogin, als er im Flur an einem zurechtgemachten und bereits kochenden Samowar vorbeikam.

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