Die Dämonen
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Die Dämonen». Краткое содержание книги:
»Werchowenski, haben Sie nicht eine Erklärung abzugeben?« fragte ihn die Hausfrau direkt.
»Absolut nicht!« sagte er, die Silben dehnend, und rekelte sich gähnend auf seinem Stuhle. »Ich würde übrigens gern ein Glas Kognak trinken.«
»Stawrogin, wollen Sie nicht?«
»Ich danke, ich trinke nicht.«
»Ich meine, ob Sie nicht reden wollen; vom Kognak spreche ich nicht.«
»Reden? Wovon? Nein, das liegt nicht in meiner Absicht.«
»Es wird Ihnen Kognak gebracht werden,« antwortete sie Werchowenski.
Die Studentin erhob sich. Sie war schon vorher mehrmals halb aufgesprungen.
»Ich bin hergekommen, um von den Leiden der unglücklichen Studenten Mitteilung zu machen, und davon, daß sie aller Orten zum Protest aufgerufen werden sollen ...«
Aber sie brach ab; am andern Ende des Tisches war bereits ein Konkurrent erschienen, und alle Blicke wandten sich zu ihm hin. Der langohrige Schigalew hatte sich mit finsterer, mürrischer Miene langsam von seinem Platze erhoben und melancholisch ein dickes Heft mit außerordentlich kleiner Schrift auf den Tisch gelegt. Er setzte sich nicht wieder hin und schwieg. Viele blickten mit Bestürzung auf das Heft; aber Liputin, Wirginski und der lahme Lehrer schienen mit irgend etwas zufrieden zu sein.
»Ich bitte ums Wort,« sagte Schigalew in mürrischem, aber festem Tone.
»Sie haben das Wort,« erklärte Wirginski.
Der Redner setzte sich, schwieg etwa eine halbe Minute lang und begann dann mit gewichtigem Ernste:
»Meine Herren! ...«
»Da ist der Kognak!« sagte verdrossen und geringschätzig die Verwandte, deren Amt es war, den Tee einzuschenken; sie hatte sich entfernt gehabt, um den Kognak zu holen, und stellte jetzt vor Werchowenski die Flasche hin, sowie auch ein Glas, das sie in den bloßen Fingern gebracht hatte, ohne Untersatz und ohne Teller.
Der unterbrochene Redner hielt würdevoll inne.
»Lassen Sie sich nicht stören; fahren Sie nur fort; ich höre doch nicht zu!« rief Werchowenski und goß sich ein Glas ein.
»Meine Herren, indem ich mich an Ihre Aufmerksamkeit wende«, begann Schigalew von neuem, »und, wie Sie weiter unten sehen werden, um Ihre Hilfe in einem Punkte von allergrößter Wichtigkeit bitte, muß ich eine Einleitung vorausschicken.«
»Arina Prochorowna, haben Sie keine Schere?« fragte Peter Stepanowitsch auf einmal.
»Wozu brauchen Sie eine Schere?« fragte sie und sah ihn mit weitgeöffneten Augen an.
»Ich habe vergessen, mir die Nägel zu schneiden; seit drei Tagen habe ich es mir schon vorgenommen,« erwiderte er und betrachtete harmlos seine langen, unsauberen Nägel.
Arina Prochorowna wurde dunkelrot vor Ärger; aber Fräulein Wirginskaja schien an dieser Ungeniertheit Gefallen zu finden.
»Ich glaube, ich habe sie vorhin hier auf dem Fensterbrett gesehen,« sagte Arina Prochorowna, stand vom Tische auf, ging hin, suchte die Schere und brachte sie alsbald.
Peter Stepanowitsch gönnte der gefälligen Hausfrau nicht einmal einen Blick, nahm die Schere hin und begann, sie zu benutzen. Arina Prochorowna sagte sich, das müsse wohl ein realistisches Benehmen sein, und schämte sich ihrer Empfindlichkeit. Die Versammelten wechselten schweigend Blicke miteinander. Der lahme Lehrer betrachtete Werchowenski voll Zorn und Haß. Schigalew fuhr fort:
»Indem ich meine Energie dem Studium der Frage widmete, wie beschaffen die sozialistische Einrichtung der künftigen Gesellschaft sein müsse, von der die jetzige abgelöst werden wird, bin ich zu der Überzeugung gelangt, daß alle Begründer sozialistischer Systeme von den ältesten Zeiten bis zu unserem Jahre 187.. Phantasten, Märchenerzähler und Dummköpfe gewesen sind, die absolut nichts von der Naturwissenschaft und von jenem seltsamen Wesen, das Mensch genannt wird, verstanden. Plato, Rousseau, Fourier sind Säulen aus Aluminium; all das taugt vielleicht für Spatzen, aber nicht für die menschliche Gesellschaft. Aber da die Feststellung der künftigen Gesellschaftsform gerade jetzt, wo wir alle uns endlich zum Handeln anschicken, unumgänglich notwendig ist, damit wir nachher nicht mehr darüber nachzudenken brauchen, so schlage ich mein eigenes System der Welteinrichtung vor. Hier ist es!« Er klopfte auf das Heft. »Ich wollte der Versammlung mein Buch nach Möglichkeit in abgekürzter Form darlegen; aber ich sehe, daß ich notwendigerweise noch eine Menge von mündlichen Erklärungen werde hinzufügen müssen, und daher wird die ganze Darlegung mindestens zehn Abende erfordern, nach der Zahl der Kapitel meines Buches.« (Gelächter wurde vernehmbar). »Außerdem erkläre ich im voraus, daß mein System noch nicht zum Abschluß gebracht ist.« (Wieder Lachen.) »Ich habe mich in meinen eigenen Aufstellungen verwirrt, und mein Schlußresultat steht in direktem Widerspruche mit der ursprünglichen Idee, von der ich ausgehe. Indem ich von unbeschränkter Freiheit ausgehe, schließe ich mit unbeschränktem Despotismus. Ich füge jedoch hinzu, daß es außer meiner Lösung des sozialistischen Problems keine andere geben kann.«
Das Gelächter hatte sich immer mehr gesteigert; aber es lachten vorwiegend die jungen und sozusagen noch wenig eingeweihten Gäste. Auf den Gesichtern der Hausfrau, Liputins und des lahmen Lehrers prägte sich deutlich ein gewisser Ärger aus.
»Wenn Sie selbst es nicht verstanden haben, Ihr System zurechtzumodeln, und darüber in Verzweiflung geraten sind, was sollen dann wir erst machen?« bemerkte vorsichtig einer der Offiziere.
»Sie haben recht, Herr aktiver Offizier,« wandte sich Schigalew in scharfem Tone zu ihm, »und besonders darin, daß Sie das Wort ›Verzweiflung‹ gebraucht haben. Ja, ich bin zur Verzweiflung gelangt; nichtsdestoweniger ist alles, was in meinem Buche dargelegt ist, durch nichts anderes zu ersetzen, und eine andere Lösung gibt es nicht; es wird niemand eine andere erdenken können. Und darum beeile ich mich ohne Zeitverlust, die ganze Gesellschaft aufzufordern, wenn sie mein Buch im Laufe von zehn Abenden wird angehört haben, ihre Meinung zu sagen. Wenn aber die Mitglieder mich nicht anhören wollen, dann wollen wir gleich von vornherein auseinandergehen: die Männer, um im Staatsdienste tätig zu sein, die Frauen in ihre Küchen; denn nach Ablehnung meines Buches wird den einen wie den andern weiter nichts übrigbleiben. Ab-so-lut nichts! Wenn sie den richtigen Zeitpunkt vorübergehen lassen, so werden sie sich selbst schaden, da sie dann unvermeidlich zu ihrer alten Beschäftigung zurückkehren müssen.«
Es entstand eine Bewegung: »Was ist mit ihm? Er ist wohl verrückt, wie?« wurde von mehreren gerufen.
»Also handelt es sich jetzt lediglich um Schigalews Verzweiflung,« bemerkte Ljamschin, das Fazit ziehend. »Der Kern der Frage ist aber der: darf er in Verzweiflung sein oder nicht?«
»Schigalews an Verzweiflung grenzender Zustand ist eine rein persönliche Frage,« äußerte der Gymnasiast.
»Ich beantrage, darüber abzustimmen, inwieweit Schigalews Verzweiflung die gemeinsame Sache berührt, und damit zugleich, ob es der Mühe wert ist, ihn anzuhören,« schlug ein Offizier vergnügt vor.
»Es handelt sich hier um etwas anderes,« mischte sich endlich der Lahme ein. Meist sprach er mit einer Art von spöttischem Lächeln, so daß schwer zu unterscheiden war, ob er im Ernst redete oder scherzte. »Es handelt sich hier um etwas anderes, meine Herrschaften! Herr Schigalew hat sich seiner Aufgabe mit großem Ernste gewidmet und ist dabei sehr bescheiden. Sein Buch ist mir bekannt. Er schlägt als endgültige Lösung der Frage die Zerlegung der Menschheit in zwei ungleiche Teile vor. Ein Zehntel erhält die Freiheit der Persönlichkeit und das unbeschränkte Recht über die übrigen neun Zehntel. Diese aber müssen ihre Persönlichkeit verlieren und sich in eine Art von Herde verwandeln und bei unbegrenztem Gehorsam durch eine Reihe von Wiedergeburten die ursprüngliche Unschuld, gewissermaßen das ursprüngliche Paradies wiedererlangen, obwohl sie übrigens auch werden arbeiten müssen. Die vom Verfasser vorgeschlagenen Maßregeln, um neun Zehnteln der Menschheit den Willen zu nehmen und dieselben vermittels einer umbildenden Erziehung ganzer Generationen in eine Herde zu verwandeln, sind sehr interessant, auf naturwissenschaftliche Tatsachen gegründet und streng logisch. Man kann mit einzelnen Schlußfolgerungen nicht einverstanden sein; aber an der Klugheit und den Kenntnissen des Verfassers kann man nicht leicht zweifeln. Es ist schade, daß seine Forderung von zehn Abenden mit den Umständen völlig unvereinbar ist; sonst würden wir viel Interessantes zu hören bekommen.«