Die Dämonen
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Die Dämonen». Краткое содержание книги:
»Reden Sie wirklich im Ernst?« wandte sich Madame Wirginskaja ordentlich erregt an den Lahmen. »Wenn doch dieser Mensch nicht weiß, wo er mit den Menschen bleiben soll, und daher neun Zehntel von ihnen zu Sklaven macht? Ich habe ihn schon lange im Verdacht gehabt.«
»Sie reden von Ihrem Bruder?« fragte der Lahme.
»Was soll dabei die Verwandtschaft? Wollen Sie sich über mich lustig machen?«
»Und außerdem sollen sie für die Aristokraten arbeiten und ihnen wie Göttern gehorchen; das ist eine Gemeinheit!« rief die Studentin hitzig.
»Was ich vorschlage, ist nicht eine Gemeinheit, sondern ein Paradies, ein irdisches Paradies, und ein anderes ist auf der Erde nicht möglich,« erklärte Schigalew autoritativ.
»Ich aber würde«, rief Ljamschin, »statt eines Paradieses, diese neun Zehntel der Menschheit, wenn man nun doch einmal nicht weiß, wo man mit ihnen bleiben soll, einfach nehmen und in die Luft sprengen und würde nur ein Häufchen von gebildeten Leuten übriglassen, die dann ein behagliches, der Wissenschaft gewidmetes Leben führen könnten.«
»So kann nur ein Hansnarr sprechen!« fuhr die Studentin auf.
»Ein Hansnarr ist er, aber ein nützlicher,« flüsterte ihr Madame Wirginskaja zu.
»Und vielleicht wäre das die beste Lösung der Aufgabe!« wandte sich Schigalew eifrig an Ljamschin. »Sie wissen natürlich gar nicht, was für einen tiefen Gedanken auszusprechen Ihnen gelungen ist, Sie lustiger Herr! Aber da Ihr Gedanke nahezu undurchführbar ist, so müssen wir uns auf das irdische Paradies beschränken, wenn es nun einmal so genannt worden ist.«
»Aber das ist ja der reine Unsinn!« rief Werchowenski, als ob ihm dieser Ausruf unwillkürlich entführe. Übrigens war er immer noch, ohne irgendwelche Teilnahme zu bekunden und ohne die Augen in die Höhe zu heben, damit beschäftigt, sich die Nägel zu schneiden.
»Warum soll es denn Unsinn sein?« fiel der Lahme sofort ein, wie wenn er nur auf das erste Wort von jenem gewartet hätte, um daran anzuknüpfen. »Warum denn Unsinn? Herr Schigalew ist teilweise ein Fanatiker der Menschenliebe; aber vergessen Sie nicht, daß sich bei Fourier, besonders bei Cabet und sogar bei Proudhon selbst eine Menge der despotischsten, phantastischsten Lösungsversuche für diese Frage finden. Herr Schigalew behandelt die Frage sogar vielleicht weit nüchterner, als es jene Männer tun. Ich versichere Sie, wenn man sein Buch liest, ist es beinahe unmöglich, in einigen Punkten anderer Meinung zu sein. Er hat sich vielleicht weniger als alle anderen vom Realismus entfernt, und sein irdisches Paradies ist fast das wirkliche, eben jenes, über dessen Verlust die Menschheit seufzt, wenn anders es wirklich einmal existiert hat.«
»Na, das hatte ich mir doch gedacht, daß ich da übel ankommen würde,« murmelte Werchowenski wieder.
»Erlauben Sie,« fuhr der Lahme, immer hitziger werdend, fort, »über die künftige soziale Einrichtung zu urteilen und zu sprechen, das ist für alle denkenden Menschen der Jetztzeit geradezu ein Ding der Notwendigkeit. Herzen hat sich sein ganzes Leben lang ausschließlich mit diesem Gegenstande beschäftigt; Bjelinski hat, wie mir glaubwürdig bekannt geworden ist, ganze Abende mit seinen Freunden damit verbracht, sogar über die unbedeutendsten Details, sozusagen über die Küchenfragen in der künftigen sozialen Einrichtung, zu debattieren und im voraus Festsetzungen zu treffen.«
»Manche verlieren dabei sogar den Verstand,« bemerkte auf einmal der Major.
»Man könnte doch wenigstens etwas sagen, statt diktatorhaft dazusitzen und zu schweigen,« äußerte Liputin boshaft, als wenn er endlich Mut gefaßt hätte, den Angriff zu beginnen.
»Ich habe nicht von Schigalew gesagt, daß sein System Unsinn sei,« murmelte Werchowenski. »Sehen Sie, meine Herren,« (hier hob er einen Moment die Augen in die Höhe), »meiner Ansicht nach sind alle diese Bücher von Fourier, von Cabet, dieses ganze Recht auf Arbeit, der Schigalewismus, sämtlich eine Art von Romanen, deren man hunderttausend schreiben könnte. Ein ästhetischer Zeitvertreib. Ich verstehe es, daß Sie sich hier in der kleinen Stadt langweilen und sich auf das Schreibpapier stürzen.«
»Erlauben Sie,« erwiderte der Lahme, auf seinem Stuhle hin und her zuckend, »wenn wir auch Provinzialen und somit gewiß bedauernswerte Menschen sind, so wissen wir doch, daß auf der Welt einstweilen noch nichts Neues von solcher Art geschehen ist, daß wir darüber weinen müßten, es verpaßt zu haben. Da wird uns nun in allerlei heimlich verbreiteten Blättchen ausländischen Fabrikats vorgeschlagen, wir möchten uns zusammentun und Klubs bilden ausschließlich zum Zwecke allgemeiner Zerstörung, mit der Begründung, wie man auch an der Welt herumkurieren möge, ganz gesund werde man sie doch nie machen können; wenn man aber durch ein radikales Verfahren hundert Millionen Köpfe abschneiden und sich dadurch eine Erleichterung verschaffe, so könne man besser über den Graben springen. Ohne Zweifel ein schöner Gedanke, der aber mindestens ebenso unvereinbar mit der Wirklichkeit ist wie der ›Schigalewismus‹, über den Sie sich soeben so geringschätzig geäußert haben.«
»Na, ich bin nicht hergekommen, um zu debattieren,« entfuhr es Werchowenski unversehens, und als ob er den von ihm geschossenen Bock gar nicht bemerkte, rückte er sich ein Licht näher heran, um für seine Beschäftigung mehr Helligkeit zu haben.
»Schade, sehr schade, daß Sie nicht hergekommen sind, um zu debattieren, und sehr schade, daß Sie jetzt mit Ihrer Toilette beschäftigt sind!«
»Was geht Sie meine Toilette an?«
»Das Abschlagen von hundert Millionen Köpfen ist ebenso schwer ausführbar wie die Umgestaltung der Welt durch Propaganda. Ja, vielleicht noch schwerer, besonders wenn es in Rußland geschehen soll,« wagte Liputin wieder zu bemerken.
»Auf Rußland sind jetzt die Hoffnungen der Welt gerichtet,« sagte ein Offizier.
»Das haben wir gehört, daß man auf uns hofft,« fiel der Lahme ein. »Es ist uns bekannt, daß auf unser schönes Vaterland ein geheimnisvoller Zeigefinger hinweist als auf dasjenige Land, das zur Ausführung der großen Aufgabe am meisten befähigt ist. Nur eines möchte ich dabei bemerken: im Falle einer allmählichen Lösung der Aufgabe durch Propaganda habe ich persönlich wenigstens einen kleinen Gewinn davon, ich kann wenigstens vergnüglich darüber plaudern und erhalte von den Oberen für die Dienste, die ich der Sache des Sozialismus leiste, einen Rang und Titel. Aber im zweiten Falle, bei einer schnellen Lösung der Aufgabe mittels des Abschlagens von hundert Millionen Köpfen, welche Belohnung wird mir dabei zuteil werden? Wenn ich dafür Propaganda zu machen anfange, schneidet man mir womöglich noch die Zunge aus.«
»Die wird man Ihnen unfehlbar ausschneiden,« sagte Werchowenski.
»Sehen Sie wohl! Und da man selbst unter den günstigsten Umständen nicht früher als in fünfzig Jahren, na, sagen wir selbst in dreißig Jahren mit einer solchen Metzelei fertig werden wird (denn die andern sind doch auch keine Hammel und werden sich nicht so ohne weiteres abschlachten lassen), wäre es da nicht besser, seine Siebensachen zusammenzunehmen und über stille Meere irgendwohin nach stillen Inseln auszuwandern und dort in Ruhe und Frieden die Augen zu schließen? Glauben Sie mir,« schloß er und klopfte bedeutsam mit dem Finger auf den Tisch, »Sie werden durch eine solche Propaganda nur eine Auswanderung hervorrufen, weiter nichts!«
Er schwieg, sichtlich im Gefühl des Triumphes. Er war einer der stärksten Köpfe der Gouvernementsstadt. Liputin lächelte heimtückisch; Wirginski hörte mit etwas niedergeschlagener Miene zu; alle übrigen folgten dem Streite mit größter Aufmerksamkeit, besonders die Damen und die Offiziere. Alle hatten den Eindruck, daß der Agent für das Abschlagen von hundert Millionen Köpfen an die Wand gedrückt sei, und warteten, wie sich die Sache weiter entwickeln werde.