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Wer die Wahrheit sucht

Электронная книга - «Wer die Wahrheit sucht». Краткое содержание книги:

An einem frühen Dezembermorgen wird Guy Brouard — Millionär, Mäzen und Frauenheld — ermordet an einem Strand der englischen Kanalinsel Guernsey aufgefunden. Verdächtige und Motive gibt es mehr als genug. Nur die junge Amerikanerin China River hat keines. Doch alle Indizien weisen ausgerechnet auf sie. China hatte ihren Bruder aus Kalifornien nach Guernsey begleitet, um Guy Brouard die Architekturpläne für ein von ihm gestiftetes Museum zum Gedenken an die deutsche Besatzung der Insel im Zweiten Weltkrieg zu übergeben. Eine andere Verbindung existiert augenscheinlich nicht.
Simon St. James, engster Vertrauter von Chief Inspector Thomas Lynley, reist mit seiner Frau Deborah auf die winterliche Kanalinsel, um die Unschuld von China, einer alten Freundin Deborahs, nachzuweisen. Doch je tiefer sie in die verschworene Inselgemeinschaft eintauchen, desto mehr Personen entdecken sie, die dem wohltätigen Mitbürger Guy Brouard alles andere als freundschaftliche Gefühle entgegenbringen — und die auf irgendeine Weise in den Mord verstrickt sind: seine Exfrau, sein Sohn, seine Geliebte, seine Schwester, seine jugendlichen Schützlinge, der tragisch ausgebootete einheimische Architekt. Liegen die Motive in Brouards undurchsichtiger Vergangenheit? Oder reichen sie zurück bis in Guernseys wechselvolle Geschichte?
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Sie hatte gesagt:»Glaub mir, Henry. Es ist die Wahrheit, und wenn du nicht etwas tust, dann weiß Gott, was aus dem Kind wird.«

Das waren die verhängnisvollen Worte gewesen: Wenn du nicht etwas tust. Die Affäre war vorbei, und Valerie musste wissen, was er getan hatte.

Henry sah sie lange an, nachdem er sie angeschrien hatte, und die Worte auf meine Weise dröhnten ihnen beiden in den Ohren. Valerie hob die Hand zum Mund und drückte sie auf die Lippen, als könnte sie sich so daran hindern, auszusprechen, was sie dachte, was sie am meisten fürchtete.

Henry durchschaute sie so leicht wie immer. Er sah sie mit einem Blick von oben bis unten an und sagte:»Schuldgefühle, Val? Mach dir keine Sorgen.«

Ihr erleichtertes» O Henry, Gott sei Dank, ich. «unterbrach er mit den Worten:»Du warst nicht die Einzige, die es mir gesagt hat.«

22

Ruth betrat das Zimmer ihres Bruders zum ersten Mal seit seinem Tod. Sie hatte beschlossen, seine Kleider durchzusehen. Nicht weil das aus irgendeinem Grund notwendig gewesen wäre, sondern weil es ihr Beschäftigung bot, und die suchte sie. Sie wollte etwas tun, was eine Beziehung zu Guy hatte, etwas, das sie ihm nahe genug bringen würde, um seine tröstliche Präsenz zu fühlen, aber doch nicht so nahe, dass sie fürchten musste, noch mehr über die vielerlei Arten zu erfahren, wie er sie getäuscht hatte.

Sie trat zum Schrank und nahm das Tweedjackett vom Bügel, das er am liebsten getragen hatte. Nachdem sie sich einen Moment Zeit genommen hatte, um den vertrauten Duft seines Rasierwassers einzuatmen, entleerte sie nacheinander alle Taschen: ein Taschentuch, eine Rolle Pfefferminzdrops, ein Kugelschreiber und ein Zettel, der, wie an seinem ausgefransten Rand zu erkennen, aus einem kleinen Spiralheft herausgerissen war. Er war zu einem winzigen Quadrat gefaltet, das Ruth öffnete. C + G = Immer und Ewig, stand in unverkennbar kindlicher Handschrift darauf geschrieben. Ruth knüllte den Zettel hastig zusammen und ertappte sich dabei, dass sie nach rechts und links schaute, als fürchtete sie, jemand könnte sie beobachten, irgendein Racheengel, der einen Beweis suchte, wie sie ihn soeben ohne es zu wollen, entdeckt hatte.

Aber sie benötigte sowieso keinen Beweis mehr, denn man brauchte keinen Beweis für etwas, von dem man wusste, dass es eine ungeheuerliche Tatsache war, weil man die Wahrheit mit eigenen Augen gesehen hatte.

Ruth fühlte das gleiche Gefühl des Ekels wie an dem Tag, als sie unerwartet früh von ihrem Samaritertreffen nach Hause gekommen war. Damals hatte sie für den Grund ihrer ständigen Schmerzen noch keine Diagnose erhalten gehabt. Sie hatte es Arthritis genannt und Aspirin geschluckt und das Beste gehofft. Aber an diesem besonderen Tag waren die Schmerzen so stark, dass sie zu nichts zu gebrauchen war und nur noch nach Hause in ihr Bett wollte. Sie hatte das

Treffen lange vor Schluss verlassen und war nach Le Reposoir zurückgefahren.

Das Treppensteigen war ein Kraftakt gewesen: ihr Wille gegen die Schwäche. Sie gewann den Kampf und schleppte sich durch den Korridor zu ihrem Schlafzimmer, das sich neben Guys befand. Ihre Hand lag auf dem Türknauf, als sie das Gelächter hörte. Dann die Stimme eines jungen Mädchens, das rief:»Nicht, Guy! Das kitzelt!«

Ruth blieb wie erstarrt stehen. Sie kannte diese Stimme, und weil sie sie kannte, konnte sie sich nicht von der Tür weg bewegen. Sie konnte sich nicht bewegen, weil sie es nicht glauben konnte. Und aus diesem Grund versuchte sie, sich einzureden, dass es für das, was ihr Bruder mit einem Teenager in seinem Schlafzimmer trieb, wahrscheinlich eine ganz einfache Erklärung gab.

Wäre sie unverzüglich aus dem Korridor verschwunden, so hätte sie vielleicht an dieser Illusion festhalten können. Doch ehe sie überhaupt an Verschwinden denken konnte, flog die Tür zum Zimmer ihres Bruders auf. Guy trat heraus, im Begriff, einen Morgenmantel um seinen nackten Körper zu werfen, während er gleichzeitig ins Zimmer hinter sich rief:»Dann nehme ich einen von Ruths Schals. Das gefällt dir bestimmt.«

Als er sich umdrehte, entdeckte er seine Schwester. Sein erhitztes Gesicht wurde schlagartig leichenblass, das wenigstens konnte man zu seiner Ehre sagen, aber das war auch das Einzige. Ruth ging einen Schritt auf ihn zu, aber er packte den Knauf der Tür und schloss sie. Hinter ihm rief Cynthia Moullin:»Was ist denn? Guy?«, während Guy und seine Schwester einander anstarrten.

Ruth sagte:»Geh zur Seite, frere«, und gleichzeitig stieß Guy heiser hervor:»Um Gottes willen, Ruth. Wieso bist du zu Hause?«

Sie antwortete:»Um zu sehen, vermute ich«, und drängte sich an ihm vorbei zur Tür.

Er hatte nicht versucht, sie aufzuhalten, und darüber machte sie sich jetzt ihre Gedanken. Es war beinahe so, als hätte er gewollt, dass sie alles sah: das junge Mädchen auf dem Bett — schlank, schön, nackt, frisch und unverbraucht — und die Quaste, mit der er sie gekitzelt hatte, auf ihrem Oberschenkel.

«Zieh dich an«, sagte sie zu Cynthia Moullin.

«Das werde ich nicht tun«, antwortete das Mädchen.

Sie waren wie erstarrt, alle drei, Schauspieler, die auf ein Stichwort warteten, das nicht kam: Guy an der Tür, Ruth beim Schrank, das Mädchen auf dem Bett. Cynthia sah Guy an und zog eine Augenbraue hoch, und Ruth fragte sich, wie ein halbwüchsiges Mädchen in so einer Situation so selbstsicher aussehen konnte. Als wüsste sie genau, was als Nächstes geschehen würde.

Guy sagte:»Ruth.«

«Nein!«, erwiderte Ruth. Und zu dem Mädchen:»Zieh dich an und verschwinde. Wenn dein Vater dich sehen könnte — «

Weiter kam sie nicht. Guy trat zu ihr und legte ihr den Arm um die Schultern. Wieder sprach er ihren Namen. Dann sagte er ihr leise ins Ohr:»Wir möchten jetzt gern allein sein, Ruthie, wenn du nichts dagegen hast. Wir hatten ja keine Ahnung, dass du so zeitig nach Hause kommen würdest.«

Die ruhige Sachlichkeit von Guys Worten unter diesen Umständen, wo man ruhige Sachlichkeit am wenigsten erwartet hätte, bewog Ruth, das Zimmer zu verlassen. Sie trat in den Korridor hinaus. Guy murmelte:»Wir reden später«, und schloss die Tür. Bevor sie ganz geschlossen war, hörte Ruth ihn sagen:»Dann werden wir jetzt wohl ohne den Schal auskommen müssen. «Der alte Fußboden knarrte unter seinen Schritten, als er zu dem Mädchen ging, und das alte Bett quietschte, als er sich zu ihr legte.

Später — Stunden, wie es schien, obwohl es wahrscheinlich nicht mehr als eine halbe Stunde war — rauschte eine Zeit lang das Wasser, und ein Fön summte. Ruth lag auf ihrem Bett und lauschte den Geräuschen, häusliche und alltägliche Geräusche, dass sie sich beinahe hätte einbilden können, dass alles, was sie gesehen hatte, Täuschung gewesen wäre.

Aber das erlaubte Guy ihr nicht. Er kam zu ihr, sobald Cynthia gegangen war. Es war dunkel geworden, und Ruth hatte noch kein Licht gemacht. Sie hätte es vorgezogen, auf unbestimmte Zeit im Dunkeln zu bleiben, aber auch das erlaubte er ihr nicht. Er trat an ihren Nachttisch und knipste die Lampe an.»Ich wusste, du würdest

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