Wer die Wahrheit sucht
- Автор: Джордж Элизабет
- Серия: Inspector Lynley (de) #12
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet
- ISBN: 3-7645-0099-9
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Wer die Wahrheit sucht». Краткое содержание книги:
Simon St. James, engster Vertrauter von Chief Inspector Thomas Lynley, reist mit seiner Frau Deborah auf die winterliche Kanalinsel, um die Unschuld von China, einer alten Freundin Deborahs, nachzuweisen. Doch je tiefer sie in die verschworene Inselgemeinschaft eintauchen, desto mehr Personen entdecken sie, die dem wohltätigen Mitbürger Guy Brouard alles andere als freundschaftliche Gefühle entgegenbringen — und die auf irgendeine Weise in den Mord verstrickt sind: seine Exfrau, sein Sohn, seine Geliebte, seine Schwester, seine jugendlichen Schützlinge, der tragisch ausgebootete einheimische Architekt. Liegen die Motive in Brouards undurchsichtiger Vergangenheit? Oder reichen sie zurück bis in Guernseys wechselvolle Geschichte?
«Aber er hat ja auch was mit dir. Er ist achtundsechzig Jahre alt. Mein Gott, dafür könnte er ins Gefängnis wandern.«
«Nein, nein, Tante Val. Wir haben gewartet, bis ich sechzehn war.«
«Gewartet — ?«Valerie hatte an die Jahre gedacht, in denen ihr Bruder in Le Reposoir gearbeitet und immer mal wieder eine seiner Töchter mitgenommen hatte. Es war ihm wichtig, mit jeder von ihnen auch Zeit allein zu verbringen, seit ihre Mutter sie wegen eines Rockstars verlassen hatte.
Cynthia hatte ihren Vater am häufigsten begleitet. Valerie hatte sich nichts dabei gedacht, bis ihr eines Tages die Blicke aufgefallen waren, die zwischen dem Mädchen und Guy Brouard hin und her flogen, und die scheinbar beiläufigen Berührungen — eine flüchtige Begegnung von Hand und Arm. Sie war den beiden daraufhin gefolgt, hatte sie beobachtet und abgewartet. Als sie danach das Mädchen zur Rede stellte, hatte sie das Schlimmste erfahren.
Sie hatte es Henry sagen müssen. Eine andere Möglichkeit gab es nicht, als Cynthia sich von dieser Geschichte nicht abbringen ließ. Und jetzt hingen die Konsequenzen ihres Handelns über ihr wie ein Damoklesschwert.
Sie ging zwischen den Trümmern des einst fantastischen Gartens hindurch. Henrys Wagen stand neben dem Haus, nicht weit von der
Scheune, in der er seine Werkstatt hatte. Doch das Tor war geschlossen und abgesperrt. Sie ging weiter zur Haustür und sammelte sich einen Moment, ehe sie klopfte.
Er ist mein Bruder, sagte sie sich. Sie hatte keinen Grund zur Beunruhigung oder gar Angst. Sie hatten gemeinsam eine schwierige Kindheit mit einer verbitterten Mutter gemeistert, die — wie später ihr Sohn — von einem treulosen Ehepartner verlassen worden war. Sie waren nicht nur durch das gleiche Blut miteinander verbunden, sondern vor allem durch Erinnerungen, die so tief gingen, dass nichts jemals verdrängen konnte, was sie damals gelernt hatten: sich gegenseitig zu stützen, einander den Vater, der sich physisch entzogen, und die Mutter, die sich emotional entzogen hatte, zu ersetzen. Sie hatten den Mangel an elterlicher Fürsorge für unwichtig erklärt und sich geschworen, ihr Leben davon nicht beeinflussen zu lassen. Dass sie an diesem Vorsatz gescheitert waren, war niemandes Schuld, an Entschlossenheit und Bemühen hatte es gewiss nicht gefehlt.
Die Haustür wurde aufgemacht, noch ehe sie klopfen konnte. Ihr Bruder stand mit einem Wäschekorb auf der Hüfte vor ihr. Sein Gesicht war so finster, wie sie es noch nie gesehen hatte.»Val«, sagte er.»Was, zum Teufel, willst du hier?«Damit ging er zum Anbau hinter der Küche, der als Waschraum diente.
Sie sah, als sie ihm folgte, dass er die Wäsche immer noch so sortierte, wie sie es ihn gelehrt hatte. Weiße, dunkle und bunte Wäsche sorgfältig voneinander getrennt, Handtücher extra.
Er bemerkte ihren Blick, und ein Ausdruck der Selbstverachtung flog über sein Gesicht.»Manche Lektionen lernt man für die Ewigkeit«, sagte er.
«Ich habe versucht, dich anzurufen«, sagte sie.»Warum hast du nie abgenommen. Du warst doch zu Hause.«
«Keine Lust. «Er öffnete die Waschmaschine und nahm die fertig gewaschene Wäsche heraus, um sie in den Trockner zu werfen. Nebenan tropfte Wasser in ein Spülbecken, in dem irgendetwas eingeweicht war. Henry warf einen kurzen Blick ins Becken, gab einen Spritzer Bleiche hinein und rührte ein paar Mal kräftig mit einem langen Holzlöffel um.
«Fürs Geschäft ist das aber nicht gut«, sagte Valerie.»Es könnte doch sein, dass jemand einen Auftrag für dich hat.«
«Ans Handy bin ich ja gegangen«, erwiderte er.»Die geschäftlichen Anrufe laufen alle übers Handy.«
Valerie ärgerte sich. An das Handy hatte sie nicht gedacht. Wieso nicht? Weil sie viel zu verängstigt und besorgt und von Schuldgefühlen geplagt gewesen war, um an etwas anderes als an die Beruhigung ihrer flatternden Nerven zu denken.»Oh«, sagte sie.»Das Handy. Daran hab ich gar nicht gedacht.«
«Genau«, sagte er und stopfte die nächste Ladung Wäsche in die Maschine. Jeans, Pullis, Socken der Mädchen.»Du hast überhaupt nicht gedacht, Val.«
Die Verachtung in seinem Ton tat weh, aber sie war entschlossen, sich nicht abwimmeln zu lassen.»Wo sind die Mädchen, Harry?«, fragte sie.
Er sah sie kurz an, als sie seinen Spitznamen benutzte. Flüchtig konnte sie hinter die Maske der Ablehnung, die er trug, wieder den kleinen Jungen erkennen, den sie an der Hand genommen hatte, wenn sie über die Esplanade gegangen waren, um unten bei der Ha- velet-Bucht zu baden. Vor mir kannst du dich nicht verstecken, Harry, hätte sie gern gesagt. Aber stattdessen wartete sie auf seine Antwort.
«In der Schule. Wo sonst?«
«Ich hab eigentlich Cyn gemeint«, bekannte sie.
Er schwieg.
Sie sagte:»Harry, du kannst sie nicht einsperren — «
Er zeigte mit dem Finger auf sie und sagte:»Niemand ist hier eingesperrt. Hast du mich verstanden? Niemand ist eingesperrt.«
«Dann hast du sie rausgelassen. Mir ist schon aufgefallen, dass du das Gitter am Fenster abmontiert hast.«
Anstatt ihr eine Antwort zu geben, griff er nach dem Waschmittel und kippte es über die Kleider. Er maß es nicht ab und schaute sie an, als wollte er sie herausfordern, ihn zu belehren. Aber das hatte sie ein Mal gewagt, nur ein einziges Mal, mochte Gott ihr verzeihen. Und sie war nur gekommen, um sich zu vergewissern, dass ihre Worte:»Henry, du musst etwas unternehmen«, keine unverzeihlichen Folgen gehabt hatten.
«Ist sie ausgegangen?«, fragte sie.
«Sie weigert sich, aus ihrem Zimmer zu kommen.«
«Hast du das Schloss vor der Tür abgenommen?«
«Es ist jetzt nicht mehr nötig.«
«Nicht mehr nötig?«Es fröstelte sie. Sie schlang die Arme fest um ihren Oberkörper, obwohl es im Haus nicht kalt war.
«Nicht mehr nötig«, bestätigte Henry und ging, als wollte er etwas demonstrieren, zum Spülbecken unter dem tropfenden Wasserhahn. Mit dem Holzlöffel fischte er ein Wäschestück heraus.
Es war ein Höschen. Er hielt es hoch und ließ das Wasser auf den Boden tropfen, wo sich eine Pfütze bildete. Valerie konnte den schwachen Fleck erkennen, der trotz des Einweichens und des Bleichmittels nicht ganz herausgegangen war. Eine Welle der Übelkeit erfasste sie, als sie begriff, warum ihr Bruder seine Tochter in ihrem Zimmer festgehalten hatte.
«Also nicht«, sagte sie.
«Wenigstens ein Lichtblick. «Er wies mit dem Kopf in Richtung der Schlafzimmer.»Sie kommt nicht raus. Du kannst ja versuchen, mit ihr zu reden, wenn du Lust hast, aber sie hat von innen abgesperrt und jammert wie eine Katze, der man die Jungen ertränkt hat. Dieses dumme Ding!«Er klappte den Deckel der Waschmaschine zu, drückte auf ein paar Knöpfe und schaltete sie ein.
Valerie ging zum Zimmer ihrer Nichte. Sie klopfte und sagte:»Cynthia? Ich bin's, Tante Val, Schatz. Machst du mir auf?«Drinnen blieb alles still. Valerie fürchtete das Schlimmste.»Cynthia?«, rief sie.»Cynthia! Ich möchte mit dir reden. Bitte mach die Tür auf. «Wieder war die einzige Antwort Stille. Totenstille. Unmenschliche Stille. Valerie war überzeugt, dass diese Stille bei einer Siebzehnjährigen, die bisher geweint und geklagt hatte, nur einen Grund haben konnte. Sie rannte zu ihrem Bruder.
«Wir müssen das Zimmer aufbrechen«, sagte sie.»Ich habe Angst, dass sie sich was angetan — «
«Unsinn. Sie kommt schon wieder raus, wenn ihr danach ist. «Er
lachte bitter.»Vielleicht gefällt's ihr da drinnen.«
«Henry, du kannst das Kind nicht einfach — «
«Sag du mir nicht, was ich zu tun habe«, brüllte er sie an.»Halt du in Zukunft einfach deinen gottverdammten Mund. Du hast ihn weit genug aufgerissen. Du hast dein Teil getan. Mit dem Rest werde ich auf meine Weise fertig.«
Davor hatte sie die größte Angst: Wie ihr Bruder damit fertig werden wollte. Denn er musste mit weit mehr fertig werden, als der heimlichen Liebschaft seiner Tochter. Wäre es ein junger Mann aus der Stadt gewesen, aus der Schule, dann hätte Henry Cynthia vor den Gefahren gewarnt und alles getan, um sie vor den Auswirkungen eines vielleicht flüchtigen, aber dennoch emotional aufgeladenen, sexuellen Abenteuers zu bewahren, weil das alles neu für sie war. Aber dies hier war etwas anderes gewesen als ein neugieriger erster Ausflug einer heranwachsenden Tochter in die Sexualität. Dies war eine Verführung gewesen und ein so gemeiner Verrat, dass Henry seiner Schwester nicht geglaubt hatte, als sie es ihm gesagt hatte. Er hatte es nicht über sich gebracht, ihr zu glauben. Er hatte sich vor der Erkenntnis zurückgezogen wie ein Tier, das einen betäubenden Schlag erhalten hat.