Wer die Wahrheit sucht
- Автор: Джордж Элизабет
- Серия: Inspector Lynley (de) #12
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet
- ISBN: 3-7645-0099-9
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Wer die Wahrheit sucht». Краткое содержание книги:
Simon St. James, engster Vertrauter von Chief Inspector Thomas Lynley, reist mit seiner Frau Deborah auf die winterliche Kanalinsel, um die Unschuld von China, einer alten Freundin Deborahs, nachzuweisen. Doch je tiefer sie in die verschworene Inselgemeinschaft eintauchen, desto mehr Personen entdecken sie, die dem wohltätigen Mitbürger Guy Brouard alles andere als freundschaftliche Gefühle entgegenbringen — und die auf irgendeine Weise in den Mord verstrickt sind: seine Exfrau, sein Sohn, seine Geliebte, seine Schwester, seine jugendlichen Schützlinge, der tragisch ausgebootete einheimische Architekt. Liegen die Motive in Brouards undurchsichtiger Vergangenheit? Oder reichen sie zurück bis in Guernseys wechselvolle Geschichte?
Denn dass es zu Gewalt kommen würde, war Ruth klar. Wie hatte sie nur so töricht sein können, zu glauben, ein Vater könnte dem Mann, der seine Tochter verführt hatte, ruhig gegenübertreten?
Als sie sich dem tropischen Garten näherte, hörte sie die Schläge. Henry brüllte und wütete, die Enten quakten, aber Guy war ganz still. Still wie ein Grab. Mit einem Aufschrei brach sie durch das Gebüsch.
Die toten Körper lagen überall herum. Blut, Federn, Tod. Henry stand mitten unter den Enten, die er mit dem Brett totgeschlagen hatte, das er immer noch in den Händen hielt.
Er keuchte heftig, und sein verzerrtes Gesicht war von Tränen verschmiert.
Er hob zitternd einen Arm und wies auf Guy, der wie angewurzelt neben einer Palme stand, zu Füßen einen offenen Beutel Entenfutter.»Wag dich ja nie wieder in ihre Nähe«, zischte Henry ihn an.»Wenn du sie noch einmal anrührst, bring ich dich um.«
Jetzt, in Guys Schlafzimmer, durchlebte Ruth das alles noch einmal. Sie spürte die ungeheure Last ihrer eigenen Verantwortung an dem, was geschehen war. Guter Wille hatte nicht gereicht. Nicht, um Cynthia zu verschonen, und auch nicht, um Guy zu retten.
Sie faltete das Jackett ihres Bruders langsam zusammen. Ebenso langsam drehte sie sich herum und ging wieder zum Schrank, um das nächste Kleidungsstück herauszunehmen.
Als sie eine Hose aus einem Spanner nahm, flog die Zimmertür auf, und Margaret Chamberlain sagte:»Ich möchte mit dir reden, Ruth. Du bist mir gestern Abend beim Essen aus dem Weg gegangen — der lange Tag, die Arthritis, die notwendige Ruhe. wie praktisch für dich. Aber jetzt entkommst du mir nicht.«
Ruth hielt in ihrer Arbeit inne.»Ich bin dir nicht aus dem Weg gegangen.«
Margaret prustete spöttisch und trat ins Zimmer. Sie sah mitgenommen aus. Ihre Frisur war aus dem Leim gegangen, die immer so sorgfältig gedrehte Rolle am Hinterkopf saß schief und drohte, sich aufzulösen. Ihr Schmuck, den sie stets auf ihre Kleidung abstimmte, passte nicht zu dem Ensemble, das sie trug, und sie hatte die Sonnenbrille vergessen, die bei jedem Wetter auf ihrem Kopf zu thronen pflegte.
«Wir haben mit einer Anwältin gesprochen«, verkündete sie.
«Adrian und ich. Du wusstest natürlich, dass wir das tun würden. «
Ruth legte die Hose sachte auf Guys Bett.»Ja«, sagte sie.
«Und er wusste es offensichtlich auch. Deshalb hat er uns von vornherein den Hahn zugedreht.«
Ruth sagte nichts.
Margarets Mund wurde schmal.»Ist es nicht so, Ruth?«, fragte sie mit einem gehässigen Lächeln.»Hat Guy nicht genau gewusst, wie ich reagieren würde, wenn er seinen einzigen Sohn enterbt?«
«Margaret, er hat ihn nicht enterbt — «
«Ach, tu doch nicht so. Er hat sich über die Gesetze auf dieser popeligen kleinen Insel informiert und entdeckt, was mit seinem Besitz geschehen würde, wenn er nicht jedes Stück gleich beim Kauf dir überschriebe. Nicht einmal verkaufen hätte er können, ohne vorher Adrian zu fragen. Also hat er dafür gesorgt, dass sein Besitz gar nicht erst sein Eigentum war. Ein toller Plan war das, Ruthie. Ich hoffe, es hat dir Spaß gemacht, die Träume deines einzigen Neffen zu zerstören. Das war nämlich das Resultat dieser miesen Tour.«
«Es ging überhaupt nicht darum, irgendjemandem etwas zu zerstören«, entgegnete Ruth leise.»Guy hat diese Vorkehrungen nicht getroffen, weil er seine Kinder nicht liebte, und er hat sie nicht getroffen, weil er ihnen wehtun wollte.«
«Aber es ist anders gekommen, nicht wahr.«
«Bitte, hör mir zu, Margaret. Guy hat nicht. «Ruth zögerte. Wie sollte sie der geschiedenen Frau ihres Bruders erklären, was diesen getrieben hatte; wie sollte sie ihr sagen, dass nichts so einfach war, wie es aussah, und ihr begreiflich machen, dass ein Teil von Guys Persönlichkeit seine Vorstellung davon war, wie seine Kinder sein sollten.»Er hat von ererbten Rechten nichts gehalten. Das war alles. Er hat sich alles, was er hatte, aus dem Nichts geschaffen, und er wollte, dass seine Kinder die gleiche Erfahrung machen. In ihrer ganzen Reichhaltigkeit. Mit dem Selbstvertrauen, das nur — «
«So ein Quatsch!«, fuhr Margaret dazwischen.»Das widerspricht doch allem, was. Und das weißt du auch, Ruth. Ganz genau weißt du das!«Sie hielt inne, als wollte sie sich beruhigen und Ordnung in ihre Gedanken bringen und als glaubte sie tatsächlich, es gäbe etwas, worauf sie ihre Argumente stützen und eine Beweisführung aufbauen könnte, um die Veränderung einer Sachlage zu erzwingen, die in Beton fixiert war.»Ruth«, sagte sie, sichtlich darum bemüht, ruhig zu bleiben,»wenn man sich im Leben etwas schafft, dann geht es doch gerade darum, den Kindern mehr zu hinterlassen, als man selbst hatte. Der Sinn der Sache ist doch nicht, sie in die gleiche Situation hineinzustoßen, aus der man sich selbst hochkämpfen musste. Warum sollte jemand nach einer besseren Zukunft streben, wenn er von vornherein weiß, dass es keinen Sinn hat.«
«Es hat Sinn. Man lernt dabei und wächst daran. Man muss mit Herausforderungen fertig werden. Guy war davon überzeugt, dass es den Charakter bildet, wenn man sich selbst sein Leben aufbaut. Er hat es getan, und es hat ihm geholfen, ein besserer Mensch zu werden. Das wollte er auch für seine Kinder erreichen. Er wollte sie nicht in eine Situation versetzen, in der sie keinen Finger hätten rühren müssen. Er wollte sie nicht der Versuchung aussetzen, ihr Leben zu vergeuden.«
«Aha. Aber das galt nicht für die anderen zwei. Die darf man ruhig der Versuchung aussetzen, weil sie es aus irgendeinem Grund leichter haben sollen. Ist es so?«
«JoAnnas Töchter sind nicht anders gestellt als Adrian.«
«Ich spreche nicht von Guys Töchtern. Als wusstest du das nicht«, sagte Margaret.»Ich spreche von den anderen beiden — Fielder und Moullin. In Anbetracht der Verhältnisse, in denen sie leben, hat er ihnen ein Vermögen hinterlassen. Allen beiden. Was hast du dazu zu sagen?«
«Das sind Sonderfälle. Das ist etwas anderes. Die beiden haben nicht die Vorteile — «
«Das stimmt. Aber sie grapschen jetzt nach ihnen, nicht wahr, Ruthie?«Margaret lachte und trat vor den offenen Schrank und klopfte auf einen Stapel Kaschmirpullover, die Guy lieber getragen hatte als Hemd und Schlips.
«Sie haben ihm besonders am Herz gelegen«, sagte Ruth.»Man könnte sie vielleicht als Pflege-Enkel bezeichnen. Er war ihnen eine Art kluger Lehrer, und sie waren — «
«Diebe«, sagte Margaret.»Aber das macht ja nichts. Sie sollen ihre Belohnung ruhig bekommen, auch wenn sie lange Finger machen.«
Ruth runzelte die Stirn.»Diebe? Wovon redest du?«
«Das kann ich dir sagen: Ich habe Guys Schützling — oder soll ich ihn weiterhin als seinen Enkel sehen, Ruth? — hier im Haus beim Stehlen ertappt. Gestern morgen. In der Küche.«
«Paul hatte wahrscheinlich Hunger. Valerie steckt ihm manchmal etwas zu. Er wird sich einen Keks genommen haben.«
«Ach ja? Und den hat er in seinem Rucksack versteckt und seinen Köter auf mich gehetzt, als ich sehen wollte, was er mitgehen lassen wollte? Lass ihn ruhig mit dem Familiensilber durchbrennen, Ruth. Oder mit einer von Guys hübschen kleinen Antiquitäten. Oder einem Schmuckstück. Oder was er eingesteckt hat. Er ist davongelaufen, als er uns sah — Adrian und mich — , und wenn du nicht glaubst, dass er etwas auf dem Kerbholz hat, dann frag ihn doch mal, warum er seinen Rucksack so schnell geschnappt und uns beide angegriffen hat, als wir ihm das Ding wegnehmen wollten.«
«Ich glaube dir nicht«, sagte Ruth.»Paul würde uns niemals bestehlen.«
«Ach nein? Vielleicht sollten wir die Polizei bitten, sich seinen Rucksack mal anzusehen.«
Margaret ging zum Nachttisch und hob den Telefonhörer ab. Herausfordernd hielt sie ihn ihrer Schwägerin hin.»Soll ich anrufen, oder erledigst du das, Ruth? Wenn der Junge unschuldig ist, hat er ja nichts zu fürchten.«