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Wer die Wahrheit sucht

Электронная книга - «Wer die Wahrheit sucht». Краткое содержание книги:

An einem frühen Dezembermorgen wird Guy Brouard — Millionär, Mäzen und Frauenheld — ermordet an einem Strand der englischen Kanalinsel Guernsey aufgefunden. Verdächtige und Motive gibt es mehr als genug. Nur die junge Amerikanerin China River hat keines. Doch alle Indizien weisen ausgerechnet auf sie. China hatte ihren Bruder aus Kalifornien nach Guernsey begleitet, um Guy Brouard die Architekturpläne für ein von ihm gestiftetes Museum zum Gedenken an die deutsche Besatzung der Insel im Zweiten Weltkrieg zu übergeben. Eine andere Verbindung existiert augenscheinlich nicht.
Simon St. James, engster Vertrauter von Chief Inspector Thomas Lynley, reist mit seiner Frau Deborah auf die winterliche Kanalinsel, um die Unschuld von China, einer alten Freundin Deborahs, nachzuweisen. Doch je tiefer sie in die verschworene Inselgemeinschaft eintauchen, desto mehr Personen entdecken sie, die dem wohltätigen Mitbürger Guy Brouard alles andere als freundschaftliche Gefühle entgegenbringen — und die auf irgendeine Weise in den Mord verstrickt sind: seine Exfrau, sein Sohn, seine Geliebte, seine Schwester, seine jugendlichen Schützlinge, der tragisch ausgebootete einheimische Architekt. Liegen die Motive in Brouards undurchsichtiger Vergangenheit? Oder reichen sie zurück bis in Guernseys wechselvolle Geschichte?
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Dort, wo La Garenne sich mit der Küstenlinie krümmte, fanden sie Anai's Abbotts Haus. Es stand auf einem stattlichen Grundstück, von der Straße durch Mauern abgeschirmt, die aus den gleichen grauen Granodioritblöcken errichtet war wie das Haus selbst. Vorne war ein großer Garten, durch den sich ein Fußweg zur Haustür schlängelte, und vor dieser Haustür stand mit verschränkten Armen Anai's Abbott. Sie unterhielt sich mit einem fast kahlköpfigen Mann mit Aktenta- sche, der Mühe hatte, seinen Blick oberhalb ihres Dekolletes zu halten.

Als Deborah den Wagen am Straßenrand dem Haus gegenüber anhielt, tauschten der Mann und Anai's Abbott gerade einen Händedruck wie zur Besiegelung einer Absprache, dann kam der Mann den mit Steinplatten belegten Weg zwischen Strauchveronika und Lavendel herunter. Anai's sah ihm von der Haustür aus nach und bemerkte, da sein Wagen direkt vor Deborahs geparkt war, die beiden Frauen, die gerade aus dem Escort stiegen. Ein sichtbarer Ruck ging durch ihren Körper, und der Ausdruck ihres Gesichts — weich und ernsthaft während des Gesprächs mit dem Mann — veränderte sich schlagartig. Die Augen wurden schmal und misstrauisch, als Deborah und China durch den Garten auf sie zukamen.

Wie schützend fasste sie sich mit einer Hand an den Hals und sagte zu Deborah:»Wer sind Sie?«und:»Wieso sind Sie nicht im Gefängnis? Was hat das zu bedeuten?«zu China. An beide gerichtet waren die Worte:»Was tun Sie hier?«

«China ist auf freiem Fuß«, sagte Deborah. Sie stellte sich vor und begründete ihren Besuch mit der etwas verschwommenen Erklärung, sie wolle» versuchen, die Dinge zu klären«.

«Auf freiem Fuß?«, wiederholte Anai's.»Was heißt das?«

«Das heißt, dass China unschuldig ist, Mrs. Abbott«, antwortete Deborah.»Sie hat Mr. Brouard nichts angetan.«

Bei der Erwähnung dieses Namens röteten sich Anai's Abbotts Augen. Sie sagte:»Ich kann nicht mit Ihnen sprechen. Ich weiß nicht, was Sie hier wollen. Lassen Sie mich in Ruhe. «Sie wollte ins Haus gehen.

«Warten Sie, Anai's!«, rief China.»Wir müssen miteinander reden — «

Anai's Abbott fuhr herum.»Ich will aber nicht mit Ihnen reden. Ich will Sie nicht sehen. Haben Sie nicht genug angerichtet? Sind Sie immer noch nicht zufrieden?«

«Wir — «

«Nein! Ich habe gesehen, wie Sie sich ihm gegenüber benommen haben. Oder dachten Sie, ich hätte es nicht bemerkt? Dann haben Sie sich getäuscht. Ich weiß, was Sie wollten.«

«Anais, er hat mir nur sein Haus und das Gelände gezeigt. Er wollte mir — «

«Er wollte, er wollte«, äffte Anais sie verächtlich nach, aber ihre Stimme zitterte, und sie war nahe daran, in Tränen auszubrechen.»Sie wussten, dass er zu mir gehört. Sie wussten es, Sie haben es gesehen, Sie haben es von jedem gehört, und trotzdem haben Sie es bei ihm versucht. Sie waren entschlossen, ihn zu verführen, und haben jede Minute darauf verwendet — «

«Ich habe nur fotografiert«, sagte China.»Für mich war das eine Chance, Aufnahmen für eine Zeitschrift zu Hause zu machen. Das habe ich ihm erzählt, und er war einverstanden. Wir haben nichts — «

«Leugnen Sie doch nicht!«Anais' Stimme wurde schrill.»Er hat sich von mir abgewandt. Er sagte, er könnte nicht, aber ich wusste, dass er nicht wollte. Und jetzt habe ich alles verloren. Alles!«

Ihre Reaktion war so extrem, dass Deborah den Eindruck gewann, sie wären hier in einer anderen Dimension gelandet. Sie versuchte einzugreifen.»Wir müssen mit Stephen sprechen, Mrs. Abbott. Ist er da?«

Anais trat zur Tür zurück.»Was wollen Sie von meinem Sohn?«

«Er war zusammen mit Mr. Brouard bei Frank Ouseley, um sich dessen Sammlung für das Kriegsmuseum anzusehen. Darüber würden wir gern mit ihm sprechen.«

«Warum?«

Deborah dachte nicht daran, ihr mehr zu sagen, vor allem nicht etwas, was sie zu der Vermutung veranlassen könnte, ihr Sohn sei in irgendeiner Weise für die Ermordung Guy Brouards verantwortlich. Das würde sie wahrscheinlich vollends umwerfen. Auf dem schmalen Grat zwischen Wahrheit, Manipulation und Ausflucht wandernd, sagte Deborah:»Wir möchten gern wissen, was er damals alles gesehen hat.«

«Warum?«

«Ist er zu Hause, Mrs. Abbott?«

«Stephen hat niemandem etwas getan. Wie kommen Sie dazu — «Anais Abbott stieß die Tür auf.»Verschwinden Sie von meinem

Grundstück. Wenn Sie mit jemandem sprechen wollen, dann wenden Sie sich an meinen Anwalt. Stephen ist nicht hier. Und er wird auch nicht mit Ihnen reden.«

Sie ging hinein und schlug die Tür zu, aber vorher warf sie noch einen Blick in die Richtung, aus der Deborah und China gekommen waren, und der verriet sie. Keinen Kilometer entfernt ragte auf einem kleinen Hügel ein Kirchturm in die Höhe.

Deborah und China machten sich dorthin auf den Weg. Den Kirchturm als Orientierung benutzend, fuhren sie auf der Straße La Garenne wieder zurück. Wenig später gelangten sie zu einem von einer Mauer umgebenen Friedhof am Hang eines Hügels, auf dessen Kuppe die Kirche St. Michel de Vale stand. Der spitze Turm hatte eine Uhr mit blauem Zifferblatt ohne Minutenzeiger. Der Stundenzeiger stand auf der Sechs. In der Hoffnung, Stephen Abbott in der Kirche zu finden, gingen sie hinein.

Aber drinnen war alles still. Glockenseile hingen reglos neben einem marmornen Taufbecken, und von einem bunten Fenster blickte der gekreuzigte Christus auf den Altar mit seiner Dekoration aus Ilex und Beeren herab. Im Kirchenschiff war niemand und auch nicht in der Kapelle der Erzengel seitlich vom Hauptaltar, in der ein ewiges Licht brannte.

Sie gingen wieder auf den Friedhof hinaus. China sagte gerade:»Sie wollte uns wahrscheinlich verschaukeln. Ich wette, er ist zu Hause«, als Deborah auf der anderen Straßenseite einen Teich bemerkte. Von der Straße her war er, von Schilf geschützt, nicht zu sehen gewesen, aber von dieser Position vom Hügel aus konnten sie ihn, nicht weit entfernt von einem Haus mit rotem Dach, liegen sehen. Am Ufer stand eine Gestalt mit einem Hund an ihrer Seite und warf Stöcke ins Wasser. Noch während sie hinsahen, versetzte der Junge dem Tier einen Stoß.

«Stephen Abbott«, sagte Deborah grimmig.»Amüsiert sich offensichtlich auf seine Weise.«

«Reizendes Bürschchen«, meinte China, als sie zum Auto zurückgingen und dort die Straße überquerten.

Er warf gerade wieder einen Stock ins Wasser, als sie aus dem dichten Gebüsch rund um den Teich traten.»Na los«, rief er dem Hund zu, der nicht weit weg saß und mit Trauermiene ins Wasser starrte.»Komm schon!«, schrie Stephen Abbott ihn an.»Kannst du eigentlich gar nichts?«Er warf noch einen Stock und noch einen, als wollte er dem Tier, dem Gehorsam und die eventuell damit verbundene Belohnung offensichtlich längst gleichgültig geworden waren, unbedingt seinen Willen aufzwingen.

«Er möchte wahrscheinlich nicht nass werden«, sagte Deborah. Und dann:»Hallo, Stephen. Erinnerst du dich an mich?«

Stephen warf ihr über die Schulter einen Blick zu. Dann bemerkte er China, und seine Augen weiteten sich kurz, ehe sein Gesicht sich verschloss und sein Blick hart wurde.»Dieser doofe Hund«, sagte er.»Genau wie diese doofe Insel. Wie überhaupt alles. Scheißdoof.«

«Er schaut aus, als ob er friert«, sagte China.»Er zittert.«

«Er hat Angst, dass ich ihn schlage. Und das tu ich auch, wenn er seinen Arsch nicht bald ins Wasser kriegt. Biscuit«, schrie er.»Los, mach schon. Spring rein und hol den beschissenen Stock.«

Der Hund kehrte ihm den Rücken.

«Der ist sowieso taub«, sagte Stephen.»Aber er weiß genau, was ich will. Und wenn er weiß, was ihm gut tut, gehorcht er jetzt endlich. «Er schaute sich um, hob einen Stein auf und wog ihn abschätzend in der Hand.

«Hey!«, sagte China.»Das wirst du nicht tun.«

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