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Kerker und Ketten

Электронная книга - «Kerker und Ketten». Краткое содержание книги:

Der Pfeifer und seine Freunde quälen sich in den Steinbrüchen von El Mengub. Schon haben sie den sicheren Tod vor Augen, da dürfen sie neue Hoffnung schöpfen: die Piratin Marina, in schmerzlicher Haßliebe an Michel Baum gekettet, versucht, die Gefangenen zu befreien. Doch bald wird sie selbst von Sklavenhändlern verschleppt, und nun ist es an Michel, sie zu suchen. Aber der Bej von Tunis hält ihn fest, und erst eine Palastrevolution schafft ganz neue Verhältnisse. Doch Marina bleibt verschwunden.
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
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»Nun, vielleicht gelingt es mir, uns alle noch mit Gottes Hilfe hier aus dem Kerker zu befreien. Vielleicht erhalten wir eher Hilfe, als wir denken. Nehmen wir einmal an, es wäre so. Würdet Ihr glauben, daß Gott einem Manne hilft, der ein Ketzer ist?«

Schweigen. Michel wartete vergeblich auf eine Antwort. Der Padre schien die Unterhaltung nicht fortsetzen zu wollen.

7

Der neue Tag begann, wie bisher jeder Tag begonnen hatte. Am Anfang ertönte der eintönige Sprechgesang des Muezzin. Die erste Sure des Korans war das Alpha und das Omega im Leben eines treuen Dieners des Propheten.

»Jallah! - Jallah!« erschollen dann die Rufe der Wächter.

Die Peitschen knallten ihren gräßlichen Kontrapunkt zu der Melodie des Hasses. Die Gitter öffneten sich, Ketten rasselten. Die Sträflinge wankten hinaus aus den Kralen. Schiebend und stoßend drängten sie sich zum Fluß hinunter, um sich denMagen voll Wasser zu pumpen. Sie tranken nicht etwa so unmäßig, weil sie einen unstillbaren Durst hatten, nein, sie wollten nur das Gefühl haben, voll zu sein, voll von irgend etwas, das dazu angetan war, ihnen für einige Minuten Sattheit vorzugaukeln.

Es gibt nur wenig Menschen, die sich den richtigen Hunger vorstellen können, den langsam zermürbenden Hunger, den Hunger, der keinen anderen Gedanken mehr aufkommen läßt als den ans Essen. Für den, der so hungert, ist Essen schlechthin der Inbegriff des Lebens. Schnelles Verhungern ist eine Gnade gegen den Hunger, mit dem ein Strafvollzugsbeamter einen Sträfling oder auch Tausende von Sträflingen jahrelang zermürben kann. Immer zwischen Hoffnung und Verzweiflung läßt er den Unglücklichen weiterleben. Wenn dieser dann vorzieht, freiwillig ein Ende zu machen, so bekommt er für ein paar Tage die Ration um ein weniges erhöht. Er wird davon nicht satter. Aber er unterläßt den Selbstmord oder schiebt ihn auf, um ihn nach einer gewissen Zeit unter Umständen wieder — aufzuschieben, bis er von selbst hinübergeht, weil Körper und Seele verfallen, denn die Nerven, die alles zusammenhalten müssen, verhungern ohne genügend Nahrung zuerst.

Das war es, wovor sie alle Angst hatten im Steinbruch von El Mengub. Und so tranken sie in sich hinein, was hineinging.

Auch bei dieser Nahrungsaufnahme kamen die Stärksten am besten weg. Sie drängten die Schwächeren einfach beiseite und machten sich breit. Der Egoismus ist der Gefährte des Hungers.

Michels Autorität hatte sich in seinem Kral längst durchgesetzt. Auch die Soldaten hatten gemerkt, daß sie so am besten fuhren. Ihre Reihen hatten sich bisher am wenigsten gelichtet. Sechs Mann hatten sie erst zu beklagen. Das war, an den anderen gemessen, gar nicht der Rede wert.

Heute morgen war Michel wie immer der letzte, der sich zum Trinken niederlegte. Als er satt war und den Kopf von der Wasseroberfläche hob, fiel sein Blick wie zufällig auf eine der arabischen Frauen, die in der Nähe ihren Wasserkrug füllte.

Er hatte den Eindruck, als mache sie ihm mit der Hand verstohlen Zeichen. Michel blieb in seiner Haltung und beobachtete sie aufmerksam. Täuschte er sich? War nur der Wunsch der Vater des Gedankens?

Nein. Sie schien wahrhaftig ihn zu meinen. Was mochte sie wollen? Da nahm sie ihren Krug auf den Kopf und ging ein paar Schritte in der Richtung, die auch die Gefangenen in wenigen Minuten einschlagen würden. Enttäuscht wollte sich Michel erheben.

Aber da blickte sie sich wieder um und deutete auf einen in der Nähe liegenden, größeren Stein. Michel sah scharf hin. Tatsächlich, sie ließ etwas fallen, so, daß es genau hinter diesen Stein zu liegen kam.

Ein Fieber packte den Pfeifer. Seine Glieder begannen plötzlich zu flattern. Unruhig streiften seine Augen hin und her.

Hatte einer der Wächter etwas bemerkt?

Nein. Auch die Gefährten waren ahnungslos, niemand schien auf das sonderbare Verhalten der Araberin aufmerksam geworden zu sein.

Der Haufen stellte sich in losen Gruppen auf.

»Jallah! - Jallah!« schrien die Posten.

Der Elendszug setzte sich in Bewegung.

Michel hatte versucht, sich in die rechte Außenreihe zuschmuggeln, was ihm nach einigen kräftigen Stößen auch gelang.

Noch etwa zehn Schritte trennten ihn von jenem Stein. Eins — — zwei — — drei — — vier — —

Da bemerkte Michel mit Entsetzen, daß der Posten, der ein paar Schritte weiter voraus die Sträflinge antrieb, zurückblieb. Verdammt, jetzt lief er neben ihm. Neun — — zehn — —

Er mußte es wagen. Er stieß einen Fluch aus und stolperte, fiel an den Posten, der wütend zur Seite sprang und mit der Peitsche ausholte. Als Michel direkt neben dem Stein flach auf dem Boden lag, sauste die Nilpferdpeitsche auf ihn herab und traf mit sausender Wucht seinen Rücken.

Allein, der Gepeinigte verspürte kaum den Schlag. Er fühlte nicht das Brennen der aufgeplatzten Haut. Ein glückliches Leuchten stand in seinen Augen, als er sich hastig aufrichtete und sich wieder einreihte.

Das, was er da soeben aufgehoben hatte, preßte er an die Brust. Es fühlte sich hart an und zwar ziemlich lang.

»Ist Euch nicht gut, Doktor?« fragte Ojo besorgt, der sich trotz des Scheltens seiner Kameraden zu Michel hindrängte. »Kann ich Euch helfen? Ich werde Eure Arbeit übernehmen.« Michel hatte einen so freudigen Glanz in den Augen, daß ihn Ojo ängstlich anstarrte. Er glaubte, der Unbezwingliche und Unverwüstliche sei wahnsinnig geworden, und bekam einen ungeheuren Schreck.

Michel nahm die Riesenpfote des treuen Begleiters in seine Rechte und drückte sie dankbar. »Mach dir keine Sorgen, Diaz. Ich mußte einfach stolpern, und ich mußte auch lang hinfallen. Danke Gott, daß mir das gelungen ist.«

Diaz Ojo war ein seelenguter Mensch. Aber schnelles Denken war nie seine starke Seite gewesen. Noch immer blickte er zweifelnd auf den Pfeifer, beruhigte sich jedoch, als er keine weiteren Anzeichen beginnenden Wahnsinns an ihm bemerkte. —

Die Arbeit war schwer. Die Finger bluteten, und mehr als einmal sausten die Peitschen der unbarmherzigen Aufseher auf die Rücken der weißen Sklaven.

Michel spürte nichts von alledem. Aufmerksam betrachtete er heute die Umgebung. Nach Süden war ein Entkommen unmöglich; denn dort lag die Wüste. Aber einer Fluchtmöglichkeit galt sein suchender Blick zunächst noch nicht. Er wollte nichts anderes als eine Gelegenheit finden, das Päckchen heimlich zu öffnen und nach einer Botschaft zu durchsuchen; denn die Unbekannte dürfte sicherlich nicht aufs Geratewohl gehandelt haben. Irgendein Plan mußte dem geheimnisvollen Päckchen zugrunde liegen.

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