In den Klauen des Winters
- Автор: Джордан Роберт
- Серия: Das Rad der Zeit #9
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Переводчик: Andreas Decker
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «In den Klauen des Winters». Краткое содержание книги:
Des Gesichtsausdruck des Kerls veränderte sich nicht, er versuchte weder sie anzugreifen noch zu fliehen. Er holte bloß einen kleinen Gegenstand aus seiner Gürteltasche und hielt ihn hoch, dass sie ihn sehen konnte, und der Atem in ihrer Kehle verwandelte sich zu Blei. Wie betäubt fummelte sie den Dolch zurück in seine Scheide und streckte die Hände aus, um ihm zu zeigen, dass sie keine Waffe hielt und auch nicht versuchte, nach einer zu greifen. Zwischen seinen Fingern ragte eine in Gold gefasste Marke aus Elfenbein hervor, in die ein Rabe und ein Turm eingraviert waren. Plötzlich sah sie den Mann zum ersten Mal richtig, er war blond und in seinen mittleren Jahren. Vielleicht war er ja tatsächlich hübsch, so wie Frau Shoran gesagt hatte, aber nur eine Verrückte würde einen Sucher der Wahrheit auf diese Weise betrachten. Dem Licht sei Dank, dass sie nichts Gefährliches in ihrem Tagebuch festgehalten hatte. Aber er musste Bescheid wissen. Er hatte ihren Namen gekannt. Oh, beim Licht, er musste es wissen!
»Schließt die Tür«, sagte er leise und steckte die Marke zurück in die Tasche. Sie gehorchte. Sie wollte fliehen. Sie wollte um Gnade bitten. Aber er war ein Sucher, also blieb sie dort stehen und zitterte. Zu ihrer Überraschung ließ er ihr Tagebuch zurück in die Truhe fallen und deutete auf den einzigen Stuhl im Zimmer. »Setzt Euch. Es gibt keinen Grund, dass Ihr es unbequem habt.«
Langsam hängte sie ihren Umhang an den Haken und ließ sich auf den Stuhl nieder, und dieses eine Mal war ihr egal, wie unbequem die seltsame, schlangenähnliche Lehne war. Sie versuchte erst gar nicht, ihr Zittern zu verheimlichen. Selbst eine Angehörige des Blutes, sogar eine des Hohen Blutes, würde bei einem Verhör durch einen Sucher zittern. Sie hatte eine kleine Hoffnung. Er hatte ihr nicht befohlen, ihn einfach zu begleiten. Vielleicht kannte er sie ja doch nicht.
»Ihr habt Euch nach einem Schiffskapitän namens Egeanin Sarna erkundigt«, sagte er. »Warum?«
Die Hoffnung brach mit einem Ruck zusammen. »Ich habe nach einer alten Freundin gesucht«, stieß sie mit zitternder Stimme hervor. Die besten Lügen enthielten immer so viel Wahrheit wie möglich. »Wir waren zusammen in Falme. Ich weiß nicht, ob sie überlebt hat.« Einen Sucher anzulügen war Verrat, aber sie hatte ihren ersten Verrat bereits bei der Schlacht von Falme begangen, als sie desertiert war.
»Sie lebt«, sagte er kurz angebunden. Ohne den Blick von ihr zu wenden, setzte er sich auf das Bettende. Seine Augen waren blau und sie ließen in ihr den Wunsch entstehen, den Umhang nicht ausgezogen zu haben. »Sie ist eine Heldin, ein Hauptmann der Grünen, und jetzt die Lady Egeanin Tamarath. Hochlady Suroths Belohnung. Sie hält sich ebenfalls in Ebou Dar auf. Ihr werdet Eure Freundschaft mit ihr auffrischen. Und mir berichten, mit wem sie sich trifft, wohin sie geht, was sie sagt. Alles.«
Bethamin biss die Zähne zusammen, um zu verhindern, hysterisch zu lachen. Dem Licht sei Dank! Dem Licht in seiner unendlichen Gnade sei Dank! Sie hatte bloß wissen wollen, ob die Frau noch lebte, ob sie Vorsichtsmaßnahmen ergreifen musste. Egeanin hatte sie seinerzeit befreit, doch in den zehn Jahren, die Bethamin sie zuvor gekannt hatte, war sie ein Musterbild an Pflichterfüllung gewesen. Es hatte immer die Möglichkeit bestanden, dass sie diesen einen Fehltritt bereute, ganz egal, was es sie kosten würde, aber wie ein Wunder hatte sie das nicht. Und der Sucher war hinter ihr her und nicht...! Möglichkeiten breiteten sich vor ihr aus, Sicherheiten, und sie wollte nicht länger lachen. Stattdessen fuhr sie sich mit der Zunge über die Lippen.
»Wie...? Wie kann ich unsere Freundschaft erneuern?« Es war sowieso nie Freundschaft gewesen, bloß eine Bekanntschaft, aber nun war es zu spät, das zu sagen. »Ihr habt mir gesagt, dass man sie zum Blut erhoben hat. Jede Annäherung muss von ihr kommen.« Furcht machte sie mutig. Und ließ Panik in ihr aufsteigen, genau wie in Falme. »Warum braucht Ihr mich als Lauscher? Ihr könnt sie wann immer Ihr wollt zur Befragung abholen.« Sie biss sich auf die Lippen, um ihre Zunge zum Schweigen zu bringen. Licht, es gab nichts, das sie weniger wollte. Sucher waren die geheime Hand der Kaiserin, mochte sie ewig leben; im Namen der Kaiserin konnte er selbst Suroth der Befragung unterziehen, sogar Tuon. Sicher, er würde auf schreckliche Weise sterben, wenn sich herausstellte, dass er sich geirrt hatte, aber bei Egeanin war das Risiko nicht groß. Sie gehörte bloß dem niederen Blut an. Wenn er sie der Befragung unterzog...
Sie war schockiert, als er ihr nicht einfach zu gehorchen befahl, sondern sitzen blieb und sie musterte. »Ich werde gewisse Dinge erklären«, sagte er und das war ein noch größerer Schock. Sucher erklärten niemals etwas, das hatte sie gehört. »Ihr werdet mir oder dem Reich nichts nützen, wenn Ihr nicht überlebt, und Ihr werdet nicht überleben, wenn Ihr nicht begreift, wem Ihr da gegenübertretet. Solltet Ihr auch nur ein Wort von dem, was ich Euch enthülle, irgendjemandem sagen, werdet Ihr davon träumen, im Turm des Raben zu sitzen, wenn Ihr das erduldet, wo Ihr dann sein werdet. Hört zu und lernt. Egeanin wurde nach Tanchico entsandt, bevor die Stadt an uns fiel, unter anderem als Teil der Bemühungen, Sul'dam zu finden, die in Falme zurückgelassen worden waren. Seltsamerweise konnte sie niemanden finden, ganz im Gegensatz zu anderen wie jenen, die Euch bei der Rückkehr halfen. Stattdessen hat Egeanin die Sul'dam, die sie aufspürte, ermordet. Ich selbst habe sie mit dieser Anschuldigung konfrontiert, und sie hat sich nicht einmal die Mühe gemacht, es abzustreiten. Sie hat nicht einmal Wut oder gar Empörung gezeigt. Und was genauso schlimm ist, sie hat im Geheimen mit Aes Sedai verkehrt.« Er sprach den Namen nüchtern aus, nicht mit der üblichen Abscheu, sondern eher wie eine Anschuldigung. »Als sie Tanchico verließ, reiste sie auf einem Schiff, das von einem Mann namens Bayle Domon kommandiert wurde. Er hatte Ärger gemacht, weil sein Schiff geentert und enteignet worden war. Sie kaufte ihn und machte ihn auf der Stelle zum So'jhin, also ist er offensichtlich für sie von Bedeutung.
Interessanterweise brachte sie diesen Mann in Falme zu Hochlord Turak. Domon errang die Aufmerksamkeit des Hochlords in einem solchen Ausmaß, dass er oft eingeladen wurde, um sich mit ihm zu unterhalten.« Er schnitt eine Grimasse. »Habt Ihr Wein? Oder Branntwein?«
Bethamin zuckte zusammen. »Ich glaube, lona hat eine Flasche einheimischen Schnaps. Es ist ein hartes Getränk...«
Er befahl ihr, ihm trotzdem einen Becher einzuschenken, und sie gehorchte eilig. Sie wollte ihn am Reden halten, alles, nur um das Unvermeidliche hinauszuzögern. Sie wusste genau, dass Egeanin keine Sul'dam getötet hatte, doch der Beweis würde sie zu dem gleichen traurigen Schicksal verurteilen, das Renna und Seta erdulden mussten. Wenn sie Glück hatte. Wenn dieser Sucher seine Pflicht dem Reich gegenüber von demselben Standpunkt aus sah wie Suroth. Er schaute in den Zinnbecher und ließ den dunklen Apfelschnaps kreisen, während sie sich wieder setzte.
»Hochlord Turak war ein großer Mann«, murmelte er. »Vielleicht einer der größten, die das Reich je gesehen hat. Eine Schande, dass seine So'jhin sich entschieden, ihm in den Tod zu folgen. Ehrenhaft von ihnen, aber das macht den Beweis unmöglich, dass Domon der Bande angehörte, die den Hochlord ermordete.« Bethamin zuckte zusammen. Natürlich töteten die vom Blut manchmal einander, aber dabei fiel nie das Wort Mord. Der Sucher fuhr fort; er starrte dabei weiter in den Becher, ohne zu trinken. »Der Hochlord hatte mir befohlen, Suroth im Auge zu behalten. Er hegte den Verdacht, dass sie eine Gefahr für das Reich ist. Seine eigenen Worte. Und durch seinen Tod gelang es ihr, den Befehl über die Vorläufer zu übernehmen. Ich habe keinerlei Beweise, dass sie seinen Tod angeordnet hat, aber es gibt vieles, das darauf hinweist. Suroth hat eine Damane nach Fahne gebracht, eine junge Frau, die eine Aes Sedai war« — wieder wurde der Name tonlos und hart ausgesprochen — »und der es irgendwie gelang, an dem Tag zu fliehen, an dem Turak starb. Suroth hat in ihrem Gefolge eine Damane, die einst eine Aes Sedai war. Man hat sie nie ohne Kragen gesehen, aber...« Er zuckte mit den Schultern, als wäre das ohne jede Bedeutung. Bethamin riss die Augen weit auf. Wer würde einer Damane den Kragen abnehmen? Eine gut ausgebildete Damane war eine wahre Freude, aber da konnte man genauso gut einen betrunkenen Grolm freilassen! »Es scheint auch sicher zu sein, dass sie eine Marath'damane verborgen hält«, fuhr er fort, als würde er keine Verbrechen aufzählen, die nur unwesentlich geringer als Verrat waren. »Ich glaube, Suroth hat den Befehl gegeben, Sul'dam, denen es gelang, Tanchico zu erreichen, zu töten, vielleicht um Egeanins Treffen mit den Aes Sedai zu verbergen. Ihr Sul'dam behauptet doch immer, eine Marath'damane auf den ersten Blick erkennen zu können, richtig?«