Dunworthy verbrachte die nächsten zwei Tage damit, daß er in regelmäßigen Abständen bei den Technikern anrief und in der übrigen Zeit in Schottland herumtelefonierte und eine weitere Krankenstation einrichtete. Von den Einquartierten waren weitere fünfzehn Personen an der Influenza erkrankt, unter ihnen Mrs. Taylor, die neunundvierzig Schläge vor einem vollen Geläut zusammengebrochen war.
»Ließ ihren Glockenstrang los und fiel ohnmächtig um wie ein Klotz«, berichtete Finch. »Die Glocke schlug einen Ton, als wollte sie den Weltuntergang einläuten, und das Seil schlug wie ein lebendes Wesen um sich. Wickelte sich mir um den Hals und erwürgte mich beinahe. Mrs. Taylor wollte weitermachen, als sie wieder zu sich kam, aber dafür war es natürlich zu spät. Es wäre schön, wenn Sie mit ihr sprechen würden, Mr. Dunworthy. Sie ist ganz niedergeschlagen und untröstlich. Sagt, sie werde sich nie verzeihen, daß sie die anderen im Stich gelassen habe. Ich sagte ihr, es sei nicht ihre Schuld, manchmal gerieten die Dinge einfach außer Kontrolle, nicht wahr?«
Dunworthy nickte.
Es war ihm nicht gelungen, einen Techniker zu erreichen, geschweige denn zu überreden, daß er nach Oxford käme, und auch seine Suche nach Basingame war erfolglos geblieben. Er und Finch hatten alle Hotels, Gasthäuser und Ferienhausvermieter angerufen. Er hatte Einblick in Basingames Terminkalender genommen, aber dort gab es keine Hinweise auf eine Zimmervorbestellung in irgendeinem entlegenen schottischen Nest, wie er gehofft hatte, und nach dem 15. Dezember überhaupt keine Eintragungen.
Das Telefonsystem wurde immer störanfälliger. Die Bildwiedergabe fiel abermals aus, und die automatische Ansage mit der Auskunft, daß wegen der Epidemie alle Leitungen besetzt seien, unterbrach fast jeden Anruf, den er durchzubringen suchte, nach nur zwei Nummern.
Seine Sorge um Kivrin war nicht mehr so akut wie in den ersten Tagen, mehr eine schwere innere Last, die auf sein Unterbewußtsein drückte, während er immer wieder Telefonnummern drückte, auf Krankenwagen wartete, Mrs. Gaddsons Beschwerden anhörte. Andrews hatte nicht zurückgerufen, oder wenn er es getan hatte, war es ihm nicht gelungen, durchzukommen. Badri murmelte endlos von Tod, und die Schwestern bemühten sich nach Kräften, seine wirren Reden auf Zetteln festzuhalten. Während er auf die Techniker oder einen Anruf aus Schottland wartete oder hoffte, daß am anderen Ende der Leitung jemand abnehmen würde, studierte er die Zettel mit Badris Worten und suchte nach Anhaltspunkten. »Schwarz«, hatte Badri gesagt, und »Laboratorium«, und »Europa.«
Statt sich um eine Behebung der Mängel zu kümmern, ließ man das Telefonsystem weiter verkommen. Die automatische Ansage unterbrach ihn oft schon nach dem Wählen der ersten Nummer, und mehrmals konnte er kein Amtszeichen bekommen. Er gab einstweilen auf und arbeitete die Listen der Kontaktpersonen durch. Mary hatte ihm entgegen ihrer ärztlichen Schweigepflicht die vertraulichen Krankenblätter der Primärkontakte überlassen, die er jetzt nach Röntgenbehandlungen durchforschte. Einer der Primärkontakte hatte eine Röntgenuntersuchung machen lassen, aber bei genauerem Hinsehen zeigte sich, daß sie schon am 23., also nach dem Ausbruch der Epidemie, stattgefunden hatte.
Er trug die Blätter zurück ins Krankenhaus, um die dort liegenden Primärkontakte, soweit sie ansprechbar waren, nach Haustieren zu fragen, oder ob sie in letzter Zeit auf Entenjagd gewesen waren. Die Korridore standen voller Krankenbetten, und alle waren belegt. Rollwagen mit Bahren, auf denen frisch eingelieferte Patienten lagen, stauten sich in der Notaufnahme und vor dem Aufzug. Er nahm die Treppe.
Am Eingang zur Isolierstation begegnete ihm Williams blonde Praktikantin. Sie trug einen weißen Stoffkittel und eine Schutzmaske. »Ich fürchte, Sie können nicht hereinkommen«, sagte sie und hielt eine behandschuhte Hand hoch.
Badri ist tot, dachte er. »Geht es Mr. Chaudhuri schlechter?«
»Nein. Tatsächlich scheint er ruhiger zu sein. Aber wir haben keine Schutzkleidung mehr. London versprach uns für morgen eine Sendung, und das Personal behilft sich mit Stoffkitteln, aber für Besucher haben wir nichts mehr.« Sie zog einen Zettel aus der Tasche und reichte ihn ihm. »Ich habe seine Worte aufgeschrieben, obwohl das meiste unverständlich ist. Er sagt Ihren Namen und einen anderen — Kivrin. Ist das richtig?«
Er nickte.
»Manchmal auch einzelne Wörter, aber das meiste ist Unsinn.«
Sie hatte versucht, seine Äußerungen phonetisch niederzuschreiben, und wenn sie ein Wort klar verstanden hatte, unterstrich sie es. »Kann nicht«, hatte er gesagt, und »Ratten«, und »die Sorge«.
Bis zum Sonntagmorgen war die Hälfte der Einquartierten erkrankt, und alle, die es bisher verschont hatte, wurden zum Pflegedienst herangezogen. Dunworthy und Finch hatten alle Vorstellungen aufgegeben, sie in Krankenzimmern zusammenzufassen, nicht zuletzt, weil ihnen die Feldbetten ausgegangen waren. Sie ließen die Erkrankten in ihren provisorischen Schlafräumen oder schafften sie mit ihren Betten in freie Räume im Studentenwohnheim, um den Hilfspflegern allzu weite Wege zu ersparen.
Die Schellenläuter fielen eine nach der anderen der Infektion zum Opfer, und Dunworthy half bei ihrer Unterbringung in der alten Bibliothek. Mrs. Taylor, bei der die Krankheit einen leichteren Verlauf nahm, bestand darauf, sie zu besuchen. »Es ist das mindeste, was ich tun kann, nachdem ich sie so im Stich gelassen habe«, sagte sie, obwohl der Gang über den Korridor sie schon erschöpft hatte.