Die Farben der Zeit [To Say Nothing of the Dog - de]
- Автор: Уиллис Конни
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- Переводчик: Christian Lautenschlag
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Die Farben der Zeit [To Say Nothing of the Dog - de]». Краткое содержание книги:
»Die Telegramme, die Sie in Abingdon wegschickten«, half ich nach. »Ich fragte Sie, ob Sie die Telegramme abgeschickt haben, und Sie sagten ›Ja‹.«
»Telegramme? Ach ja, jetzt fällt es mir ein. Ich schickte ein Telegramm an Dr. Maroli, den Verfasser eines Aufsatzes über die Unterzeichnung der Magna Charta. Und ein zweites an Professor Edelswein in Wien.«
»Sie sollten doch Ihrer Schwester und Ihrer Nichte ein Telegramm schicken«, sagte Terence. »Damit sie wissen, wo Sie stecken.«
»Ach, du meine Güte«, sagte Professor Peddick. »Nun ja, Maudie ist ein vernünftiges Mädchen. Als ich nicht nach Hause kam, wird sie sich schon gedacht haben, daß ich auf einer Exkursion bin. Nicht wie die meisten Frauen, die aufgeregt herumflattern und denken, man sei von einer Trambahn überfahren worden.«
»Das denken sie ja gar nicht«, bemerkte Mrs. Mering erbost. »Sie denken, Sie seien ertrunken. Der Trauergottesdienst ist morgen früh um zehn.«
»Trauergottesdienst?« Professor Peddick blickte auf die Zeitung. »Gottesdienst um zehn Uhr. Christ Church Meadow«, las er. »Wozu, um alles in der Welt, halten sie einen Trauergottesdienst ab? Ich bin nicht tot.«
»Das sagen Sie«, sagte Mrs. Mering mißtrauisch.
»Sie müssen sofort nach Hause telegrafieren«, sagte ich, bevor sie fragen konnte, ob sie seinen Arm befühlen dürfe.
»Ja, sofort«, stimmte Mrs. Mering zu. »Baine, holen Sie Schreibzeug.«
Baine verbeugte sich. »In der Bibliothek ist es bestimmt bequemer für Sie«, sagte er und verfrachtete uns damit gottseidank ins Haus.
Dort brachte er Federhalter, Tinte, Papier und einen Federhalterwischer herbei, der wie ein Igel geformt war, dann auf einem Silbertablett Tee, süße Brötchen und gebutterte Muffins. Professor Peddick verfaßte ein Telegramm an seine Schwester und ein weiteres an den Dekan von Christ Church, Terence wurde eiligst ins Dorf geschickt, sie abzusenden, und Verity und ich nutzten seine Abwesenheit, um uns ins Frühstückszimmer zu schleichen und unseren nächsten Schachzug zu besprechen.
»Der wie aussehen soll?« fragte Verity. »Am Bahnhof war niemand. Hier auch nicht. Ich fragte die Köchin. Den ganzen Tag über war keiner an der Tür. Sobald es zu regnen aufgehört hat, sollten wir meiner Meinung nach zu Dunworthy springen und ihm sagen, daß wir keinen Erfolg hatten.«
»Der Tag ist noch nicht vorbei«, sagte ich. »Wir haben noch das Dinner und den ganzen Abend vor uns. Passen Sie auf, Mr. C wird während der Suppe erscheinen und verkünden, daß Tossie und er bereits seit Ostern heimlich verlobt sind.«
»Vielleicht haben Sie recht«, erwiderte Verity ohne rechte Überzeugung.
Aber während des Abendessens geschah nichts, außer daß Mrs. Mering wieder von ihrer Vorahnung sprach, die inzwischen kunstvolle Ausschmückungen erfahren hatte. »Und als ich dort in der Kirche stand, war mir, als sähe ich den Geist von Lady Godiva vor mir — angekleidet natürlich —, in einem Gewand von Coventrinerblau, das lange Haar offen, und während ich wie angewurzelt dastand, hob sie warnend ihre schimmernde weiße Hand und sagte: ›Die Dinge sind nicht, was sie scheinen.‹«
Auch Zigarren und Portwein gingen an uns ereignislos vorüber, abgesehen von Colonel Mering, der uns mit einer ausführlichen Beschreibung der Besonderheiten seines neuerworbenen rotgepunkteten Silbertanchos beglückte. Ich hoffte sehnlichst, bei unserer Rückkehr zu den Damen einen schiffsbrüchigen Seemann oder einen enterbten Herzog zu sehen, der von ihnen umringt wurde und dessen Geschichte, wie er sich im Gewitter verirrte, sie begierig lauschten, aber als Colonel Mering die Schiebetüren wieder öffnete, lagerte Mrs. Mering, offenbar von einem neuerlichen Schwächeanfall heimgesucht, auf einem kleinen Sofa und atmete tief in ein duftendes Taschentuch. Tossie saß am Schreibtisch und schrieb in ihr Tagebuch und Verity, die im Schaukelstuhl saß, schaute begierig hoch, als erwarte sie, daß wir den Seemann mitbrächten. Als es an der Haustür klopfte, sprang sie auf und ließ ihre Stickerei fallen, aber es war nur Terence, der vom Telegrafenamt zurückkam.
»Ich hielt es für das Beste, auf eine Antwort von Ihrer Schwester zu warten«, sagte er und gab Baine seine feuchte Jacke und den Schirm. Er händigte Professor Peddick zwei gelbe Umschläge aus.
Dieser nestelte sein Monokel hervor, öffnete die Telegramme und begann sie laut vorzulesen. »Onkel. Erfreut von Dir zu hören. Wußte, daß Dir nichts passiert ist. Alles Liebe. Deine Nichte.«
»Brave Maudie«, sagte er. »Ich wußte, daß sie einen kühlen Kopf bewahren würde. Das zeigt, welch intelligente Geschöpfe Frauen sein können, wenn sie nur die richtige Bildung genießen.«
»Bildung?« fragte Tossie. »Ist sie ästhetisch gebildet?«
Professor Peddick nickte. »Kunst, Rhetorik, die Klassiker, Mathematik.« Er öffnete den zweiten Umschlag. »Nichts von dieser albernen Musiziererei und Handarbeit wie bei Ihnen hier.« Er las laut das zweite Telegramm. »›Horace. Wie konntest Du? Begräbnis angeordnet. Blumen und Sargträger schon bestellt. Erwarte Dich mit dem Zug 9.32. Professor Overforce arbeitet bereits an der Trauerrede.‹ Professor Overforce!« Er stand auf. »Ich muß sofort nach Oxford. Wann geht der nächste Zug?«
»Heute abend geht kein Zug mehr«, sagte Baine, der wandelnde Fahrplan. »Der erste Zug morgen früh fährt um sieben Uhr vierzehn von Henley ab.«
»Da muß ich mit«, sagte Professor Peddick. »Packen Sie sofort meine Sachen. Overforce! Er hat nicht vor, eine Trauerrede halten. Er hat vor, meine Theorie von Geschichte zu seinen Gunsten zu diskreditieren. Er ist auf den Haviland-Lehrstuhl aus! Natürliche Gewalten! Bevölkerung! Mörder!«
»Mörder?« schrillte Mrs. Mering, und ich befürchtete schon, es gäbe eine Neuauflage der Lebendig-oder-Tot-Diskussion, aber Professor Peddick ließ ihr nicht einmal die Chance, nach ihrem Riechsalz zu verlangen.
»Nicht daß Mord in seiner Geschichtstheorie eine Rolle spielt«, fuhr er, das Telegramm umkrampfend, fort. »Der Mord an Marat, der an den zwei jungen Prinzen[71] im Tower, der Mord an Darnley[72] — laut Professor Overforce hat das alles keine Auswirkung auf die Geschichte. Individuelle Aktionen sind für den Lauf der Dinge unwichtig. Ehre zählt in seiner Theorie nicht und auch nicht Eifersucht, Dummheit oder Glück. Nichts davon hat Auswirkungen auf Ereignisse. Weder Sir Thomas Moore noch Richard Löwenherz oder Martin Luther.« Und so weiter und so fort.
Mrs. Mering machte ein paarmal den Versuch, ihn zu unterbrechen, gab es dann auf und sank in die Polster. Colonel Mering nahm seineZeitung (nicht die Oxford Chronicle), und Tossie, das Kinn in die Hand gestützt, spielte mit einem großen rosafarbenen Federhalterwischer, der einer Nelke glich. Terence streckte am Kamin die Beine aus, und Prinzessin Arjumand rollte sich auf meinem Schoß zusammen und schlief ein.
Regen trommelte gegen das Fenster, das Kaminfeuer knackte. Cyril schnarchte. Verity bearbeitete entschlossen ihre Stickerei, den Blick hin und wieder auf die große Standuhr gerichtet, die stehengeblieben zu sein schien.
»Bei der Schlacht von Hastings«, sagte Professor Peddick, »wurde König Harold durch einen Pfeil, der ihm ins Auge drang, getötet. Ein glücklicher Treffer, der den Ausgang der Schlacht entschied. Wie verhält sich Professor Overforces Theorie zum Glück?«
Jemand betätigte laut den Türklopfer der Haustür, und Verity stach sich mit der Sticknadel in den Finger. Terence fuhr blinzelnd hoch. Baine, der gerade Holzscheite im Kamin nachlegte, erhob sich und ging zur Tür.
71
Gemeint sind die beiden dreizehn bzw. zehnjährigen Prinzen Edward und Richard, Söhne Edwards IV., die 1483 auf Veranlassung ihres Onkels, Richard III., im Londoner Tower eingesperrt wurden und nie wieder auftauchten. — Anm. d. Ü.
72
Gemeint ist Lord Henry Stuart, zweiter Gatte der Maria Stuart. — Anm. d. Ü.