Die Farben der Zeit [To Say Nothing of the Dog - de]
- Автор: Уиллис Конни
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- Переводчик: Christian Lautenschlag
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Die Farben der Zeit [To Say Nothing of the Dog - de]». Краткое содержание книги:
»Doult«, sagte Verity.
»Meine Idee ist keineswegs aus der Luft gegriffen«, fuhr ich fort. »Sie hörten ja, wie die beiden über das Albert Mem…«
»Doult. D-O-U-L-T«, sagte Verity. »Reverend Doult.«
»Sind Sie sicher?«
Sie nickte grimmig. »Mrs. Mering sagte mir seinen Namen, als wir in die Kutsche stiegen. ›Ein junger Mann mit guten Absichten, dieser Reverend Doult‹, sagte sie, ›aber nicht sehr intelligent. Er weigert sich, die Logik des Spiritismus zu erkennen.‹«
»Sind Sie sicher, daß es Doult war und nicht…«
»Colt?« Verity schüttelte den Kopf. »Ich bin mir ganz sicher. Der Geistliche ist nicht Mr. C.«
»Nun, dann muß es einer der Männer auf dem Bahnsteig in Reading gewesen sein. Oder der Kurator in Muchings End.«
»Er heißt Arbitage.«
»Behauptet er. Und wenn das ein Deckname ist?«
»Ein Deckname? Er ist Geistlicher.«
»Ich weiß. Die Kirche würde aber vielleicht schlechtes Benehmen und Vergehen in der Jugendzeit nicht hingehen lassen, also mußte er einen anderen Namen annehmen. Und sein ständiges Auftauchen in Muchings End zeigt, daß er an Tossie Gefallen gefunden hat. Im übrigen — was bedeutet diese besondere Faszination, die sie auf Geistliche ausübt?«
»Sie sind alle auf der Suche nach Ehefrauen, die bei der Sonntagsschule und bei den Kirchfesten helfen.«
»Basare«, murmelte ich. »Ich wußte es. Reverend Arbitage interessiert sich für Spiritismus. Er ist dafür, alte Kirchen zu plündern. Er ist…«
»…nicht Mr. C«, sagte Verity. »Ich habe nachgeforscht. Er hat Eglantine Chattisbourne geheiratet.«
»Eglantine Chattisbourne?«
Sie nickte. »Im Jahre 1897. Er wurde Vikar in St. Alban’s in Norwich.«
»Und der Stationsvorsteher?« fragte ich. »Ich konnte seinen Namen nicht verstehen. Er…«
»Tossie hat ihm nicht einmal einen Blick zugeworfen. Sie hat sich den ganzen Tag über für niemanden interessiert.« Verity lehnte sich müde in den Sitz zurück. »Wir müssen der Sache ins Auge sehen, Ned. Es gab für sie keine lebensentscheidende Erfahrung.«
Sie sah so mutlos aus, daß ich das Gefühl hatte, sie einfach aufmuntern zu müssen. »Das Tagebuch sagte nicht, daß sie die Erfahrung in Coventry selbst gemacht hat«, sagte ich. »Es stand nur darin: ›Ich werde niemals den Tag vergessen, an dem wir nach Coventry fuhren.‹ Vielleicht ist es auf dem Heimweg passiert. Mrs. Mering hatte eine Vorahnung, daß etwas Schreckliches passieren wird. Vielleicht verunglückt der Zug, und Mr. C befreit Tossie aus den Trümmern.«
»Ein Zugunglück.« Ihre Stimme klang sehnsüchtig. Sie stand auf und nahm den Schal. »Wir gehen besser zurück, ehe Mrs. Mering jemanden nach uns ausschickt«, sagte sie resigniert.
Ich öffnete die Tür. »Warten Sie nur ab, etwas wird geschehen. Außerdem bleibt immer noch das Tagebuch. Und Finchs verwandtes Projekt, was immer das auch ist. Und wir haben noch ein halbes Dutzend Bahnhöfe vor uns und müssen einmal den Zug wechseln. Vielleicht wird Tossie mit Mr. C auf dem Bahnsteig in Reading zusammenprallen. Vielleicht ist sie es schon. Weil Sie nicht rechtzeitig zurückkommen sind, hat Mrs. Mering Tossie ausgeschickt, nach Ihnen zu suchen, und als der Zug um eine Kurve fuhr, fiel Tossie direkt in Mr. C’s Arme, fesch und unausstehlich wie sie ist, und er ist ganz zufällig derjenige, der des Bischofs Vogeltränke geschaffen hat, und jetzt sitzt sie in seinem Abteil und diskutiert mit ihm über victorianische Kunst.«
Ja, von wegen! Als wir unser Abteil betraten, saß sie immer noch in ihrer Ecke und schaute mißmutig ins Regenwetter hinaus.
»Da bist du ja!« sagte Mrs. Mering. »Wo hast du so lange gesteckt? Ich bin fast erfroren.«
Verity beeilte sich, den Schal um Mrs. Merings Schultern zu legen.
»Haben Sie Baine gesagt, daß wir Tee wünschen?« fragte Mrs. Mering.
»Ich bin gerade auf dem Weg«, sagte ich, die Hand auf dem Türknauf. »Ich traf Miss Brown unterwegs und begleitete sie zurück.« Schnell schlüpfte ich hinaus.
Ich erwartete, Baine tief in die Lektüre von Toynbees Die Industrielle Revoulution oder Die Abstammung des Menschen von Darwin versenkt zu finden, aber sein Buch lag offen auf dem Sitz neben ihm, und er starrte aus dem Fenster in den Regen hinaus. Und dachte offenbar über seinen ästhetischen Ausbruch und die Konsequenzen, die dieser haben könnte, nach, denn er fragte beklommen: »Darf ich Ihnen eine Frage über die Vereinigten Staaten stellen, Mr. Henry? Sie waren doch dort. Stimmt es, daß Amerika das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist?«
Hätte ich doch bloß neunzehntes Jahrhundert studiert! Das einzige, was mir einfiel, war ein Bürgerkrieg und verschiedene Goldfieberperioden. »Es ist auf jeden Fall ein Land, wo es jedem freisteht, seine Meinung zu äußern«, sagte ich. »Und wo jeder es auch tut. Vor allem im westlichen Teil. Mrs. Mering wünscht Tee«, setzte ich hinzu und ging dann hinaus auf die hintere Plattform, wo ich mit meiner Pfeife stand, so tat, als rauchte ich und nun auch in den Regen starrte, der inzwischen zu nebligem Nieseln geworden war. Schwere Wolken hingen grau über den morastigen Straßen, an denen wir entlangratterten. Rückzug nach Paris.
Verity hatte recht. Wir mußten der Sache ins Auge sehen. Mr. C würde sich weder in Reading noch sonstwo blicken lassen. Wir hatten probiert, den Riß im Kontinuum zu flicken, indem wir die zerrissenen Fäden wieder zusammenzuknüpfen versuchten und Tossie am richtigen Tag zum richtigen Ort brachten.
Aber in einem chaotischen System gab es so etwas wie einen einfachen Riß nicht. Jedes Ereignis war mit jedem anderen verknüpft. Als Verity in die Themse watete, als ich die Gleise zum Bahnhof entlangging, waren Tausende und Abertausende anderer Ereignisse davon betroffen. Eingeschlossen auch der Aufenthaltsort von Mr. C am 15. Juni 1888. Wir hatten auf einen Schlag alle Fäden zerrissen, und das Material, aus dem das Raumzeitgefüge gewoben ist, hatte sich aufgelöst.
»›Fort flog das Netz, trieb weit umher‹«, sagte ich laut. »›Der Fluch hat mich ereilt, sprach das Fräulein von Shalott.‹«
»Häh?« Ein Mann öffnete die Tür und trat auf die Plattform. Er war untersetzt, mit einem ungeheuer großen Kaiserbart, und hielt eine Meerschaumpfeife in der Hand, die er energischst stopfte. »Was für’n Fluch?«
»Tennyson«, sagte ich.
»Lyrik«, brummte er. »Alles Mist, wenn Sie mich fragen. Kunst, Bildhauerei, Musik — zu was soll das auf der Welt nutze sein?«
»Ganz meine Meinung.« Ich streckte die Hand aus. »Guten Tag. Ich heiße Ned Henry.«
»Arthur T. Mitford«, erwiderte er und zerquetschte mir fast die Finger.
Nun, einen Versuch war es wert gewesen.
»Glaube auch nicht an Flüche«, fuhr er fort, grimmig an seiner Pfeife saugend. »Oder ans Schicksal oder die Vorsehung. Alles Mist. Ein Mann bestimmt seinen Weg selbst.«
»Hoffentlich haben Sie da recht«, sagte ich.
»Natürlich hab ich recht. Denken Sie an Wellington.«
Ich klopfte den Tabak aus meiner Pfeife auf die Bahngleise und machte mich auf den Weg zurück zum Abteil. Denken Sie an Wellington! Und an die Jungfrau von Orleans. Und an John Paul Jones.[68] Sie haben gewonnen, als alles bereits verloren schien.
Und das Kontinuum war zäher als es aussah. Es gab Schlupfverluste und Backups und Überzähligkeiten. »Treffen wir uns nicht an diesem Ort, werden wir uns an jenem treffen.« Und falls dem so war, stimmte es, was ich Verity gesagt hatte, und Mr. C könnte auf dem Bahnsteig in Reading sein. Oder just in diesem Moment in unserem Abteil, unsere Fahrkarten lochend oder mit einem Bauchladen Süßigkeiten verkaufend.
68
Amerikanischer Marineoffizier, aus Schottland stammend, der 1779 im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg der englischen Flotte eine der vernichtendsten Niederlagen beibrachte, die es jemals in der Geschichte des Seekrieges gegeben hatte. — Anm. d. Ü.