Oblomow
- Автор: Гончаров Иван Александрович
- Язык: немецкий
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Oblomow». Краткое содержание книги:
Oblomow begriff, welche Bedeutung er für diesen Winkel und dessen Bewohner, vom Bruder bis zum Kettenhund, erlangt hatte, der seit seinem Umzug dreimal soviel Knochen bekam, doch er ahnte nicht, welche tiefe Wurzeln er im Herzen der Hausfrau gefaßt und welchen unerwarteten Sieg er davongetragen hatte. In ihrer Geschäftigkeit und Besorgtheit um sein Essen, seine Wäsche und Zimmer sah er nur die Äußerung des Hauptzuges ihres Charakters, den er schon während seines ersten Besuches bemerkt hatte, als Akulina plötzlich den zappelnden Hahn ins Zimmer brachte, und als die Hausfrau, trotzdem sie durch den unpassenden Eifer der Köchin in Verlegenheit geraten war, ihr doch sagte, sie möchte dem Krämer nicht diesen, sondern den grauen Hahn verkaufen. Agafja Matwejewna lag es nicht nur ferne, mit Oblomow zu kokettieren und ihm durch irgendeine Äußerung das, was in ihr vorging, anzudeuten, sondern sie war sich dessen, wie schon gesagt, gar nicht bewußt, begriff es nicht und hatte sogar vergessen, daß vor einiger Zeit das alles in ihr noch nicht existiert hatte; ihre Liebe äußerte sich nur in einer grenzenlosen Ergebenheit bis ans Grab. Oblomow hatte die Art ihrer Beziehungen ihm gegenüber nicht erkannt und hielt deren Äußerungen wie bisher für ihre Charaktereigenschaften. Und das so normale, natürliche und selbstlose Gefühl der Pschenizin Oblomow gegenüber blieb für diesen, für ihre Umgebung und für sie selbst ein Geheimnis. Dieses Gefühl war tatsächlich selbstlos, denn sie stellte nur deswegen eine Kerze in die Küche hin und ließ eine Messe für Oblomow beten, damit er genas, ohne daß er jemals etwas davon erfuhr. Sie saß in der Nacht an seinem Kopfende und ging erst beim Morgengrauen hinaus, und es wurde nie davon gesprochen. Sein Verhalten ihr gegenüber war viel einfacher: für ihn verkörperte sich in Agafja Matwejewna, in ihren sich stets bewegenden Ellbogen, in den besorgt auf allem ruhenden Augen, in ihrem Überblicken der Schränke, der Küche, der Vorratskammer und des Kellers, in der Allwissenheit, die sie in allen häuslichen und wirtschaftlichen Fragen bekundete, das Ideal jener wie ein Ozean unabsehbaren und unveränderlichen Ruhe, deren Bild sich in der Kindheit, unter dem väterlichen Dache, unaustilgbar in seine Seele gegraben hatte. Ebenso wie dort der Vater, der Großvater, die Kinder, die Enkel und Gäste in träger Ruhe dalagen und saßen, da sie wußten, daß es neben ihnen im Hause ein ewig sorgendes, nie schlummerndes Auge und unermüdliche Hände gab, welche für sie nähten, sie kleideten, fütterten, sie zu Bette brachten und ihnen beim Sterben die Augen zudrückten, sah auch Oblomow, wenn er hier, ohne sich zu rühren, auf dem Sofa saß, daß es etwas sich für ihn Regendes und Sorgendes gab, und daß es eher zu erwarten war, die Sonne würde morgen nicht mehr aufgehen, der Himmel würde von Wirbelwinden zerrissen sein, die aus einem Ende des Weltalls zum anderen herüberwehten, als daß die Suppe und der Braten nicht auf seinem Tische erscheinen, daß seine Wäsche nicht rein und frisch ist, und das Spinngewebe nicht von der Wand entfernt ist, ohne daß er weiß, wie das gemacht wird; bevor er sich die Mühe gibt zu denken, was er wohl haben möchte, wird es schon erraten und ihm gebracht werden, aber nicht träge und grob von Sachars schmutzigen Händen, sondern mit einem fröhlichen, sanften Blick, mit einem tief ergebenen Lächeln, von reinen, weißen Händen mit nackten Ellbogen.
Er wurde mit der Hausfrau täglich mehr befreundet; er dachte nicht im entferntesten an Liebe, das heißt an jene Liebe, die er vor kurzem wie Blattern, Masern oder ein Fieber ertragen hatte und bei deren Erinnerung er bebte. Er näherte sich Agafja Matwejewna, als rücke er an ein Feuer, das einen immer mehr und mehr erwärmt, das man aber nicht lieben kann. Er blieb nach dem Essen gerne in ihrem Zimmer, rauchte dort gerne seine Pfeife und sah zu, wie sie das Silber und das Geschirr in die Kredenz einräumte, wie sie die Schalen herausnahm, den Kaffee einschenkte und wie sie die eine Schale ganz besonders sorgfältig abwusch und abtrocknete, zuerst füllte, ihm hinreichte und zuschaute, ob er zufrieden sei. Er ließ seine Augen gerne auf ihrem vollen Hals und den runden Ellbogen ruhen, wenn sich die Tür in ihr Zimmer öffnete, und wenn dies lange nicht geschah, stieß er den Türflügel leise mit dem Fuße auf, scherzte mit ihr und spielte mit den Kindern. Aber er langweilte sich nicht, wenn der Morgen verging, ohne daß er sie sah; nachmittags ging er oft, anstatt bei ihr zu bleiben, auf zwei Stunden schlafen; doch er wußte, daß, sowie er erwachte, sogar in demselben Augenblick, sein Tee bereitet war. Und vor allem geschah das alles in Ruhe; er spürte keinen Dank am Herzen, regte sich niemals darüber auf, ob er die Hausfrau sehen würde oder nicht, darüber, was sie denken würde, was er ihr sagen, wie er ihre Fragen beantworten sollte, wie sie ihn anblicken würde - über gar nichts. Er erlebte weder Momente der Traurigkeit noch schlaflose Nächte noch süße und bittere Tränen. Er saß da, rauchte und sah zu, wie sie nähte, manchmal sagte er irgend etwas oder auch nicht, und dabei war er ruhig, er hatte keine Wünsche und wollte nirgendshin, als besäße er alles, was er wünschte. Agafja Matwejewna machte keine Versuche, ihn aufzurütteln, und stellte an ihn keinerlei Ansprüche. Und in ihm stiegen keine ehrgeizigen Wünsche und Bestrebungen auf, kein Drang nach Heldentaten, kein qualvolles Selbstfoltern, weil die Zeit verging, weil seine Kräfte schwanden, weil er nichts, weder Gutes noch Böses, getan hatte, weil er müßig war, nicht lebte, sondern vegetierte. Es war, als hätte eine unsichtbare Hand ihn wie eine wertvolle Pflanze in den Schatten gepflanzt, wo er vor Glut und Regen geschützt war, als hegte und pflegte sie ihn.
»Wie geschwind Sie die Nadel an der Nase vorüberziehen, Agafja Matwejewna!« sagte Oblomow, »das geht so schnell, daß ich wirklich fürchte, Sie könnten sich den Rock an die Nase festnähen.«
Sie lächelte.
»Ich nähe nur diese Naht zu Ende«, sagte sie zu sich selbst, »dann werden wir Abendbrot essen.«
»Was haben wir heute zum Abendbrot?«
»Sauerkraut mit Lachs«, sagte sie. »Es gibt schon nirgends mehr Störe; ich war in allen Geschäften und auch der Bruder hat überall nachgefragt - sind aber keine aufzutreiben. Vielleicht finde ich aber einen frischen Stör - ein Kaufmann aus der Karjetnatjastraße hat einen bestellt, und man hat versprochen, mir ein Stück davon abzuschneiden. Dann gibt es Kalbsbraten und gebratene Grütze ...«
»Das ist sehr schön! Wie lieb es von Ihnen ist, daran zu denken, Agafja Matwejewna! Wenn es Anissja nur nicht vergißt.«
»Wozu bin ich denn da? Hören Sie, wie es zischt?« antwortete sie, die Tür in die Küche ein wenig öffnend. »Es brät schon.«
Dann beendigte sie ihre Naht, biß den Faden ab, legte die Arbeit zusammen und trug sie ins Schlafzimmer.