Der Medicus
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1990
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
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Der Medicus
Roman
Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon
Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
Mirdin war klug und kannte den Unterschied zwischen Tarnung und vollkommener Hingabe. »Ich verlange eines von dir«, erklärte er. »Du darfst niemals zulassen, daß du der zehnte Mann bist.« Rob verstand. Wenn Gläubige auf eine minyan, eine Versammlung von zehn Juden, warteten, die ihnen erlaubte, in der Öffentlichkeit eine Andacht zu verrichten, wäre es schrecklich gewesen, wenn er sie um semer Tarnung willen getäuscht hätte. Er gab Mirdin das Versprechen sofort und achtete immer darauf, es zu halten. Fast jeden Tag nahmen er und Mirdin sich Zeit, um die Gebote zu studieren. Sie benutzten dazu kein Buch. Mirdin kannte die Gebote als mündliche Überlieferung. »Man ist sich allgemein darüber einig, daß der Thora sechshundertdreizehn Gebote entnommen werden können«, lehrte er Rob. »Aber über deren genaue Form ist man sich nicht einig. Ein Gelehrter hält eine Vorschrift vielleicht für ein gesondertes
Gebot, ein anderer Gelehrter kann es als Teil des vorangehenden Gebotes sehen. Ich lehre dich jene Version aller Gebote, die seit vielen Generationen in meiner Familie weitergegeben wird und die mich mein Vater, Reb Mulka Askar aus Masqat, gelehrt hat.« Mirdin sagte, daß zweihundertachtundvierzig Gebote positiv waren, die mitzvot, wie etwa die Vorschrift, daß ein Jude für Witwen und Waisen sorgen muß. Die restlichen waren negative Gebote wie zum Beispiel die Ermahnung, daß ein Jude keine Bestechung annehmen darf.
Rob bereitete es mehr Vergnügen, die mitzvot von Mirdin zu lernen, als die Studienfächer zu studieren, weil er wußte, daß er darin keine Prüfungen ablegen mußte. Es gefiel ihm, sich bei einem Becher Wein die jüdischen Gesetze anzuhören, und er stellte bald fest, daß solche Sitzungen ihm auch beim Studium des islamischen/ig/; halfen. Er arbeitete härter denn je, genoß aber seine Tage. Es war das Jahr, in dem er den Galen studierte, und er vertiefte sich in die Beschreibungen anatomischer Phänomene, die er nicht sehen konnte, wenn er einen Patienten untersuchte: den Unterschied zwischen Arterien und Venen, den Puls und die Funktionen des Herzens, das während der Systole wie eine sich immer wieder zusammenpressende Faust Blut hinauspumpte, sich dann entspannte und während der Diastole wieder mit Blut füllte.
Er wurde von seinem Praktikum bei Jalal-al-Din abgezogen und von den Wundhaken, Kopplern und Seilen des Knocheneinrichters zu den Chirurgenbestecken versetzt, denn er war jetzt al-Juzjani zugeteilt. »Er mag mich nicht. Er läßt mich nur die Instrumente reinigen und schärfen«, beschwerte Rob sich bei Karim, der über ein Jahr im Dienst al-Juzjanis verbracht hatte.
»So hält er es am Anfang mit jedem neuen Praktikanten«, tröstete ihn Karim. »Du darfst dich nicht entmutigen lassen.« Karim konnte natürlich leicht Geduld predigen. Ein Teil seines calaat bestand aus einem großen vornehmen Haus, wo er jetzt seine Patienten betreute, die sich größtenteils aus den Familien des Hofes rekrutierten. Es gehörte für einen Adligen zum guten Ton, nebenbei erwähnen zu können, daß sein Medicus Persiens Läuferheld Karim Harun war, und dieser gewann so rasch Patienten, daß er auch ohne das Preisgeld und das Stipendium, das er vom Schah erhalten hatte, ein wohlhabender jvlann gewesen wäre. Er kokettierte mit Mary und machte ihr anzügliche Anträge auf Persisch, worauf sie erklärte, sie sei froh, daß sie ihn nicht verstehe. Aber sie mochte ihn gern und behandelte ihn wie einen ungezogenen Bruder.
Irn Krankenhaus, wo Rob erwartet hatte, daß Karims Beliebtheit abnehmen würde, war das keineswegs der Fall.
Rob mußte Mirdin Askari zustimmen, der grinsend meinte, die beste Art, ein erfolgreicher Medicus zu werden, sei, den chatir zu gewinnen.
Gelegentlich unterbrach al-Juzjani Rob bei seiner Tätigkeit, um nach dem Namen eines Instrumentes, das er reinigte, oder nach seiner Verwendung zu fragen. Hier gab es viel mehr Instrumente, als Rob als Baderchirurg kennengelernt hatte, dazu chirurgische Werkzeuge, die für bestimmte Aufgaben vorgesehen waren. So reinigte und schärfte er abgerundete Operationsmesser, gekrümmte Operationsmesser, Skalpelle, Knochensägen, Ohrenküretten, Sonden, kleine Messer zum Öffnen von Zysten und Bohrer zum Entfernen von Fremdkörpern, die im Bindegewebe steckten.
Al-Juzjanis Methode erwies sich schließlich als sinnvoll, denn nach zwei Wochen, als Rob begann, ihm im Operationssaal des maristan zu assistieren, mußte der Chirurg nur einen Wunsch murmeln, und Rob konnte das geforderte Instrument aussuchen und es ihm sofort reichen.
Er assistierte und beobachtete zehn Wochen lang, bevor ihm al-Juzjani erlaubte, einen Schnitt zu setzen, und das auch nur unter Aufsicht. Als die Gelegenheit kam, handelte es sich um die Abnahme eines Zeigefingers bei einem Treiber, dessen Hand von einem Kamelhuf zerquetscht worden war.
Rob hatte durch Zusehen gelernt. Al-Juzjani verwendete immer eine Aderpresse aus einem Lederriemen, wie er vor dem Aderlaß zum Hervorpressen einer Vene verwendet wurde. Rob legte die Aderpresse geschickt an und führte die Amputation durch, ohne zu zögern, denn er hatte sie im Laufe der Jahre als Baderchirurg oft vollzogen. Damals war er aber immer von Blutungen behindert worden, nun war er von al-Juzjanis Technik begeistert, die ihm ermöglichte, einen Hautlappen zu bilden und den Stumpf zu schließen, ohne ständig das Blut wegtupfen zu müssen.
Al-Juzjani beobachtete ihn genau mit dem für ihn typischen mürrischen Gesichtsausdruck. Als Rob fertig war, wandte sich der Chirurg ohne ein Wort des Lobes ab, doch er hatte weder geknurrt noch auf eine bessere Methode hingewiesen. Rob, der nach der Operation den Tisch säuberte, glühte innerlich, weil er auf seinen kleinen Erfolg stolz war.
Vier Freunde I
Sieben Monate waren vergangen, ohne daß der Schah ihn zu sich gerufen hatte. Rob war es recht, denn neben seiner Frau und der medizinischen Ausbildung blieben ihm nur wenige Stunden der Muße. Eines Morgens wurde er zu Marys Bestürzung wie bei den früheren Gelegenheiten von Soldaten abgeholt. »Der Schah wünscht, daß Ihr heute mit ihm ausreitet.« »Es ist alles in Ordnung«, beruhigte Rob seine Frau und ging mit ihnen. Vor den großen Ställen hinter dem Haus des Paradieses traf er auf den aschgrauen Mirdin Askari. Sie kamen beide zu dem Schluß, daß Karim hinter dieser Aufforderung stecken mußte, der seit seinem Aufstieg zur Läuferberühmtheit Aläs bevorzugter Begleiter geworden war. Und so war es auch. Als Alä Shahansha zu den Ställen kam, ging Karim unmittelbar hinter dem Herrscher, und um seine Züge spielte ein breites Lächeln, während er dem Schah zu seinen Freunden folgte. Das Lächeln verlor ein wenig an Selbstsicherheit, als der Schah sich vorneigte und Mirdin Askari zuhörte, der deutlich vernehmbar Worte in seiner Muttersprache murmelte, während er sich zum ravi zemin auf den Boden warf.
»Komm! Du mußt Persisch sprechen und uns erzählen, was du sagen willst«, fuhr ihn Alä an.
»Es ist ein Segen, Majestät. Ein Segen, den die Juden sprechen, wenn sie den König sehen«, erklärte Mirdin.
»Gesegnet seist Du, o Herr unser Gott, König des Universums, der Fleisch und Mensch Seine Herrlichkeit verliehen hat.«
»Die Dhimmis sprechen ein Dankgebet, wenn sie ihren Schah sehen?« wunderte sich Alä erfreut. Rob wußte, daß es eine beraccha war, eine Lobpreisung, die von
frommen Juden beim Anblick jedes Königs gebraucht wurde, doch weder er noch Mirdin hielten es für nötig, darauf hinzuweisen. Dafür befand sich Alä in glänzender Stimmung, als er sich auf seinen Schimmel schwang und sie hinter ihm auf das weite Land hinausritten. £r wandte sich an Rob: »Ich habe gehört, daß du eine europäische Frau genommen hast.« »Das stimmt, Majestät.«