Der Medicus
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1990
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
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Der Medicus
Roman
Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon
Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
Er liebte sie so sehr, und sie war jedes Opfer wen. Dennoch vollführte sein Herz einen Sprung, als eines Abends eine vertraute Gestalt unter ihrer Tür auftauchte und grüßend nickte. »Komm herein, Mirdin!«
Als Mary dem Besucher vorgestellt wurde, betrachtete sie ihn neugierig. Dann stellte sie Wein und Süßigkeiten auf den Tisch und verließ sie mit dem wachen Instinkt, den er an ihr liebte, um die Tiere zu füttern. »Du bist wirklich ein Christ?« Rob nickte.
»Ich kann dich in eine entfernte Stadt in Fars bringen, wo der rabbenu mein Vetter ist. Wenn du bei den gelehrten Männern dort Bekehrung suchst, werden sie sich vielleicht dazu bereit erklären. Dann gäbe es keinen Grund mehr für Lügen und Betrug.« Rob sah ihn an und schüttelte langsam den Kopf. Mirdin seufzte. »Wenn du ein charakterloser Mensch wärst, würdest du sofort zustimmen. Aber du bist ein anständiger, ehrlicher Mann und auch ein ungewöhnlicher Heilkundiger. Deshalb kann ich dir nicht den Rücken kehren.« »Danke.«
»Jesse ben Benjamin ist nicht dein Name?« »Nein. Mein wahrer Name ist...«
Doch Mirdin schüttelte warnend den Kopf und hob die Hand. »Der andere Name darf zwischen uns nicht genannt werden. Du mußt Jesse ben Benjamin bleiben.« Er sah Rob prüfend an. »Du bist mit der Jehuddijeh verschmolzen. Irgend etwas hat mich aber immer gestört. Ich nahm an, daß es daher kam, weil dein Vater ein europäischer Jude, ein Abtrünniger war, der sich von unseren Bräuchen abgewendet und sein Geburtsrecht nicht an seinen Sohn weitergegeben hat. Aber du mußt ständig wachsam bleiben, damit du keinen tödlichen Fehler begehst. Wenn man deine Täuschung entdeckt, würde sie eine schreckliche Verurteilung durch ein Gericht von mullahs heraufbeschwören, die zweifellos deinen Tod beschließen würden. Wenn du ertappt wirst, bringst du alle hiesigen Juden in Gefahr, auch wenn sie an deiner Täuschung keinen Anteil haben. In Persien kann es leicht geschehen, daß Unschuldige leiden müssen.«
»Und du, willst du ein solches Risiko eingehen?« fragte Rob leise. »Ich habe darüber nachgedacht. Ich muß dein Freund bleiben.«
»Ich freue mich darüber.«
Mirdin nickte. »Aber ich habe meinen Preis.«
Rob wartete.
»Du mußt verstehen, was zu sein du vorgibst. Um Jude zu sein, genügt es nicht, einen Kaftan anzuziehen und den Bart auf bestimmte Art zu tragen.«
»Wie soll ich dieses Verständnis erwerben?«
»Du mußt die Gebote Gottes studieren.«
»Ich kenne die Zehn Gebote.« Agnes Cole hatte sie jedem ihrer Kinder beigebracht.
Mirdin schüttelte den Kopf. »Diese zehn sind ein Bruchteil der Gebote, aus denen unsere Thora besteht. Die Thora enthält sechshundertdreizehn Gebote. Diese mußt du studieren - zusammen mit dem Talmud, den Kommentaren, die sich mit jedem Gebot befassen. Nur dann wirst du die Seele meines Volkes erkennen.«
»Mirdin, das ist schlimmer als der fiqh. Ich werde an Gelehrsamkeit ersticken«, klagte er verzweifelt.
Mirdins Augen glitzerten. »Das ist mein Preis.«
Rob sah, daß er es ernst meinte. Er seufzte. »Hol dich der Teufel! In Ordnung.«
Nun lächelte Mirdin zum erstenmal an diesem Abend. Er schenkte Wein ein, übersah den europäischen Tisch und die Stühle, setzte sich auf den Boden und blieb mit untergeschlagenen Beinen sitzen. »Also, beginnen wir!
Das erste Gebot lautet: >Du sollst fruchtbar sein und dich vermehren !<«
Rob war so froh, Mirdins freundliches, schlichtes Gesicht wieder in seinem Hause zu sehen. »Ich versuche es, Mirdin«, sagte er grinsend. »Ich gebe mein Bestes.«
Jesse wird geformt
»Sie heißt Mary wie die Mutter Jesu«, erklärte Mirdin seiner Frau in ihrer Sprache.
»Sie heißt Fara«, erklärte Rob Mary auf Englisch.
Die beiden Frauen musterten einander.
Mirdin hatte Fara zu Besuch mitgebracht, zusammen mit ihren braunhäutigen kleinen Jungen David und Issachar. Die Frauen konnten sich nicht miteinander unterhalten, weil sie keine gemeinsame Sprache hatten.
Dennoch verständigten sie sich bald kichernd durch Handzeichen, verdrehte Augen und protestierende Ausrufe.
Vielleicht wurde Fara vor allem auf Wunsch ihres Mannes Marys Freundin, aber die beiden in jeder Hinsicht verschiedenen Frauen achteten und schätzten einander von Anfang an.
Fara zeigte Mary, wie sie ihr langes, rotes Haar aufstecken und mit einem Tuch bedecken solle, bevor sie das Haus verließ. Einige jüdische Frauen trugen Schleier nach Art der Mohammedanerinnen, aber viele bedeckten einfach ihr Haar, und durch diese einfache Maßnahme j wurde auch Mary unauffälliger. Fara führte sie zu Marktständen, bei denen die Waren und das Fleisch frisch waren, und sie machte Mary darauf aufmerksam, welche Händler sie besser meiden solle. Fara lehrte sie, das Fleisch koscher zu machen, indem sie es einweichte und salzte, um überschüssiges Blut zu entfernen, und wie sie Fleisch, gemahlenen Paprika, Knoblauch, Lorbeerblätter und Salz in einen zugedeckten irdenen Topf legen solle, auf den dann heiße Kohlen gehäuft wurden, so daß er den ganzen shabhat langsam kochte und würzig und zart wurde: ein köstliches Gericht, das shalent hieß und zu Robs Lieblingsessen wurde.
»Ach, ich würde so gern mit ihr sprechen, ihr Fragen stellen und ihr verschiedenes erzählen!« sagte Mary zu Rob. »Ich werde dir Unterricht in ihrer Sprache erteilen.« Aber sie wollte nichts von der Sprache der Juden und der der Perser hören. »Ich kann nicht so gewandt mit fremden Wörtern umgehen wie du«, sagte sie. »Ich habe Jahre gebraucht, um Englisch zu lernen, und mußte arbeiten wie eine Sklavin, um halbwegs Latein zu beherrschen. Werden wir nicht bald dorthin ziehen, wo ich mein heimisches Gälisch hören kann?«
»Wenn die Zeit dazu gekommen ist«, antwortete er, verlor aber kein Wort darüber, wann das sein würde.
Mirdin nahm es auf sich, durchzusetzen, daß Jesse ben Benjamin von den Bewohnern der Jehuddijeh wieder akzeptiert wurde.
»Seit König Salomon - nein, schon vor Salomon - haben Juden
nichtjüdische Frauen genommen und sind innerhalb der jüdischen Gemeinde geblieben. Es waren immer Männer, die durch ihr tägliches Leben gezeigt haben, daß sie weiter an ihrem Glauben festhielten.« Auf Mirdins Vorschlag machten er und Rob es sich zur Gewohnheit, zweimal täglich zum Gebet in der Jehuddijeh zusammenzutreffen: am Morgen zum schacharit in der kleinen Synagoge, die Haus des Friedens hieß, und am Tagesende zum ma'ariw in der Zion-Synagoge nahe Mirdins Wohnung. Rob empfand dies nicht als lästige Pflicht. Da ihm die Sprache immer vertrauter wurde, vergaß er, daß er die Synagoge als Teil seiner Tarnung aufsuchte, und er hatte manchmal das Gefühl, daß auch hier seine Gedanken Gott erreichten. Er betete nicht als Jesse der Jude oder als Rob der Christ, sondern als einer, der Verständnis und Trost suchte.
Allmählich sahen ihn die Leute immer seltener empört an, und schließlich beachtete man ihn nicht mehr. Die Monate vergingen, und die Bewohner der Jehuddijeh gewöhnten sich an den Anblick des großen englischen Juden, der mit einer duftenden Zitrone in der Hand während des Erntefestes Sukkot im Haus des Friedens Palmzweige schwenkte, zu Jom Kippur mit den anderen Gläubigen fastete, in der Prozession tanzte und den Rollen folgte, wenn die Übergabe der Thora an das Volk durch Gott gefeiert wurde. Jakob ben Rashi vertraute Mirdin an, es sei offensichtlich, daß Jesse ben Benjamin sich bemühe, seine unbesonnene Heirat mit einer ungläubigen Frau zu sühnen.