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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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»Doch nicht die Frau Seraphim?« fiel der Pfarrer ihm ins Wort, »es ist mir zu Ohren gekommen, daß die unglückliche Frau durch einen unglücklichen Zufall ums Leben gekommen ist. Nun, zehnjährige treue Dienste vergißt man nicht so leicht, und eine derartige Treue gereicht dem Herrn wie dem Diener zur Ehre,« – »Ich beschwöre Sie, Herr Abbé,« antwortete der Notar, »lassen Sie mich mit Lobsprüchen aus dem Spiele –«

»Aber wer soll Ihnen sonst gerecht werden?« warf Polidori ein, »lassen Sie sich durch solche Reden nur nicht irritieren, Herr Abbé; Sie bekommen noch weitere Unglücksschläge zu hören! Die Person, die nach Luise Morel und der Frau Seraphim dem lieben Ferrand die Wirtschaft geführt hat, kennen Sie wohl nicht? Es war eine gewisse Cecily...«

Ferrand sprang wie von einer Tarantel gestochen in die Höhe. Unter seinen Brillengläsern flammten die Augen wie Blitze, und über sein bleiches Gesicht schoß glühende Röte ... »Schweig! Schweig!« rief er; »kein Wort mehr! Ich verbiete es dir!« – »Aber so seien Sie doch nur ruhig!« sagte der Abbé, »und lassen Sie mir von Ihrem Freunde berichten, welch neue Handlung des Edelsinns ich an Ihnen zu preisen habe ... Ich kenne diese Person nicht, denn unser Freund hat seit einiger Zeit die Beziehungen zur Kirche wegen geschäftlicher Ueberbürdung vernachlässigen müssen.« – »Nicht wegen Ueberlast, Herr Abbé, sondern weil er ein neues gutes Werk im Sinne hat, das er Ihnen hat verheimlichen wollen ... Weil mein lieber Freund bei seiner neuen Hausverwalterin alle Tugenden vorfand, Züchtigkeit, Sanftmut und Frömmigkeit, hat er sich entschlossen, ihr schon bei Lebzeiten ein Legat auszusetzen, das sie in den Stand setzt, in ihrer Heimat wohlzutun und mitzuteilen ... Ja, er ist noch weiter gegangen, indem er dieser würdigen Person Urlaub auf unbestimmte Zeit erteilt hat, damit sie die nötigen Veranstaltungen zu den Spenden, die sie durch diese edelsinnige Freigebigkeit ihres Brotherrn austeilen kann, selbst treffe. – Und auch dies ist noch nicht alles: Es ist ihm zu Ohren gekommen, daß eine adelige Dame, eine Frau von Fermont, mit ihrer Tochter unverschuldeterweise in Not und Elend geraten ist. Dieser Dame hat er heute bare hunderttausend Franks bei seiner Bank überwiesen, mit dem Bedingnis, daß sie jährlich eine Messe lesen lassen solle für das Seelenheil derjenigen Menschen, die vielleicht mit Schuld tragen an dem Unglück, das diese Dame betroffen hat ... Und noch ein drittes, Herr Abbé: und gerade aus diesem letzten Beispiele werden Sie ersehen, wie weit die Edelherzigkeit unseres immer im Verborgenen wirkenden Wohltäters geht.« – »O, erzählen Sie, bitte!« rief der Abbé. »Ich brenne darauf, von allen Taten unseres verehrten Freundes Kenntnis zu erhalten.« »Erwägen Sie, Herr Abbé, diese letzte Tat in ihrer ganzen Größe!« nahm Polidori wieder das Wort; »Sie wissen, daß die schlechte Aufführung jener Luise Morel ihren Vater dermaßen erschüttert hat, daß er um seinen Verstand kam, aber das entsetzliche Elend, das hierdurch über die Familie selbst kam, hat unsern Freund bestimmt, ihr jährlich eine Rente von 2000 Franks auszusetzen, so daß sie aller unmittelbaren Not überhoben ist. Die Rente – und hierin kommt ein weiteres wichtiges Moment zur Beurteilung unsers Freundes zur Geltung – soll nach Morels Tode auf seine Frau und auf die Kinder übergehen,«

Polidori, solange Zeit über Ferrands Mitschuldiger, weidete sich daran, ihn mit all seinen Sünden zu foltern: den Habsüchtigen durch Habsucht, den Heuchler durch Heuchelei, den Wollüstigen durch Wollust; und daß er ihn im tiefsten Innern traf, das stand auf dem Gesichte des Elenden deutlich zu lesen.

»Und nun komme ich zum Schlusse,« nahm Polidori wieder das Wort; »unser geliebter Freund hat die Bekanntschaft eines andern Wohltäters der Menschheit gemacht, der sich unter dem Namen eines Herrn Rudolf verbirgt, und im Verein mit diesem hat er sich zur Gründung eines Bankhauses für Arme zusammengetan, wo sich der kleine Handwerker, der unbemittelte Beamte, in Not geratene Witwen, bestrafte Missetäter, die wieder als ehrliche Menschen leben wollen, unverzinsliche Darlehen gegen Bürgschaft oder auf Pfänder verschaffen können, mit dem Rechte der zweijährigen Rückzahlung oder Einlösung. Jeder der beiden Gründer zahlt 50 000 Franks als Grundstock ein, und als Direktor wird Herr Franz Germain eingesetzt mit einem Jahresgehalt von 8000 Franks, und zwar auf speziellen Wunsch des Stifters Ferrand, der die Rechtschaffenheit und den Fleiß dieses achtbaren jungen Mannes auf diese Weise nicht bloß belohnen, sondern auch vor aller Welt dokumentieren will., Verdient solcher Edelsinn nicht allgemeine Bewunderung, Herr Abbé?« –.»Unstreitig, lieber Freund, unstreitig,« rief dieser, schier verzückt vor Bewunderung, »mich setzt in der Tat nichts an ihm mehr in Erstaunen. Früher oder später mußte solcher Wohltäter der Menschheit zu solchem Schritte gelangen: solche Anstalt ist das erhabenste Denkmal, das sich ein Mensch setzen kann.« – »Und doch hat es nach wie vor Leute gegeben, die solchen Ehrenmann als Geizhals verschrien haben« rief mit scheinbarer Entrüstung Polidori; dann wandte er sich an den Notar mit der Aufforderung, die letzten Paragraphen des für die Armenbank festgesetzten Statuts dem Abbé selbst vorzulesen. Mit sichtlichem Widerstreben und sich wiederholt mit der Hand über die Stirn streichend, griff Ferrand zu dem Schriftstück und las, oft stockend:

»Zum Direktor der Bank wird Herr Franz Germain bestellt, als Hausverwalter der Pförtner des Hauses Rue du Temple Nr. 17, Herr Pipelet, gewählt. Es wird ein Aufsichtsrat eingesetzt, bestehend aus Herrn Abbé Dumont, dem Maire und dem Friedensrichter des Stadtbezirks. Die Eröffnung der Bank wird in den größeren Blättern Frankreichs inseriert, vorwiegend in solchen, die von Leuten gelesen werden, zu deren Nutzen die Bank arbeiten soll. – Die Stifter wiederholen zum Schlusse, daß sie keinerlei Verdienst beanspruchen an der Wohltat, die sie für einen Teil der Menschheit damit im Sinne haben. Der einzig leitende Gedanke dabei ist das Wort unseres Heilandes: Liebet euch untereinander!«

Ferrand beide Hände inbrünstig drückend, rief der Abbé: »Ihr Platz wird droben im Himmel neben dem sein, der diese hehren Worte gesprochen hat!«

Die Kräfte drohten Ferand zu verlassen, und ohne auf die letzten Worte des Abbés zu antworten, behändigte er ihm die zur Gründung der Anstalt und zur Stiftung der Rente für Morel und seine Familie notwendige Summe.. »Ich darf wohl annehmen, Herr Abbé,« sagte er, »daß Sie dieses Amt nicht ablehnen. Zudem wird ein Fremder, Sir Walter Murph mit Namen, der mir im Auftrage seines Herrn bei dem Entwurfe des Planes zur Gründung der Armenbank beigestanden hat, Ihnen einen großen Teil der hierzu notwendigen Arbeit abnehmen und sich Ihnen, sofern Sie es wünschen, schon heute zur Verfügung stellen. Und nun,« setzte er hinzu, »haben Sie wohl die Güte, mich allein zu lassen. Ich bin sehr erschöpft.« – »Verzeihen Sie, Herr Abbé,« setzte Polidori hinzu, »als Arzt meines Freundes muß ich ihm Ruhe zubilligen. Ich kann Sie auch nicht gleich begleiten, sondern werde wohl noch zu einem physischen Aderlasse schreiten müssen.«

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