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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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»Jetzt fängts mir klar zu werden an,« erwiderte Germain, »wie alles zusammenhängt – um mich zu schützen, und um Ihrem Herrn Rudolf – wie Sie ihn nennen – einen Gefallen zu erweisen, haben Sie wieder gestohlen? Bloß um wieder hierher den Weg zu finden? O, darüber werde ich mir nun zeitlebens Vorwürfe machen! Und wie – wie soll ich Ihnen soviel Aufopferung danken?« – »Mir haben Sie nichts zu danken,« erwiderte Schuri, »Wohl aber Herrn Rudolf!« – »Und wie erkläre ich mir den Anteil, den er an mir nimmt?« fragte Germain. – »Das wird er Ihnen selbst sagen, sofern er es nicht vorzieht, darüber gar kein Wort zu verlieren, denn zumeist begnügt er sich damit, Gutes zu tun, ohne mit Dank zu rechnen.« – »Er weiß, daß Sie hier sind?« fragte Germain. – »Tausend Donner, nein!« rief Schuri, »denn meinen Sie etwa, er hätte es mir erlaubt, solche Possen zu treiben und einen Einbruch bei mir selber zu fingieren? Hab ich mich doch verkleidet in der Rue du Temple eingemietet und dann mich selbst bestohlen, – wie ich das angestellt habe, kann Sie weiter nicht interessieren, bloß deshalb sage ich es, weil mit dem Einbruch niemand geschädigt worden ist als ich höchstens selbst, denn alles was ich gestohlen, hatte ich ja tags vorher erst gekauft und in die leer gemietete Wohnung schaffen lassen. Wenn ich nun den Beweis dafür erbringe, daß ich mich selbst bestohlen habe, was kann man mir dann von Gerichts wegen anhaben? Man kann mich höchstens mit ein paar Tagen bestrafen wegen groben Unfugs – das ist alles, und das nehme ich gern in Kauf, nachdem ich gesehen habe, daß ich gerade noch zurecht kam, Herrn Rudolf den Dienst zu erweisen, auf den er rechnete – Sie nämlich vor Unglück zu bewahren!«

Der Fron trat wieder herein ... »Germain, schnell zum Direktor! Er will Sie auf der Stelle sprechen. Und Ihr, Schuri, geht wieder in die Löwengrube. Ihr sollt dort an Skeletts Stelle die Aufsicht führen. Das Zeug dazu habt Ihr! Mit einem Manne wie Euch werden die Sträflinge nicht Luderei treiben.« – »Nun, jetzt weigern Sie mir einen Händedruck doch nicht mehr?« fragte Germain. – »Nein, Herr! Gewiß nicht!« antwortete Schuri; »aber da fällt mir ein, Sie könnten doch wohl niederschreiben, was ich Ihnen gesagt habe, und Herrn Rudolf über den Fall berichten? Dann erfährt er doch, wie es zusammenhängt, und braucht sich über mich keinerlei Gedanken zu machen!«

Germain versprach es ihm und ging ins Direktorialzimmer. Zu seiner nicht geringen Verwunderung fand er dort Lachtäubchen, seine Braut, deren Augen in Tränen schwammen, aber es waren Tränen, durch die sich ein heiteres Lächeln stahl ... Auf ihrem Gesicht lag es wie ein Schimmer von Verklärung... »Ich habe Ihnen eine frohe Nachricht mitzuteilen,« redete der Zuchthausdirektor Germain an ... »es liegt der Gerichtsbeschluß vor, Sie außer Verfolgung zu sehen. Mithin liegt mir weiter nichts mehr ob, als Sie sofort wieder in Freiheit zu setzen.«

Lachtaube wollte etwas sagen, konnte es aber nicht. Ihr war das Herz zu voll von Freude. Sie konnte bloß nicken, daß es sich so verhalte, wie der Gefängnisdirektor sagte, und überglücklich die Hände falten.

Fünftes Kapitel.

Ferrands Strafe.

Wir führen den Leser abermals in Jakob Ferrands Kanzlei, und finden ihn dort in Gesellschaft des Pfarrers der Gemeinde und Bradamantis, alias Polidori. Seit Cecilys Flucht war Ferrand fast unkenntlich geworden. Auf sein leichenfahles Gesicht hatte sich dort, wo die Backenknochen vorstanden, eine fieberhafte Röte gelagert. Seine dürren Hände waren heiß und trocken, und die mit Blut unterlaufenen Augen, schlecht verhüllt durch die großen grünen Brillengläser, glänzten im unheimlichen Feuer eines verzehrenden Fiebers. Anders das Gesicht Polidoris. Etwas Bittereres, Höhnischeres. Kälteres als die Züge dieses Bösewichtes hätte sich niemand denken können. Die bleiche, von Runzeln bedeckte Stirn war von einem Wald brennendroter Haare eingerahmt; die transparenten, grünlich schimmernden Augen standen dicht über einer scharfgebogenen Habichtnase, und der Mund mit den dünnen, eingezogenen Lippen verriet Heimtücke und Bosheit.

Beide standen, als sie des Pfarrers ansichtig wurden, auf... »Nun, mein würdiger Freund Ferrand,« fragte der Abbé, »wie stehts um Ihr Befinden?« – »Ich kann von einer Besserung noch immer nichts verspüren,« antwortete Ferrand, »das Fieber will nicht weichen, und die Schlaflosigkeit bringt mich schier um... Aber Gottes Wille geschehe!« – »Herr Abbé,« sagte seinerseits Polidori, »mit meinem lieben Freunde Ferrand wirds, wie es scheint, nun und nimmer anders: er findet Linderung seiner Leiden nur im Wohltun.« – »Verschwenden Sie, bitte, nicht Lobesworte an mich, die ich nicht verdiene,« sagte der Notar trocken, kaum imstande, Zorn und Haß zu verbergen; »über Gute und Böse zu richten, steht nur dem Herrn zu. Ich bin nichts als ein elender Sünder,« – »Wir sind allzumal Sünder,« entgegnete der Abbé, »besitzen aber nicht alle die christliche Liebe, die Sie auszeichnet, mein würdiger Freund! Wieviel oder, richtiger, wie wenige gibts hienieden, die sich gleich Ihnen losreißen von dem irdischen Gut und nur darauf sinnen, als wahre Christen Wohlzutun und mitzuteilen? ... Eine Frage: sind Sie noch immer gewillt, sich Ihres Amtes zu entäußern?« –

»Ich habe meine Kanzlei gestern verkauft, Herr Abbé, und was wohl zu den Seltenheiten gehört, sie ist mir bar auf Heller und Pfennig bezahlt worden ... Was ich dabei gelöst habe, soll zu der Anstalt verwendet werden, über deren Gründung ich schon mit Ihnen gesprochen habe, und deren Plan nunmehr endgiltig feststeht. Ich werde Ihnen denselben vorlegen.« – »O, mein würdiger Freund,« sagte der Geistliche mit Bewunderung, »Leute wie Sie, sind wirklich selten und nicht genug zu preisen.« – Mit einem Lächeln voll Ironie, das aber dem Abbé entging, bemerkte hierzu Polidori: »Menschen, die Reichtum mit Frömmigkeit, Verstand mit Gemeinsinn verbinden, gehören eben, wie Sie sagen, zu den Seltenheiten!« – Ob dieser abermaligen Ironie ballte Ferrand abermals wild die Fäuste. Aber ein Seitenblick Polidoris hielt ihm im Zaume, und dann drängte er allen Grimm in einen Seufzer zusammen, den wohl jeder andere gehört und richtig gedeutet hätte als der fromme Geistliche, der über der frommen Stiftung, die seiner Pfründe winkte, alles andere vergaß. Polidori wandte sich zu ihm mit der Frage, ob er nicht auch wahrgenommen habe, daß sich Ferrands Gemütsstimmung seit dem in seinem Hause durch die Luise Morel verursachten Skandale so stark verschlimmert habe? – Während es den Notar kalt überrieselte, fragte der Abbé: »Ist denn Ihnen die Sünde dieses Mädchens auch schon bekannt? ich dachte, Sie seien erst vor wenigen Tagen nach Paris gekommen?« – »Das wohl! Aber Jakob hat mir, als seinem Arzte und Freunde, alles gebeichtet; er schreibt die Nervenzerrüttung, die ihn befallen, einzig und allein dem Unwillen zu, der ihn über Luisens Sündhaftigkeit erfüllt. Aber noch andere herbe Schläge sollten ihn heimsuchen, und zwar in unmittelbarer Folge! Eine seit langen Jahren in seinem Hause bedienstete Frau ...«

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