Die Geheimnisse von Paris
- Автор: Сю Эжен
- Язык: немецкий
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die Geheimnisse von Paris». Краткое содержание книги:
Der fromme Herr verstand die Anspielung nicht, obgleich er hätte sehen müssen, daß Ferrand zusammenzuckte. Er unterschrieb die Quittung, sprach noch ein paar salbungsvolle Worte und ging.
Kaum aber hatte sich die Tür hinter ihm geschlossen, als Ferrand einen schrecklichen Fluch ausstieß. Die solange verhaltene Wut und Verzweiflung brachen ungestüm hervor. Mit verzerrten Zügen und unstetem Blick rannte er im Zimmer umher wie ein wildes Tier an der Kette. Mit kalter Ruhe beobachtete Polidori sein Opfer. Mit gräßlicher Stimme rief Ferrand endlich: »Den Satan über dich! all mein schönes Geld geht in diesen windigen frommen Stiftungen zum Teufel! Mich Menschenverächter zwingt man zu solchem Blödsinn? Ist denn dein Herr der Teufel in Person?« – Ohne die geringste Aufregung zu zeigen, antwortete Polidori: »Ich habe keinen Herrn, Ferrand, wohl aber, wie du, einen, der über mich richtet!« – »Ha! Daß ich mich dieser Fuchtel beugen muß!« knirschte Ferrand, »wofür habe ich zusammengescharrt mein Leben lang? Wenn mir jetzt viel bleibt, so sind's knapp hunderttausend Franks ... Und dich Elenden hat man mir zum Kerkermeister gesetzt!« – »Das entspricht ganz dem Systeme des Fürsten Rudolf,« antwortete Polidori, »er straft das Verbrechen durch das Verbrechen, den Verbrecher durch seine Kumpane. So wie du habe auch ich das Schafott verdient, und wenn ich gegen die Befehle handle, die ich als dein Kerkermeister bekommen habe, dann fällt eben mein Kopf. Ein unbestechlicherer Hüter hätte dir nicht gesetzt werden können. Fliehen können wir auch nicht, denn wir können keinen Schritt aus dem Hause setzen, ohne den Leuten in die Hände zu stürzen, die Tag und Nacht vor der Tür lauern. Fügst du dich aber, wie auch ich es muß, dann sind wir wenigstens sicher, keinen Kopf kürzer gemacht zu werden. Lassen wir also alles Gelüst zu Widerstand!«
»Ha! Wohin ich mich wende, überall Verderben, überall Schande und Tod! Und was ich am meisten fürchte, von allem in der Welt am meisten, das ist eben der Tod! Fluch über mich, über dich, über die ganze Welt!« – »Dein Haß umfaßt die Welt, und deine Liebe nur Paris, höchstens, wenn deine Bankgründung weite Bahnen zieht, noch Frankreich ... Ich meine, das wäre doch wenigstens ein Trost!« – »Ha! Spotte nur, du Unmensch!« zischte Ferrand. – »Wer ist schuld gewesen, daß wir in diese Lage gerieten!« erwiderte Polidori; »Niemand als du! Warum hast du meinen Brief wie eine Reliquie am Halse getragen? den Brief, der sich auf den Mord bezog, aus dem du hunderttausend Franks gewannest? da es uns so glückte, ihn als Selbstmord auszuspielen?« – »Warum, Elender? Hast du nicht die Hälfte für deine Mittäterschaft bekommen?« zischte Ferrand, »trug ich den Brief nicht bei mir als ein Schutzmittel gegen dich? um dir die Lust zu weiteren Erpressungen zu benehmen? Auf diese Weise wußtest du doch, daß du mich nicht verraten könntest, ohne dich mit mir zu verderben! An diesem Briefe hingen also mein Leben und Vermögen, und aus diesem Grunde habe ich ihn fortwährend als einen Schatz bei mir getragen.« – »Freilich, das war nicht ungeschickt von dir, denn wenn ich dich verriet, konnte ich weiter nichts gewinnen als den Weg mit dir aufs Schafott und doch hat uns deine Ueberklugheit ins Unglück gebracht, während uns mein Verhalten noch immer vor Strafe für dieses Kapitalverbrechen bewahrt hat. War es meine Schuld, daß mein Brief eine zweischneidige Waffe war? Weshalb mußtest du so töricht sein, diesem Satan von – Cecily solch furchtbare Waffe in die Hände zu liefern?« – »Still! Nenne dies Weib nicht mehr!« schrie Ferrand, dessen Gesicht sich vor Wut verzerrte.
»Nun, bloß keine Krämpfe wieder!« sagte Polidori kalt, »soviel steht aber fest, daß unsre Vorsichtsmaßregeln für gewöhnliche Justizverhältnisse ausreichten. Die außergewöhnliche Justiz des Mannes aber, in dessen Hände wir geraten sind, geht andere Wege! Er konnte dir durch den gewöhnlichen Rechtsweg den Kopf abschlagen lassen; was aber wäre die Folge gewesen? Deine einzigen beiden Verwandten sind tot, also hätte der Fiskus dein Vermögen eingezogen zum Nachteile derer, die du in Schaden gesetzt hast ... Dadurch aber, daß er so verfährt, ist Morel mit seiner Familie in Zukunft vor Not geschützt; Frau von Fermont, Herrn von Rennevilles Schwester, bekommt ihre hunderttausend Franks wieder – ob er jetzt als Selbstmörder gilt oder nicht, kann ihm und den Seinigen wenig nützen.. Germain, von dir unrechter Weise zum Diebe gemacht, bekommt seinen ehrlichen Namen wieder und zugleich eine ehrenvolle und gesicherte Lebensstellung ... Durch deinen Tod durch Henkershand hätte die menschliche Gesellschaft nicht das geringste gewonnen: dadurch, daß dir das Leben geschenkt wird, gewinnt sie sehr viel.«
»Eben das versetzt mich ja in solche Wut! Aber – es ist nicht meine einzige Qual.« – »Das weiß Fürst Rudolf, der uns das Leben versprochen hat, wenn wir seine Befehle blindlings vollziehen. Wenn ich auch nicht weiß, was er ferner über uns beschließen wird, so weiß ich doch, daß er sein Versprechen halten wird, aber auch, daß er, sollte er meinen, daß wir unsre Verbrechen noch nicht hinlänglich gebüßt, es dahin bringen wird, daß wir den Tod dem Leben, das er uns läßt, tausendmal vorziehen werden. Du kennst den Fürsten nicht! Hält er sich für berechtigt, keine Gnade walten zu lassen, so ist kein Feuer grausamer.« – »Ich werde tun, was du verlangst, sofern ich nur lebe, denn sterben mag ich nicht. In der Kirche wird gepredigt von denen, die verdammt sind; aber für diese ist noch keine Strafe ersonnen worden, die der von mir empfundenen gleich käme. Mich quält sowohl Liebe als Haß, und statt einer einzigen fühle ich doppelte Wunden. So schrecklich mir der Verlust meines Vermögens ist, so würde der Tod mir doch noch schrecklicher sein. Und doch wird mir das Leben nur eine Qual sein ohne Ende, während ich den Tod um deswillen scheue, weil er mir das Glück, meine Phantasie mit dieser Cecily zu nähren, raubt.«
»Dir winkt wenigstens der eine Trost,« sagte Polidori mit seiner gewöhnlichen Ruhe, »daß du an all das Gute denken darfst, womit du deine Verbrechen gesühnt hast.« – »Ja, spotte nur,« versetzte der Notar grimmig, »du weißt recht gut, wie sehr ich die Menschen hasse, und wie fuchswild ich bin über solchen Unsinn von Buße, der sich ganz hübsch ausnimmt bei alten Huren und Betschwestern! Hol mich der Satan! Andere sollen sich mästen von dem Gelde, das ich in all den Jahren zusammengescharrt habe? Das ist ein Gedanke, an dem ich noch allen Verstand einbüße! Obendrein noch diese pfäffische Salbaderei, während mir das Herz in Blut und Galle schwamm! Ha! umbringen hätte ich ihn können, wenn ich allein mit ihm gewesen wäre! O, es ist zuviel, es ist zuviel! ... Mir verwirrt sich tatsächlich alles in meinem Kopfe, solchen Anwandlungen ohnmächtiger Wut, solchen ewig sich erneuernden Qualen kann ich nicht widerstehen ... und das alles um dieser Cecily halber! Ha, ob diese Kreatur es ahnt, was ich um ihretwillen leide! Weiß du es, Cecily, daß du mein Dämon wärest?«
Erschöpft und fast außer Atem, sank er auf einen Sessel nieder und rang die Hände. Aber Polidori wunderte sich nicht über diese Ausbrüche von Wut und Grimm, denn als Arzt entging es ihm nicht, daß der Grimm über sein Vermögensverlust und seine unbefriedigte Liebesraserei dem Notar ein schleichendes Fieber zugezogen hatte. Ein Klopfen an der Tür unterbrach ihn in seiner Betrachtung darüber ... »Jakob,« flüsterte er, »raffe dich zusammen! Es kommt jemand.« – Aber Ferrand hörte das Klopfen nicht: in krampfhaften Zuckungen wand er sich, halb auf dem Schreibtische liegend. –
Polidori öffnete die Tür. Der Bureauvorsteher verlangte, am ganzen Leibe zitternd, auf der Stelle seinen Prinzipal zu sprechen. – »Ich glaube nicht,« antwortete Polidori, »daß Sie damit Glück haben werden, denn Herr Ferrand befindet sich zurzeit keineswegs wohl.« – »Herr,« rief der andere, »Sie sind sein bester Freund. Kommen Sie auf der Stelle herüber! Wir dürfen keinen Moment versäumen. Denken Sie, die Gräfin Mac Gregor, die wieder aus aller Gefahr zu sein scheint, zitierte mich zu sich und herrschte mir in heftigem Tone zu: »Der Schuft von Ferrand soll sich auf der Stelle zu mir bemühen, wenn ich ihn nicht als Fälscher zur Anzeige bringe. Sagen Sie ihm, das Mädchen, das er für tot ausgegeben, sei nicht tot; ich wüßte, wem er es überantwortet, und wo es zurzeit sich aufhält.«