Die Geheimnisse von Paris
- Автор: Сю Эжен
- Язык: немецкий
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die Geheimnisse von Paris». Краткое содержание книги:
Schuri kam in die Stube, in welcher Germain noch matt und schwach auf der Bank lag. Mit der Weisung an Schuri, hier solange zu warten, bis er zurückkäme, ging der Fron hinaus, um sich im Direktionszimmer zu erkundigen, was mit dem Skelett geschehen solle.
Mit freudestrahlendem Gesicht näherte sich Schuri seinem jungen Freunde ... »Tausend Donner!« rief er, »ist's mir lieb, daß ich noch zurechtkam ... Keine Sekunde später durfte es sein, sonst waren Sie eine Leiche ... Der Kerl hat Sie wirklich sakrisch geschnürt.« Er streckte Germain die Hand entgegen, aber von unwillkürlichem Abscheu ergriffen, wich Germain, statt die Hand zu nehmen, zurück, bedachte aber im andern Augenblicke, was er dem Manne schuldete, und wollte die Kränkung, die er ihm zugefügt, ebenso schnell gut machen. Schuri hatte recht gut bemerkt, was Germain fühlen mochte; jetzt wich er mit verdüstertem Gesicht zurück und antwortete mit Bitterkeit: »Gewiß! Sie haben recht! Ich bitte um Pardon.« – »Das ist an mir,« versetzte Germain; »bin ich nicht Sträfling wie Sie? und haben Sie mir nicht das Leben gerettet? Ihre Hand her! Ihre Hand her!« – »Es ist jetzt wohl überflüssig, einen Händedruck zu wechseln,« sagte Schuri, und ein Zug wehmütigen Schmerzes zuckte durch seine Stimme, »wie man sich im ersten Moment gibt, bleibt doch immer Hauptsache. Gefreut hätte ich mich ja, wenn Sie mir die Hand gedrückt hätten; jetzt aber mag nun ich nicht ... nicht weil ich Sträfling bin wie Sie,« setzte er hinzu, »sondern weil ich wieder hier bin wegen ... ,« – »O, der Fron hat mir alles gesagt,« fiel Germain ihm ins Wort, »aus der Welt läßt sich aber trotz alledem nicht schaffen, daß Sie mein Lebensretter sind.« – »Was habe ich anders getan als meine Menschenpflicht?« versetzte Schuri, »weiß ich etwa nicht, wen ich in Ihnen vor mir habe, Herr Germain?« Germain sah Schuri verwundert an... »Sie hätten mich gekannt?« fragte er. – »Freilich, und wollten. Sie meine Gegenwart auf bloßen Zufall zurückführen, so befänden Sie sich im Irrtum,« erwiderte Schuri, »denn hätte ich Sie nicht gekannt, so säße ich jetzt nicht wieder im Zuchthause.«
»Ich verstehe den Sinn Ihrer Worte nicht,« sagte Germain; »inwiefern soll ich die Schuld an Ihrem Hiersein tragen?« – Schuri nahm seine Mütze ab, um dem Schwure, den er jetzt tat, höhere Bedeutung zu geben, und rief: »So wahr ich gesund sein will, ich habe den Einbruch bloß verübt –«
»Weil Sie Not und Hunger dazu trieben?« fragte Germain. – »Nein, ich hatte weder Hunger, noch war ich in Not, denn ich hatte 120 Franks bares Geld bei mir,« antwortete Schuri, »aber, bei meinem Schutzpatron!« – und wen er darunter meinte, wird dem Leser nicht fremd sein – »ich habs nur um seinetwillen getan, das heißt: Sie habens bloß ihm zu danken, daß ichs getan! – Hab ich doch auch bloß von ihm die Püffe gelernt, die Skeletts Schädel auf Wochen zum Bienenkorbe machen werden ... Wenn ich von meinem Schutzpatron gesprochen habe, so dürfen Sie mir schon glauben, daß die Sache infam ernst ist – denn sonst nehme ich seinen Namen nicht in den Mund, weil er mir zu heilig ist ...« –»Was habe ich aber mit Ihrem Schutzpatron zu tun?« fragte Germain. – »O, tun Sie doch nicht so, als wüßten Sie das nicht! – Tun Sie doch nicht so, als ob Sie nicht wüßten, daß er auch Ihr Schutzpatron ist!« – »Mein Schutzpatron?« – »Allerdings, denn er beschützt auch Sie, und wenn Sie es wirklich nicht wissen sollten, nun, dann lassen Sie sich sagen, daß er zum wenigsten ein Prinz sein muß, wenn ich ihn auch immer nur Herr Rudolf nenne ...«
»Und doch sind Sie im Irrtum, lieber Mann,« sagte Germain, »denn ich kenne keinen Prinzen.« – »Na, aber er kennt Sie, das steht fest – wenn Sie auch nichts davon merken. Es ist nun einmal seine Art so! Sobald er hört, daß jemand in Not ist, dann hilft er auch, und niemals weiß der, dem er geholfen hat, von wem die Hilfe ihm kommt... Wie ein Ziegel vom Dache, so fällt einem die Wohltat dieses Herrn Rudolf auf den Schädel, und Sie werdens schon bald merken, daß Ihnen was auf den Kopf fällt!« – »Ich verstehe nicht, was Sie mir da sagen!« – »Lassen Sie es nur gut sein, Sie werden noch ganz andere Dinge verstehen lernen! Um Ihnen nur einiges von meinem Schutzpatrone zu sagen, was er mir angetan hat: Vor ein paar Wochen besorgt er mir eine famose Stellung, drüben in Algier, in der ich mein feines Auskommen gehabt hätte – ich fahre puppenlustig weg, beim schönsten Sonnenschein – in Marseille aber, als ich ankomme, ist der Himmel pechschwarz, nachdem es schon die Tage vorher sich immer mehr getrübt hatte – verstehen Sie mich? Na, wenn nicht, so sagen Sie, ob Sie schon mal einen Hund besessen haben?« – »Sind das alles Dinge, die Sie mir da mitteilen!« –
»Also einen Hund haben Sie noch nie besessen?« – »Nein.« – »Schade! So kann ich Ihnen eben nur sagen, daß ich, als ich von Herrn Rudolf so weit weg war, ängstlich und unruhig wurde wie ein Hund, der seinen Herrn eingebüßt hat. Das mag dumm von mir gewesen sein, aber es war nun einmal so, Hunde sind nun mal nicht gescheit – wenn sie auch ihren Herren zugetan sind und sich auf gute Bissen genau so gut besinnen wie auf Prügel. Nun hat mir Herr Rudolf wohl Prügel, aber weit mehr noch gute Bissen gegeben und mich aus einem rohen, wilden Subjekte zu einem ehrlichen Kerl gemacht, und bloß durch ein paar Worte, die aber gewirkt haben wie Zauberei...«
»Und was für Worte waren das?« fragte Germain. – »Ich hätte trotz allem Herz und Ehre im Leibe, wenn ich auch schon im Bagno gesessen hätte! Und hinein gekommen war ich nicht, weil ich etwa bloß gestohlen, nein! weil ich einen Mord begangen hatte... freilich bloß in einem Anfall von Jähzorn... ich war eben aufgewachsen wie ein Vieh und wußte von Gott und Teufel nichts! Wenn mir das Blut zu Sinnen schoß, dann wurde es mir blutrot vor den Augen, und hatte ich ein Messer in der Faust, dann stach ich drauflos ohne Besinnen, wohin es traf. Umgang konnte ich bloß mit Lumpen und Banditen haben, und in solcher Gesellschaft lernt man eben nichts von Gottesfurcht und frommen Sitten. Aber trotzdem ich überall verachtet wurde und arm wie eine Kirchenmaus war, arbeitete ich doch lieber, statt zu stehlen, und als mir Herr Rudolf sagte, das sei ihm ein Beweis dafür, daß ich noch Herz und Ehre im Leibe hätte – tausend Donner! Da ist's mir gewesen, als ob mich was an den Haaren packte und mich über all das Ungeziefer, zwischen dem ich bis dahin herumgekrochen, tausend Fuß emporhöbe... Kurz und gut, Herr Germain, Herr Rudolf hat mich zu einem andern Menschen gemacht, als er mir liebevoll sagte, ich sei nicht so schlecht, wie ich zu sein glaubte – und ihm allein habe ich es zu danken, wenn ich mich nicht mehr vor mir selbst entsetze...«
Und als Germain diese Worte hörte, da ward es ihm immer unklarer, wie dieser Mann sich zu dem erschwerten Diebstahl hatte verleiten lassen, dessen er sich selbst anklagte.
Viertes Kapitel.
Germains Freilassung
Ohne Germains Verwunderung zu beachten, fuhr Schuri fort: »Wie gesagt also, als ich weg von Herrn Rudolf war, kam ich mir vor wie ein Wesen ohne Leib und ohne Seele; und je weiter ich mich von ihm entfernte, desto öfter sagte ich mir: der Herr Rudolf führt ein seltsames Leben und befaßt sich mit so schlechten Subjekten, daß er seine Haut wohl zwanzigmal am Tage zu Markte trägt. Da könnt ich doch wohl seinen Hund abgeben, denn scharfe Zähne hätte ich doch ... und da, tausend Donner! verging mir der Mut, als ich auf ein Schiff gehen und zwischen ihn und mich das Meer bringen sollte! Seinem Agenten in Marseille hatte er geschrieben, er solle mir einen tüchtigen Batzen Geld geben. Aber ich habs nicht genommen, sondern hab dem Herrn bloß gesagt, er solle mir soviel geben, damit ich zu Fuß wieder nach Paris zurück könnte, soweit weg von meinem gütigen Herrn hielte ich es nicht aus! ... Und so bin ich denn wieder hergewandert; als ich aber wieder hier war, wurde es mir angst, denn was sollte ich Herrn Rudolf sagen? Wie sollte ich es rechtfertigen, daß ich wider seinen Willen gehandelt hätte? Na, dachte ich, fressen kann er mich schließlich auch nicht! Ich ging also zu seinem Freunde, dem Herrn Murph, gefaßt auf eine tüchtige Strafpredigt, aber damit wars nichts, der Herr empfing mich, als sei ich erst tags vorher bei ihm gewesen, und führte mich gleich zu ihm! Tausend Donner, als ich dem Manne gegenüber stand, der eine so tüchtige Faust und ein so edles Herz hat, der grimmig ist wie ein Leu und weich wie ein Kind, der ein Prinz ist und doch eine Bluse angehabt hat wie ich – und der mir – ich danke meinem Herrgott noch heute dafür – den Schädel verprügelt hat, daß ich tagelang nicht aus den Augen sehen konnte – sehen Sie, Herr Germain, da war ich wie umgewandelt und weinte wie ein Kind! »Verzeihen Sie es mir, Herr Rudolf,« sagte ich, »aber ich habs nicht aushalten können!« – Und er sagte drauf: »Du bist gerade zur rechten Zeit gekommen, mir einen Dienst zu erweisen.. drum heiße ich dich aufrichtig willkommen – ein ehrlicher Mensch, an dem ich innigen Anteil nehme, ist zu Unrecht des Diebstahls angeklagt und sitzt in La Force ... er heißt Germain und ist schüchtern; ich fürchte, die bösen Menschen, mit denen er jetzt zusammen sein muß, möchten ihm ein Leid antun, , . du weißt ja, wie es im Gefängnisse zugeht.. Vielleicht könntest du dich überzeugen, ob du dort alte Kameraden fändest, und sie durch Geld und gute Worte bestimmen, dem armen jungen Menschen im Falle der Not beizustehen?«