Die Geheimnisse von Paris
- Автор: Сю Эжен
- Язык: немецкий
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die Geheimnisse von Paris». Краткое содержание книги:
Ferrand stand einen Moment wie versteinert da. Er hatte gemeint, am Ziele seiner Wünsche zu sein, und nun stellte sich abermals ein Hindernis ihm entgegen. Und wieder rief Cecily: »Wer garantiert mir, daß du all diese Heldentaten ersonnen und gar nicht begangen hast!« – Da griff Ferrand, in die Rocktasche und riß die stählerne Kette mit einem Ruck entzwei, an der ein kleines Notizbuch hing. Das nahm er und zeigte es der Kreolin ... Fast außer Atem rief er: »Da, nimm und lies! In dem Buche findest du Material genug, was mich um Kopf und Kragen bringen kann. Aber nun schieb den Riegel zurück!« – »Gib das Buch erst her!« sagte Cecily. – »Nein, erst den Riegel weg!« rief Ferrand. – Da schob Cecily den Riegel zurück und zog im selben Augenblick dem Notar das Buch aus den Fingern; als er nun aber die Tür öffnen wollte, gab sie seinem Druck nur soweit nach, als es die Sicherheitskette erlaubte ... Da warf er sich wie ein wütendes Tier gegen die Tür; aber Cecily faßte blitzschnell das Notizbuch zwischen die Zähne, riß das Fenster auf und schwang sich gewandt und kühn zum Fenster hinaus. Sie erreichte glücklich den Hof, rannte zur Pförtnerstube, riß die Schnur, die die Haustür öffnete, und sprang in einen Wagen, der, seit Cecily bei dem Notar in Dienst war, auf Befehl des Barons von Graun zwanzig Schritte vom Hause des Notars hielt. Im Nu sauste der Wagen davon und hatte schon die Boulevards erreicht, als Ferrand sich von Cecilys Flucht erst vergewissern konnte ... Mit übermenschlicher Kraft gelang es ihm, die Kette zu sprengen. Als er aber in das Zimmer hineinstürzte, fand er es leer, und den Vogel ausgeflogen ... Das offne Fenster zeigte ihm den Weg, den die Kreolin genommen hatte. Gleich dem Ertrinkenden, klammerte er sich an die letzte Hoffnung, sie zu erreichen, nach der all seine Sinne standen. Gleich ihr schwang er sich zum Fenster hinaus auf den Hof hinunter und rannte zum Hause hinaus. Aber die Straße war öde und einsam. Niemand ließ sich sehen, niemand hören. Nur aus der Ferne Wagengerassel ... es rührte her von dem Gefährt, das Cecily zu den Boulevards hintrug.
Die Abspannung trat nun ein, die Kräfte verließen ihn, und wie ein Klotz sank er neben dem Prellsteine vor der Tür seines Hauses nieder.
Neunter Teil.
Erstes Kapitel.
Im Zuchthause.
Im Sprechzimmer des unter dem Namen La Force bekannten Pariser Zuchthauses waren heute allerhand Gefangene versammelt: solche in armseliger Kleidung, die der arbeitenden Klasse, andere in besserer Kleidung, die dem Bürgerstande anzugehören schienen. Den gleichen Unterschied gewahrte man unter den Personen, die die Gefangenen besuchten und die vorwiegend aus Frauen sich zusammensetzten. Am weitesten von dem Platze, wo der die Aufsicht führende Fron saß, hockte auf einer der Bänke, in finsterem Brüten, aber voll rohen Selbstvertrauens, Niklas Martial. Unter den schweren Verbrechern, die in Untersuchungshaft saßen, hatte er die freundlichste Aufnahme gefunden: manche von der rückfälligen Garde hatten seinen Vater, der unter dem Fallbeil verblutet war, gekannt, andere seinen zu den Galeeren verurteilten Bruder. Micou, der Hehler, in dessen Hause Frau von Fermont mit ihrer Tochter, die unglücklichen Opfer Ferrands Habsucht, Unterkunft gesucht hatten, stattete ihm heute Besuch ab, wußte er doch recht gut, daß ihn Niklas, wenn er zornig wurde, anzeigen und in Teufels Küche bringen konnte. Darum hatte er sich nicht nötigen lassen, seiner Aufforderung zu einem Besuche auf der Stelle nachzukommen ... »Na, wie gehts denn, Vater Micou?« fragte der Räuber. – »Na, wie mans nimmt,« antwortete der Hehler, »die Geschäfte werden immer schlechter, es herrscht gar kein Vertrauen mehr unter den Menschen.« – »So? Na, mir kanns schnuppe sein, wie es um Vertrauen oder Mißtrauen steht. Ich bin ja bald versorgt. Aber den Tabak habt Ihr doch über Eurer Jeremiade nicht vergessen?« – »O bewahre, zwei Pfund vom besten habe ich eben in der Kanzlei deponiert.« – »Und Wurst und Schinken?« – »Für Viktualien ist auch gesorgt, sogar Eier und Käse habe ich Euch mitgebracht.« – »Na, das läßt man sich gefallen! Ihr habt doch auch an den Wein gedacht?« – »Sechs versiegelte Flaschen Hab ich vorn mit abgegeben, dazu ein Vierpfundbrot bester Sorte« ... »Sagt mal, spielt denn der dicke Lahme Ihren Mietsleuten noch immer Streiche?« – »Nein, den bin ich endlich los! Dieser Tage wird er wohl hier einziehen.« – »Warum hat man ihn eingesteckt?« – »Er hat mit einem, der gerade aus der Haft entlassen worden und die besten Absichten hatte, sich zu bessern, zusammen gemaust. Der Dicke ließ ihm eben keine Ruhe ... Ich bin auch fest überzeugt, daß niemand als er den beiden Damen das Geld aus ihrem Koffer gemaust hat ... Man kann es den armen Dingern ja nicht verdenken, daß sie darüber schier aus dem Häuschen gerieten, waren es doch die letzten Goldfüchse, über die sie geboten, aber sich an mich deshalb halten zu wollen, dazu lag doch kein Recht vor, und so etwas mußte ich mir energisch verbitten.« – »Was für Frauen waren denn das?« – ,,Ach, die oben im vierten Stock gewohnt haben. Ich fürchte, sie werden wohl jetzt keine Wohnung mehr brauchen, denn die Mutter dürfte Wohl schon ms Gras gebissen haben, und die Tochter schärft sich gewiß die Zähne dazu ... Aber zu ihrem Begräbnisse gebe ich keinen roten Sechser, zumal ich sicher um eine halbe Monatsmiete kommen werde ... Das ist eines der schlimmsten Jahre, die ich durchgemacht habe.« – »Ach, Micou, wann klaget und jammert Ihr nicht? Und dabei seid Ihr doch steinreich wie ein Krösus! Aber – ich werde wieder abgeholt – unsere Sprechstunde ist hier recht knapp bemessen!«
Der Hehler zuckte die Achseln und ging. Der Fron führte Niklas wieder in seine Zelle. Hinter Micou meldete sich Lachtaube. Der Fron, ein freundlicher Mann in den Vierzigern, der Lachtaube in sein Herz geschlossen hatte, führte sogleich Germain herein, der, als er das frische, reizende Gesicht der Freundin durch das Gitter schimmern sah, lebhaft errötete. Der Fron setzte sich rücksichtsvoll in die äußerste Ecke, so daß sie zusammen ungeniert plaudern konnten ... »Nun muß ich mich doch erst überzeugen, Herr Germain,« sagte Lachtaube, ihr hübsches Gesicht nahe an das Gitter haltend, »ob sich mit Ihrem Gesicht zufrieden sein läßt. Nur nicht so traurig, sage ich Ihnen, sonst werde ich böse.« – »Ist das lieb und nett von Ihnen zu kommen!« – »Ach, reden Sie nicht! Ich habe doch die gleiche Freude, Sie zu sehen! Aber was ich Ihnen heute bringe, erraten Sie gewiß nicht.« – »Was kann es anderes sein als Gutes, da es von Ihnen kommt?« erwiderte er; »wie soll ich Ihnen alles danken!« – »Da, ein Halstuch aus weißer Wolle, das ich Ihnen gestrickt habe. Ich kann mir denken, wie kalt es hier sein mag in den großen Höfen, und ein klein wenig wärmer hält es Sie doch?« – »Ach! Sie gönnen sich gewiß gar keinen Schlaf, strengen sich um meinetwillen über die Kräfte an ... Wie soll ich Ihnen das alles bloß danken!« sagte er wieder und wischte sich eine Träne aus den Augen ... »Was habe ich Ihnen eben gesagt?« rief Lachtaube; »wenn Sie durchaus nicht hören wollen, dann gehe ich auf der Stelle wieder heim, hören Sie? Ich kann mir wohl denken, daß die anderen Gefangenen sich lustig über Sie machen ... Und wenn Sie durchaus nicht auf den freundlichen Fron hören und Ihr Benehmen ändern wollen, dann wirds doch noch einmal kommen, wie er gesagt hat, man wird Ihnen was zu leide tun!« – »Ich kann mir nicht helfen, liebe Freundin, mit solchen Menschen Gemeinschaft zu haben, ist mir nicht möglich.« – »Ich glaube es Ihnen ja,« sagte Lachtaube, »habe ich doch gelesen, was Sie mir jüngst aufgezeichnet haben, aber was bleibt denn anders übrig als mit den Wölfen zu heulen? Fassen Sie doch Mut! Es werden schon wieder andere Zeiten kommen ... Ich habe auch anderes noch in Ihren Aufzeichnungen gelesen,« setzte das kluge Mädchen hinzu, »und zwar Dinge, über die ich eigentlich recht böse mit Ihnen sein sollte!«