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Die Saat des goldenen Löwen. Das Lied von Eis und Feuer 04

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Die Saat des goldenen Löwen. Das Lied von Eis und Feuer 04 von George RR Martin.
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»Jaime hat mir einmal erzählt, dass er sich nur in der Schlacht und im Bett wirklich lebendig fühlt.« Sie hob den Becher und trank einen großen Schluck. Ihren Salat hatte sie nicht angerührt. »Lieber würde ich mich jeder Anzahl Schwerter stellen, als hilflos hier herumzusitzen und vorgeben zu müssen, ich würde die Gesellschaft dieser verängstigten Hühner genießen.«

»Ihr habt sie selbst hergebeten, Euer Gnaden.«

»Gewisse Dinge werden von einer Königin erwartet. Und man wird sie auch von dir erwarten, solltest du jemals Joffrey heiraten. Lerne es lieber.« Die Königin musterte die Ehefrauen, Töchter, Mütter und Schwestern, die die Bänke füllten. »Die Hennen selbst sind wertlos, aber ihre Hähne sind aus dem einen oder anderen Grund wichtig, und einige von ihnen werden diese Schlacht wohl überleben. Daher ist es notwendig, dass ich ihren Frauen Schutz gewähre. Falls mein verkrüppelter Zwerg von einem Bruder es irgendwie schafft, zu gewinnen, werden sie zu ihren Gatten und Vätern zurückkehren und berichten, wie mutig ich war und wie sehr meine Tapferkeit sich auf sie übertragen und ihren Mut gestärkt hat und dass ich keinen Moment lang an unserem Sieg gezweifelt habe.«

»Und wenn die Burg fällt?«

»Das würde dir so passen, nicht?« Cersei wartete ihre Verneinung gar nicht erst ab. »Solange mich meine eigenen Wachen nicht verraten, kann ich mich hier noch eine Weile halten. Dann kann ich auf die Mauer steigen und Lord Stannis das Angebot machen, mich nur ihm persönlich zu ergeben. Das wird uns das Schlimmste ersparen. Aber falls Maegors Feste fällt, ehe Stannis hier ist, nun, dann werden die meisten meiner Gäste wohl die eine oder andere Vergewaltigung ertragen müssen. Und Verstümmelungen, Folter und Mord sind in solchen Zeiten ebenfalls nicht ungewöhnlich.«

Sansa war entsetzt. »Dies sind unbewaffnete und hochgeborene Frauen.«

»Ihre hohe Geburt schützt sie«, gab Cersei zu, »allerdings nicht so sehr, wie du glauben möchtest. Jede von ihnen ist ein gutes Lösegeld wert, aber nach der Hitze der Schlacht ist Soldaten oft das Fleisch wichtiger als die Münze. Trotzdem, ein goldener Schild ist besser als gar keiner. Draußen auf den Straßen werden die Frauen weniger behutsam behandelt werden. Und auch unsere Dienerinnen nicht. Hübsche Dinger wie das Mädchen von Lady Tanda könnten eine wilde Nacht erleben, aber glaub nur nicht, sie würden die Alten und Gebrechlichen und Hässlichen verschonen. Wenn Soldaten erst genug getrunken haben, werden blinde Waschweiber und stinkende Schweinehirtinnen so liebreizend wie du, meine Süße.«

»Ich?«

»Versuch wenigstens, nicht zu klingen wie eine Maus, Sansa. Du bist jetzt eine Frau, schon vergessen? Und mit meinem Erstgeborenen verlobt.« Die Königin nippte an ihrem Wein. »Wäre es jemand anders dort draußen vor den Toren, so würde ich hoffen, ihn zu verführen. Aber es ist Stannis Baratheon. Ich hätte mehr Chancen, die Begierde seines Pferds zu erregen.« Sie bemerkte Sansas Blick und lachte. »Ach, habe ich Euch schockiert, Mylady?« Sie beugte sich zu ihr vor. »Du kleine Närrin. Tränen sind nicht die einzige Waffe einer Frau. Du hast noch eine zwischen deinen Beinen, und du solltest besser lernen, sie zu benutzen. Männer benutzen ihre Schwerter schließlich auch gern und häufig. Beide Arten von Schwertern.«

Sansa wurde eine Antwort erspart, da die beiden Schwarzkessels erneut in die Halle traten. Ser Osmund und seine Brüder waren in der Burg überaus beliebt; stets lächelten und scherzten sie und gingen mit Burschen und Jägern so höflich um wie mit Rittern und Knappen. Mit den Dienstmädchen standen sie sich am besten, hieß es. Kürzlich hatte Ser Osmund Sandor Cleganes Platz an Joffreys Seite eingenommen, und Sansa hatte von den Frauen am Waschbrunnen gehört, er sei ebenso stark wie der Bluthund, nur jünger und schneller. Falls das stimmte, fragte sie sich nur, warum sie vor Ser Osmunds Ernennung zu einem Ritter der Königsgarde niemals etwas von diesen Schwarzkessels gehört hatte.

Osney kniete lächelnd neben der Königin nieder. »Die Wracks sind explodiert, Euer Gnaden. Der ganze Schwarzwasser steht vom Seefeuer in Flammen. Hundert Schiffe brennen, vielleicht sogar mehr.«

»Und mein Sohn?«

»Ist mit der Hand und der Königsgarde am Schlammtor, Euer Gnaden. Er hat zu den Bogenschützen gesprochen und ihnen gezeigt, wie sie mit ihrer Armbrust umgehen sollen. Alle sind der Meinung, er sei ein sehr tapferer Junge.«

»Er sollte vor allem ein sehr lebendiger Junge bleiben.« Cersei wandte sich an seinen Bruder Osfryd, der größer und ernster war und einen dicken schwarzen Schnurrbart hatte. »Ja?«

Osfryd hatte einen stählernen Halbhelm über das lange schwarze Haar gestülpt und trug einen grimmigen Ausdruck im Gesicht. »Euer Gnaden«, sagte er leise. »Die Jungs haben einen Burschen und zwei Mägde erwischt, die sich mit drei Pferden des Königs durch ein Seitentor hinausschleichen wollten.«

»Die ersten Verräter der heutigen Nacht«, erwiderte die Königin, »und bestimmt nicht die Letzten, fürchte ich. Ser Ilyn soll sich ihrer annehmen, und spießt ihre Köpfe draußen vor dem Stall auf Piken, zur Warnung für die anderen.« Während die beiden hinausgingen, wandte sie sich an Sansa. »Noch eine Lektion, die du lernen solltest, wenn du den Platz neben meinem Sohn einnehmen willst. Sei gnädig in einer Nacht wie dieser, und die Verräter sprießen aus dem Boden wie Pilze nach einem heftigen Regenschauer. Wenn die Leute dir die Treue halten sollen, müssen sie vor dir mehr Angst haben als vor deinem Feind.«

»Ich werde es nicht vergessen, Euer Gnaden«, antwortete Sansa, obwohl sie doch immer gehört hatte, Liebe sei der sicherste Weg, sich der Treue seiner Untergebenen zu versichern. Wenn ich jemals Königin werde, werde ich sie dazu bringen, mich zu lieben.

Auf den Salat folgten Krebszangen. Danach kam gebratener Hammel mit Lauch und Karotten, die in ausgehöhltem Brot serviert wurden. Lollys aß zu schnell, ihr wurde übel und sie übergab sich über ihr Kleid und über das ihrer Schwester. Lord Gil hustete, trank, hustete, trank und verlor schließlich das Bewusstsein. Die Königin sah ihn angeekelt an, wie er da mit dem Kopf in seinem Teller und seiner Hand in einer Weinlache lag. »Die Götter müssen verrückt gewesen sein, Männlichkeit an einen Kerl wie ihn zu verschwenden, und ich muss verrückt gewesen sein, seine Freilassung zu verlangen.«

Osfryd Schwarzkessel kehrte zurück, und sein scharlachroter Mantel wehte hinter ihm her. »Auf dem Platz versammeln sich Menschen, Euer Gnaden, und suchen Zuflucht in der Burg. Kein Pöbel, sondern reiche Händler und ähnliche Leute.«

»Befehlt ihnen, sie sollen in ihre Häuser zurückkehren«, sagte die Königin. »Wenn sie nicht gehen, weist die Armbrustschützen an, ein paar von ihnen zu töten. Keine Ausfälle; auf gar keinen Fall werden die Tore geöffnet.«

»Wie Ihr befehlt.« Er verneigte sich und ging davon.

Das Gesicht der Königin war hart und verärgert. »Ich wünschte, ich könnte selbst ein Schwert nehmen und ihnen den Kopf abschlagen.« Sie lallte ein wenig. »Als Jaime und ich klein waren, ähnelten wir einander so sehr, dass sogar unser Hoher Vater uns nicht auseinanderhalten konnte. Manchmal haben wir zum Scherz die Kleider des anderen angezogen und einen ganzen Tag als der andere verbracht. Doch als Jaime sein erstes Schwert bekam, erhielt ich keines. ›Und was bekomme ich?‹, habe ich gefragt, daran kann ich mich noch erinnern. Wir waren uns so ähnlich, dass ich nie verstanden habe, weshalb sie uns so unterschiedlich behandelten. Jaime lernte mit Schwert und Lanze und Morgenstern zu kämpfen, während man mir beibrachte zu lächeln und zu singen und zu gefallen. Er war der Erbe von Casterlystein, und ich sollte an irgendeinen Fremden verkauft werden wie ein Pferd, damit ich geritten oder auch geschlagen werden konnte, wie immer es meinem neuen Besitzer gefiele, um dann irgendwann zugunsten einer jüngeren Stute beiseitegestoßen zu werden. Jaimes Los bestand darin, großen Ruhm und große Macht zu erringen, während ich gebären und Mondblut vergießen sollte.«

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